Das Jahr des Glaubens hat begonnen!

Gestern begann das vom Heiligen Vater ausgerufene Jahr des Glaubens. Auch in der Diözese Würzburg fanden hierzu Eröffnungsveranstaltungen statt. An drei Orten im Bistum (Würzburg, Schweinfurt und Bad Kissingen) wurden Festmessen mit anschließenden Vorträgen gefeiert. Ich war in Würzburg dabei.

Um 18:30 Uhr zelebrierte S.Exz. Bischof Friedhelm im Neumünster ein Pontifikalamt zur Eröffnung des Glaubensjahres. Nachdem ich verkehrsbedingt erst direkt zum Einzug in die Kirche kam, hatte ich schon befürchtet, mit einem Stehplatz vorlieb nehmen zu müssen. Tatsächlich hätten aber bestimmt noch einmal locker 50 Menschen in das ohnehin nicht allzu große Gotteshaus gebracht. Nun, ich denke einfach mal, dass zwei Faktoren zu dieser nicht eben überwältigenden Teilnahme geführt hatten: Es war erstens ein Wochentag, an dem nun Mal nicht alle Leute so ohne weiteres die Zeit für solche Veranstaltungen finden, und zweitens ist das Jahr des Glaubens wohl noch vielen Leuten kein Begriff. Insofern haben wir ja noch ein Jahr Zeit, die Idee unter die Menschen zu bringen.

Mein Zuspätkommen hatte aber auch einen schönen Vorteil, da ich dadurch im hinteren Bereich der Kirche unter der Kuppel saß. Dort ist die Akustik für den Chorgesang wohl etwas besser, was mir die musikalische Ausgestaltung des Kammerchores noch etwas versüßte. 🙂

In seiner Predigt ging Bischof Friedhelm unter anderem auf seine persönliche Geschichte ein. Er erzählte davon, wie er als junger Student während des Zweiten Vatikanischen Konzils den “frischen Wind” spürte, der durch die aufgerissenen Fenster zog. Und er sprach davon, dass dieser Konzilsgeist, dieses Aggiornamento nicht nur in den 1960er Jahren von Bedeutung war, sondern auch heute noch treibende Kraft in unserem Kirchen- und Glaubensleben sein sollte. In den Mittelpunkt stellte er die Anfangsworte der Pastoralkonstitution:

“Gaudium et spes, luctus et angor hominum huius temporis, pauperum praesertim et quorumvis afflictorum, gaudium sunt et spes, luctus et angor etiam Christi discipulorum (…)”
“Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.”

Die Predigt war keine tiefgreifende, theologische Abhandlung über entrückte Begrifflichkeiten, sondern sollte Mut und Zuversicht geben, diese ursprünglichen Gedanken und Ideen des Konzils wieder zu entdecken und neu zu beleben, um sie heute wieder fruchtbar zu machen.

Ein wenig mehr über die Predigt von Bischof Friedhelm kann man hier im Pressebericht des Ordinariates nachlesen.

Im Anschluss an die Messe lud der Bischof noch zu einem Vortrag im Kolpinghaus ein, welcher leider nicht viele Besucher folgten. Unter den ca. 50 Zuhörern waren sehr viele Priester, Ordensschwestern und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche. Nichtsdestoweniger erlebten die Anwesenden einen sehr guten Vortrag von Hw.H. Domkapitular Prof. Dr. Wolfgang Klausnitzer. Prof. Klausnitzer gehört seit 1996 dem Domkapitel der Erzdiözese Bamberg an und ist seit 2007 Ordinarius für Fundamentaltheologie an der Universität Würzburg.

