Die hässliche Stiefmutter aller Niederlagen.

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So lange ich mich erinnern kann, bin ich Fan des FC Bayern München. Es gibt ja immer wieder böse Zungen, die behaupten dass Bayern-Fans nur Erfolgsfans seien, und dass die Fankultur der Bayern gar nicht mit derjenigen, solcher Volksclubs wie Schlake vergleichbar ist. Mag sein, dass die 170.000 Mitglieder des FCB ihren Mitgliedsausweis nicht alle schon auf dem Wickeltisch zugesteckt bekommen haben. Trotzdem, Bayern-Fan sein – echter Bayern-Fan sein – hat weniger mit Erfolg zu tun, als so viele denken.

Ich bin in der unglücklichen Lage Ende der 1980er Jahre geboren zu sein. Aus gesellschaftlich-politischer Sicht bin ich sicher in einer großartigen Zeit aufgewachsen. Ich habe die deutsche Teilung nicht mehr bewusst erlebt und bin in einer freien Demokratie sozialisiert worden, in einem humanistischen Elternhaus, unter den Umständen anständiger wirtschaftlicher Prosperität. Aber aus der Sicht des Bayern-Fans hätte es deutlich besser sein können.

Klar, in meinen ersten Lebensjahren – tatsächlich bis heute – waren die Bayern die größten Titelsammler und insgesamt mit Abstand die beste Mannschaft der Nation. Aber wer erinnert sich an eine deutsche Meisterschaft, die man als Kindergartenkind erlebt hat?

Meine ersten, bleibenden Erinnerungen an den großen Fußball sind sehr gemischt. Das erste internationale Turnier, an das ich mich wenigstens noch teilweise erinnern kann, war die 96er EM; ein grandioser Erfolg. Und leider auch der letzte für die nächsten Jahre. Mit der letztlich enttäuschenden WM 1998 verbinde ich glücklicherweise nur sehr wenig. Hauptsächlich, dass ich am Abend des WM-Finals in Paris war. Ich war damals mit der Schule zu einem Schüleraustausch in Caen und just an diesem Abend auf der Heimfahrt. Auch ein paar Stadionbesuche fallen in diese Zeit: Mönchengladbach, München, Stuttgart, Frankfurt. So schön diese Erlebnisse teilweise waren, und so sehr sie einem Jungen im Grundschulalter den Fußball zu einem wunderbaren Sport werden lassen, so belanglos waren sie letztlich auch (von der Europameisterschaft mal abgesehen). Der @FensterRentner hat in seinem Blog diesen ersten Stadtionbesuch sehr schön beschrieben (auch wenn’s eigentlich um ein anderes Thema geht):

“Erinnert euch ma alle bitte annen Tach zurück, als ihr datt erste ma mit euern Vadder zu nem Fussekspiel inne erste oda zweite Liga gegangen seid. Überlecht ma wie datt war, beien Vadder anne Hand, so viel Menschen um einen rum wie man noch nie auf einma gesehn hatt, alle in bunte Klamotten gekleidet un ne Stimmung wo einen eine Gänsehaut nache andere übern Rücken gejacht hatt. Un dann ginget rein innet Stadion mit sonne Mischung aus Freude un Angst un dann siehse datt erste ma wie datt allet zusammen kommt, de Spielers auffen Platz, de Gesänge vonne Fans, der Geschmack vonne Bratwurst un ner Limmonade inne Halbzeit un du weiß, datt wird dich nie mehr los lassn, datt musst du wieda un wieda erlebn.”

Das ist diese Zeit. Letztlich völlig egal, was da auf dem Platz vorging, entscheidend war diese Bindung zum Spiel. Ich kann mich heute an keine einzige Szene aus diesen Spielen wirklich erinnern, aber ich weiß, dass das Olympiastadion in München einfach ein großartiger Sporttempel ist; wie beeindruckend es für uns Knirpse auf den Stehplätzen direkt hinter dem Zaun im Bökelbergstadtion war, als Stefan Effenberg zwei Meter vor uns einen Einwurf machte (der Mann war damals ja immerhin ca. doppelt so groß wie wir); wie sehr dieser Sport Fußball einfach ein Spiel für alle ist.

