"When he lets go…".

Der Abend fängt mit einer bitteren 0:1 Niederlage des FCB schon denkbar schlecht an und das Wetter hält leider auch nicht ganz das, was erwünscht und erhofft war.

Macht aber nichts, deswegen werde ich ja nicht auf gute Live-Musik verzichten. Markus Rill (siehe Musik.) spielt an diesem Sonntag-Abend auf der kleinen Bühne am Würzburger Ringparkfest.


Die Bühne ist wohl eigentlich vorrangig für Hintergrund-Begleitmusiker gedacht, weshalb zwischen Künstler und Publikum ein etwas großer Abstand ist. Hinzu kommt, dass gerade am Beginn des Sets der überwiegende Teil der Festbesucher den Auftritt von Markus Rill eher als freundliche Untermalung eines schönen Sonntag Abends versteht; wenn man 15 Meter von der Bühne entfernt steht, halten sich die Lautstärken von Musik und Hintergrundgeräuschen in etwa die Waage. Zum Ende des Sets wird das aber deutlich besser.

Rill hat zur Unterstützung Felix Leitner, den Gitarristen der Troublemakers dabei. Leitner macht – wie gewohnt – an allen seinen Instrumenten eine gute Figur. Er wechselt während des Sets mehrfach zwischen seiner bekannten Fender Telecaster und einer akustischen Ovation, allein die Mandoline bleibt ungenutzt. Gerade sein Spiel mit dem Bottleneck ist prägend für viele Rill-Songs und kommt auch an diesem Abend nicht zu kurz. Leider scheint es so, als würde Leitner während des Sets parallel einen Soundcheck durchführen. Immer wieder beobachtet man ihn dabei, wie er sich bückt um seine Bodeneffekte zu justieren (auch der Meister selbst hat allerdings anfänglich ein paar Probleme mit dem Sound. O-Ton Rill: „Ali, kannst Du mal die Gitarre aus’m Monitor rausnehmen?“). Seine Tretminen setzt er dafür aber auch sehr gekonnt ein. Einzig beim ersten Solo des letzten Stücks – Folsom Prison Blues – wirkt er etwas überrumpelt. Aber Rill gibt ihm eine Strophe später eine zweite Chance, die Leitner dann auch gekonnt wahrnimmt und den letzten Song des Sets so zu einem kleinen Höhepunkt werden lässt.

Das Set bildet einen Querschnitt durch das gesamte Repertoire von Markus Rill und seinen Troublemakers. Von älteren, bekannten Stücken („Hobo Dream“, „Me & Bonnie Parker“, „Run Run Run“) bis zu brandneuen, noch nicht veröffentlichten Songs („My Rocket Ship“), ist alles dabei. Gecovert werden Songs von Buddy Holly („Not fade away“), Johnny Cash („Big River“ und „Folsom Prison Blues“) und Townes van Zandt („Waiting around to die“). Gerade der Song von Townes und Rill’s eigener Tribute-Song („The Late, Great Townes van Zandt“, nach dem gleichnamigen Album von 1972) sagen viel über die Persönlichkeit des Musikers aus. Zwischen den Stücken erzählt er die Geschichte, wie er kurz vor dem Tod seines Idols einmal für ihn als Support spielen durfte (Schade, dass an dem Abend Annika Fehling nicht dabei ist). Es ist einer der persönlichen, der besonderen Momente des Auftritts.

Manchen Songs hätte man vielleicht gar nicht zugetraut, dass sie auch ohne die Unterstützung von Chris Reiss am Bass und vor allem Aggi Berger an den Drums so stark daher kommen, aber die Besetzung mit zwei Gitarren ist für das Set in diesem Rahmen genau richtig.

Leider dauert es eine ganze Weile, bis sich das Publikum auch wirklich auf die Musik einlässt und die Hintergrundgespräche entsprechend abnehmen. Dafür sind die Leute am Ende aber auch wirklich dabei. Als Rill um kurz nach 22 h von der Bühne muss, spielt er spontan noch ein Solostück – unverstärkt – vor der Bühne; ca. 30 Leute kommen dazu in einem kleinen Kreis zusammen. Hierzu passt dann auch endlich die Einschätzung eines Zuhörers am Beginn des Sets, der bei „Wild Blue True-Hearted Man“ von Lagerfeuermusik sprach (Gott weiß, wie er gerade bei diesem Song darauf kam).

Am Ende hat Rill auf der Bühne wieder seinen kleinen mobilen Plattenladen stehen. Aber Platten verkauft Markus Rill an diesem Abend nicht. Und das, obwohl er extra noch auf die tolle Konzertkritik in der FAZ hingewiesen hatte; und was die FAZ schreibt, das werden wir wohl glauben.

Aber selbst die beste Kritik in der FAZ ist immer noch nur eine Kritik. Markus Rill macht Musik nicht für die Kritiker, auch wenn er sich über gute Kritiken immer aufrichtig freut. Er macht Musik für die Menschen, die sie gerne hören und die seine Arbeit zu schätzen wissen. Gerne holt er sich sein Feedback bei anderen Musikern ab. Er ist eben ein Vollblutmusiker. Er ist der Künstler, aber auch der große Fan und Bewunderer. Seinen Tribute-Songs merkt man das an. An diesem Abend hat er Elvis besungen, und Marilyn Monroe. Beide Songs sind auch auf der neuen Platte. Er hat Townes van Zandt, sein vielleicht größtes Vorbild, mit einem eigenen Song bedacht und zwei Songs der Legende Johnny Cash gespielt. Und keiner dieser Songs, ob Eigenkomposition oder Coverversion, wirkt wie eine bloße Schmeichelei, oder einfach aus Ideenlosigkeit eingeworfen. Durch diese Art der musikalischen Hommage schafft er selber wieder etwas, was andere bewundern können.

Und so ist für den Musik-Fan Markus Rill das vielleicht größte Lob des Abends eines, das die breite Öffentlichkeit gar nicht mitbekommt.

Als er einige Zeit nach dem Gig auf Twitter erzählt, dass er an diesem Abend „Big River“ zu Ehren des erst kurz zuvor verstorbenen Marshall Grant – Bassist bei den Tennessee Two (Tennessee Three) – gespielt hat, antwortet ihm Rosanne Cash, Tochter von J.R. und selber erfolgreiche Country-Musikerin:

„Oh man. Thank you.“

Setlist (ohne Gewähr auf Vollständigkeit):
Straighter Road
Beauty Of The Moment
Girl Of Many Secrets
Wild blue True-Hearted Man
In My Bones
Dying Bed
Run Run Run
Waiting Around To Die (Townes van Zandt)
The Late, Great Townes van Zandt
Me & Bonnie Parker
Big River (Johnny Cash)
The One That Got Away
My Rocket Ship
For The Stars
Broken Puppet
Six Days On The Road
Not Fade Away (Buddy Holly)
The Kid From Tupelo
Hobo Dream
Folsom Prison Blues (Johnny Cash)

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2 Gedanken zu “"When he lets go…".

  1. mag markus rill und seine musik eigentlich, aber wenn ich solche konzertberichte lese will ich ihn gar nicht mehr hören. :/ wars wirklich so kopflastig und träge?

  2. Was heißt denn "kopflastig und träge"? Für meinen Geschmack hätte das Publikum ein bisschen aufgeschlossener sein können, aber der Gig an sich war einwandfrei. Und wieso bringt mein Bericht dich denn dazu, dass Du seine Musik nicht mehr hören magst?

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