Die kirchliche Einheitssuppe

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Lasst uns bitte mehr über die Ästhetik der Kirche sprechen! Nicht bloß über Schönheit und Schauderhaftigkeit unterschiedlicher liturgischer Ansätze. Oder über die Frage, ob die Priester nun in Soutane oder doch in Zivil auf die Straße gehen sollten. Nein, über die Ästhetik der gesamten kirchlichen Kommunikation. Weil ja alles, was von mir äußerlich wahrnehmbar ist, Teil meiner Kommunikation ist.

Den Antrieb für diesen Text verdanke ich Erik Flügge; dem ich auch den Titel des Postings aus dem Mund genommen habe. Flügge ist – kurz gesagt – einer, der sich mit dem Thema auskennt. Mein Kollege Felix Neumann hat Flügge beim Katholikentag in Leipzig zu seinem neuen Buch interviewt.

Ein Einwurf zur Ironie dieser Aussage: Auf dem Katholikentag über kirchliche Ästhetik sprechen. Flügge kritisiert unter anderem hässliche Pullover und sinnentleerte Aussagen. Davon gebe es nirgends so viel, wie im Kirchenvolk, das in den 1970er Jahren sozialisiert wurde. Doch genau deren NGL-Seidentuch-Ästhetik prägt die Katholikentage bis heute; auch wenn etwa das Corporate Design des 2016er Katholikentags das nicht unbedingt vermuten lässt.

Gekonnt abpastoralisiert

Zur Einheitssuppe: Flügge wundert sich, dass es so viele Theologen gibt, die alle das Gleiche im gleichen Duktus von sich geben würden. Ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich nicht ganz unschuldig bin. Wir bekommen bei katholisch.de häufig Anfragen von Menschen, die irgendeinen Punkt des Glaubens oder der Kirche erklärt haben möchten. Wir versuchen, die Fragen so gut es geht selbst zu beantworten, um die Leute nicht endlos weiterreichen zu müssen. Und wenn dann einer, wie kürzlich geschehen, fragt, warum es denn das Fegefeuer gäbe, wo Christus doch alle Schuld von uns genommen habe, bekommt er von mir eine wohlklingende Antwort. Ich habe den Mann auf zwanzig Zeilen im kirchlichen Einheitssprech abpastoralisiert. Keine Ahnung, ob es ihm geholfen hat und ob er es überhaupt verstanden hat. Aber es war einfach und er hat sich bedankt.

So agieren wir in der Kirche viel zu oft. Wir machen uns viel zu wenig Gedanken darüber, ob das, was wir tun, überhaupt hilfreich ist. Wir wenden das, was wir gelernt haben, gnadenlos an, ohne Rücksicht auf Verluste. Und diese Wortwahl ist durchaus richtig: Wenn ich von einem Politiker auf eine Frage nur Floskeln zu Antwort bekomme, ärgere ich mich, beim zweiten Mal rege ich mich auf und beim dritten Mal frage ich schon gar nicht mehr. Warum sollte das in der Kirche anders sein? Ich bin überzeugt: Wir verlieren Menschen durch die Ästhetik unserer Kommunikation.

Einfach mal sagen, was Sache ist

Die Inhalte sind nämlich nicht das Problem; sieht auch Flügge so. Unsere Botschaft ist immerhin die beste der Welt. Was wir zu sagen haben, ist in jeder Situation wichtig und hilfreich. Aber wir verstecken das sehr gekonnt. Flügge führt das Beispiel eines Wort-zum-Sonntag-Sprechers an, der über Krieg und Frieden sprach. Der rief dann auf, für den Frieden zu beten und alle müssten doch jetzt mal Schritte zur Versöhnung gehen. Aber er habe sich nicht getraut, einfach mal zu sagen: Krieg ist scheiße und unsere Gebete werden das Abschlachten von Menschen nicht beenden, helfen aber trotzdem.

