Spott und Häme der Tageszeitung!

Am Dienstag, 06. März 2012, fand in Gerolzhofen (fragt am besten ihn, wo das liegt) eine Podiums-Veranstaltung mit dem wohlklingenden Titel „Nichts ist älter als die Zeitung von heute – die Nachrichtenbranche zwischen schneller Neugierbefriedigung und ethischer Verantwortung“ statt. Die Besetzung des Panels war noch mehr Anreiz zur Teilnahme: Neben Moderator Andreas Kemper nahmen Anton Sahlender, Pfarrer Heiko Kuschel, Alexander von Halem und Eberhard Schellenberger an der Diskussion teil. Da fährt man doch gerne 40 km einfach durchs schöne Frankenland.

Eigentlich wollte ich dazu gar nichts mehr schreiben. Gestern bin ich nicht dazu gekommen und hatte auch nur bedingt Lust, heute waren die Erinnerungen wiederum schon etwas zu arg verblasst. Nun kam aber am Mittag der Bericht der Main-Post, bzw. von Redakteur Roland Schmitt-Raiser. Und der ist leider alles andere, als zufriedenstellend.

Vorab mal ein paar Infos zur Szenerie: In die Johanniskapelle in Gerolzhofen waren laut Main-Post etwa 60 Zuhörer gekommen; wird wohl so auch stimmen. Aus Sicht des Publikums auf der rechten Seite des Podiums war eine Leinwand aufgebaut, welche mittels Beamer zur Twitterwall gemacht wurde (Hashtag #geomj). Eigentlich ja eine großartige Sache. Eine Rotte Twitterati war auch zugegen und saß praktischerweise größtenteils direkt vor der Twitterwall. Die Podiumsdiskutanten konnten die Wall zwar nicht wirklich einsehen, hatten aber, zumindest die üblichen Verdächtigen, ihre internetfähigen mobilen Endgeräte bei sich; wie das eben so ist. Soweit mal dazu, man kann das auf den Photos der Main-Post ja noch mal nachvollziehen.

Zum Bericht der Main-Post: Rein inhaltlich geht dieser in meinen Augen größtenteils in Ordnung. Trotzdem merkt man, dass sich die Zeitung nicht überwinden konnte, die „Gegenseite“, also die „Vertreter“ der modernen und sozialen Medien, aufzuwerten, bzw. vielleicht auch als gleichrangig darzustellen. Das geht schon damit los, dass der einleitende Absatz des Artikels sich auf den Tweet eines Besuchers bezieht, diesen aber weder nennt, noch verlinkt (was ich hier auch beides nicht tun werde). Mittlerweile ist auf den Tweet zwar verlinkt worden, ein Hinweis auf den Autor fehlt aber immer noch.

Und, man verzeihe mir die Ausdrucksweise, bei einer Verlinkung auf die Aussage einer Person unter dem Wort „Twitter“ geht jedem internetaffinen Menschen das Messer in der Tasche auf. Das ist doch, wie wenn ich in meiner Doktorarbeit eine Quelle mit dem Hinweis „Universitätsbibliothek XY“ versehen würde. Oder meinetwegen nur den Verlag nennen würde. Für mich nicht nur eine Frage des Anstandes, sondern auch der Medienkompetenz. Aber sei’s drum, ist halt so.

Richtig bitter ist eigentlich der vorvorletzte Absatz des Artikels. Zitat:

„Dass eine Verbindung der Echt-Welt und der digitalen Welt noch nicht gelungen ist, offenbarte die Twitterwall. Virtuelle und reale Diskussion verliefen parallel, ohne Bezug aufeinander zu nehmen. Während die Teilnehmer der Podiumsdiskussion in ihrem Bemühen um eine sachliche Gesprächsrunde beinahe zu viel Harmonie versprühten, wurde über Twitter oft hämisch kommentiert.“

Noch mal zur Erinnerung: Vier Twitterati saßen in den ersten beiden Reihen auf der rechten Seite, ein paar andere über den Saal verteilt, einige Wenige haben über den Hashtag zwar mitdiskutiert, waren aber nicht anwesend.