Bis dato alles verschwommene Erinnerungen, die aber die Grundlagen eines Fanlebens bildeten. Und dann kommt die erste, intensive Erinnerung an ein Fußballspiel. Und dies ist auch der Punkt, wo es für einen Fan des FCB zum tragischen Schicksal wird, in dieser Zeit die ersten nennenswerten Kontakte mit dem Fußball geknüpft zu haben. Ich spreche vom Finale der UEFA-Champions-League 1998/1999.

Eigentlich habe ich auch an dieses Spiel vom 26. Mai 1999 keine echten Erinnerungen, ich habe es nämlich nicht gesehen. Es war am Mittwoch in der Pfingstwoche, die ich, wie die Jahre zuvor und danach auch, auf dem Zeltlager meiner Ministrantenjugend verbrachte. Und an eben diesem Tag hatten wir mit unserem Jahrgang eine Wanderung in den Wald gemacht, um dort zu übernachten. Einzig einer unserer Gruppenleiter, ein ebenso inniger Bayernfan, lief die zehn, fünfzehn Kilometer am Abend wieder zurück, um das Spiel am Radio zu verfolgen. Wir lagen derweil im dunklen Wald, warteten und hofften. Als unser Leiter mitten in der Nacht zurück kam, war klar, dass es nicht gut gegangen war.

Dieses Spiel von Barcelona ist das frühste Spiel, mit dem ich tatsächlich auf das Spiel bezogene Erinnerungen verbinde. Ich habe es nie komplett gesehen – wieso hätte ich mir das auch antun sollen – aber alleine schon, wenn ich die letzten drei Minuten sehe, fühlt es sich an, als wäre man wirklich dabei gewesen. Dieses Spiel ging in die Geschichte ein, als die Mutter aller Niederlagen.

Und mit dieser historischen Niederlage begann meine eigentliche Zeit als Bayern-Fan (auch wenn ich sicher noch einige Jahre brauchte, bis ich wirklich regelmäßig Spiele und Spielberichte anschaute/las). Nicht etwa mit der Meisterschaft, die wir 1999 auch errungen hatten. Und dieses Spiel hat mich in verschiedener Hinsicht als Fußballfan geprägt. Ich glaube zum Beispiel immer bis zuletzt daran, dass ein Spiel sich noch drehen kann. So beispielsweise zuletzt beim Pokalfinale gegen Borussia Dortmund. Ich war beim Stand von 3:1 zur Halbzeit nicht euphorisch, aber sicher auch nicht verzweifelt. Und nach dem 4:2 in der 75. Minute war für mich der Sieg noch immer möglich. Alles wegen dieser verteufelten zwei Minuten von ‘99.

Und diese Niederlage hat mir noch etwas tief in das Bewusstsein gepflanzt: Als Bayern-Fan muss man leiden können. Auf eine andere Weise, als bei anderen Clubs, aber sicher nicht weniger ernsthaft. Spätestens seit dem genialen “Fever Pitch” vom ebenso genialen Nick Hornby wissen wir, dass das Wesen des Fußball-Fans darin besteht, mit seinem Club und all den anderen Fans nach verlorenen Spielen zu leiden.

Nach 1999 war sicherlich nicht alles schlecht. Eigentlich war sogar einiges ziemlich gut. 2001 konnte mit dem Sieg der Champions-League endlich der ersehnte Titel geholt werden und in den folgenden Jahren gab es doch noch eine Hand voll nationaler Titel. Aber die Schmach von 1999 blieb dem FCB immer anhaften.

Dieses Jahr hätte man, 13 Jahre nach der historischen Niederlage, einen historischen Sieg feiern können. In der Geschichte der UEFA-Champions-League hat noch nie ein Team das Finale im eigenen Stadion bestreiten können. Wir hatten das Finale im eigenen Stadion und waren Favorit auf den Sieg. Und dann kam alles so anders, als erhofft. Aus dem historischen Sieg wurde eine katastrophale Niederlage. Ebenso historisch, wie jene von 1999, aber ungleich dramatischer.

