Kirche, die über den Main geht.

Am 22. Oktober trafen sich gut 100 Delegierte aus allen Pfarreien des Dekanats Würzburg-Stadt im Pfarrzentrum Heiligkreuz zum gemeinsamen Studientag. Im Mittelpunkt standen dabei die Thesen des Referenten Dr. Christian Hennecke, Regens im Bistum Hildesheim, welche er unter anderem in seinem Buch „Kirche, die über den Jordan geht“ niedergeschrieben hat.

Dieser Studientag sollte ein erster Schritt auf dem Weg zu einem breit angelegten Dialogprozess in der katholischen Kirche in Stadt und Bistum Würzburg sein. Zur Teilnahme waren aus jeder Pfarreiengemeinschaft, also den in letzter Zeit installierten neuen Verbünden aus jeweils mehreren, ehemaligen Einzelpfarreien, 10 Delegierte geladen. Es kamen so insgesamt etwas über 100 Vertreter der Laien, also der nicht-geweihten Christen in den Gemeinden zusammen. Die meisten dieser Teilnehmer sind auch in ihren Pfarreien in die Laiengremien – also Pfarrgemeinderat (zuständig für Gemeinde- und Glaubensleben) und Kirchenverwaltung (Finanz- und Immobilienverwaltung) – gewählt.

Diese Laien sind natürlich zumeist ehrenamtlich sehr engagiert und haben ihren jeweils eigenen Antrieb, sich intensiv in die Kirche einzubringen und sie, wo nötig, nach ihren Vorstellungen zu verändern.

Der oft angesprochene „Dialogprozess“, bzw. nach offizieller Nomenklatur „Gesprächsprozess“ (dadurch soll das Gefühl der Zweiseitigkeit vermieden werden) soll aber in erster Linie dazu beitragen, jene Missstände und Probleme der aktuellen Situation der katholischen Kirche in Deutschland so aufzudecken und entsprechende Lösungsansätze zu entwickeln, dass gerade jene Menschen sich wieder gerne in der Institution Kirche bewegen, die dies aktuell eben nicht tun. Wir haben zur Zeit in Deutschland etwa 25 Millionen Katholiken, von denen gerade einmal etwas über 3 Millionen regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Die gewählten Laienvertreter werden dabei wohl fast ausschließlich von diesen drei Millionen gewählt, während die restlichen 22 Millionen – im demokratisch-wahltheoretischen Sinn – unberücksichtigt bleiben.

Zugleich aber sammeln beispielsweise die katholischen Sternsinger jedes Jahr am 06. Januar unvorstellbare Summen für Kinderhilfsprojekte auf der ganzen Welt. Letztes Jahr waren es über 70 Millionen Euro. Und die Spender sind nicht nur katholische Kirchgänger, sondern alle Katholiken, alle Christen und insgesamt alle Bewohner der Pfarrgebiete. Viele der Leute spenden gerne und großzügig, obwohl es sich um katholisches Projekt handelt, manche spenden aber auch gerade weil es sich um ein katholisches Projekt handelt. Es gibt hierzulande sehr viele Menschen, die das katholische Sozialwesen und die Leistungen der Kirche für die Menschen sehr hoch einschätzen, aber einfach den Weg in die Kirche nicht mehr finden.

Man kann wohl sagen, dass sich jemand, der als Kleinkind getauft wird, nicht bewusst für die Mitgliedschaft in der Kirche entscheidet. Wer aber als Erwachsener, trotz einer großen Distanz zur (örtlichen) Kirche nicht austritt, der entscheidet sich zumindest dazu bewusst. Und um genau diesen Menschen wieder mehr Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen, wie sie ganz persönlich ihren Glauben und ihre Wertvorstellungen in der Kirche wiederentdecken können, gibt sich die katholische Kirche – alle Bischöfe, Priester, Theologen und einfache, ehrenamtliche Mitarbeiter – größte Mühe einen umfassenden, belastbaren Gesprächsprozess auf den Weg zu bringen. Genau darum sollte sich dieser Studientag des Dekanats Würzburg-Stadt drehen.

Zu Beginn des Tages erläuterte der Referent grundlegend das Paradoxon des Titels „Kirche, die über den Jordan geht“. Mit dem Wort „über den Jordan gehen“ verbinden wir in erster Linie einen Abschluss, ein Ende, ein Sterben. In unserer christlichen Theologie hat das Überschreiten des Jordans aber noch eine ganz andere, gegensätzliche Bedeutung: Nach dem Exodus und der langen Wanderschaft in der Wüste ist die Überquerung des Jordans der große, entscheidende Schritt ins gelobte Land.

