Quid est libertas?

Nachdem ich mich die letzten Tage mal ein wenig intensiver mit dem Begriff befasst habe, ist mir aufgefallen, wie ungenau wir eigentlich mit diesem Wort “Freiheit” umgehen. Abgesehen davon, dass sie in allerlei politischen und gesellschaftlichen Debatten immer wieder gerne beschworen und unbedingt schützenswert angesehen wird, bleiben der Begriff und seine Bedeutung weitgehend undefiniert.

Gut, die Antwort auf die Frage “Was ist Freiheit?” zu geben, ist auch kein sonderlich einfaches Unterfangen. In einem soziologischen Lexikon, das hier gerade so rumliegt, wird zwischen bürgerlicher und natürlicher Freiheit unterschieden. Diese Unterscheidung stammt eigentlich von Rousseau (und lässt mich gerade etwas an der Qualität des Lexikons zweifeln). Nachdem wir keine Wesen in einem konstruierten Naturzustand sind, ist das Konzept der bürgerlichen Freiheit für uns entscheidend: “[Der] Spielraum des Handelns, den das Individuum sich selbst in seiner Eigenschaft als Bürger eines Gemeinwesenes unter Beachtung der geltenden sozialen Werte und Normen setzt.”

Die Grenzen seiner Freiheit soll sich der Mensch also selber setzen, indem er die gültigen Regeln für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft beachtet. Cicero hat gut eineinhalb Jahrtausende vorher dieses Konzept von Freiheit etwas kürzer und einfacher erklärt. Auf die Frage “Quid est libertas?” (Was ist Freiheit?) antwortet er sich selber: “Potestas vivendi, ut velis.” (Die Möglichkeit/Fähigkeit zu leben, wie du möchtest.)

Ein kleiner Einschub: Eine inhaltliche Definition ist schon deshalb sehr schwer anzustellen, weil wir für den Begriff an sich schon keine gute Beschreibung haben. Jede Sprache hat ihr eigenes Wort für “Freiheit” mit ihrer jeweils eigenen Bedeutung. Das deutsche Wort “Freiheit” ist beispielsweise eine eher mäßige Übersetzung für “libertas”, ein anderes Wort haben wir nur nicht. Im Gegensatz dazu unterscheidet die englische Sprache zwischen “liberty” und “freedom”, was wir jeweils mit “Freiheit” übersetzen, obwohl es zwei verschiedene Begriffe sind (lesenswert ist in diesem Zusammenhang dieser Artikel aus der NZZ-Folio 12/06 von David Hesse).

Essenz dieser beiden oben genannten Ideen von Freiheit ist aber doch, und das ist kein Problem der Übersetzung, dass man nur dann frei ist, wenn man möglichst wenig von Grenzen und Regeln eingeschränkt wird, bzw. dass diese die Freiheit beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass man sich diese Grenzen im Grunde selber setzen kann.

Ich glaube, dass heutzutage viel zu viele Menschen in unserer Gesellschaft nach dieser – im Grunde hedonistischen – Idee von Freiheit leben. Besonders im politischen Diskurs fällt mir das auf, bspw. wenn es um die Piratenpartei geht. Diese wird ja als größter Konkurrent wahlweise der FDP oder der Grünen gehandelt. Jeweils geht es darum, dass die etablierte Partei, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr als freiheitliche Wahlalternative funktioniert, weshalb die Leute nun die Piraten wählen, weil dort grenzenlose Freiheit in allen Lebenslagen versprochen wird. Das ist aber leider ein ziemlich unverantwortlicher Umgang mit dem Ideal der Freiheit.

Hier müsste man nun eigentlich eine Unterscheidung zwischen liberal und libertär machen. Ich glaube aber, dass es relativ egal ist, welches Etikett sich Menschen oder Parteien anheften. Viel wichtiger ist ja, was sie eigentlich meinen. Keine demokratische Partei wird ja für die grundlose Einschränkung von Freiheitsrechten durch den Staat eintreten, insofern folgen sie alle einem liberalen Gedanken, auch wenn sie sich so nicht bezeichnen würden.

Fakt ist jedenfalls, dass beispielsweise die Piratenpartei in bestimmten Fragen zu Eigentumsrechten eine Idee von Freiheit vertreten, die ich so nicht nur nicht vertreten kann, sondern sogar falsch finde. Dabei geht es gar nicht mal um die politische Position, über die man sicherlich diskutieren kann, sondern vielmehr um den gefühlten Missbrauch des Freiheitsbegriffs. Wie gesagt, hier liegt eine verantwortungsfreie Vorstellung von Freiheit zugrunde. Die dahinter stehende gesellschaftliche Idee lässt sich vielleicht am ehesten mit den Naturzustandskonzepten der frühen Kontraktualisten wie Hobbes oder Locke vergleichen.

Locke argumentiert grob vereinfacht so: Die Menschen leben in einem Naturzustand, in dem alle gleich sind und jeder natürliche Rechte besitzt. Das zentrale Recht ist dabei das Recht auf Eigentum. Der Mensch ist zunächst einmal Eigentümer seiner eigenen Arbeit und kann durch Bearbeitung eines “freien” Gegenstandes dieses Recht auf ihn Übertragen. Ein Beispiel: Fällt er einen Baum und baut ein Boot daraus, gehört ihm das Boot auch. Eine staatliche, bzw. gesellschaftliche Organisation hat dann eigentlich nur die Aufgabe, diese Rechte zu schützen und das ursprüngliche Recht auf Leben zu garantieren. Und da alle Menschen ein Interesse am Schutz ihrer Rechte haben, werden sie dieser Organisation auch zustimmen.