Wir haben es in der Kirche perfektioniert, unsere Anliegen hinter Belanglosigkeit zu verstecken. (Disclaimer: Natürlich nicht immer und überall, aber doch viel zu oft.) An diesem Punkt erinnere ich mich an den Talk von Gunter Dueck auf der diesjährigen re:publica. Wer ihn nicht gehört hat, sollte das tun. Zur These nur so viel: Niedrige Selbstwirksamkeitserwartung gepaart mit mangelndem Innovationswillen führt zu Bullshit. Und dieser wird dann als Ergebnis glorifiziert.

Das lässt sich in der kirchlichen Ästhetik überall finden. Flügge nennt das Beispiel „Neues Geistliches Lied“, kurz NGL: Irgendwann einmal, als meine Eltern noch jung waren, hatte das möglicherweise eine Zielgruppe. Aber biblische vier Jahrzehnte später ist es schlichtweg eine Zumutung. Dass wir es immer noch ertragen müssen, erkläre ich mir so: Wir glauben in der Kirche gar nicht daran, dass wir der modernen Musik etwas beizusteuern haben und zugleich halten wir sowieso lieber am Altbekannten fest. Und so wird der Stuhlkreis-Klampfen-Gottesdienst zum hippen Event erklärt.

Ich bin mir nicht sicher, wie wir das Ruder herum reißen können oder wann das geschehen wird. Klar ist nur, dass es passieren muss. Und ich bin am Ende doch frohen Mutes: Weil es Leute wie Flügge gibt und weil es vor allem sehr, sehr viele gibt, die ihm Beifall spenden. Weil er ihnen aus der Seele spricht. Und überhaupt: Es ist ja nicht alles schlecht. Nicht mal auf dem Katholikentag. Siehe Erik Flügge.

Ein Prolog

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Der süßlich-penetrante Duft handwarmer alkoholischer Getränke hängt wie ein Fadenvorhang am Eingang zum Großraumwagen. Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr, Regionalexpress nach Köln. Der unangenehme Sinneseindruck ist kein Überbleibsel der vergangenen Nacht sondern stiller Begleiter einer vergnügten Reisegruppe. Eine Hand voll Frauen jenseits der 40 ist unterwegs zum Regionalbahnwochenendausflug. Bei der zweiten Flasche Mumm wird es schon sehr früh am Tag existenziell: „Irgendwas muss da ja noch kommen. Das kann ja nicht alles gewesen sein.“ Die Gruppenreisende spricht nicht über den nächsten Haltepunkt der Bahn, sondern tatsächlich über die „letzten Dinge“. Bei Sekt aus dem Pappbecher.

Ihre Gefährtin scheint den Jenseitsoptimismus nicht teilen zu wollen. „Ach, für wen denn!“ – „Na für mich!“ – Das Gespräch der Gruppe drängt gut hörbar durch den ansonsten stillen Wagen. Die Gläubige entfaltet einen sonderbaren Synkretismus, der unverortbar zwischen rheinischem Katholizismus und buddhistischer Esoterik hängt. Ein Geistwesen sei der Mensch, er habe eine Seele. Und irgendwann warte da im Universum noch eine weiter Sphäre. „Es wäre doch unverschämt, wenn das nicht alles irgendwann irgendwo hin führt“, befindet sie. Die Möglichkeit der Wiedergeburt als Regenwurm will sie allerdings nicht ausschließen.

Das hoffnungsvoll begonnene Sektgespräch der Freundinnen steuert bald wieder auf die diesseitige Banalität der äußeren Umständen zu. Nach wenigen Minuten ist das Ringen um die Transzendenz erschöpft. Der sonntagmorgendliche Existenzialismus weicht der Suche nach Essbarem in den Ausflugsrucksäcken. „Ich hab noch ein Tomätchen!“

Und so geht die Geschichte weiter …

Wir haben ein Gebot: Nächstenliebe

IMG_5125b (Andere)Dieser Tage macht eine Predigt über Flüchtlinge und deren Gegner die Runde auf Facebook. Der Pfarrer, der sie gehalten hatte, findet darin sehr deutliche Worte für den „braunen Mob“, der immer wieder bedürftigen Menschen in unserem Land sein hässliches Gesicht zeigt. Die Homilie kulminiert in der Bitte an die Feinde der Solidarität mit den Vertriebenen, aus der Kirche auszutreten.

