Entweltlichen wir uns!

Nachdem ich in den vergangenen zwei Tagen insgesamt fast 10 Stunden in Regional- und Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn verbracht habe (die letzte Stunde habe ich immerhin bald erreicht), konnte ich die Zeit mal für die ein, oder andere Zeile für diesen Blog nutzen.

Ein Thema, welchem ich mich schon länger mal etwas intensiver widmen wollte, ist das Verhältnis von Kirche und Staat. Erst mal ein ganz schöner Brocken. Man kann das Thema aber auch auf ein paar Kernfragen konzentrieren, und dann ist es schon nicht mehr so sperrig.

In letzter Zeit gab es gleich mehrere Momente, die meine Haltung zu diesem Thema vielleicht nicht völlig verändert haben, aber mich gedanklich zumindest bewegt und vielleicht auch vorangebracht haben. Ich will hier besonders drei Momente betrachten. Das (auch in chronologischer Reihenfolge) erste Moment war eine Ansprache von Papst Benedikt anlässlich seines Besuchs in Deutschland im September vergangenen Jahres. Der zweite Moment ist meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema, auf die noch ein paar andere Einflüsse einwirken. Und schließlich hat drittens vor einigen Tagen der bekannte Professor aus Heidelberg, Prof. Dr. Paul Kirchhof im Rahmen eines Neujahrsempfanges des Bistums Würzburg einige sehr gewinnbringende Gedanken zu diesem Thema geäußert.

Beginnen wir mit der Papst-Rede. Er sprach in Freiburg vor „in Kirche und Gesellschaft engagierten Katholiken“. Wenn diese Ansprache auch wenig Beachtung fand, so war trotzdem eine Aussage darin, welche die Rolle der Kirche in unserer Gesellschaft auf mittlere bis lange Sicht deutlich verändern könnte. Er sprach von einer Entweltlichung der Kirche.

„[Die Kirche] gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin. Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muß die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden. (…) Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zur Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben. Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedesmal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt.“

Eine harte Aussage von einem Papst vor den Vertretern der katholischen Kirche eines Landes, in der Sie es einfacher als an den meisten anderen Orten dieser Welt hat, ihren materiellen Reichtum zu fördern und zu pflegen. Aber gerade deswegen ist dieser Satz so beeindruckend und so richtig. Gerade die enge Verbindung von Kirche und Staat über die Kirchensteuer halte ich mittlerweile auch für bedenklich. Allerdings nicht aus der Perspektive eines auf Laizismus bedachten Staatsbürgers – das vielleicht zu einem gewissen Teil auch – sondern vielmehr als engagierter Katholik, der die Probleme der Erreichbarkeit der Menschen durch die gemeindliche Arbeit quasi Tag für Tag sieht. Dazu später mehr.

Machen wir weiter mit dieser etwas mysteriösen eigenen Auseinandersetzung. Im Klartext bedeutet das, dass ich mich im Nachgang der zitierten Papstrede natürlich gedanklich mit diesen Aussagen befasst habe. Der Zufall wollte es vielleicht so, dass ich nur kurze Zeit später erstmals mit den Thesen von Dr. Christian Hennecke in Kontakt gekommen bin. Ich hatte darüber ja auch hier im Blog geschrieben. Ein wichtiges Ergebnis dieser Zusammenkunft war die Erkenntnis, dass wir als deutsche katholische Kirche in der Suche nach Lösungsansätzen der bekannten Probleme immer wieder auch ins Ausland blicken müssen, wo sich die Kirche in einer ganz anderen Situation befindet. Eines der Beispiele stammte ausgerechnet aus Frankreich, dem Land mit der wohl stärksten Trennung von Staat und Kirche in Europa. Es ist bestimmt keine neue Einsicht, dass Probleme am effektivsten dort gelöst werden, wo sie am schwersten wiegen. Aber diese Überlegung, dass die Schwierigkeiten in der pastoralen dort effektiver überwunden werden, gerade weil die infrastrukturellen Möglichkeiten wesentlich geringer greifen, war zumindest mal mir neu. Aber auch dazu später mehr.

Nun zur Rede von Professor Kirchhof. Leider war ich bei diesem Neujahrsempfang persönlich nicht anwesend, aber das Bistum Würzburg hat dankbarer Weise die Möglichkeiten des Internet entdeckt, und die Ansprache als Audio-Datei zum Download bereit gestellt.

Eines vorweg: Die Rede hat mich sehr begeistert! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Prof. Kirchhof zuvor schon einmal in einem akademischen Rahmen hätte sprechen hören. Insofern war ich zunächst einmal von seinen rhetorischen Fähigkeiten und vor allem von seiner schlüssigen, nachvollziehbaren und geistreichen Argumentation angetan. Er sprach zum Verhältnis zwischen Staat und Kirchen und die Bedeutung des wechselseitigen Einflusses. Ich empfehle die etwa 50 Minuten lange Rede jedem, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Kirchhof hat dabei weder der katholischen Kirche als Gastgeber unnötig Honig ums Maul geschmiert noch versucht in vollkommen rationaler Weise das Staat-Kirche-Verhältnis zu definieren.

