#rp12 – Epilog

Dann wollen wir uns mal den fünften (und letzten Beitrag) zur re:publica 2012 machen. Ein Fazit soll es werden. Gar nicht so einfach. Ich will trotzdem versuchen, einige wesentliche Eindrücke zu skizzieren, und dann noch auf ein paar Kritikpunkte einzugehen, die mir in den vergangenen Tagen (mehrfach) begegnet sind.

Wie ich ja schon im ersten Beitrag zur re:publica hier geschrieben hatte, bin ich nicht komplett aus eigenem Antrieb und mit eher unsicheren Erwartungen nach Berlin gefahren. Ich hatte zwar schon so ungefähr eine Vorstellung, was mich erwarten würde, aber mehr eben auch nicht. Und in einigen Teilen war diese Vorstellung, wie sich ja dann herausstellte, nicht zutreffend. Ein einfaches Beispiel: Ich dachte wirklich bis zuletzt, dass sich auf dieser Veranstaltung in erster Linie Nerds, Geeks und Piraten tummeln würden. Und natürlich waren die üblichen Verdächtigen auch zugegen. Aber die übergroße Mehrheit der Teilnehmer würde man wohl eher als Hipster bezeichnen, wenn man bei einer jugendkulturellen Einordnung bleiben möchte. – Und wenn man mal die Wikipedia-Definition für Hipster (im 21. Jhdt.) liest, passt diese auch wirklich recht genau. Nicht nur, weil die Optik irgendwo stimmt, sondern vor allem auch, weil auf diese Gesellschaft der re:publica viele dieser Begriffe, wie Aufgeklärtheit, Ironie, Unabhängigkeit, Kreativität und Progressivität, sehr gut anzuwenden sind.

Meine Meinung: Die re:publica ist Avantgarde. Und das bezieht sich nicht in erster Linie auf die Inhalte, die in den Sessions transportiert werden. Meistens werden da ja keine völlig neuen Fragen aufgeworfen, sondern es werden bereits bestehende Debatten in einem anderen Rahmen fortgeführt. Aber die re:publica entscheidet darüber, welche Debatten geführt werden. Wahrscheinlich schätze ich den Einfluss der Veranstaltung zu hoch ein, aber ich glaube, die Veranstalter haben durchaus nennenswerten Einfluss auf die Diskussionen verschiedenster Themen.

Aber nochmals: Es geht wohl um mehr. Die re:publica ist, wie so viele andere Veranstaltungen auch, mehr als nur die Summe ihrer Sessions. Man geht natürlich dort hin, um sich diesen und jenen Vortrag an zu hören, aber man ist auch wegen der Gespräche zwischen den Sessions und der Party am Abend dort. Und wenn ich sage, dass die re:publica Avantgarde ist, dann liegt das daran, dass an diesen drei Tagen quasi die komplette digitale Elite des Landes dort zusammen kommt. Das soll natürlich nicht heißen, dass jeder Teilnehmer der re:publica zur Elite gehört; ich war ja auch dabei. Und es soll auch nicht heißen, dass man nicht zur Elite gehört, wenn man nicht auch bei der re:publica ist. Aber die re:publica ist nunmal relevant. Vielleicht ein stark hinkendes Beispiel: Kein Mensch, der sich mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, muss zwingend einen Facebook-Account haben. Aber er sollte wissen, worum es bei Facebook geht, und er sollte es ernst nehmen, weil Facebook einfach relevant ist.

