Habemus Papam.

Nachdem sich Papst Benedikt in diesen Tagen in der Bundesrepublik befindet und die Medien schon länger voller Berichterstattung und Meinungen zu diesem Thema sind, will ich aus der Sicht eines Katholiken auch mal ein paar Gedanken zur katholischen Kirche, zum Papst und seiner Bedeutung im katholischen Glaubensleben loswerden.

In Deutschland muss sich die katholische Kirche mehr Kritik und „gut gemeinte Ratschläge“ anhören, als in den meisten anderen Staaten dieser Welt. Gleichzeitig hat die Bundesrepublik im Vergleich zu den meisten westeuropäischen und vielen mittel- und osteuropäischen – ehemals sozialistischen – Staaten mit Abstand den geringsten Anteil von Christen an der Gesamtbevölkerung. In der EU gibt es nur etwa fünf Staaten, die einen ähnlich niedrigen (oder niedrigeren) Anteil an Christen haben, wie in Deutschland; und hier sind es immerhin noch etwa 60%.

Man muss das im Zusammenhang verstehen. Denn es ist wohl in keinem anderen Bereich des öffentlichen Lebens denkbar, dass derart viele Menschen lautstark über Dinge diskutieren, die sie eigentlich gar nicht interessieren und oftmals auch gar nichts angehen. Ich würde mich als Fan des FC Bayern München beispielsweise ja jetzt auch nicht in die Diskussion um den richtigen Nachfolger für Ex-HSV-Trainer Oenning einmischen. Andererseits würde es mir auch keiner verdenken, es dreht sich ja alles um Fußball. Nur, wenn ich als Fußballfan anfange über, sagen wir, Handball zu sprechen, dann wäre das wohl zu Recht unglaubwürdig und die Handball-Fans wären auch nicht unbedingt begeistert.

Nun ist Religion kein Mannschaftssport und spielt auch in einer anderen Liga, was die gesellschaftliche Relevanz angeht.

Aber es ist eben – gerade in Deutschland – oft festzustellen, dass viele Menschen ihre Meinung zur katholischen Kirche und zum Papst kund tun, die vermeintlich wenig Ahnung von der Thematik haben und sich auf Nachfrage nicht nur nicht als der Kirche zugehörig fühlen, sondern sich bewusst von ihr distanzieren. Dies ist ein erster Punkt, der mir ganz und gar nicht gefällt und den ich auch vehement kritisiere. Entweder man ist Christ und bekennt sich dazu, dann darf man auch gerne und umfangreich über Fragen des Glaubens diskutieren, oder aber man sagt sich davon los. Dann gibt es aber auch keinen Grund mehr weiter darüber zu debattieren.

Dann wird, das nur zur Klarstellung, eigentlich nie wirklich klar gemacht, worüber eigentlich gesprochen wird. Es ist immer wieder von der katholischen Kirche die Rede, obwohl damit eigentlich nur der Papst und einige Bischöfe und Kardinäle gemeint sind. Aber das ist nicht die Kirche! Die Kirche ist das ganze Volk Gottes, also alle Gläubigen. Das sollten viele Kritiker einmal beachten, wenn sie ihre Kritik anbringen. Wenn dann behauptet wird, die katholische Kirche wäre ein Haufen von Verbrechern, weil sie Kindesmissbrauch vertuscht und verheimlicht, dann gilt dieser Vorwurf pauschal 30 Millionen Deutschen und Milliarden Menschen auf der ganzen Welt; und nicht nur den relativ wenigen Tätern und „Vertuschern“.

Ein weiteres großes Thema dieser Tage ist die Ökumene. Hohe Erwartungen werden hier an den Heiligen Vater gestellt. Und übrigens wird da schon wieder eine Definition völlig unzureichend getätigt: Für die katholische Kirche ist Ökumene viel mehr, als nur das Gespräch mit der EKD. Beispielsweise ist das Gespräch mit der russischen Orthodoxie und dem Patriarchen von Moskau Kyrill I. zur Zeit sehr fruchtbar und steuert auf echte, wesentliche Ergebnisse zu. Der Katholizismus hat immer das große, weltweite Ganze im Blick und kann sich nicht immer auf nationale Besonderheiten einlassen. Wenn ich persönlich also über Ökumene spreche, dann interessiert mich zur Zeit das Gespräch mit der Orthodoxie deutlich mehr, als der ökumenische Wortgottesdienst mit der evangelischen Nachbargemeinde. Das wird in der Öffentlichkeit leider nicht wahrgenommen.

Hinzu kommt, dass in Fragen der Ökumene oftmals Erwartungen an die katholische Kirche und den Papst gestellt werden, die so einfach nicht erfüllbar sind. Beispielsweise steht einem gemeinsamen Abendmahl mehr, als nur ein päpstliches Verbot entgegen. Die verschiedenen Verständnisse der Realpräsenz Christi in Brot und Wein unterscheiden sich teils fundamental und können nicht einfach außer Acht gelassen werden.