Das ist im Grunde der Urgedanke liberaler Staatstheorien und – als prominentestes Beispiel – der ältesten Demokratie der Welt, der Vereinigten Staaten von Amerika. Und doch ist dieser libertäre Vorzeigestaat schon lange erheblich von dieser Maxime abgewichen. Der ciceronische Freiheitsbegriff, der sich bei Locke wiederfindet und in der Unabhängigkeitserklärung der USA exemplarisch ausformuliert wird, entspricht einer Utopie, die schon immer eine Utopie war und immer eine Utopie bleiben wird.

Und trotzdem wird in der politischen Debatte in unserer Gesellschaft immer wieder diese Definition von Freiheit angewandt. Und ich halte das potenziell für verheerend. Wer nämlich Freiheit nur als vollkommene Handlungsfreiheit versteht, bzw. sie dazu verklärt, verkennt, dass Freiheit immer auch mit großer Verantwortung einhergeht. Und das ist auch keine neue Erkenntnis.

Papst Leo XIII. hat im Jahr 1888 eine Enzyklika zum Thema Freiheit veröffentlicht („Libertas praestantissimum“). Diese ist sicherlich nicht ganz unumstritten, in diesem Zusammenhang aber sehr interessant. Das Pontifikat von Leo war in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Vor allem zwei Dinge finde ich besonders int
eressant: Mit der Enzyklika “Rerum novarum” begründete er die Tradition der Sozialenzykliken, gleichzeitig beendete er den Kulturkampf zwischen dem Apostolischen Stuhl und dem Deutschen Reich. Mit seinem eigentlichen Gegner Bismarck verband ihn dabei die Ablehnung des Liberalismus, der sich zu dieser Zeit noch in einer relativ ursprünglichen Form ausbreitete. Vor diesem Hintergrund halte ich die folgenden Zitate nicht nur für zeitgeschichtlich bedeutend, sondern auch in der heutigen Zeit für bedenkenswert:

“Die Freiheit, diese äußerste wertvolle Gabe der Natur, kommt nur dem Wesen zu, welche den Gebrauch der Intelligenz oder Vernunft besitzen. Sie verleiht dem Menschen jene Würde, wodurch er sich selbst in der Hand hat bei seinen Entschlüssen, und so Herr über seine eigenen Handlungen wird. Es kommt aber sehr darauf an, wie man sich dieser Würde bedient, da aus dem Gebrauch der Freiheit die höchsten Güter, aber auch die größten Übel erwachsen. Gewiss steht es in den Menschen Macht, der Vernunft zu gehorchen, das sittlich Gute zu wählen und geraden Wegs sein höchstes Ziel zu verfolgen. Doch kann er auch nach jeder Richtung hin abirren: er kann einem trügerischen Scheingute folgen und so die sittliche Ordnung stören und sich freiwillig ins Verderben stürzen.”

“Der letzte Grund, warum dem Menschen ein Gesetz notwendig ist, liegt mithin in dem freien Willen; unsere Willensentschlüsse sollen nämlich mit der rechten Vernunft im Einklang stehen. Nichts ist deshalb so falsch und so unsinnig, wie die Behauptung, der Mensch dürfe die Fessel des Gesetzes nicht tragen, weil er von Natur aus frei ist. Wenn das wahr wäre, so würde daraus notwendig folgen, zur Freiheit gehöre, dass sie mit der Vernunft nicht zu tun habe; gerade das Gegenteil ist zweifellos richtig: deshalb muss der Mensch durch das Gesetz geleitet werden, weil er von Natur aus frei ist. Auf diese Weise wird das Gesetz für den Menschen ein Führer bei all seinen Handlungen: es lockt ihn zum Guten durch den Lohn den es verspricht, und schreckt ihn vom Bösen ab durch die Androhung von Strafe.”

Aus diesen beiden Abschnitten kann man vor allem zwei Punkte herauslesen: Erstens ist Freiheit ohne Vernunft keine echte Freiheit, und zweitens sind die Grenzen der Freiheit nicht negativ, sondern ermöglichen letztlich erst die Freiheit. Natürlich gibt es da Berührungspunkte bspw. mit dem Konzept vom Naturzustand im Kontraktualismus, letztlich bleibt im Liberalismus aber doch die Freiheit ein Selbstzweck, der möglichst nicht begrenzt werden soll.

Ich glaube, wenn wir heute von Freiheit sprechen, sollten wir viel öfter auch von Vernunft und Verantwortung sprechen. Der Missbrauch des Freheitsbegriffs im politischen Diskurs als Allzweckwaffe gegen jedwede unliebsame Regel ist nicht nur destruktiv, sondern führt meines Erachtens letztlich auch dazu, dass eine echte, gute Freiheit irgendwann nicht mehr als Ideal gesehen wird. Wir leben in einem der freisten Länder der Erde und trotzdem kann man offenbar noch immer Wahlen gewinnen, indem man noch mehr, ungezügelte Freiheit fordert. Gleichzeitig fußen alle großen, politischen Probleme unserer Zeit auf einem Mangel an Vernunft und Verantwortungsbewusstsein.

Also bitte, liebe politische Akteure, tut nicht immer so, als ob wir in unserer Gesellschaft dringend noch mehr Freiheit bräuchten und als ob die Abschaffung von Regeln mit einem Wachsen der Freiheit gleichzusetzen sei. Der Welt wäre geholfen.

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2 Gedanken zu “Quid est libertas?

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