Ich will diese Veranstaltung auch nicht überbewerten. Letztlich bleibt sie ja auch nur eine Konferenz unter vielen. Und mit gerade einmal 4.000 Teilnehmern ist sie auch nicht unbedingt eine massenmäßig bedeutsame Veranstaltung. Aber sie hat zumindest für mich einiges bewirkt. Zunächst war es einmal sehr interessant zu erfahren – live zu erfahren – dass dieses Internet wirklich eine große, politische Relevanz haben kann. Ich denke dabei vor allem an das Thema Social Media und Arabische Revolutionen. Natürlich hat man dieses Thema intensiv in den Nachrichten verfolgt und hat auch ein paar tweets und Facebook-Einträge gelesen. Aber in einem professionellen Rahmen Jemanden aus erster Hand darüber vortragen zu hören, hat doch noch eine andere Qualität. Ähnlich erging es mir beispielsweise beim Thema Urheberrecht. Dann hat mich ganz allgemein die große Ernsthaftigkeit vieler dieser Debatten, ich will nicht sagen überrascht, aber doch positiv beeindruckt. Natürlich war mir auch schon vorher klar, dass gerade die Leute, die sich beruflich mit dem Internet und Netzpolitik auseinander setzen, das nicht nur als Spiel begreifen. Aber irgendwo fehlte mir hier vor meinem Rechner in der Provinzgroßstadt immer der wirkliche Bezug dazu.

Und das ist auch der größte persönliche Gewinn, den ich aus Berlin mit nach Hause genommen habe. Durch diesen neu gewonnenen Bezug habe ich gerade für Themen der Netzpolitik jetzt erstmals eine gewisse Sensibilität entwickelt. Diese Themen waren mir vorher wohl nicht völlig egal, aber ich hatte eben keinen Bezug dazu. Ich habe auch jetzt nicht unbedingt persönlich einen Bezug dazu, aber ich verstehe (besser), dass Leute sich sehr ernsthaft und reflektiert damit auseinander setzen.

Ohne jetzt pathetisch wirken zu wollen, will ich damit einfach zum Ausdruck bringen, dass die re:publica, in der Form, wie ich sie erlebt habe, für viele Debatten eine zentral wichtige Rolle einnimmt. Und zwar eben nicht, weil sie sie zu Ende führt, sondern weil sie sie vielleicht anstößt, und/oder die Art bestimmt, in der die Debatten geführt werden. Außerdem hat sie es in den gerade einmal sechs Jahren ihrer Existenz geschafft, dass nicht nur die Meinungsführer der “Internet-Szene” dort auftauchen, sondern auch wichtige “externe” Figuren. Eine hochrangige Vertreterin von twitter, eine EU-Kommissarin, der Pressesprecher der Regierung der Bundesrepublik; wie viel mehr geht da noch?

Nun noch ein paar Gedanken zur Form der Veranstaltung. Es wurde und wird offenbar viel darüber diskutiert, ob die re:publica zu groß geworden ist, ob sie ihren Barcamp-Charme verloren hat, ob die Location nicht mehr genug Persönlichkeit hat, etc. Ich kann das insofern schlecht beurteilen, als dass ich ja die früheren Veranstaltungen nicht erlebt habe. Aber ich kann sagen, dass ich Form der Veranstaltung sehr gelungen fand. Mir gefiel die Location sehr gut, sowohl was die Größe, als auch was den Charakter angeht; was wohl auch daran liegt, dass ich mich sehr für Industriearchitektur des 19./20. Jhdts. begeistern kann. Ich fand die Veranstaltung keineswegs zu groß, obwohl ich nicht glaube, dass sie noch wesentlich größer werden kann. Ich finde nicht, dass die re:publica einen “Charme” besitzt. Sie hat vielmehr einen ganz eigenen Stil, eigene Gepflogenheiten. Ich kann das nicht definieren, oder auch nur präzisieren, aber ich fand es schon spürbar. Und vielleicht kann ich ja die alteingesessenen re:publica-Teilnehmer beruhigen: Ihr seid immer noch ein spezielles Völkchen.

