Trügerische Springerstiefel.

Die Main-Post hat heute auf der Titelseite ein großformatiges Bild von zwei sogenannten Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln. In der Bildunterschrift wird festgestellt, dass das Bild von Neonazis als stupide Schläger mit Springerstiefeln angesichts der durchorganisierten Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ revidiert werden muss.

Ich störe mich ganz erheblich an der Auswahl dieses Photos. Es ist ein immer noch weit verbreiteter Irrglaube, dass man die Begriffe „Skinhead“ und „Neonazi“ gleichsetzen könnte. Damit einher geht die falsche Annahme, dass weiße Schnürsenkel in Springerstiefeln, beispielsweise der Marke Doc Martens, auf eine politische Gesinnung schließen lassen würden.

Mir stößt vor allem deswegen sehr auf, da es einen großen Teil der Realität einfach ausblendet. Aber der Reihe nach.

Springerstiefel waren ihrem Ursprung nach robuste, günstige Arbeitsstiefel, die in der Zeit der materiellen Unterversorgung nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden. Von Grund auf also unverdächtig.

Schon die Skinheads der ersten Stunde trugen diese Stiefel,  um ihrer proletarischen Herkunft der englischen Arbeiterviertel Rechnung zu tragen. Das war gegen Ende der 1960er Jahre, allgemein nennt man 1969 als Geburtsjahr der Skinhead-Bewegung. Grundsätzlich handelte es sich dabei um eine unpolitische Jugendkultur, die sich von der Hippie-Bewegung abgrenzen wollte.

Etwa in den 1980er Jahren bildeten sich innerhalb dieser Jugendkultur politische Strömungen jeder Couleur, darunter auch Neonazi-Skins. Die weitaus meisten Skins, darunter vor allem auch die Traditionalisten, grenzten sich in der Folgezeit stark von dieser Strömung ab. Ein Beispiel hierfür ist die Ende der 1980er Jahre gegründete SHARP-Bewegung (SkinHeads Against Racial Prejudice). Ein anderes, eher amüsantes Beispiel sind die „Jesus Skins“, eine christliche Oi!-Band aus Hamburg. Die Jesus Skins machen im (leider) relativ kleinen Kreis derer, die sie überhaupt kennen, mit Textzeilen, wie „77 heißt ‚Grüß Gott!‘ und 88 Nazischrott“ auf sich aufmerksam.

Gerade in der Frühzeit der Skinhead-Bewegung war diese auch keineswegs auf weiße Jugendliche beschränkt, was sich unter anderem auch in der Musik ausdrückt. Etwa der Ska ist als ursprünglich jamaikanische Musik heute fester Bestandteil der Punk- und Skin-Kultur.

Skinhead bezeichnet also wesentlich mehr, als den stumpfen rechten Schläger mit Bomberjacke und Baseballschläger. Was haben nun die Schnürsenkel damit zu tun? Im Grunde gar nichts. Weiße Schnürsenkel zu Springerstiefeln findet man überall dort, wo diese Stiefel als Teil der kulturtypischen Kleidung, bzw. des Kleidercodes getragen werden. Weiße Schnürsenkel sind also genauso szenetypisch oder szeneuntypisch für die Neonazi-Bewegung, wie der Skinhead-Stil insgesamt. Durch die Verknüpfung von weißen Schnürsenkeln mit der Neonazi-Bewegung seit den 1980er und 1990er Jahren allerdings, verzichten viele Skins auf diese Kombination. Gerade bei traditionsbewussten Punks und Skins kann man diese Schnürsenkelfarbe aber nach wie vor sehen; so wie viele andere auch.

Einschub: Ähnlich sieht das übrigens mit Bekleidung der Marken Lonsdale und Fred Perry aus. Beide Marken mühen sich schon seit längerem, sich vom politischen Gedankengut ihrer Kunden weitgehend zu distanzieren. Und die weitaus meisten Kunden verbinden mit dem Tragen der Kleidung auch keine Gesinnung. Dennoch wird gerade die Marke Lonsdale nach wie vor als „Neonazi-Marke“ gebrandmarkt, was ebenfalls einfach falsch ist.

Das ist die eine Seite des Problems. Die andere Seite, welche von der Main-Post wenigstens halbwegs angerissen wurde, ist aber fast noch gewichtiger. Rechte Extremisten und Neonazis (dieses Wort gefällt mir eigentlich nicht, da ich es für unzureichend definiert erachte) treten längste nicht mehr nur als prügelnde Glatzen auf. Ich wage sogar zu behaupten, dass jener Teil dieser Bewegung, der so auftritt, der gesellschaftlich deutlich weniger gefährliche ist.

Viel gefährlicher, da aufgrund der Stereotypenbildung fast unbeachteter, sind jene rechten Extremisten, die unter dem Schlagwort „Autonome Nationalisten“ geführt werden. Der Name impliziert schon eine gewisse Ähnlichkeit zum linken Extremismus des „Schwarzen Blocks“. Tatsächlich treten diese Ultra-Rechten mit der gleichen Kleidung – schwarze Hoodies, Turnschuhe, Baseball-Kappen, schwarz vermummt – und einer sehr ähnlichen Symbolik auf. Sogar die Schlagwörter, Transparente und sonstige Propaganda lassen sich oftmals auf den ersten Blick nicht mehr von extremistischen Gruppierungen aus dem linken Lager unterscheiden. Diese „Autonomen Nationalisten“ speisen sich zum großen Teil aus dem Kreis der „Freien Kameradschaften“, welche medial eine deutlich größere Beachtung finden. Besonders sollte man hierbei auch die Musik dieser Bewegung beachten. Bei rechtsextremer Musik denkt man zunächst einmal an den sogenannten „Rechtsrock“, also musikalisch zumeist vollkommen anspruchslosen, lauten Hard-Rock mit schlechten, zumeist propagandistisch und ideologisch vollgestopften Texten. Die neue Art der rechten Musik ist dagegen stilistisch grundsätzlich anders. Mittlerweile hat sich eine Form von nationalistischem und rechtsextremem Hip-Hop etabliert. Dieser kann musikalisch deutlich hochwertiger produziert werden und auch die Texte wirken deutlich subtiler und freier von Parolen und Schlagwörtern.

Diese Szene finde ich vor allem deswegen so gefährlich, da sie relativ unbemerkt auch im Westen der Republik Fuß fassen kann, da sie ja nicht als der extremen Rechten zugehörig gesehen wird. Und dieses Problem werden wir nicht in den Griff bekommen, wenn wir das rechtsextreme Fußvolk immer wieder mit weißen Schnürsenkeln in Springerstiefeln assoziieren.

Im Übrigen halte ich den dritten Zweig der extremen Rechten – die Parlamentarier der NPD – für den ungefährlichsten und bin auch grundsätzlich gegen ein Verbot dieser Partei. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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