Um diese Aspekte – Abbruch, Aufbruch, Wüstenwanderung, Ankunft – soll sich der ganze Tag thematisch drehen.

So legte Dr. Hennecke in der ersten Einheit am Vormittag zunächst dieses biblische Bild aus und erläutert diese gedankliche Verbindung zwischen dem Weg des Volkes Gottes zu Zeiten von Moses, mit den heutigen Aufbrüchen der Kirche in unseren Bistümern.

Aus dieser Einführung wurden Fragen entwickelt und an die Vertreter aus den Pfarreiengemeinschaften gestellt. In einer ersten Diskussionssession sollen sich die Delegierten in den Gruppen ihrer Pfarreiengemeinschaften über Fragen austauschen, wie „Wo entdecke ich, wie Gott sein Volk erneuert?“, oder „Wie kann ich Menschen am Weg in die Zukunft Anteil geben und sie mitnehmen?“. Die Vorstellung der jeweiligen Gesprächsergebnisse brachten selten völlig Neues, manchmal aber auch sehr schmerzhafte Erfahrungen und oft großen Mut zutage.

Die Vertreter meiner Pfarreiengemeinschaft St. Barbara und Unsere Liebe Frau stellten fest, dass es heute verstärkt auch junge Leute gibt, die wieder – oder erstmals – den Weg in die Kirche finden. Gerade diese jungen Menschen haben eine neue Wertebasis und Wertefokussierung. Wer heute neu in die Kirche kommt, der geht bewusst und als entschiedener Christ dorthin.

Auf den Weg in die Zukunft, auf einen Weg im Glauben kann man Menschen jedoch nicht vorrangig durch Events und gute Worte mitnehmen, sondern durch ein glaubwürdiges, persönliches Zeugnis und ein offenes, unbefangenes Sprechen über den Glauben und die Glaubenswege der Menschen.

Der Nachmittag begann mit drei Persönlichen Zeugnissen von Vertretern aus den Pfarreiengemeinschaften. Sie sollten darlegen, was sie motiviert sich heute in der Kirche von Würzburg zu engagieren. Auch ich wurde einige Tage vor dem Studientag um ein solches Statement gebeten. So erzählte ich – als einer der jüngsten Vertreter an diesem Tag, sowie auch generell auf Dekanatsebene – von meiner grundsätzlichen Überzeugung, dass das Ehrenamt für die Gesellschaft essenziell wichtig ist, von dem Pflichtgefühl, dass man das Gute, was man in der Kirche erfahren hat, auch wieder zurückgeben will und vom Willen das „Ite, missa est“ ernst zu nehmen und zu leben.

Diese Statements brachten nicht unbedingt einen großen Mehrwert für die Überlegungen des Tages, waren und sind aber generell sehr interessant. Bei 100 Leuten im Saal waren natürlich auch 100 verschiedene, spannende Glaubenswege und Lebensgeschichten anwesend, die alle eine Betrachtung verdient hätten.

Im Anschluss trat Dr. Hennecke noch einmal ans Rednerpult und referierte verschiedene Ansätze aus dem Ausland, wie Kirche und Gemeinde neu gedacht und gelebt werden
kann. Er erzählte von den fresh expressions, einer Entwicklungsbewegung neuer Glaubensformen in der Anglikanischen Kirche der letzten zwanzig Jahre. Dort existieren katholische Gemeinden, die den tridentischen Messritus pflegen, heute ganz selbstverständlich neben protestantischen Gemeinden mit offenen, bewegten Lobpreisgottesdiensten, oder sogenannten Skater-Kirchen, die sich gezielt an sehr junge Menschen richten, die sonst niemals den Weg in eine räumlich und formell fixierte Kirche gefunden hätten. Und dieses Nebeneinander funktioniert, da sich alle als Teil eines großen Ganzen verstehen. Jeder hat seine eigene Form, sich in diesem Leib Christi einzufinden, aber alle werden in dieser Form respektiert und ernst genommen.