Zugegeben, diesen Kernsatz der Predigt finde ich abwegig. Wir dürfen uns als Kirche niemals wünschen, dass Menschen unserer Gemeinschaft den Rücken kehren. Wir müssen sie anhalten, ihr Leben so zu leben, dass sie es gut in der Communio der Kirche tun können.

Davon aber abgesehen ist mir bei der genaueren Lektüre des Predigttextes aufgefallen, dass der Autor eine sehr spannende Interpretation des alttestamentlichen Lesungstextes anbietet. Die Homilie wurde gehalten am 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B. Der Text der ersten Lesung stammt aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 4, 1-2.6-8). Die entsprechende Stelle aus der Predigt:

In der ersten Lesung wird davon berichtet, wie stolz das Volk Israel auf das Gesetzeswerk war, das Mose auf Gottes Geheiß aufgestellt hatte: „Darin besteht eure Weisheit und Bildung in den Augen der Völker“, hebt Mose hervor, und er fragt: „Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ Mose ist stolz auf ein gelungenes Gesetzeswerk, das ausgewogen ist und gut auf die Herausforderungen der damaligen Zeit antwortet. Ähnlich könnten auch wir Deutsche sagen: Wir sind froh darüber, dass es uns gelungen ist, nach der Katastrophe der Nazizeit wieder einen Rechtsstaat auszubauen, der die Fehler der Vergangenheit durch ein modernes Grundgesetz zu verhindern versucht.

Das ist eine wunderbare Lektüre dieses Textes, wie ich finde. Aufgefallen ist mir diese Interpretation aber aus einem anderen Grund.

Ich saß am vergangenen Samstag in der Vorabendmesse im Kölner Dom und habe dort die Texte der Lesungen, des Psalms und des Evangeliums gehört. Ich war richtiggehend überwältigt, wie genau diese lang zuvor auf die Leseordnung gesetzten Schriftstellen ins Deutschland des Jahres 2015 passen. Denn aus all diesen Texten lese ich die eine, große Frage: Wie halten wir’s mit der Nächstenliebe in Zeiten, in denen Hunderttausende auf unsere Hilfe vertrauen?

Diese Frage muss durchaus mit dem Begriff des Gesetzes in Verbindung gebracht werden. Denn angesichts einer dramatischer werdenden Situation vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Gesetz gefordert oder ein altes geändert wird. Ein Blick in Deuteronomium:

Ihr sollt auf (die Gesetze) achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. (Dtn 4, 6)

Natürlich ist unser Asylrecht nicht gottgegeben und in seiner Relevanz keinesfalls mit dem jüdischen Gesetz zu vergleichen. Aber dem vom Grundgesetz definierten Menschenrecht auf Asyl liegt ganz eindeutig das jüdisch-christliche Ideal der Nächstenliebe zugrunde. Darum geht es hier. Es ist eine Frage der Weisheit, die Caritas hochzuhalten.

Nun ein Blick in die zweite Lesung: Diese stammt aus dem Jakobusbrief (Jak 1, 17-18.21b-22.27). Auch hieraus ein passendes Zitat:

Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten. Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jak 1, 21b-22)

Bedarf es hierzu einer Auslegung? Eigentlich nicht. Allein der letzte Halbsatz ist sehr spannend. Was heißt das, sonst betrügen wir uns selbst? Ja, es ist heuchlerisch, das Doppelgebot der Liebe zu proklamieren, es aber nicht selbst auch umzusetzen. Aber ist es das schon, was uns diese Stelle sagen will? Ich bin mir nicht sicher.

Gehen wir (in nicht chronologischer Reihenfolge) weiter zum Psalm. In diesem Fall ist dies der komplette Psalm 15, wobei der erste Vers als Antiphon dient.

Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg? (Ps 15, 1)

Der Tenor ist denkbar einfach: Es geht um die Frage, was einen Menschen würdig – oder unwürdig – macht, ins Heiligtum, also seine unmittelbare Nähe zu treten. Unter den im Psalm aufgeführten Antworten finden sich auch diese:

Der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht; Der sein Versprechen nicht ändert, das er seinem Nächsten geschworen hat. (Ps 15, 3b.4b)

Für mich eine klare Ansage: Wer seine Mit-Menschen missachtet, über sie hinweg sieht, sie vielleicht sogar verachtet, macht sich unwürdig. Aber darüber hinaus ist der zweite Halbvers vielleicht noch viel wichtiger. Wir dürfen nicht hinter das zurückgehen, was wir unseren Mitmenschen einmal versprochen haben. Ein großes Wort für die derzeitige Asyldebatte im Land! Wiedereinführung von Grenzkontrollen, verschärfte Abschieberegeln, Kürzung von Leistungen für Asylsuchende: All das ist brandgefährlich. Es ist nicht nur wahnsinnig einfach, in guten Zeiten Versprechungen zu machen und diese in schweren Zeiten zurück zu nehmen, sondern es ist auch unanständig.

Und so fehlt noch das Evangelium: Es ist eine Anklage des Pharisäertums durch Jesus aus dem Markusevangelium (Mk 7, 1-8.14-15.21-23)

Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. (Mk 7, 6-8)

Es sind drastische Worte, aber so gerechtfertigt. Und das beziehe ich noch nicht einmal auf jene Hetzer, die sich als Retter des christlichen Abendlandes verstehen. Das gilt insbesondere jenen Vertretern von Politik und Gesellschaft, die sich als christliche Menschenfreunde gerieren, aber mit Verweis auf eine kaum zu bewältigende Flüchtlingsschwemme absurdeste Maßnahmen aus der Mottenkiste der europäischen Geschichte hervorkramen. Vieles, was sich in diesem Land christlich, sozial, und demokratisch nennt, ist nichts von alledem.

Wir haben ein Gebot der Nächstenliebe. Dieses sollen wir halten.

Blendle: Großartiges Konzept mit nervigen Fehlern

fasinttitelWas hab ich mich gefreut, als ich meinen Blendle-Zugang bekam. Endlich einzelne Artikel für einen fairen Tarif kaufen! Ja, das ist toll. Aber leider ist die Plattform – in der beta-Version – noch voller Bugs.

Der Kollege Schwenzel hat dazu neulich schon mal etwas aufgeschrieben. Ich hatte bis dato solche Probleme noch nicht (bemerkt), am Sonntag dafür umso mehr.
Ich hatte mir aus dem FAS-Feuilleton ein Interview mit Alan Rusbridger gekauft. Für schlappe 45 Cent, übrigens. In diesem einen Text fanden sich so ziemlich alle Fehler, die Schwenzel schon beschrieben hatte. Fragen und Antworten sind identisch formatiert und daher teilweise nur schwer auseinander zu halten. Einige Begriffe blieben unübersetzt (“Sie werden Prinicipal eines Colleges”, “Es mag sein, dass ich ziemlich competitive bin”, …), wobei das auch im Original so sein könnte. An einer anderen Stelle bin ich über einen unvollständigen Satzbau gestolpert, was wohl an einer schlechten Übersetzung liegen dürfte.

Schon zu Beginn des Interviews zeigten sich die Probleme mit dem automatisierten Rippen der Zeitung: Das Artikelbild wurde inklusive des eingesetzten Titels und der Bildunterzeile einfach ausgeschnitten. Sowohl Titel, als auch BU, wurden allerdings von Blendle nochmal – auf grafisch nicht besonders ansprechende Weise – hinzugefügt.

Abgesehen von diesen Bugs sind mir zwei andere, etwas ärgerliche Eigenheiten von Blendle aufgefallen: Wenn man in einer Mail von Blendle dem Link zu einem Artikel folgt, kauft man diesen automatisch und wird vorher nicht noch einmal gefragt oder überhaupt auf den Kauf hingewiesen. Außerdem hat Blendle etliche Artikel im Kauf-Angebot, die bei den Medien kostenlos zu lesen wären. (Diesen Punkt finde ich allerdings gar nicht nur schlecht, da man auf diese Weise dem Medium wenigstens ein paar Cent für die geleistete Arbeit zukommen lassen kann, ohne die ganze Ausgabe kaufen zu müssen.)