Mir tut diese Niederlage wahnsinnig Leid. Im wörtlichen Sinne. Einmal natürlich mir persönlich, als Fan. Immerhin hat man ja seinen Verein ein Jahr lang auf dem Weg ins Finale begleitet; wobei man sich natürlich eine Finalteilnahme in der Champions-League auch nicht innerhalb eines Jahres erarbeitet. Von den 55 Pflichtspielen der Saison habe ich bestimmt drei Viertel live gesehen, den Rest anderweitig per Radio oder Ticker verfolgt. Damit kann ich natürlich nur erahnen, wie es den Dauerkarten-Fans ergehen muss, die jedes Wochenende im Fanblock stehen und einen wichtigen Teil ihres Lebens nur darauf verwenden, ihren Verein zu unterstützen. Diesen Leuten, beispielsweise vom Club Nr. 12 in München, muss ich nicht nur Mitleid, sondern vor allem auch Dankbarkeit entgegen bringen. [Ja, diese bösen, bösen Ultrás sind allergrößtenteils Menschen, bei denen man sich als durchschnittlicher Fußballfan öfter mal bedanken sollte.]

Natürlich sind am ärgsten Spieler und Verantwortliche des Vereins betroffen. Für sie tut es mir einfach wahnsinnig Leid. Der Druck, den Uli Hoeneß immer wieder gemacht hat (“Da müssen wir dabei sein!”) war letzten Endes sicher nicht nur produktiv, aber man muss das auch aus seiner Position sehen. Für ihn ist der FCB nicht nur ein Arbeitgeber, sondern sein Lebenswerk. Ohne Hoeneß wäre der FCB nicht das, was er ist. Ohne Hoeneß hätte am Samstag in München nicht ein derartiges Fußballfest stattgefunden. Für ihn wäre das die Krönung seines Lebenswerkes gewesen. Nicht weniger als das.

Die Spieler haben alle zusammen eine tolle Saison gespielt. 73 Punkte würden wahrscheinlich in acht von zehn Jahren locker für die Meisterschaft langen. Auch eine Tordifferenz von 55 ist überragend. Ebenso war der Einzug ins Finale des DFB-Pokals überzeugend: Aus vier Spielen (das Halbfinale gegen Mönchengladbach, entschieden im Elfmeterschießen, mal außer Acht gelassen) 13 Tore bei nur einem Gegentor; das ist selbst im Pokal eine runde Sache. Auch der Weg ins Finale der Champions-League war überaus beachtlich. In 14 Spielen nur eine Niederlage und ein Unentschieden, dabei bei nur acht Gegentoren selber 35 Mal eingenetzt. Diese Jungs haben wirklich etwas geleistet. Und haben absolut nichts davon.

Was muss beispielsweise in einem Ivica Olic vorgehen, der in der vergangenen Saison dem Club immer als verlässlicher Einwechselspieler zur Verfügung stand und mit dem letzten Ballkontakt für diesen Verein im Finale der Champions League einen Elfmeter im Elfmeterschießen nicht verwandelte? Oder im Innenverteidiger Daniel van Buyten, der nach einem bösen Foul im ersten Spiel der Rückrunde 25 Spiele seiner Mannschaft verletzt von der Tribüne beobachten musste, um dann im letzten und wichtigsten Spiel der Saison nach einer rückblickend fragwürdigen Einwechslung das vielleicht grausamste Gegentor seiner Karriere mit ansehen zu müssen? Oder in Diego Contento, der vielleicht eher dritte, als zweite Wahl ist und trotzdem am Samstag ein Spiel auf höchstem Niveau abgeliefert hat? Oder in David Alaba, der in den letzten Wochen eine absolut überragende Entwicklung hingelegt hat, und sicher schon unter seiner Sperre für das Finale heftig leiden musste? Oder, oder, oder… Alle diese Jungs hätten den Sieg in diesem einen Spiel mehr als verdient. Endlich einen internationalen Titel.