Und in dieser letztgenannten Funktion hatte ich Prof. Klausnitzer natürlich schon kennen gelernt, was mir zusätzlicher Anreiz war, den Vortrag zu besuchen. Und es hat sich gelohnt! Zugegeben, nach den ersten zehn Minuten dachte ich mir schon, wie sich ein “unbedarfter” Zuhörer wohl fühlen muss. Klausnitzer hat einen sehr angenehmen, elaborierten Vortragsstil. Allerdings neigt er auch ein wenig zu sehr komplexen Gedankengängen, bei denen man gerne auch mal die Übersicht verliert. Glücklicherweise hat er die Struktur seines Vortrages den Zuhörern aber zuvor als Handout austeilen lassen; auf Totholz deshalb, da er von vielen Veranstaltungsorten schlechte Technik und nicht funktionierende Beamer gewohnt sei, er würde deshalb lieber auf bewährte Techniken zurückgreifen. 😉 (Nota bene: Der Vortrag fand im technisch sehr gut ausgerüsteten Kolpinghaus statt, es hätte also auch sicher anders funktionieren können.)

Das Thema des Vortrags lautete “Kontinuität oder Bruch? Überlegungen zur Rezeptionsgeschichte des Konzils.” Im wesentlich stützte sich das Referat auf drei Zitate, die in ihrem Zusammenspiel ein sehr interessantes Bild der Konzilsrezeption zeichneten. Am Anfang stand ein Wort aus der summa theologica von Thomas von Aquin:

“Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur – Was immer auch aufgenommen wird, wird der Art des Aufnehmenden entsprechend aufgenommen.”

Damit beantwortete Klausnitzer im Grunde schon die Frage nach Kontinuität oder Bruch. Die Rezeption des Konzils ist so unterschiedlich, wie die Glieder der Kirche unterschiedlich sind. Und da dies ja eine “menschliche” Eigenschaft ist, bedeutet der Streit über die Auslegung des Konzils keinen Bruch, sondern eben Kontinuität; es war bei früheren Konzilien nämlich nicht anders. Somit ist auch die Wirkung – der berühmte “Konzilsgeist” – keine eigentliche Eigenschaft des Konzils, sondern Ergebnis einer (mehrheitlichen) Rezeption unter den Beteiligten, bzw. Betroffenen. Insofern stellt sich vielmehr die Frage, wie das Konzil auch im geschichtlichen Kontext zu verstehen und somit einzuordnen sei.
Ein weiteres Zitat stammt aus dem Römerbrief:

”(…) denn wenn du mit deinem Mund bekennst: ‘Jesus ist der Herr’ und in deinem Herzen glaubst: ‘Gott hat ihn von den Toten auferweckt’, so wirst du gerettet werden.”
(Röm 10, 9) [Hervorhebungen von mir]

An diesem Zitat führte Professor Klausnitzer vor allem die Bedeutung des Wortes “und” als “katholisches et” aus. Für den katholischen Glauben ist es somit unerlässlich, immer zwei, teilweise auch gegensätzliche, Begriffe als zulässig und richtig anzuerkennen. Das prominenteste Beispiel hierfür ist wohl “Fides et Ratio”. Glaube ohne Vernunft und Vernunft ohne Glauben sind nicht möglich, gleichzeitig dürfen die Begriffe aber auch nicht gegeneinander aufgewogen werden.

Dieser Gedanke wird bei der Übertragung auf die Konzilsrezeption besonders deutlich. Wie zwei gegensätzliche Begriffe nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, hat das Konzil, bzw. haben auch frühere Konzilien versucht, keine Mehrheitsentscheidungen zu treffen, die letztlich den Sieg einer Partei über die andere bedeutet hätten. In reinen Mehrheitsentscheidungen muss man vielmehr die Gefahr einer Kirchenspaltung vermuten, was Prof. Klausnitzer am aktuellen Beispiel der Probleme in der Anglikanischen Kirche aufzeigte.

Gleichzeitig ist die umfassende Individualisierung ebenso nicht anzustreben. Als Grund für die Ablehnung dieser Idee führte Klausnitzer “das Trauma der frühen Kirche” an, womit er das Ringen der Kirche mit der Gnosis, bzw. dem Gnostizismus beschrieb. Diese Strömung beruhte im Kern auf einer individualistischen Idee, wonach der Mensch selber und alleine für seine Erkenntnis sorgen könnte. Danach wären Übereinstimmungen mit anderen gar nicht mehr notwendig, das Individuum könnte Entscheidungen alleine treffen und tragen.