Durchaus nachvollziehen kann ich die Kritik, die re:publica drehe sich zu sehr um sich selbst. Das liegt aber einfach in der Natur der Sache. Es geht ja, so zumindest meine Beobachtung, nicht nur um den Inhalt der Veranstaltung, sondern auch um die Veranstaltung im Sinne eines Zusammenkommens der Teilnehmer. Und wenn die Konferenz schon dadurch einen Wert hat, indem sie als “Klassentreffen” einer ganz speziellen Gruppe von Menschen fungiert, muss sie sich natürlich auch mit sich selbst beschäftigen. Andernfalls würde sie ja auch irgendwo ihre Berechtigung, bzw. ihre Notwendigkeit verlieren. Wieso sollte man extra für einen Vortrag von Sascha Lobo nach Berlin fahren, wenn dieser live gestreamt wird? Eben weil es nicht um den Vortrag geht, sondern um die Zeit davor und danach.

Mein Ziel war es hier keinesfalls, die re:publica unnötig über den grünen Klee zu loben. Aber wer mich kennt, der weiß, dass ich mich noch immer dagegen sträube, mich dieser Netzgemeinde zurechnen zu lassen. Darüber hinaus vertrete ich für einen Internetvielnutzer (wobei dieser Begriff eigentlich komplett abwegig ist; mehr dazu weiter unten) wohl oftmals sehr untypische politische Meinungen: Ich würde mich tendenziell eher für eine VDS aussprechen, denn für absolute Freiheit; ich hätte lieber eine Klarnamenspflicht, als absolute Anonymität; ich halte unser Urheberrecht für eine große Errungenschaft und Piraterie für ein Verbrechen (auch wenn wir davor alle nicht gefeit sind). Aber gerade vor diesem persönlichen Hintergrund hat mich die Konferenz sehr positiv überrascht. Insofern ist mein Lob durchaus angebracht.

Ein letzter Punkt, den ich nicht vergessen möchte: Ich hab einige sehr nette Menschen endlich face-to-face kennen gelernt. Man kennt ja über twitter, Facebook und Co. unzählige Leute, die man aber (so gut wie) nie auch mal real trifft. Auf der re:publica hatte ich endlich mal die Gelegenheit ein paar davon zu sprechen. Beispielsweise den Marco Bereth; netter und interessanter Kerl. Ein bisschen sonderbar könnte es aber aufscheinen, dass ich auch den Ralf Thees und den Patrick Breitenbach (Hörbefehl: Soziopod!) dort erstmalig getroffen habe. Sonderbar, weil wir alle in Würzburg leben. Nun ist Würzburg zwar nicht die kleinste Stadt, aber die Wahrscheinlichkeit für Blogger/Twitterer/o.ä. sich hier mal über den Weg zu laufen, ist an sich nicht wirklich gering. Nur bin ich ja persönlich nicht so der Typ, der zu Twittertreffen, Bloggerstammtischen, etc. geht.

Weshalb? Weil mein Freundeskreis allergrößtenteils mit dieser Welt nichts zu tun hat. Das sind zwar natürlich auch alles irgendwo internetaffine Menschen, aber das Nutzungsverhalten unterscheidet sich dann halt doch erheblich von meinem. Es gibt halt so Leute, für die ist das Internet erst da, wenn sie ihr Notebook aufklappen und den Browser anwerfen. Was davor und danach passiert, findet quasi nicht statt. Ich folge da eher Markus Beckedahl (Video): Das Netz findet nicht parallel zum “realen” Leben statt, sondern bildet eine weitere Ebene im Leben. Es gehört einfach dazu, ohne dass man es aktiv einschalten müsste. Und damit steche ich aus meinem engsten Umfeld wohl in gewisser Weise heraus. Was mich aber nicht stört, sondern mir im Gegenteil auch mal gut tut. Es klingt vielleicht in diesem Zusammenhang etwas komisch, aber ich kann online und offline recht gut auseinanderhalten; genauso wie ich es gut zusammen bringen kann. Und eben auch dazu war die re:publica eine interessante Veranstaltung. Einerseits waren das drei Tage in einer kompletten Online-Welt, andererseits konnte man sehr schön die Offline-Komponente dieser Online-Welt kennen lernen.

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