Ebenso die Rolle des Papstes innerhalb der Kirche. Ich habe einmal das Wort gehört, dass die katholische Kirche sich vom Bischofsamt her versteht, während sich die evangelische Kirche von den Gläubigen her versteht. Das ist gar nicht so falsch. Aber gerade deswegen ist die Position des Bischofs von Rom, den wir Katholiken in einer ununterbrochenen Reihe von Nachfolgern des Heiligen Petrus sehen, auch nicht verrückbar. Der Heilige Vater ist für uns mehr, als nur ein gewählter Obervertreter der Kirche. Und auch dieses Verständnis der Kirchenstruktur steht nicht zur Disposition.

Der Heilige Vater ist das Oberhaupt der katholischen Kirche und Stellvertreter Christi auf Erden, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist ganz wichtig, um die Rolle des Papstes für katholische Christen im täglichen Leben zu verstehen. Es kommt einem immer wieder so vor, als ob viele Leute denken würden, dass „papsttreue“ Katholiken jeden Tag dreimal den Rosenkranz beten und ein quasi-monastisches Leben führen. So ist das aber nicht. Wir beten in jeder Heiligen Messe für den Papst und das war es dann aber auch erst mal wieder. Für die allermeisten Katholiken wird der Glaube zunächst einmal durch das Gemeindeleben vor Ort bestimmt. Und da spielt der Papst eine herzlich geringe Rolle. Freilich, zu Ostern und Weihnachten schauen viele die Fernsehübertragungen aus Rom und für etliche Katholiken ist es ein besonderes Ereignis, wenn sie einmal im Leben (oder mehrmals) dem Heiligen Vater „persönlich“ begegnen. Aber das alles definiert nicht den Katholizismus.

Besonders muss man das auch bei Massenveranstaltungen mit dem Papst, wie den Weltjugendtagen, oder jetzt bei seinem Besuch in Deutschland beachten. Eine Papstmesse im Olympiastadion Berlin mit 70.000 Teilnehmern ist zunächst mal ein ganz normaler Werktagsgottesdienst, wie er in jeder Kirche gefeiert wird. Er ist nicht mehr wert, oder mit einem Generalablass verbunden, oder was man sich da sonst noch denken könnte. Und zu den Weltjugendtagen kommen hunderttausende Jugendliche nicht um den Papst zu verehren, sondern um ihren gemeinsamen Glauben zu feiern. Der Heilige Vater ist dabei Vorsteher und Katalysator, aber nicht Mittelpunkt. Mittelpunkt ist der Glaube, ist Gott. Und der zwar der gleiche Gott, den alle Christen, Juden und Muslime auch als ihren Vater ansehen.

Ich möchte also bitten und dazu aufrufen vieles etwas genauer zu betrachten und mit mehr Gelassenheit zu sehen. Der Papst ist Oberhaupt der katholischen Kirche und muss sich in dieser Rolle zuallererst um die Belange der Kirche selbst kümmern. Seine herausgehobene Stellung als moralische Instanz für sehr viele Menschen, nicht nur katholischen Glaubens, bringt natürlich eine weitere Verantwortung mit sich, aber diese erwächst nicht grundsätzlich aus seiner Position als Kirchenoberhaupt. Als Chef einer wirklich weltweiten Kirche kann und soll er sich dabei auch nicht immer um sehr spezifische Probleme einzelner, nationaler Kirchen kümmern. Das können und dürfen die Verantwortlichen vor Ort.

Und schließlich sollten viele in ihrem Umgang mit der katholischen Kirche und den Aussagen des Papstes viel öfter mal auf Polemik verzichten und sich sachlich damit auseinandersetzen. Wenn man will, kann man alles negativ sehen und falsch verstehen. Man kann aber auch einfach versuchen sich einmal in die Lage eines gläubigen und sich mit Rom verbunden fühlenden Katholiken zu versetzen. Dann wird vielleicht vieles verständlicher.

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2 Gedanken zu “Habemus Papam.

