Feldgottesdienste – die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Würzburg

Vor ein paar Jahren erschien in der Main-Post eine kleine Serie zur Geschichte des “neuen” Stadtteils am Hubland. Ich hatte das damals zum Anlass genommen, einen Blogpost zu veröffentlichen, der die Serie sozusagen ergänzen sollte. In einem der Beiträge ging es um die letzten Gefechte des Zweiten Weltkriegs in Würzburg, welche vor mittlerweile 70 Jahren stattgefunden hatten. Schauplatz dieser Kämpfe war mein Heimatstadtteil Frauenland, mit dessen Geschichte ich mich schon als Schüler intensiv auseinandergesetzt hatte.

Der Historiker und Journalist Roland Flade ist einer der wichtigsten Experten für die Stadtgeschichte von Würzburg. In einer Serie für die Main-Post befasste er sich vor einigen Jahren mit der Geschichte des “neuen” Stadtteils am Galgenberg in Würzburg. Der Galgenberg war bis vor wenigen Jahren als US-Amerikanische Kaserne militärisches Sperrgebiet und soll zukünftig den Kern des neuen Stadtteils Hubland bilden.

Im ersten der wirklich hochinteressanten Beiträge der Serie ging es um die Rolle des Galgenbergs während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Würzburg. Als ich den Artikel gelesen hatte, waren mir sofort Querverbindungen zu einem anderen stadtgeschichtlichen Thema aufgefallen, mit dem ich mich intensiv auseinander gesetzt habe.

Als Abiturient hatte ich in meiner Facharbeit die Geschichte meiner Heimatpfarrei „Unsere Liebe Frau“ in Würzburg aufgeschrieben. Das war eine sehr spannende Arbeit, da zum damaligen Zeitpunkt keine zusammengefasste Pfarreigeschichte existierte. Meine Hauptquelle war dabei die Chronik der Pfarrei, welche bis 1970 handschriftlich vom jeweiligen Pfarrer aufgeschrieben wurde.

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In seinem Artikel beschrieb Roland Flade sehr genau die Orte der Kriegshandlungen um den 5. April 1945. Die letzte, große Stellung deutscher Soldaten befand sich zu diesem Zeitpunkt in eben jenem Gebiet am Galgenberg (Nummer 2 auf der Karte). Die amerikanischen Truppen waren über den Main bis zum Rand des heutigen Stadtteils Frauenland, direkt an der Bahnlinie (Nummer 3) vorgestoßen, und hatten dort ihre Stellungen errichtet. In diesen Stellungen lagen sie unter deutschem Feuer. Die amerikanische Invasion am 5. April schließlich in einer Zangenbewegungen von diesen Stellungen im Frauenland von der Keesburg (Nummer 4) mit Panzern in Richtung Galgenberg und Gerbrunn. Während der Kampfhandlungen vom 3. bis zum 5. April fielen insgesamt noch 1.300 Soldaten.

In einem weiteren Teil der Serie gibt Flade den Bericht eines Augenzeugen wieder, der den Einmarsch der Amerikaner am Letzten Hieb (Nummer 6) erlebt

Der Plan zeigt den Grad der Zerstörungen im Frauenland nach dem Angriff vom 16. März 1945.
Der Plan zeigt den Grad der Zerstörungen im Frauenland nach dem Angriff vom 16. März 1945.

Doch der Stadtteil war in diesen Tagen nicht nur ein Kriegsschauplatz, wie ein Blick in die Pfarreichronik zeigt. Im großen Bombenangriff vom 16. März 1945 ging Würzburg fast komplett unter. So auch die Pfarrkirche im Frauenland (Nummer 1). Vom Kirchengebäude war nicht mehr, als die blanken Außenmauern stehen geblieben. Trotzdem wurden weiterhin Gottesdienste gefeiert; bis Pfingsten 1945 in den Kellerräumen unter der Kirche (dort sind heute die Räume der Pfarrjugend untergebracht), danach in der nackten, dachlosen Kirche.

So wurden auch die Kar- und Ostergottesdienste 1945 unter dürftigsten Bedingungen im Kirchenkeller gefeiert. Der Ostersonntag 1945 fiel auf den 1. April und zu genau in diesen Tagen begann auch die amerikanische Invasion in Würzburg, welches von der Wehrmacht nach nur ein paar Tagen aufgegeben wurde.
Die Chronik der Pfarrei vermerkt für den 4. und 5. April 1945 die Anwesenheit amerikanischer Soldaten bei den Messfeiern im Keller der Pfarrkirche. Im Anschluss an die Frühmesse am 5. April, der Donnerstag in der Osterwoche, wurden alle Bewohner des Pfarrhauses, also Pfarrer, Kaplan und die Schwestern der Schwesternstation, von der amerikanischen Militärpolizei festgenommen und in ein provisorisches Gefängnis im Studentenhaus gebracht. Am Nachmittag durften sie dieses wieder verlassen.

Wenn man diese beiden Geschichtsstränge von den Kampfhandlungen einerseits und dem kirchlichen Leben andererseits zusammenfasst, ergibt sich ein beeindruckendes Bild. Anfang April 1945 wütete der Krieg im Frauenland in heftigen Häuserkämpfen, wie wir sie heute aus den tragischen Nachrichtenbildern aus dem Syrien oder dem Irak kennen. Die Bahnlinie, wo die US-Armee ihre Stellungen errichtet hatte, liegt beinahe in Rufweite zur Pfarrkirche. Die Route der US-Panzer von der Keesburg zum Galgenberg nur einige hundert Meter den Hang hinauf. In diesem ganzen Gebiet wurde hart gekämpft.

Und trotzdem sind Tag für Tag Gläubige dieses gebeutelten Stadtteils zu ihrer Kirche gegangen, um dort zu beten und gemeinsam den Gottesdienst zu feiern. Es ist für mich heute unvorstellbar, welche Willensstärke die Menschen damals gehabt haben müssen. Die Kirche im Frauenland lag inmitten des Kugelhagels. Tatsächlich sollen sich sogar einige Querschläge ins Innere der Kirche verirrt haben.

Mit dem Wissen um diese Geschichte durch den Stadtteil zu gehen, ist für mich gleichsam bedrückend wie beeindruckend. Dort, wo vor nicht einmal 70 Jahren hunderte Soldaten in den Salven der schweren MGs ihr Leben lassen mussten, sind heute Spielplätze, Schulen, kleine Geschäfte … Ein lebendiger, friedlicher Stadtteil eben. Aus den Schuttbergen der Jugendzeit meiner Großeltern ist das behütete Wohnviertel auferstanden, in dem ich aufwachsen durfte. Eine wundervolle Ostergeschichte.

Hinweis: Bei den Abbildungen handelt es sich um Scans aus der Chronik der Pfarrei Unsere Liebe Frau, Würzburg. Die jeweiligen Urheber konnte ich leider nicht ermitteln.
Dieser Artikel wurde im November 2011 veröffentlicht und Anfang April 2015 komplett überarbeitet.

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