Ein Sommer in Köln.

In diesen Tagen findet in Madrid der XXVI. Weltjugendtag statt. Der Weltjugend ist eine der größten Glaubensveranstaltungen der Welt und versammelt hundertausende Jugendliche aus aller Welt, um miteinander Spaß zu haben und ihren Glauben zu feiern.

Ich werde zwar in Madrid nicht dabei sein, aber ich war 2005 in Köln dabei und es war ein grandioses Erlebnis.

Der Hohe Dom zu Köln
Der Hohe Dom zu Köln

Wir waren damals mit einer beträchtlichen Delegation unserer Pfarrjugend zum Weltjugendtag gefahren. Untergebracht waren wir nicht direkt in Köln, sondern in Odenthal bei Bergisch-Gladbach, was so etwa 20 Kilometer nordöstlich vom Kölner Stadtzentrum entfernt im Bergischen Land liegt. Damit hatten wir schon sehr viel Glück. Bis zum nächsten S-Bahnhof in Bergisch-Gladbach ging’s zwar nur mit dem Shuttle-Bus (der aber auch ständig und bis spät in die Nacht fuhr), dafür hatten wir aber Ruhe und Platz und mussten nicht die ganzen Tage in der hoffnungslos überfüllten Stadt verbringen.

Diese wahnsinnigen Menschenmassen sind es auch, was mir am ehesten vom Weltjugendtag im Gedächtnis geblieben ist. Natürlich ist es beeindruckend, so viele Nationalitäten an einem Ort versammelt zu sehen und eine Großveranstaltung mit dem Papst ist auch immer ein ganz besonderes Erlebnis, aber diese hunderttausenden friedlichen Menschen in allen Ecken der Stadt waren es, die mich am meisten fasziniert haben.

Ich hatte ja vorher schon mal große Fußballstadien von innen gesehen – auch voll besetzt zum Spiel – und war mit Zehntausenden auf dem Petersplatz zur Papstaudienz gewesen. Beim Eröffnungsgottesdienst im Müngersdorfer Stadion in Köln aber mischten sich die charakteristischen Eigenschaften dieser beiden Veranstaltungen in einer ganz besonderen Melange zusammen. Wenn ein fast volles Stadion im Chor ein Gloria anstimmt, dann ist das mit nichts vergleichbar.

Ähnlich war es eigentlich die ganze Woche, da ja zu den zentralen Veranstaltungen immer mehrere Hunderttausend zusammen kamen. Beispielsweise beim Pilgergang zum Schrein der Heiligen Drei Könige im Hohen Dom. Wenn man zwei, drei Stunden braucht, um ein paar hundert Meter vom Rhein bis zum Dom zu laufen und dabei keine einzige, nicht von Menschenmassen bevölkerte Stelle sieht, dann ist das doch recht imposant. Im Bereich rund um Domplatte und Hauptbahnhof war tagelang im Ausnahmezustand, weil rund um die Uhr Tausende da waren, die entweder in den Dom, bzw. die Innenstadt, oder einfach nur eine gute Zeit miteinander verbringen wollten. Mit Besinnlichkeit war’s im Dom natürlich nicht weit her. Wie auch, wenn zeitgleich mehrere tausend Menschen quasi durchgeschleust werden, weil alle ja eigentlich auch nur einmal zum Schrein der Heiligen Drei schauen wollten.

Überwältigend waren natürlich die großen Abschlussveranstaltungen auf freiem Feld außerhalb der Stadt. Zwar war schon die Anreise reichlich anstrengend – eine elend lange Fahrt im völlig überfüllten Sonderzug, ein unerwartet langer Fußmarsch zum Feld bei hochsommerlichen Temperaturen, und natürlich der akute Schlafmangel der vergangenen Tage – aber so ein Erlebnis wird man wahrscheinlich in einem Leben nicht allzu oft haben. Wir hatten unser „Lager“ recht nah an einer der „Hauptstraßen“ und nur ein paar Hundert Meter von einem der Hauptzugangspunkte entfernt. Dadurch konnte man gut nachvollziehen, wie über Stunden hinweg, fast den ganzen Nachmittag und Abend hindurch immer weiter hundertausende Pilger auf das Gelände strömten. Die nächtliche Stimmung auf dem Marienfeld war ihrerseits ganz besonders. Man hätte erwartet, dass einfach überall Menschen beieinandersitzen, sich unterhalten, vielleicht singen. Das war auch so, aber gleichzeitig war auf den Wegen und Straßen ständig Bewegung und Gedränge, weil viele Leute einfach nur Stunden über das Gelände gelaufen sind, um zu erkunden, was es eben zu erkunden gab.