Ja, diese Fehler und Funktionen nerven. Aber es ist immer noch eine beta. Ich will also nicht ganz so hart mit Blendle ins Gericht gehen, wie es Schwenzel getan hatte. Ich kann damit leben, dass mancher Text irgendwie komisch daher kommt. Zumal ich ja jederzeit mein Geld zurück bekomme, wenn ich nicht zufrieden bin.

Für mich zählt viel mehr, dass ich endlich die Möglichkeit habe, gezielt einzelne Artikel zu lesen – und zu bezahlen! – die ich ansonsten nur in einer viel zu teuren Online- oder Print-Ausgabe finden würde. Nicht, dass Blendle so viel billiger wäre: Mit vier, fünf gekauften Artikeln bewegt man sich im Preisbereich einer normalen Tageszeitung. Aber man ist dafür nicht gezwungen, sich auf ein Medium festzulegen. Ich bin jedenfalls ein Fan dieser Plattform und hoffe, dass bald noch viele andere Medien dort aufgenommen werden. Für mich ist Blendle bislang einer der besten Ansätze, Journalismus im Netz sinnvoll und fair zu monetarisieren.

P.S.: Wer einen Invite-Code haben möchte, darf sich gerne bei mir melden!

Im Zweifel schützen wir uns selbst

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Journalistische Medien, die Textberichterstattung betreiben, binden sich in Deutschland an die Regeln des Pressekodex. Das soll sicher stellen, dass sie ein Mindestmaß an Würde und Fairness in ihrer Arbeit wahren. Aber was nutzt dieser Kodex, wenn das Kontrollgremium, der Presserat, im Zweifel zugunsten der Presse entscheidet?

rekordverdächtigIn Würzburg geschieht gerade Interessantes: Ein Stadtrat fordert die örtliche Sparkasse auf, ihre Werbepartnerschaft mit einem örtlichen “Nachrichten”-Portal zu beenden und damit auf eine weitere finanzielle Unterstützung des Portals zu verzichten. Er wirft den Seitenbetreibern unter anderem vor, “populistische Ressentiments zu schüren”. Eine Einschätzung übrigens, der ich geneigt bin beizupflichten. Das Portal hält dagegen, dass man sowohl die eigenen Beiträge, als auch die zahlreichen Leserkommentare an der hauseigenen “Netiquette” und den Maximen des Pressekodex messen würde. Hier gibt’s den entsprechenden Bericht der Main-Post: Paywall-Link.

An dieser Aussage zum Pressekodex bin ich hängen geblieben. So honorig es ist, sich einem Kodex zu unterwerfen, so wertlos scheint mir der deutsche Pressekodex zu sein. Zugegeben, ich bin durch einige Erfahrungen im Zusammenhang mit meinem Volontariat in dieser Frage in gewisser Weise ein gebranntes Kind. Aber erst kürzlich wurde ich in meiner Auffassung wieder bestätigt, dass der Presserat, der Wächter des Kodex, nicht nur ein zahnloser Tiger ist, sondern – das unterstelle ich ihm – eher die Presse schützt als jene, denen die Presse potenziell schadet.

Als im März 2015 in den französischen Alpen der Germanwings-Flug 4U9525 abstürzte, war dies der Startschuss für einen Großteil der deutschen (und internationalen) Medien, sich gegenseitig an Niveau und Würde zu unterbieten. Folgerichtig verzeichnete der Presserat einen Beschwerderekord.

