Traurige Sternstunde.

Die 11Freunde ist mir nicht nur eine der liebsten Fußballzeitschriften, sondern sogar eine der liebsten Zeitschriften überhaupt. Sie beschäftigt sich nicht in erster Linie mit Spielergebnissen, Tansfergerüchten und anderen, alltäglichen Fußballthemen, sondern mit der Fußballkultur. Fußballkultur ist für viele ein recht ungebräuchlicher Begriff, ein Oxymoron beinahe. Es ist aber tatsächlich so, dass der Fußball und das Fanwesen eine eigene Kultur bilden; mit allem was dazu gehört. Es gibt eine eigene Sprache, eigene Gesänge, eine bestimmte Kleidungskultur, Orte der gemeinsamen Zusammenkunft und vor allem eine lange Geschichte.

Die 11Freunde beschäftigen sich oft und gerne mit der Geschichte des Fußballs. So gab es beispielsweise in der letzten Ausgabe ein Interview mit Bernd Schuster, in welchem er auch über seine großen Zeiten in den 80er Jahren an der Seite von Diego Maradona beim FC Barcelona, oder anschließend bei Real Madrid sprach. Im Internet gibt es Bildstrecken der hässlich-hübschesten Panini-Bilder vergangener Jahrzehnte. Ein ganzer Beitrag widmet sich der Bedeutung Ernesto „Che“ Guevaras für millionenschwere Fußballprofis und dessen eigener Beziehung zum Fußball.

In der aktuellen Ausgabe (#121) ist nun wiederum ein Artikel zu einem Moment der Fußballgeschichte erschienen. Es ist wohl einer der traurigsten Momente in der Geschichte dieses Sports gewesen: Die Katastrophe des 15. April 1989 in Sheffield, das Hillsborough-Desaster.

Beim Halbfinale des FA-Cup (englischer Verbandspokal) zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest ereignete sich im Stadion von Sheffield eine schreckliche Katastrophe, als 96 Menschen in einem Massengedränge zu Tode kamen. Mehrere hundert weitere Fans wurden teilweise schwer verletzt. Tausende Anwesende und Hinterbliebene bleiben zeitlebens traumatisiert, mancher hat das „Überleben nicht überlebt“, wie 11Freunde den Suizid eines damals Anwesenden beschreibt.

Doch so tragisch dieser Tag an sich schon war, wurde er auch durch das Verhalten der britischen Öffentlichkeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer nationalen Tragödie. Das Hillsborough-Desaster ereignete sich nur etwa vier Jahre nach der Katastrophe von Heysel, dem großen Fußballstadion in Brüssel. Damals stürmten Anhänger des FC Liverpool im Stadion einen Block mit Fans der gegnerischen Mannschaft (Juventus Turin) und verursachten eine Massenpanik, in deren Folge Teile des Stadions einstürzten und 39 Menschen ihr Leben verloren. Im April 1989 waren wiederum die Fans des FC Liverpool an der Katastrophe beteiligt und so urteilten etliche Medien kurzerhand, dass wieder die Liverpudlians für das Unglück verantwortlich seien.

Besonders das Boulevardblatt „The Sun“ tat sich damals in beschämender Weise als Hetzer gegen die Fans des FC Liverpool hervor. So warf sie ihnen beispielsweise vor, dass sie Leichen ausgeraubt, Rettungsmaßnahmen verhindert und sogar auf Polizisten uriniert hätten.

Noch im Jahr 1989 wurde ein Bericht über die Geschehnisse veröffentlicht, der sogenannte Taylor-Report. Dieser allerdings unterbreitete zwar viele Vorschläge, wie man derartige Katastrophen zukünftig verhindert könnte, enthielt aber nicht wirklich eine Rekonstruktion der Geschehnisse.

Bis heute sind die gesammelten Unterlagen und Akten zur Katastrophe von Sheffield der Öffentlichkeit nicht zugänglich oder aufbereitet. Wohl gerade die vergangenen Regierungen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass die volle Wahrheit nicht ans Licht kommen konnte. Und hier kommt wieder der fulminante Artikel aus der 11Freunde ins Spiel. Er befasst sich nämlich vorrangig mit der Leistung eines englischen MP, Steve Rotheram. Rotheram ist gelernter Maurer und war 1989 selbst im Hillsborough-Stadion. Auf seine Initiative hin wurde jetzt im Oktober 2011 schließlich im britischen Unterhaus beschlossen, dass die Akten aufgearbeitet und der Öffentlichkeit komplett zugänglich gemacht werden sollen. Ihm geht es um Gerechtigkeit – Justice for the 96. Aber es geht um viel mehr, als die 96 Opfer. Es geht um die Hinterbliebenen und die gesamte britische Fußballnation, die jetzt nach über 22 Jahren vielleicht endlich erfahren wird, was damals tatsächlich zu diesem Unglück geführt hat. Nach aktuellem Stand der Dinge war es wahrscheinlich ein Totalversagen der Sicherheitskräfte, die Fans ungehindert in bereits voll besetzte Blöcke hatte strömen lassen.