Man konnte bis zum Horizont nur Menschen sehen. Im morgendlichen Nebel noch nicht einmal das, dafür aber in der Ferne noch die Lichter der Technikmasten. Man hatte also keinerlei Überblick, wie groß das ganze war. Man konnte was zwar anhand der Pläne etwa abschätzen, aber so wirklich haben wir das wohl alle erst zu Hause gemerkt, als wir Luftaufnahmen von dem Gelände gesehen hatten. Wahnsinn.

Bei all diesen riesigen Veranstaltungen gab es übrigens selten mal eine Situation, in der man sich nicht wirklich sicher gefühlt hätte. Man hat natürlich schon gemerkt, dass das Verkehrsnetz heillos überlastet war. Allein die Fahrt vom Stadion zum Hauptbahnhof dauerte mehrere Stunden, da immer wieder der Strom entlang der Strecke ausfiel. Es waren einfach zu viele Züge zeitgleich auf der Strecke unterwegs. Aber auch wenn von Seiten der Veranstalter die Lage zweitweise wohl nicht mehr wirklich unter Kontrolle war (hierzu einige Interessante Anmerkungen im Wikipedia-Artikel zum WJT 2005), waren die über eine Million Jugendlichen eben um des Glaubens willen dort, und nicht um das Ganze in einer Tragödie enden zu lassen. Dementsprechend war auch die Anwesenheit der vielen tausend Polizeibeamten an allen Punkten der Stadt sicher nicht übertrieben, aber manchmal konnte man sich schon fragen, wofür genau die jetzt da sind.

Das vielleicht schönste Erlebnis hatten wir aber nicht bei einer der ganz großen Veranstaltungen. Es war noch nicht einmal in Köln selbst. Als wir am ersten Abend spät in der Nacht – es war wohl schon nach ein Uhr – zurück zu unserer Unterkunft gekommen waren, wollten wir unbedingt noch irgendwo ein Bier trinken gehen. Odenthal ist zwar ein kleines Städtchen mit irgendwas um die 15.000 Einwohnern, aber die Hoffnung auf eine geöffnete Kneipe (oder zumindest eine Tankstelle) hatten wir schon. Wie eigentlich zu erwarten hatte aber alles geschlossen, alle Kneipen, die beiden Tankstellen; nichts zu machen. Einzig im Hotel am Platz brannte im Erdgeschoss noch Licht, wobei wir dachten, dass das halt der Nachtportier, oder ein Flurlicht sei. Wir sind trotzdem mal auf gut Glück hingegangen, um dann festzustellen, dass doch schon zu war. Fünf Meter neben der Tür war aber das Fenster der Hotelgaststätte und so konnten wir sehen, dass da tatsächlich noch jemand am Tresen stand. Also ans Fenster geklopft und gewartet. Der Köbes hat daraufhin das Fenster geöffnet und etwas verwirrt in die Nacht geblickt. Mein Freund daraufhin in einem unfassbar mitleidserregendem Ton: „Bitte! Wir sind arme Pilger! Nur ein Bier f“r arme Pilger!“ Danach nicht in schallendes Gelächter auszubrechen viel natürlich schwer. Aber der Köbes – Helmut hieß der Mann – hat uns tatsächlich noch mal aufgeschlossen und uns noch fast zwei Stunden bewirtet. Er hielte es für wichtig, dass jeder in der Stadt und der Region mit anpackt um den jungen Leuten dieses schöne Fest zu ermöglichen. Und sein Beitrag war es eben, dass er uns mitten in der Nacht noch mal in seine gutbürgerliche Hotelschänke lässt und uns das ein, oder andere Kölsch an den Tisch bringt. Und wenn ich mich nicht völlig täusche, dann haben wir an dem Abend nicht mal mehr etwas zahlen müssen.

Diese Herzlichkeit, mit der so viele Menschen die Jugend der Welt damals in unserem Land willkommen geheißen haben, war vielleicht nicht das beeindruckendste Erlebnis, aber sicher eines der prägendsten.

Ich wünsche daher all denen, die nach Madrid zum Weltjugendtag pilgern von Herzen alles Gute und viel Freude. Ich kann sagen, dass der WJT 2005 in Köln ein ganz wunderbares Erlebnis war, auch wenn er vielleicht mein Glaubensleben nicht sonderlich intensiv verändert oder geprägt hat. Manchmal zählen auch andere Dinge.

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