Heimliche Staatskirche

Die Deutsche Bischofskonferenz hat mit ihrem heutigen Dekret zum Kirchenaustritt (link zum pdf) einen bemerkenswerten Schritt in die falsche Richtung gemacht. Zwar wurde mit diesem Dekret die automatische Exkommunikation durch den einseitigen Kirchenaustritt formal abgeschafft, faktisch bleibt sie aber bestehen, und wird dadurch noch manifestiert.

Zur Erläuterung: Wer vor dem Standesamt bekundet, dass er fortan der öffentlich-rechtlichen Körperschaft “Kirche” nicht mehr angehören möchte – vielleicht weil er das System der Kirchensteuer nicht unterstützen mag – darf danach auch keine Sakramente mehr empfangen und im Grunde am kirchlichen Leben nicht mehr teilhaben.

Zunächst einmal ist das ein deutscher Sonderweg. Es gibt wohl nur sehr wenige Staaten (mir ist spontan keiner bekannt) in denen die “Mitgliedschaft” in der “Kirche” standesamtlich geregelt wird. Was natürlich unter anderem auch auf nicht ganz unwichtige historische Gründe zurückzuführen ist. Nehmen wir als Beispiel die Ehe, eines der wichtigsten Sakramente in diesem Zusammenhang. Mit der Einführung der Zivilehe musste logischerweise auch die kirchliche Ehe staatlich erfasst und verwaltet werden. Nur wieso wurde die Zivilehe überhaupt eingeführt? Richtig: Im Deutschen Reich wurde die Zivilehe im Rahmen des Kulturkampfes eingeführt, quasi um der katholischen Kirche das Wasser abzugraben. Wenn man sich allein diesen Umstand betrachtet, erscheint es absolut unverständlich, weshalb “die Kirche” dann heute so auf die staatliche Indizierung ihrer “Mitglieder” pocht.

Von dieser geschichtlichen Facette mal abgesehen ist aber auch die Singularität des Problems für die Bundesrepublik entlarvend. Roland Noé, Herausgeber von kath.net, schreibt das in seinem Kommentar zum Dekret sehr anschaulich:

Besonders absurd wird die Situation jetzt werden, wenn Deutsche, die keine Kirchensteuer entrichten und trotzdem katholisch sind, in andere Länder reisen. Dort dürfen sie nämlich problemlos die Sakramente empfangen. Oder was passiert mit den Gastarbeitern aus Polen oder anderen katholischen Ländern, die zuhause keine Kirchensteuer zahlen müssen und plötzlich in Deutschland von dieser Regelung erfahren? Dürfen diese jetzt in Deutschland nicht mehr die heilige Eucharistie empfangen, da sie ja zu keiner Kirchensteuer verpflichtet sind?

Natürlich, nicht jeder “Ausgetretene” ist diesen Schritt allein aufgrund der Kirchensteuer gegangen. Aber eben solche Leute kommen hier in arge Bedrängnis.

Noch viel wichtiger als diese eher technischen Probleme ist aber die theologische Sichtweise zum “Kirchenaustritt”. Theologisch, bzw. auch kirchenrechtlich gesehen gibt es nämlich keinen Kirchenaustritt.

Einen absolut lesenswerten Beitrag hierzu hat vor fast zwei Jahren (traurig, aber es hat sich seither nichts bewegt…) Maria Herrmann abgeliefert. Bitte lesen!

Nach diesen Vorüberlegungen muss ich einfach zum Ergebnis kommen: Das Dekret der DBK stinkt zum Himmel!

Was beabsichtigt man denn damit? Will man die Gläubigen enger an die Organisation Kirche binden? Will man für mehr Geschlossenheit in der kleiner werdenden Schar der Gläubigen sorgen? Will man eine Drohkulisse aufbauen à la extra ecclesiam nulla salus?

Mit Verlaub, das glaube ich nicht. Ohne den Herren Bischöfen etwas Böses unterstellen zu wollen, bin ich mir sicher, dass es hier wieder nur ums Geld geht. Die katholischen Bistümer in Deutschland leben von der Kirchensteuer, und das nicht schlecht. Gut sogar, vielleicht zu gut. Nachvollziehbar, dass sie auf diese Einnahmen nur ungerne verzichten. Also haben sie sich kurzerhand zu dieser theologisch eigentlich untragbaren Regelung entschlossen: Zahlst du keine Steuern, gehörst du nicht mehr dazu.

Ich bin ja bekanntermaßen ein Verfechter der Idee der Entweltlichung, wie man z.B. hier und hier nachlesen kann. Es kann der Kirche, wie auch der säkularen Gesellschaft nur gut tun, die zwar historisch gewachsenen, teilweise aber destruktiv wirkenden Verquickungen zwischen Staat und Kirche zu lösen.

Natürlich wünsche ich mir als in der Gemeindearbeit engagierten Menschen keine schlagartige, drastische Kürzung der finanziellen Mittel. Aber ich wünsche mir durchaus ein Wachsen der Erkenntnis, dass Staat und Kirche zwei getrennte Sphären sind, die sich zwar gegenseitig zu beeinflussen suchen dürfen, aber keinesfalls in dieser Art voneinander abhängig sein sollen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es das war, was der Heilige Vater im letzten Jahr in Freiburg gemeint hatte. Leider scheint die DBK das immer noch nicht verstehen zu wollen.

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