Prof. Klausnitzer erläuterte aus diesen beiden Prämissen basierend die “katholische Lösung”, nämlich den Weg des Konsenses, bzw. der Einmütigkeit. Dies wird schon in den Begrifflichkeiten Konzil und Synode deutlich. Beide Worte enthalten jeweils ein Präfix (“cum”, bzw. “syn”), das auf die Bedeutung der Gemeinschaftlichkeit hinweist. Dabei geht es nicht notwendigerweise um Einstimmigkeit, sondern darum, dass sich alle Teilnehmer so weit respektiert fühlen, dass sie dem Ergebnis zustimmen können.

Das dritte Zitat schließlich lautete:

“Unus christianus, nullus christianus – Ein Christ (ist) kein Christ.”

Dieser zunächst unsinnige erscheinende Satz will zum Ausdruck bringen, dass das Christentum immer nur in seiner Gesamtheit verstanden werden kann, “ein Christ” im Singular ist nicht denkbar. Dahinter steht die frühchristliche Frage, ob das im Evangelium erwähnte Ende der Welt erreicht sei, wenn nur noch ein Christ auf Erden wäre. Wiederum interessant und von Bedeutung ist dieses Zitat in der Anwendung auf das Konzil, bzw. die Konzilien der Kirche: Man kann das Zweite Vaticanum nicht als eigenständig betrachten, der Zusammenhang mit den früheren Konzilien muss immer beachtet werden.

Dies ist einerseits wieder für die Frage nach der Kontinuität entscheidend, andererseits bedeutet es aber auch eine klare Absage an die These, dass das Vaticanum II. ein “einzigartiges” Konzil gewesen sei; jedes Konzil war auf seine Weise einzigartig. Klausnitzer führte als Beispiel die fast schon banale Frage der Einberufung und Leitung des Konzils an: Was heute (wohl eindeutig) alleinige Angelegenheit des Papstes ist, war im ersten Jahrtausend nicht so.

Diese Notwendigkeit einer umfassenden, gemeinschaftlichen Betrachtung der Dinge machte Prof. Klausnitzer abschließend auch zur Basis einer persönlichen Einschätzung. Die Rezeption des Konzils wird im Sinne der Kontinuität immer fortdauern und nicht auf ein abschließendes Ziel hinlaufen. Dazu bedarf es aber einer Kultur der Gemeinschaftlichkeit, die von der Erkenntnis der katholischen Weite abhängig ist. Nur wenn wir das Gegenüber, die Gegenpartei in dem Sinne respektieren, dass wir ihr einen Willen um eine gute Zukunft für die Kirche zusprechen, kann die Rezeptionsgeschichte fruchtbar sein.

Im Anschluss an seine Ausführungen stand Professor Klausnitzer auch noch für einige interessante Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Mein persönliches Fazit: Das Jahr des Glaubens hat gut begonnen. Ich war anfangs nicht wirklich enttäuscht, aber vielleicht etwas überrascht, dass die Teilnahme doch etwas hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Aber in der Reflexion ist das vielleicht auch gut so. Das Jahr des Glaubens soll schließlich kein pompöses Auftrumpfen sein, sondern eine geistige Bewegung der Reflexion, der Vertiefung und der Neuevangelisierung. Professor Klausnitzer brachte in seinem Vortrag den wunderbaren Begriff des “pneumatischen Events”; das Vaticanum sollte kein solches sein und auch das Jahr des Glaubens ist kein Event.

Ich freue mich jedenfalls, an dieser Veranstaltung teilgenommen zu haben. Es war ein wirklich schöner Abend und ein guter, nachdenklicher Start in ein hoffentlich ergebnisreiches Jahr!

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