Schizophrenien.

Wieso strebt jemand an für eine Organisation zu arbeiten, mit der er in wesentlichen Grundfragen nicht übereinstimmt? Wieso will jemand berufsmäßig eine Lehre vertreten, die er selber eigentlich nicht vertritt?

Diese und ähnliche Fragen stelle ich mir gerade. Wie ich im vorhergehenden Posting geschrieben habe, teilt ein erheblicher Anteil der Theologie-Studenten in meinem Umfeld die “heißen Eisen” betreffend nicht die Lehrmeinung der Kirche: Frauen sollen zu Weiheämtern zugelassen werden, der Zölibat ist nicht notwendig, dem gemeinsamen Abendmahl mit evangelischen Christen stehen nur unwichtige theologische Detailfragen im Weg.

Zumindest nach meinem Verständnis ein nicht zu erklärender Zustand. Ich will mal einen Vergleich anbringen: Man stelle sich einen überzeugten Vegetarier vor, der bei McDonald’s an der Kasse arbeitet. Er mag zwar Fast Food sehr gerne und auch die Atmosphäre im Ladengeschäft, aber von Tiermast und Fleischverzehr hält er nichts. Seinen Kunden erklärt er daher wie ungesund das Fleisch doch wäre und dass sie lieber einen Salat essen sollten. Obwohl es natürlich schon gerne gesehen würde, wenn sie sich einen Burger bestellten… – Wieso sollte er das tun?

Wieso soll ich mich öffentlich mit einer Organisation identifizieren, die ich nur teilweise gut finde? Wieso soll ich mich von ihr abhängig machen, wenn ich sie in ihrer bestehenden Form eigentlich nicht haben möchte?

Ich kann ja nachvollziehen, dass Leute nach der Erfahrung vieler Jahre und Jahrzehnte ihre Einstellung wechseln und sich mit der Zeit gegen gewisse Aussagen stellen. Aber etwas von vorne herein gleichzeitig abzulehnen und unterstützen zu wollen, sprengt mein Verständnis.

Um ein weiteres Beispiel zu bringen: Wieso werde ich Fan einer Fußballmanschaft, obwohl ich weder ihre Spieler, noch die gespielte Taktik gut finde? Weil ich grundsätzlich Fußball mag? Dann werde ich mich aber doch nach der Mannschaft umsehen, die am ehesten zu meinen Vorstellungen passt. Anders ist das natürlich, wenn ich seit zwanzig Jahren Fan dieser Mannschaft bin und mir einfach nur der aktuelle Kader und die neuste Systemumstellung nicht gefallen. Dann werde ich meinem Club natürlich treu bleiben, meine Meinung vielleicht kund tun und ansonsten aber wohl den Trainer entscheiden lassen, es hat ja die letzten Jahre auch schon geklappt.

Der Vergleich hinkt natürlich gewaltig. Schließlich kann ich als katholisch getaufte und sozialisierte Person nicht einfach meine Konfession wechseln wie ein Fußballtrikot.

Man könnte jetzt natürlich denken, dass diese “Reformorientierten” gerade deshalb “in die Organisation” einsteigen, um sie von innen zu verändern. Nur dürfte den meisten auch klar sein, dass das natürlich Unsinn ist. Erstens hat sich die Kirche nicht einfach nach den Vorstellungen einer zeitgeistig motivierten Minderheit zu richten und zweitens gehen lehramtliche Veränderungen einzig vom Lehramt aus, welches per definitionem nur von geweihtem Personal geleitet wird. Ergo kann bspw. ein Pastoralreferent noch so viele tolle Ideen haben, er wird sie nicht umsetzen können.

Mir könnte das jetzt einfach egal sein. Ich könnte einfach darüber hinweg sehen und die katholische Weite loben, die es uns erlaubt, auch solche Meinungsunterschiede zu ertragen. Aus verschiedenen Gründen halte ich das aber für keine sonderlich gute Idee.

Wie ich im vorhergehenden Posting schrieb, lag die Ablehnungsquote gegenüber den genannten Lehramtsmeinungen bei 90% (das ist natürlich nicht repräsentativ, ich kann mir aber im Durchschnitt einen ähnlich hohen Wert vorstellen). Nun waren die übrigen 10% ausschließlich Seminaristen und meine Person. Da ich aber keinen Dienst im Bereich der Pastoral anstrebe, heißt das im Umkehrschluss, dass zumindest in dieser speziellen Vorlesung kein angehender pastoraler Mitarbeiter saß, der einmal glaubhaft die Lehren der katholischen Kirche vertreten kann (und das beziehe ich auf die jeweilige Gefühlslage der Person; ich könnte das jedenfalls so nicht). Aber was bedeutet das für die Kirche? Wie gehen wir damit um? Offenbar heißt das, dass die Kirche damit wird leben müssen, dass das geweihte Personal am Lehramt festhält, während das Laienpersonal das Lehramt ablehnt. Entschuldigung, aber das halte ich für eine fatale Entwicklung!

Und diese bedingt sich mit einer anderen Entwicklung, die ich auch schon länger beobachte. Ich hatte bis vor einiger Zeit immer den Eindruck, dass sich gerade die junge Generation in der Kirche immer stärker in eine sehr konservative Richtung bewegt. Mittlerweile weiß ich aber, dass dieses Bild dadurch verzerrt wurde, dass ich in der Hauptsache Kontakt zu Seminaristen und Jungpriestern hatte, weniger zu Laientheologen. Diese neuen Erkenntnisse verbessern allerdings nichts. Denn jetzt sehe ich, dass es zwar einerseits diese Bewegung in eine sehr konservative Richtung gibt, diese sich aber aus einer Abstoßungsreaktion mit einer gegenläufigen Bewegung speist. Während also gewisse Teile der Kirchenszene sich immer weiter im stramm-konservativen Milieu festsetzen entfernen sich andere immer weiter vom Lehramt und damit von einer Einigung in den auftretenden Fragen.

In dieser Situation nun sehe ich meine Position etwas zwiegespalten. Einerseits habe ich das Problem aus meiner Sicht ja klar artikuliert. Ich glaube auch wirklich, dass hier eine Bewegung aufeinander zu passieren muss, damit die Kirche (zumindest hierzulande) vielleicht eine etwas vernünftigere Zukunft haben wird, als man ihr gegenwärtig vielleicht zugestehen mag. Andererseits mache ich auch keinen Hehl daraus, dass ich mich in eben der benannten sehr konservativen Abteilung sehe, da ich schlichtweg davon überzeugt bin, dass eine gute Zukunft der Kirche nur in der Treue zum Lehramt zu finden ist.

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