Diese Saison ist eine Saison zum vergessen. Obwohl man sie nie vergessen können wird. Drei Mal hatte der FCB die Chance auf einen Titel. Drei Mal wurde nichts daraus. In der Bundesliga hätte man im Rückspiel gegen Dortmund den Titel zwar nicht klar machen, aber immerhin die Chancen offen halten können. Nach der Niederlage war die Meisterschaft weg. Im Finale um den DFB-Pokal hätte man Dortmund endlich wieder besiegen können, wenigstens diesen Titel sichern können. Und wieder war Dortmund die bessere Mannschaft. Dann stand man nach einem Halbfinalsieg gegen Real Madrid, das gerade in unglaublicher Weise spanischer Meister geworden ist, im Finale gegen den Chelsea FC und hatte alle Trümpfe in der Hand. Am Ende war es wie ein Schafkopfspiel, das man mit acht Laufenden auf der Hand 59 zu 61 verliert. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, nicht denkbar.

Wenn das Finale von 1999 die Mutter aller Niederlagen war, dann war das Spiel vom Samstag die gemeine, hässliche Stiefmutter. Und man kann
noch nicht einmal sauer sein. Auf wen auch?

Auf Chelsea? Sicher nicht. Diese Mannschaft hat hässlich gespielt, destruktiv. Einen Catenaccio, wie man ihn seit Jahren nicht gesehen hat. Aber sie waren damit eben auch effektiv. Und wer mag es ihnen verdenken? Keine Mannschaft, die auch nur halbwegs bei Verstand ist (von Real Madrid vielleicht abgesehen), hätte doch beispielsweise im Halbfinale gegen den FC Barcelona versucht, das Spiel zu übernehmen. Und diese Taktik haben sie im Finale einfach fortgeführt. Weil sie keine andere Wahl hatten.

Sollte man einem Spieler wie Robben böse sein, der mit seinem Strafstoß in der Verlängerung endlich hätte den Sieg klar machen können? Der vielleicht eine seiner Ecken, einen seiner Freistöße, ja auch den Elfmeter einem anderen Spieler hätte überlassen sollen? Nein, ich sehe das nicht so. Was Robben nicht nur in diesem Spiel gemacht  hat, war Mut zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen. Ich sage, man braucht schon einiges an Selbstvertrauen, um diesen Elfmeter zu schießen. Gerade, wenn man Arjen Robben heißt. Er hat es getan, er hat ihn nicht verwertet, er bleibt deswegen ein großartiger Fußballer und ein wesentlicher Teil der Mannschaft und der “Erfolge”.

Einem anderen Spieler, vielleicht der ganzen Mannschaft? Was kann man einem Team vorwerfen, das über zwei Stunden hinweg absolut überlegen spielt und eine schier unglaubliche Vielzahl an Chancen herausspielt. Vielleicht, dass es eine desaströse Chancenverwertung an den Tag gelegt hat. Hätte man weniger Chancen herausgespielt, wäre die Chancenverwertung auch besser gewesen.

Es hilft nichts. Niemand trägt wirklich die Schuld an diesem Ergebnis, aber alle tragen die Last der Niederlage. Eine Situation, die an Grausamkeit nicht zu überbieten ist.

Allen, die bis hierher gelesen haben, obwohl sie sich nicht für Fußball interessieren, möchte ich danken. Wie schon Herbert Zimmermann in seinem legendären Kommentar zum Endspiel um die Weltmeisterschaft 1954 sagte, manchmal müssen eben auch Fußball-Laien ein Herz haben.

Freilich ist es nur Fußball. Natürlich gibt es wichtigeres auf der Welt. Ziemlich viel sogar, deshalb schreibe ich hier ja auch (eigentlich) nicht über Fußball. Aber es gibt auch nur ganz wenig, das so viele Menschen derart emotional berühren kann, wie der Fußball. Wer vielleicht nur alle zwei Jahre mal ein paar Spiele der deutschen Nationalmannschaft anschaut, und dazwischen nur so eben den Sieger der Meisterschaft mitbekommt, wird das wohl nicht verstehen. Wer nie Fußball schaut, erst recht nicht. Aber jeder, der regelmäßig die Geschicke seines Lieblingsvereins verfolgt, und sei es nur in der zweiten, dritten, fünften Liga, der wird das verstehen können.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich so entsetzlich leer und fassungslos gefühlt habe, wie in den Stunden und Tagen nach diesem Spiel vom Samstag.

Hoffen wir einfach, dass nach der Sommerpause wieder ein Saison beginnt, in der wir mit unserer Mannschaft leiden und jubeln können.

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