Diesen Absatz habe ich als Anlass zu einem Kommentar auf mainpost.de genommen. Den will ich hier nicht wiederholen, kann man dort ja nachlesen. Ich will die Sache etwas allgemeiner beleuchten.

Ich störe mich einfach an dieser Haltung der Printleute, die hier wieder zutage tritt. Im Vorfeld der Veranstaltung hatten Rahmen, Besetzung des Panels, Titel, etc. sehr hoffen lassen, dass hier eine Debatte auf Augenhöhe stattfinden wird. Die Debatte an sich war auch völlig in Ordnung; nachdem gewisse Reizthemen ausgelassen wurden, war man sich in vielen Punkten sehr einig.

Ich will jetzt hier nicht vom berühmten Elfenbeinturm sprechen, aber ein wenig den Anschein macht die Geschichte halt doch. Da debattieren Printleute und Onliner in einer ruhigen, sachlichen Atmosphäre miteinander, hauen sich weder gegenseitig die Schädel ein, noch lecken sie einander überflüssigen Speichel. Die Onliner halten sich im Nachgang mit Bewertungen, bzw. insgesamt mit Berichten zurück, da die Veranstaltung zwar soweit ganz nett war, aber nicht unbedingt nennenswerte Ergebnisse gebracht hat. Die Tageszeitung wiederum beleuchtet die ganze Angelegenheit aus der Perspektive der „Holzmedien“, was ja auch völlig legitim ist, aber degradiert dabei kurzerhand die Onliner zu hämisch kritisierenden Außenseitern. Und das ist nicht legitim.

Es kann nicht sein, dass man vordergründig so tut, als wäre man an einem offenen Dialog zu tendenziell wirklich wichtigen Themen interessiert, hinterher aber die Gegenseite mit Halb- und Unwahrheiten abspeist und ihr den Bezug zum Thema abspricht.

Ich sehe mich ja persönlich nicht als Blogger. Ich schieße hier und da mal ein paar Zeilen in die Umlaufbahn, twittere ein bisschen vor mich hin, bin aber ansonsten ein relativ normaler Medienkonsument. Dieser Konsum beinhaltet natürlich auch klassischen Journalismus. Ich bin immer noch begeisterter Leser gedruckter Zeitungen und Zeitschriften. Einfach der Haptik wegen. Montags den SPIEGEL aus dem Briefkasten zu holen gehört genauso zu meinen Gewohnheiten, wie morgens die Lokalseiten der Main-Post zu durchstöbern. Ich bin also weder Hardcore-Onliner, noch Holzmedientroll. Ich konsumiere einfach gerne qualitativ hochwertig aufgemachte Nachrichten und Meinungen.

Natürlich nehme ich aber eher mal die elektronischen Medien gegenüber den klassischen Medien in Schutz. Das hat aber weniger mit Sympathien und Antipathien zu tun, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass die klassischen, etablierten Medien im Grunde keine Kontrollinstanz für ihr Handeln haben. Wenn man das mal demokratietheoretisch betrachtet – und sich natürlich der Meinung anschließt, dass die Medien eine so genannte vierte Gewalt im Staat bilden – dann ist das auch nicht ganz ohne; aber das ist eigentlich ein anderes Thema.

Jedenfalls hat in diesem Fall die Tageszeitung offenherzig zum Gedankenaustausch geladen und hinterher einfach einen Teil dieser Gedanken als hämisch, spöttisch und nicht zum Thema gehörig abgetan. So geht es einfach nicht! Es mag ja sein, dass der ungeübte Leser einiger der Tweets etwas irritiert war. Aber ein wenig Provokation gehört eben dazu. Und dass die Prioritäten der Zuhörer nicht unbedingt mit den Schwerpunktthemen auf dem Podium deckungsgleich sein müssen, ist doch wohl auch klar.

Ich bin sehr dafür, dass sich Online- und Printmedien gegenseitig einiges abschauen, oder besser noch beibringen. Das kann ja nur zum Vorteil für uns alle sein. Aber ich behaupte zumindest aus dieser Erfahrung heraus, dass die Offenheit für dieses Vorgehen nicht auf beiden Seiten gleich groß ist. Und das ist sehr schade.

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