Das Volk ist dumm.

Mit dieser womöglich etwas irritierenden Aussage habe ich eben bei Twitter einige Reaktionen hervorgerufen. Daher will ich das kurz erklären.

Zunächst einmal die Vorgeschichte zu dieser Bemerkung:
In einem Dialog über unseren Bundespräsidenten Christian Wulff wurde angeführt, dass im Dezember 2010 60 % der befragten Deutschen ihn für einen veritablen Staatsmann hielten und ihm offenbar noch weitere, positive Eigenschaften zusprachen. Ich kenne die betreffende Umfrage nicht, glaube aber gerne, dass diese Zahl stimmt.

Nun halte ich aber eine Umfrage im Volk für wenig geeignet, um die „Staatsmännigkeit“ eines Politikers zu ermitteln. Zumal dann nicht, wenn es sich um den Bundespräsidenten handelt.

Wieso denke ich das? Nehmen wir als Beispiel die WikiLeaks. Diese Plattform und die damit verbundenen Enthüllungen haben in kurzer Zeit sehr vielen Menschen Dinge über das politische/diplomatische Tagesgeschäft offenbart, die ihnen bis dato nicht ansatzweise bekannt waren. Viele hatten erwartet, dass teilweise an Beleidigung grenzende Aussagen US-Amerikanischer Diplomaten über ihre Kollegen auf der ganzen Welt nun zu schweren politischen Krisen führen könnten, da man sich ja vor den Kopf gestoßen fühlen muss. Dem war aber nicht so. Und zwar ganz einfach, weil es für die Akteure dieses Systems von Politik und Diplomatie kein Geheimnis war, dass derartige Akten angelegt werden. Beispielsweise sagte Hans-Ulrich Klose, ehemaliger Koordinator für die Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit auf die Frage nach Problemen infolge der WikiLeaks-Veröffentlichungen folgendes:

„No, it didnt cause any problems for us. (…) I know all diplomats are writing reports and they all give assessments of people and situations. The assessments are not always all positive. But, if we are honest, all of us sometimes make critical remarks about people we also call our friends. That is human nature.“

Ad 2): Viele, viele Mechanismen, Umgangsformen, Gepflogenheiten, etc., die im politischen Geschäft ganz selbstverständlich sind, sind dem Wähler überhaupt nicht bekannt, weil er sie entweder gar nicht unbedingt kennen soll (zum weitaus geringeren Anteil), oder weil sie enorm komplex und kompliziert sind und ihn daher eh nicht interessieren (zum weitaus größeren Anteil). Und all diese „verborgenen“, aber dennoch so entscheidenden Eigenschaften eines Politikers tragen ganz erheblich zu seiner Einordnung als „Großer“, oder eben als „nicht ganz so Großer“ bei.

Ergo: Der durchschnittliche Wähler kann, selbst wenn er wollte, einen Politiker nie allumfassend betrachten und ihn dadurch beurteilen. Das wäre nur durch eine Kenntnis der Meinungen seiner Mitspieler im großen Konzert der Politik möglich. Natürlich werden diese Meinungen und Einschätzungen mit der Zeit immer Publik, zumeist kann aber ein vollständiges Bild erst nach dem Ende seiner Laufbahn oder Amtszeit gezeichnet werden. Und mir persönlich fiele auch nicht ein, welchen aktiven Politiker ich als Staatsmann bezeichnen wollte; dazu fehlt vielleicht auch etwas der Weitblick.

Es gibt aber noch andere Aspekte, die mich zu der Aussage „das Volk ist dumm“ führen. Dazu muss ich weiter erklären, dass ich diese Aussage natürlich auch nur auf bestimmte Gegebenheiten beziehe. Ein Volk beispielsweise, welches sich gegen ein diktatorisches Herrschaftssystem auflehnt um in Freiheit und Demokratie zu leben, ist natürlich nicht dumm.

Ich bin entschiedener Gegner einer etwaigen Direktwahl des Bundespräsidenten, genauso wie ich niemals Plebiszite auf Bundesebene haben möchte.

Hier kommt wieder ein Punkt von weiter oben zum tragen: Das Volk weiß vieles nicht und will vieles auch gar nicht wissen. Und das ist völlig in Ordnung so. Aber gerade das ist auch ein Grund, weshalb zum Beispiel personelle Vorentscheidungen für bundesweite Wahlen in den Parteien und Gremien getroffen werden, die die entsprechenden Hintergründe auch haben. Was oftmals als sehr negativ dargestellt wird – dass ein Spitzenpolitiker einen großen und starken Personalstamm hinter sich stehen hat – ist ja im Grunde erst mal ein Gütezeichen, da es seine Potenz zur politischen Entscheidungsfindung verdeutlicht.

Hinzu kommen vielschichtige Probleme mit der politischen Information des Volkes. Die Medien sind gegenwärtig zweifelsohne ihren Aufgaben nicht mehr vollumfänglich gewachsen. Dadurch wird es für den Bürger immer schwerer sich fundiert und umfangreich zu informieren. Bei einer Direktwahl des Bundespräsidenten oder bei bundesweiten Plebisziten käme dieses Problem unwahrscheinlich zum tragen. Es gibt viele Beispiele, die das verdeutlichen.

Bei Parteienwahlen ist dieses Problem wesentlich weniger stark ausgeprägt, da die Leute immer auf Grundlage gemachter Erfahrungen entscheiden. Außerdem spielen die (relevanten) Parteien ja auf allen Ebenen des politischen Systems eine Rolle. Insofern können entsprechende Erfahrungen ja auch viel einfacher gemacht werden.

Das ist natürlich nun nur sehr oberflächlich und knapp dargestellt, einen Lösungsvorschlag liefere ich auch nicht, aber das Problem sollte beschrieben sein.

Ich bin also natürlich nicht der Meinung, dass das Volk dumm ist in dem Sinne, dass die Bürger nicht des Denkens fähig wären. Aber das Wahlvolk in seiner Gänze kann erstens gewisse Einsichten nicht haben und es kann zweitens auch nicht erwartet werden, dass es diese erlangt. Zudem ist das Volk in gewisser Weise eine behäbige Masse. Und wir alle kennen aus dem Physik-Unterricht das Gesetz der Trägheit.

Es gibt aber natürlich auch hier Gegenbeispiele. Denken wir an die ganze Geschichte rund um das Bahnhofsprojekt in Stuttgart. Man mag davon halten was man will. Aber die Debatte – gerade auch die Schlichtung zwischen den Parteien – hat gezeigt, dass viele Menschen bereit und befähigt sind, eben diese genannten Lücken zu schließen. Dies verlangt aber einen grundlegenden Wandel in der allgemeinen Informationsversorgung und Informationsbeschaffung. Ob dieser so schnell erreicht wird, wage ich nicht zu prognostizieren. Aber selbst wenn es hier einen Wandel geben sollte, bin ich mir nicht sicher, ob ich meine Ansicht so schnell ändern werde.

Das Thema ist zur Debatte freigegeben.

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