Für mich der Kern der Ausführungen Kirchhofs ist seine Entwicklung der Bedeutung der Rolle der Kirche als gesellschaftliche Gruppe zur Erfüllung des Rechtssystems mit Werten. Er sagt, und ich teile diese Ansicht, es ist nicht Aufgabe des Staates, Sinnfragen zu stellen. Dies ist die Aufgabe des Bürgers allein. Ebenso darf die Legislative die Gesetze nicht aufgrund einer weltanschaulichen Voreingenommenheit erlassen. Es ist gleichwohl legitim, wenn die Kirchen als gesellschaftliche Lobbygruppen versuchen ihren Wertvorstellungen entsprechend Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Die Herausforderung für die gesetzgebende Gewalt besteht dann darin, den Zwiespalt zwischen den legitimen und willkommenen Einflüssen einerseits, und der weltanschaulichen Neutralität des Staates andererseits zu einem gewinnbringenden Zusammenspiel zu wandeln.

Die Erfüllung gesetzlicher Normen mit Werten, oder vielmehr Weltbildern ist notwendig, da das Rechtssystem Menschenrechte zwar festlegen, nicht aber definieren kann. Die Würde des Menschen ist kein Wert an sich. Sie kann gesetzlich verankert, nicht jedoch definiert werden. Erst durch den geistesgeschichtlichen Hintergrund des Christentums wird daraus eine greifbare Norm. Die Würde des Menschen leitet sich dann aus seiner Eigenschaft als Abbild Gottes ab. Das Imago Dei ist insgesamt ein Punkt, den Kirchhof während seiner Ansprache oft einflicht.

Dieser Leitgedanke Kirchhofs steht den vorherigen beiden Punkten in gewisser Weise gegensätzlich gegenüber. Einerseits geht es um eine konsequente Loslösung der Kirche von staatlichen Institutionen, andererseits wird die notwendige Abhängigkeit beider voneinander erkundet.

Ich meine, dass beide Seiten unabdingbar miteinander zu tun haben.

Die Kirche muss sich entweltlichen. Und zwar um ihrer selbst Willen. Die dauernde Abhängigkeit von staatlichen Einrichtungen, in erster Linie die Verquickung im Steuersystem, sind sowohl aus verfassungsrechtlicher Sicht eine Herausforderung, als auch aus kirchlicher Sicht ein vielleicht allzu weltlich Ding. Es mögen wohl viele anderes sehen, aber gerade diese fiskalische, bzw. finanzielle Verlässlichkeit wirkt nach meinem Dafürhalten als stark entwicklungshemmend. Wo sich die Kirche, oder vielmehr die Gemeinden, keine Sorgen um ihre wirtschaftliche Sicherung machen müssen, da werden sie sich auf dieser Sorglosigkeit ausruhen und letztlich auf alten, sicheren Wegen bleiben, auch wenn diese in eine möglicherweise schlechte Zukunft führen werden.

Ein ebenfalls unglücklicher Nebeneffekt dieser Verstaatlichung der Kirche ist die daraus resultierende Verschlossenheit gegenüber vielleicht notwendigen Änderungsprozessen. Wenn wir die angesprochenen französischen Gemeinden und ihre progressiven Formen gemeindlicher Arbeit betrachten, dann denke ich, dass diese Reformorientiertheit auch aus dem Wissen resultiert, dass es keine Sicherheiten gibt, auf die man sich verlassen könnte. Wo weder strukturelle, noch finanzielle Umstände gegeben sind, muss man sich unter Umständen laufend neu erfinden, um zumindest kurzfristig gesicherte Umstände herbeizuführen. Ich denke, dass die Stärke dieser kleinen Gemeinden gerade in ihrer strukturellen Schwäche liegt.

Es soll sicherlich nicht Ziel der Kirche hierzulande sein, sich derart radikal zu entweltlichen, dass sie sich auf einer ähnlichen Ebene, wie die Kirche von Poitiers wiederfindet. Wirtschaftliche Sicherheit bringt ja auch große Möglichkeiten und Perspektiven mit sich. Aber man kann seine Perspektiven auch und gerade durch das freimachen von wirtschaftlichen Belangen grundlegend verändern und vielleicht erweitern. Es ist ein schwacher Vergleich, aber der Heilige Franziskus hat uns das ja vorgemacht. Erst durch die radikale Hinwendung zur Armut hatte er letztlich alle Möglichkeiten seiner Sendung auch zu folgen.

Ich will nun nicht in allzu tiefes Pathos abgleiten, aber dieser Gedanke beeindruckt mich. Ich bin fest davon überzeugt, dass – und hier bediene ich mich eines Gedankens von Dr. Hennecke – Veränderungen sich nicht immer nur in faktisch sichtbaren Änderungen beispielsweise der Struktur äußern müssen. Es geht hier um eine geistige Bewegung, vielmehr eine geistliche Beweglichkeit.

Und trotzdem, das ist für mich elementar wichtig, darf diese Entweltlichung nicht in einer Selbstausgrenzung gipfeln. Die Kirche soll und muss dennoch in der Mitte der Gesellschaft verankert bleiben. Gerade in unserer modernen Gesellschaft, die den Menschen zum absoluten Bezugspunkt gemacht hat ist eine moralische Konstante unabdingbar. Die Welt geht in ihrer eigentlich unbegreiflichen Weite entscheidend über den Menschen hinaus. Eine Gesellschaft, die jegliche Transzendenz aus ihrem öffentlichen Bewusstsein tilgen will, kann dies aber niemals ausreichend würdigen. Allein schon dafür brauchen wir auch die Hilfe der Kirche.

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