  1. Danke für diesen Beitrag eines „sich mit Rom verbunden fühlenden Katholiken“! Wegen unserer kleinen Twitterdiskussion antworte ich mal kurz hier, weil das besser geht als nur in 140 Zeichen. Ich finde deinen Beitrag gut und interessant! Dass sich zu kirchlichen Fragen immer wieder Leute äußern, die eigentlich mit Kirche und Glauben nichts zu tun haben (wollen) und das nur beschränkt legitim ist – d’accord. Gutes Beispiel mit dem Fußball! Allerdings ist zum Beispiel eine Papstrede im Deutschen Bundestag auch nicht nur ein kirchliches Ereignis, sondern ein Politikum – also gibt es wohl auch von ‚Außenstehenden‘ ein gewisses Diskussionsrecht. Die Identifikation von „Kirche“ mit ihren öffentlichen Gallionsfiguren ist natürlich zwiespältig und führt auch zu vielen Mißverständnissen. Wir haben ein ähnliches Phänomen ja auf evangelischer Seite. So haben viele in den letzten Jahrzehnten für „evangelisch“ das gehalten, was Kollege Huber oder Kollegin Käßmann öffentlich vertreten haben – obwohl es genug Christen in den evangelischen Kirchen gibt, die in vielen Punkten ganz anders dachten. Gleichwohl ist aber auf römisch-katholischer Seite durch die Lehrautorität des Papstamtes doch eine ganze andere, viel stärkere systemimanente Stringenz dogmatisiert – so dass eine Identifikation mit einer Position „der Kirche“ da vielleicht sogar berechtigter ist? Dass dich die Ökumene mit den orthodoxen Kirchen im Moment viel mehr interessiert, ist ja nur legitim. Als evangelischen und kirchenhistorisch immer noch unter damnatio der römischen Kirche stehenden Christen interessiert mich aber einfach mehr, was an ökumenischen Möglichkeiten und Signalen in unsere Richtung geht. Und da hat Benedikt XVI ganz klar gesagt, dass nicht viel gehen wird. Das finde ich gut und aus seiner Sicht legitim, schließlich ist es seine Aufgabe, seine eigene Kirche zusammen zu halten. Und das ist mal eine klare Ansage, aufgrund derer man nun weiter reden und handeln kann 🙂 Römischerseits steht „das Verständnis der Kirchenstruktur nicht zur Disposition“ schreibst du ganz richtig. Genau das ist ja einer der dogmatischen Punkte, die uns zwischen unseren Kirchen trennen. Und ich finde es gut, dass der Papst und wir beide das so klar sehen – auch das ist eine klare Ansage 🙂 Weitere theologische Fragen und auch das kirchentrennende dann „mit Gelassenheit“ anzugehen ist ganz berechtigt. Es schließt aber auch nicht aus, den Finger auch mal gelassen in immer noch vorhandene Diskrepanzen und Wunden zu legen. Und andererseits auch fröhlich auf örtlicher Ebene die „Ökumene“ zwischen evangelisch-katholischer und römisch-katholischer Kirche zu leben, die dort eben manchmal möglich ist. Und da geht meiner Erfahrung nach viel – wenn man sich gegenseitig als Christen in Verschiedenheit schätzt!

  2. „Gutes Beispiel mit dem Fußball! Allerdings ist zum Beispiel eine Papstrede im Deutschen Bundestag auch nicht nur ein kirchliches Ereignis, sondern ein Politikum – also gibt es wohl auch von ‚Außenstehenden‘ ein gewisses Diskussionsrecht.“
    Natürlich, gerade in diesem Fall ist eine große öffentliche Diskussion ja auch erwünscht. Aber wenn man sich die Angelegenheit mal sachlich betrachtet: Die allermeisten Diskussionsbeiträge haben sich nicht ansatzweise mit der Rede beschäftigt. Und man hat nach der Rede viele Kritiker doch recht schnell verstummen sehen.
    „So haben viele in den letzten Jahrzehnten für „evangelisch“ das gehalten, was Kollege Huber oder Kollegin Käßmann öffentlich vertreten haben – obwohl es genug Christen in den evangelischen Kirchen gibt, die in vielen Punkten ganz anders dachten.“
    Vielleicht muss man dazu aber auch bedenken, dass „evangelisch“ für Außenstehende sehr schwer zu begreifen ist. „Katholisch“ kann man im Zweifelsfall immer erst mal mit der römischen Lehrmeinung gleichsetzen und völlig falsch liegt man damit ja auch nie. Aber die evangelische Kirche ist derart heterogen, dass man schnell dabei ist die gewählten Vertreter gleich zu Oberhäuptern zu erklären.
    „Als evangelischen und kirchenhistorisch immer noch unter damnatio der römischen Kirche stehenden Christen interessiert mich aber einfach mehr, was an ökumenischen Möglichkeiten und Signalen in unsere Richtung geht.“
    Auch nicht so ganz, oder? Beispielsweise hab ich noch nie mitbekommen, dass sich mal jemand intensiv mit der Ökumene zwischen Rom und dem südamerikanischen Protestantismus interessiert.
    „Und da hat Benedikt XVI ganz klar gesagt, dass nicht viel gehen wird.“
    Was heißt „nicht viel“? Es ist ja nicht so, dass es keine Ökumene gäbe. Er hat lediglich gesagt, dass diese oftmals abstrusen Vorstellungen von raschen „Verbesserungen“ so nicht erfüllt werden. Ich finde schon, dass es in der Ökumene zwischen dem deutschen Katholizismus und dem deutschen Protestantismus viele, gute Errungenschaften gibt.
    „Es schließt aber auch nicht aus, den Finger auch mal gelassen in immer noch vorhandene Diskrepanzen und Wunden zu legen.“
    Nur reißt man damit aber auch allzu leicht alte Wunden auf; von beiden Seiten.
    „Und da geht meiner Erfahrung nach viel – wenn man sich gegenseitig als Christen in Verschiedenheit schätzt!“
    Volle Zustimmung!

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