Alleine hätte Rotheram diese Initiative aber nicht bewältigen können. Ihm halfen über 140.000 Bürger, die im Internet eine Online-Petition gezeichnet und so ein Novum in der britischen Geschichte herbeigeführt hatten, indem die Petition zur Behandlung ins Parlament verwiesen wurde.

Im Internet gibt es den kompletten Video-Mittschnitt der Parlamentsdebatte zu sehen (Hinweise zum Video s. u.). Und dieses Video ist in mehrfacher Weise beeindruckend. Es ist ein hochemotionales Thema. Und diese Emotionen werden in der Parlamentsdebatte spürbar. Für mich, der ich oft und gerne Parlamentsdebatten verfolge, war es ein absolut einzigartiges Erlebnis, die Redner dieser Debatte anzusehen. Und zwar nicht nur, weil sie sich alle einig waren; das gibt es tatsächlich in jedem Parlament von Zeit zu Zeit. Vielmehr ist es überwältigend, wie sehr auch an einem so sachlichen, von technischen Abläufen geprägten Ort hochemotionale Momente geschehen können.

Der erste Beitrag der Debatte kommt von Steve Rotheram. Er ist durchdacht, ergreifend und macht die Gefühlslage dieses Mannes, der damals selber im Stadion hätte sterben können, jedem Zuhörer sofort klar.

Im Verlauf der Debatte spricht auch die junge Abgeordnete Alison McGovern. Sie stammt aus der Nähe von Liverpool, ist selber Fan des FC Liverpool und war es schon 1989. Sie erzählt, dass sie damals 8 Jahre alt war und gerade begonnen hatte, mit ihrem Vater regelmäßig ins Stadion zu gehen. Das Sprechen über Hillsborough fällt ihr sichtlich schwer. In den gut 10 Minuten Redezeit muss sie mehrmals unter Tränen innehalten, ihre letzten Sätze gehen ihr kaum noch über die Lippen:

„Only then, when we know the truth can we have justice. And we can hold up this record and say: this then is the truth. This is how our loved ones died. May such a thing never happen again. And their memory will never leave our hearts.“

Ich habe mir diese Ausschnitte mehrmals angesehen. Nicht, weil ich sensationslüstern wäre und mich am Unglück anderer Menschen erfreue. Nein, ich bin tief beeindruckt von der Humanität dieses Parlamentes. Die Hohen Häuser unserer Welt werden – gerade in der gegenwärtigen Zeit – nur allzu oft als nutzlose, lebensfremde und überhebliche Quasselbuden abgetan. Das Beispiel dieser Debatte zeigt das Gegenteil. Diese Parlamentarier sind näher dran an der Thematik als die meisten Wähler. Und abseits aller technischer Gesetzgebung, hitziger Haushaltsdebatten und sonstiger, für viele Außenstehende schwer zu begreifenden Parlamentsgepflogenheiten, sind sie hier ganz Mensch. Es geht hier nicht mehr darum sich selber zu schützen, oder dem politischen Gegner Vorwürfe zu machen. Die 11Freunde nennt es eine Totenmesse, es ist schon längst keine einfache Debatte mehr.

Man kann es tragisch nennen, dass diese Sternstunde des Parlamentarismus zugleich für eine der dunkelsten Stunden einer ganzen Nation steht. Aber auch in der Tragik der Situation empfinde ich diese Debatte als etwas Großartiges. Denn sie zeigt, dass Parlamentarier auch ab und an ganz einfache Menschen sind. Ich empfehle diese Debatte jedem, der mit dem Parlamentarismus hadert. Und ich empfehle sie jedem Parlamentarier.

Hinweise zum Video: Das Video der Debatte dauert über 4 Stunden und daher doch etwas zu lang, um es komplett zu sehen. Der Beitrag von Steve Rotheram kommt gleich zu Beginn. Alison McGovern spricht etwa ab 3:06:30.

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