Ein Jahr in Tönen.

Ein ordentlicher Blog braucht wohl einen Jahresrückblick. Und da ich ja ein pflichtbewusster Mensch bin, werde ich mit Freuden einen solchen Rückblick tätigen. Allerdings werde ich hier niemanden mit persönlichen Meilensteinen langweilen; sowas lese ich selber auch überhaupt nicht gerne. Ich will das ganze musikalisch angehen.

Ehrlich gesagt bin ich auch überhaupt erst auf die Idee zu diesem Beitrag gekommen, als ich die Tage eine Mix-CD für eine Freundin zusammengestellt habe. Weil mir nichts Besseres eingefallen ist, habe ich kurzerhand jeweils einen Titel der zehn neuen (bzw. neu erworbenen) Alben ausgewählt, die mir dieses Jahr am meisten Freude bereitet haben. Die stilistische Bandbreite war dabei auch für mich überraschend groß. Zwischen Sigur Rós und Johnny Cash vermutet man normalerweise Welten, auf meiner Kompilation liegen dazwischen nur fünf Titel.

Um den Rahmen nicht zu sprengen will ich aber nur fünf meiner zehn favorisierten Alben aus 2011 hier kurz vorstellen. Den Anfang machen Sigur Rós. Mancher wird schon mal mit dieser Band in Berührung gekommen sein. Immerhin sind sie nicht nur die bekannteste Gruppe aus Island (vielleicht neben Björk), sondern prägen für die meisten Menschen auch das Bild isländischer Musik. Das ist auch gar nicht mal so falsch. Die Isländer legen zwar großen Wert darauf, dass es noch andere tolle Bands von der Insel gibt, wenn es aber überhaupt einen typisch isländischen Sound gibt, dann ist es wohl sicherlich der von Sigur Rós.

Ich habe mir dieses Jahr als erstes Album von Sigur Rós Takk… aus dem Jahr 2005 zugelegt. Das Album – wie alle Musik von Sigur Rós – lebt in erster Linie von der Atmosphäre, die durch sehr außergewöhnliche Klangwelten erzeugt wird. Man hört sich diese Musik nicht an, weil man die Texte gut findet; das ginge auch gar nicht, immerhin sind die Texte entweder isländisch, oder in einer Phantasiesprache geschrieben. Man hört diese Musik um der Gefühle und Bilder willen, die sie im Kopf erzeugen.

Das nächste Album ist das jüngste und zugleich auch dasjenige, bei dem ich mir noch am wenigsten sicher bin, ob ich es wirklich toll finde. Coldplay haben dieses Jahr mit Mylo Xyloto ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht und damit gleich mal richtig Erfolg gehabt. Man wird wohl sagen dürfen/müssen, dass sie mittlerweile im Mainstream angelangt sind; was mir eigentlich gar nicht gefällt. Allerdings dürfte den meisten dieser Chart-Hörer nicht bewusst sein, dass es vor Viva la Vida auch schon großartige Coldplay-Platten gab, was mich wiederum beruhigt. Denn an Mylo Xyloto gefällt mir bisher am meisten, wie sehr sich anhand dieser sehr elektronisch geprägten Platte der musikalische Werdegang der Band erkennen lässt. Ich weiß nur eben noch nicht, ob mir die Richtung dieser Entwicklung gefällt. Einerseits höre ich mittlerweile auch ganz gerne mal elektronische Musik, andererseits werde ich immer ein großer Fan des klassischen, britischen Indie sein, den Coldplay ja doch maßgeblich mit geprägt haben.

Das dritte Album ist Walls von An Horse. Das Duo stammt aus Australien und hat mit Walls in diesem Frühjahr sein zweites Album veröffentlicht. In Deutschland werden sie auf dem Hamburger Label Grand Hotel van Cleef verlegt, welches gleichzeitig auch das Booking übernimmt. Dem geneigten Indie-Hörer sollte das schon Information genug sein. Tatsächlich haben An Horse nach dem Release ihres ersten Albums Rearrange Beds in 2009 einen recht steilen Aufstieg erlebt. Maßgeblich dazu beigetragen haben ihre Support-Auftritte bei bekannten Indie-Größen wie Death Cab For Cutie oder Tegan And Sara. Ich hatte mir Rearrange Beds schon direkt nach dem Release bestellt und mich dementsprechend auf das neue Album gefreut. Und ich bin ziemlich glücklich damit. Die Musik wirkt insgesamt etwas elaborierter und bewegt sich auf handwerklich hohem Niveau. Die 13 Titel auf Walls sind allesamt geeignet um sich als Melodie im Ohr fest zu setzen.

