Politik ohne Inhalt.

Dieser Tage fällt mir wieder verstärkt eine Eigenschaft der deutschen Medienlandschaft auf, die ich einfach nicht verstehen kann. Der Wahltermin für die Präsidentschaftswahlen in den USA rückt immer näher und natürlich wird auch hierzulande viel über den Wahlkampf berichtet.

Wie aber auch schon früher wird in der Berichterstattung über US-Amerikanische Politik, v.a. wenn es eine solche innere Angelegenheit geht, quasi nie über politische Themen berichtet, sondern immer nur über das Außenrum.

Beispielsweise bei den zurückliegenden Parteitagen und den drei TV-Duellen zwischen den Kandidaten ging es nie um die Inhalte, die dort besprochen wurden, sondern nur um Teilnehmerzahlen, Rededauern, Applauslautstärken, Ehefrauen und darum, ob der Präsident zu oft zu Boden geblickt hat. Ich verstehe es nicht.

Klar, der US-Amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ist in erster Linie eine große Show. Wenn da einer daher kommen würde und ließe sich auf einem schnöden Parteitag nach deutschem Vorbild nominieren, er hätte keine Chance. Und doch: Wenn Phoenix einen ganzen Tag von einem SPD-Parteitag live berichtet, dann geht es da stundenlang um Inhalte. Natürlich wird auch da die Dauer des Applauses gestoppt, aber kein Mensch interessiert sich dafür, ob Steinbrücks Ehefrau noch etwas tolles zu sagen hat, oder eben nicht. Wenn sich hingegen Michelle Obama hinstellen würde, und erzählte den Massen etwas von finanzpolitischen Ideen, die Leute würden sie ausbuhen, weil sie hören wollen, dass der Barack ein ganz toller Ehemann und ein noch tollerer Vater ist.

Aber: Auch in den USA geht es dieser Tag um Inhalte. Und zwar nicht zu knapp. Steuerpolitik ist da ein großes und wichtiges Thema. Aber auch die Gesundheitsreform. Natürlich, aus unserem Blickwinkel scheint es absurd, die Versicherungspflicht wieder abschaffen zu wollen. Wir können ja gar nicht verstehen, wie es die Amerikaner so lange ohne diese Pflicht geschafft haben. Aber wir haben eben ein ganz anderes Staatsverständnis, oder besser gesagt: Wir verstehen den Staat USA einfach nicht.

Die USA fußen auf einem Staatsgedanken, der über 200 Jahre alt ist. Im Kern hat sich dieser schon im 17. Jahrhundert entwickelt. Und dieser Kern hat sich bis heute bewahrt. Wir nennen das heute libertär und haben aber eigentlich keine Ahnung, wovon wir eigentlich sprechen.

Und wieso? Weil wir, nein, eigentlich sind es die Medien, uns eine Aufklärung über diese Themen schlicht vorenthalten. Es wird nie der Versuch unternommen, diese Gedanken einmal zu erläutern. Und wenn es doch einmal geschehen sollte, dann immer nur wertend, nie sachlich-neutral.

Das ist bei sehr vielen Themen so: Waffenrecht, Krankenversicherung, Steuerpolitik, etc. All diese Themen kann man nur verstehen, wenn man den Staatsgedanken der USA verstanden hat. Aber dieser wird nicht erklärt.

Stattdessen wir hier nur von Waffennarren gesprochen, von reichen Lobbyisten, die keine Steuern zahlen wollen, von rechten Fanatikern, die eine Krankenversicherung für den ersten Schritt in den Sozialismus halten.

Und was am Ende dabei herauskommt, ist das eigentlich dramatische. Im immer noch wichtigsten Staat der Erde, der ältesten Demokratie überhaupt, wird ein neues Staatsoberhaupt gewählt, und wir interessieren uns nur für den Boulevard. Schlimmer noch: Es gibt in der deutschen Medienlandschaft kein Mainstreammedium, das den Gegenkandidaten der Republikaner sachlich und neutral als möglichen neuen Präsidenten darstellt. Romney wird ausschließlich negativ dargestellt, bzw. ist jedwede Berichterstattung über die Republikaner negativ konnotiert. Und das hat keine politischen Gründe, dass sich unsere Medien geschlossen nicht mit ihm identifizieren könnten. Unseren Medien könnte es nämlich im Grunde ziemlich egal sein, wer der nächste Präsident der USA wird.

Diese unsachliche und tendenziöse Berichterstattung erfolgt meines Erachtens in allererster Linie aus dem Dilemma, dass eine sachliche Berichterstattung auch einer tatsächlichen Beschäftigung mit politischen Inhalten bedarf. Und eine solche wird nicht stattfinden.

Aber ich frage trotzdem: Wieso? Können und wollen wir es uns ernsthaft leisten, über den wichtigsten Wahlkampf der Erde nur in Boulevardmeldungen zu berichten?

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2 Gedanken zu “Politik ohne Inhalt.

  1. Vielleicht verstehen die Medien selbst nicht so ganz, um was es eigentlich geht – woher dieser Staatsgedanke überhaupt kommt!? Oder sie wollen es einfach nicht verstehen…man weiß es einfach nicht.

  2. Ich denke schon, dass die das verstehen. Es gibt in unseren Medien so viele USA-Experten, irgendwas müssen die ja drauf haben.Ich sage: Die haben einfach keine Lust. Es ist nämlich gar nicht so einfach, diese Themen mal sachlich aufzuarbeiten. Es ist viel einfacher, über die USA und ihre Politik im Schwarz-Weiß-Schema zu berichten. Obama ist gut, Romney ist böse. Demokraten sind Demokraten, Republikaner sind Halbfaschisten…

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