Christian Hennecke erzählte auch vom Erzbistum Poitiers in Frankreich, das mit sehr typischen Problemen der katholischen Kirche von Frankreich zu kämpfen hatte und hat: Wenig Geld, wenig Struktur und eine starke Loslösung von einer sehr säkularen Gesellschaft. Das geht soweit, dass niemand weiß, wie viele Katholiken in Frankreich tatsächlich leben, da es dort dem Staat verboten ist, die Religionszugehörigkeit der Menschen zu erfassen.

Während es – auch bei uns in Würzburg – in vielen Diözesen normal geworden ist, die Seelsorgeräume erheblich zu vergrößern, geht man in Poitiers den umgekehrten Weg: Die Gemeinden werden drastisch verkleinert und die Leitung in die Hand von Laien-Teams gelegt. Jeder getaufte Mensch ist zum allgemeinen Priestertum berufen und kann dieses auch leben. In Poitiers scheint es zu funktionieren.

Dieser Ansatz gleicht einer Geschichte aus Mexico City. In einer der größten Mega-Städte der Welt scheint ein normales Gemeindeleben nach unseren Vorstellungen unmöglich. Um dennoch Anteil an der Kirche Christi zu haben, schließen sich die Menschen in kleinen Gemeinschaften, manchmal nur die Bewohner einer Straße, zusammen und finden so eine Gemeinde. Diese ist dann nicht nur Basis des Glaubenslebens, sondern auch funktionierendes Solidar- und Sozialsystem.

Diese nachmittägliche Einheit von Dr. Hennecke war zwar mindestens so interessant und aufschlussreich, wie jene des Vormittags, zielte aber freilich nicht darauf ab Lösungskonzepte für Probleme der katholischen Kirche in Würzburg präsentiert. Dennoch bot sie einen Blick in die Zukunft der Kirche, auch hierzulande, und trug so zu einer Weitung des Verständnisses von Kirche und Gemeinde bei.

Im Anschluss wurde noch einmal eine Diskussionssession eröffnet. In dieser Runde sollten sich die Teilnehmer zu verschiedenen, selbst initiierten Themengruppen zusammenfinden. Alle Delegierten waren eingeladen ein Thema zu benennen, welches sie persönlich für besonders diskussionswürdig halten. So kamen etwa acht Gruppen zusammen, die sich mit meist schon gut beackerten Fragen beschäftigen. Besonders beachtenswert waren und sind vor allem zwei Gruppen, die sich mit ähnlichen Themen befassten. Es ging darum, wieder offener über den Glauben und Jesus Christus als die Mitte des Glaubens zu sprechen, und dadurch gleichzeitig Menschen, die fern sind, wieder näher heranzuholen.

Um dieses hehre Ziel zu unterstützen wurde die Idee geäußert, im nächsten, bzw. übernächsten Jahr um die Pfingsttage herum eine Woche des Glaubens zu installieren. In diesen Tagen sollen – in allen Pfarreien, Klöstern und kirchlichen Einrichtungen der Stadt – besondere Gelegenheiten geschaffen werden, um offen und ohne Schranken über den Glauben zu sprechen. Diese Tage sollen sich an die Nacht der offenen Kirchen anlehnen, aber weniger Event-Charakter haben.

Mein Fazit zu diesem Studientag: Die Beiträge von Dr. Hennecke waren insgesamt hochinteressant und hochaktuell. Glücklicherweise betreffen viele seiner Beobachtungen und Erfahrungen die Kirche in Würzburg noch nicht, aber mit einem realistischen Blick auf die Tatsachen, müssen wir darin unsere Zukunft erkennen. Und dass wir schon heute solche intensiven Gespräche und Gedanken zu unserer Zukunft und zu dem, was wir in dieser erwarten führen, darf uns zuversichtlich stimmen, dass auch in Zukunft sehr viel positiv auf uns warten wird. Wir müssen nur mit Mut und Engagement darauf zugehen und Kirche immer wieder neu erfinden. Letztlich geht es ja darum, den vielen Millionen Menschen, die sich der Kirche noch verbunden, aber gleichzeitig sehr fern fühlen, wieder Anreize und Möglichkeiten zu schaffen, sich in der Kirche zu bewegen und wohl zu fühlen.

P.S.: Hier findet sich ein kurzer Bericht mit einigen Photos über den Studientag aus dem Diözesanbüro, hier ein etwas umfangreicherer Bericht auf den Seiten der bischöflichen Pressestelle.

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