Das vierte Album ist ebenfalls 2011 erschienen und dürfte wohl die mit Abstand meisten Wiedergaben auf meinem iTunes-Zähler haben. Wild, Blue & True von Markus Rill ist das neueste Werk des gegenwärtig zweifelsohne besten Musikers aus Würzburg. Ich höre seine Musik aus zwei Gründen sehr gerne: Erstens ist sein Songwriting einfach außergewöhnlich gut. Man merkt jedem Text an, dass er mit viel Fingerspitzengefühl und in echter Handarbeit entstanden ist. Seine häufigen Veröffentlichungen von neuen Ideen, Fragmenten und neuen Songs auf seinem eigenen Blog tragen dazu natürlich auch erheblich bei. Zweitens aber hat sich mir die wunderbare Welt der Americana-/Folk-/Country-/Roots-Musik erst so richtig nach dem Hören seiner Musik eröffnet. Die eigentlich engen Verbindungen zwischen klassischem Rock and Roll und wiederum klassischer Country-Musik war mir früher einfach nicht so gegenwärtig. Noch dazu spiele ich ja selber leidenschaftlich gerne Gitarre, weshalb mir hörbar handgemachte Gitarrenmusik noch immer am besten gefällt. Und wenn dann jemand, wie Markus Rill, alleine nur mit seiner Gitarre auf der Bühne steht und wunderbare Lieder singt, kann ich mich in diese Musik besonders gut hinein fühlen. Wild, Blue & True sind 48 Minuten Musik, die ich nicht mehr missen möchte.

Den fünften Platz teilen sich zwei Alben, die aber auch in gewisser Weise zusammen gehören. Es sind von Johnny Cash Orange Blossom Special und von Bob Dylan Nashville Skyline. Orange Blossom Special ist das jüngere der beiden Alben und wurde 1965 veröffentlicht (Nashville Skyline 1969). Auf diesem Album spielte Johnny Cash auch drei Titel von Bob Dylan ein, welchen er erst kurz zuvor kennen gelernt hatte. Die Aufnahmen zu Nashville Skyline 1969 in Nashville dann fanden auch in Zusammenarbeit mit Johnny Cash statt. Leider hat es nur eines der gemeinsamen Stücke auf das Album geschafft, dafür auch
gleich das schönste: Girl From The North Country. Allein wegen dieses Stückes hatte ich mir im Sommer das Album gekauft. Und es hat sich wahrlich gelohnt. Beide Alben strotzen nicht gerade vor epochalen Aufnahmen und wirklich Neues ist darauf auch nicht zu entdecken (vorausgesetzt man kennt sich grundlegend mit der Musik von Cash und Dylan aus). Dennoch sind beide Alben vor allem im Zusammenspiel einfach großartig. Bob Dylan darf man getrost als einen der größten Songwriter der Musikgeschichte bezeichnen und Johnny Cash hat die Musikwelt seiner Lebzeiten geprägt wie wenige andere sonst. Ich habe die Stücke von Dylan und Cash immer schon sehr gemocht, aber erst durch diese beiden Alben habe ich gelernt, wie sehr sich diese beiden Ausnahmemusiker in ihrer Genialität gegenseitig gefördert haben.

Das also sind meine Top5-Alben 2011. Überrascht? Ich bin es jedenfalls. Ich hätte mir vor drei, vier Jahren niemals auch nur vorstellen können, dass ich einmal so unterschiedliche Musikrichtungen in einem so engen Zusammenhang sehen könnte. Und doch störe ich mich nicht daran. Es ist die Vielfalt unserer iTunes-Mediathek, die uns definiert. Und ich kann von mir immerhin behaupten, dass ich meine Grenzen in diesem Jahr ein Stück weit aufgebrochen und meinen Horizont erweitert habe. Und das macht Lust auf mehr! Ich freue mich schon auf das nächste Jahr und das, was es musikalisch für mich bereithält.

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