Religionsfreiheit für alle!

So, eigentlich wollte ich zu der Beschneidungs-Debatte nichts sagen. Einfach weil mir das Thema viel zu komplex ist und sowieso schon viel zu viel Unsinn dazu gesagt wird.

Jetzt hat aber der freundliche Herr Breitenbach (dessen SozioPod übrigens jeder hören sollte!) einen (neuerlichen) Beitrag dazu in seinem Blog veröffentlicht. Der gefällt mir auch sehr gut, weil er einfach mal diese wichtige Frage der Zugehörigkeit in den Mittelpunkt stellt.

Aber eine Sache stört mich an dem Beitrag schon (ok, eigentlich zwei Sachen. Aber zu der Idee mit den “sozialen Geschlechtern” werde ich jetzt nichts sagen). Vor allem betrifft das diesen Absatz:

Ein solcher Mittelweg wäre beispielsweise die Option die Beschneidung auf das Erwachsenenalter zu verlegen oder andere symbolträchtige Formen der Zugehörigkeit zu entwickeln, das kann aber nur von den religiösen Führern als anerkannte Regel festgelegt werden und nicht von außen erzwungen werden. Es sollte darauf hingearbeitet werden stellvertretende Rituale und Erkennungszeichen zu schaffen – es wäre für alle Religionen auch nicht das erste Mal, dass sie so einen Wandel vollziehen würden.

Das halte ich, gelinde gesagt, für reichlich anmaßend. Dahinter steht meines Erachtens eine Vorstellung von Religionskritik, die wir dringend ablegen sollten. Unsere Gesellschaft hat sich über die letzten Jahre und Jahrzehnte daran gewöhnt, Religionskritik im Allgemeinen nur als Kritik an der katholischen Kirche zu verstehen. Die ist ja auch wunderbar zu kritisieren, immerhin hat sie ein erzkonservatives bis reaktionäres Oberhaupt, massenhaft Vasallen, die den Willen des Oberhaupts in die Welt tragen, und ein Unterwürfiges Gottesvolk, das den Ruf der Aufklärung nicht verstanden hat.

Natürlich gibt es auch Kritik an anderen Weltreligionen; diese wird aber zumeist als Kulturkritik verstanden oder getarnt. Wenn beispielsweise die Rückständigkeit des Islam kritisiert wird (Stichwort Menschenrechte), dann ist damit um Gottes Willen nicht die Religion gemeint. Die sollen die Leute ja bitte überall und völlig frei ausleben dürfen. Nur ihre Kultur sollten sie halt gegen die unsrige eintauschen… Anyway.

Diese Fokussierung auf die Kritik am Katholizismus und das häufige, scheinbare Einlenkung der katholischen Kirche hierzulande führt nun zu dieser Absurden Vorstellung, dass man von “religiösen Führern” die Änderung ihrer Rituale fordern könnte.

Nein, das kann man eben nicht. Zumal es weder im Judentum, noch im Islam solche anerkannten religiösen Führer gibt, die derartige Änderungen verbindlich durchsetzen könnten. Wohl wieder ein Missverständnis, dass aus dem Dauerfeuer gegen Rom erwächst. Aber bei den anderen beiden großen abrahamitischen Religionen können eben solche Änderungen nicht so einfach durchgesetzt werden.

Sicher gäbe es (gerade in Deutschland) genug liberale Rabbiner und Imame, die einer Verlagerung der Beschneidung auf beispielsweise nach dem 14. Lebensjahr zustimmen würden. Aber das heißt noch lange nicht, dass daraus eine allgemeine Regel erwachsen kann/muss.

Hier kommt noch ein letzter Punkt zum tragen, der in dieser Debatte offensichtlich wird: Wir interessieren uns in religiösen Belangen ausschließlich für das, was vor unserer Haustür passiert. Wir können – oder wollen – nicht abstrahieren; nicht, wenn es um verschiedentliche Auslegungen des Islam/des Judentums in anderen Ländern geht, und schon gar nicht, wenn es um andere Religionen geht. Beides finde ich sehr bedenklich. Ein “guter Islam” ist nur der, der in liberalen Gemeinden mit möglichst viel Transparenz in der westlichen Welt stattfindet. Arabische Muslime sind per se erst Mal verdächtig. Und generell interessieren wir uns nur für die Religionen, die wir hier auch statistisch erfassen können. Hinduismus, Buddhismus und Naturreligionen spielen keine Rolle, da dafür einfach zu wenige Vertreter hier leben. Und wenn man diesen Weltanschauungen irgendwelche Grenzen aufzeigt, ist das ja auch nicht so wichtig.

Ich habe schließlich keine Ahnung, was bei dieser Debatte am Ende rauskommen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine Art Don’t-Ask-Don’t-Tell-Regelung gefunden wird. Aber was mir wichtig ist: Wenn schon mit Religionsfreiheit argumentiert wird, dann bitte richtig! Religionsfreiheit muss grundsätzlich für alle Religionen gelten und dann immer auch bedeuten, dass diese, bzw. deren “religiösen Führer” in ihrer religiösen Entscheidungsgewalt nicht beeinflusst werden.

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