Auch ich hatte mich damals beim Presserat über eine Titelseite der BLD-Zeitung mit entsprechender Online-Berichterstattung beschwert (welche das war, lässt sich dem unten stehenden Beschluss des Presserats entnehmen). Meine Beschwerde hatte ich – zugegeben, mit einigen unsauberen Formulierungen – so begründet:

Die genannte Titelseite der BILD-Zeitung stellt ethische Verstöße mindestens gegen die Präambel, sowie die Ziffern 1, 8.1, 8.4, 8.7, 9, 11.3 und 13.1 des Pressekodex. Die Bild-Zeitung beschädigt damit erheblich das in der Präambel genannte Ansehen der Presse und greift in erheblicher Weise in Privat- und Intimsphäre eines Verstorbenen ein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kann zudem nicht davon ausgegangen werden, dass ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit die Schutzbedürftigkeit des Toten übersteigt, wie es in Ziffer 8.1 genannt ist. Durch die Veröffentlichung von Namen und Bild des Toten wird das Leben seiner Familienangehörigen in erheblicher Weise beeinträchtigt, was einen Verstoß nach Ziffer 8.4 darstellt. Zudem ist von einem Akt von Selbsttötung auszugehen, was nach Ziffer 8.7 eine derart prominente Berichterstattung unzulässig macht. Es ist davon auszugehen, dass die Titelseite der Bild-Zeitung und die – von der Redaktion beabsichtigte – Reaktion auf die Veröffentlichung das Leid der Hinterbliebenen nennenswert verschlimmert, was nach Ziffer 11.3 ein Vergehen gegen die ethischen Grundsätze der Presse darstellt. Die Bezeichnung des Toten als „Amok-Pilot“ und „Massenmörder“ ist eine unzulässige Vorverurteilung nach Ziffer 13.1. Dieser Verstoß wird auch nicht geheilt durch etwaige gleichlautende Vorverurteilungen seitens der Ermittlungsbehörden. Zudem verletzt es den Toten in seiner Ehre, was einen Verstoß gegen Ziffer 9 des Kodex darstellt. Die Bezeichnungen sind zudem geeignet, den Toten in seiner Menschenwürde zu verletzen, was gegen Ziffer 1 des Pressekodex und die Grundsätze des deutschen Rechtsstaats verstößt.

So weit, so unspektakulär. Ich hatte mich maßlos über die Berichterstattung geärgert und mir so ein wenig Luft verschafft.

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Die Entscheidung des Presserats. Per Klick aufs Bild geht’s zum pdf.

Vor wenigen Wochen kam dann die Antwort des Presserats. Die von mir mit angeführte Beschwerde wurde als unbegründet abgelehnt. Die Urteilsbegründung kann sich jeder selbst durchlesen (Klick aufs Bild). Zwei Punkte darin finde ich besonders beachtenswert: Die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien und das vorgeschobene Argument des öffentlichen Interesses.

Zum ersten Punkt folgendes Zitat aus der Presserat-Entscheidung:

“Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses konnte aber mit der Bekanntgabe der ersten Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.03.2015 die Presse davon ausgehen, dass der Co-Pilot den Absturz des Flugzeugs und damit auch den Tod von 149 weiteren Menschen absichtlich herbeigeführt hat.”

Man muss kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert haben, um zu wissen, dass dies eine hanebüchene Aussage ist. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Rechtsstaaten und Unrechtsstaaten liegt genau in diesem Punkt: Ermittlungsergebnisse von Strafverfolgungsbehörden sind keine Urteile! Wer behauptet, die Presse müsse von der objektiven Richtigkeit der Aussagen von Ermittlungsbehörden ausgehen, lügt oder hat keine Ahnung vom Rechtsstaat.

Der zweite Punkt ist doch noch viel gravierender. Alle weiteren Beschwerden über die Verletzung verschiedener Persönlichkeitsrechte des Piloten lehnte der Presserat nämlich letztlich mit dem überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit ab. Ich halte das für eine Mär. Es geht doch überhaupt nicht um das “Interesse der Öffentlichkeit”.

Wenn wir, die Medienproduzenten, ehrlich sind – und wenn auch der Presserat ehrlich ist – ging es in all diesen Fragen lediglich um die Interessen der Presse. Das spektakulärste Bild, der erste O-Ton der Ex-Freundin, die geschüttelte Witwe: Sie alle garantieren Klicks und Auflage. Wenn der Presserat in diesem Fall vom überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit spricht, dann ist das ein vorgeschobenes Argument. Mit dieser Entscheidung schützt die Presse sich selbst und nicht die hehren Prinzipien des gesellschaftlichen Diskurses.