Herzenslesung #3.

Das heutige Tagesevangelium – zu Allerheiligen – als eine Lieblingslesung zu bezeichnen, ist vielleicht etwas zu einfach. Immerhin handelt es sich dabei um den Anfang der Bergpredigt bei Matthäus.

Als ich aber heute in der Messe saß (oder besser: stand) und das Evangelium hörte, kam mir ein Buch in den Sinn, dass ich zu Hause im Bücherregal stehen habe. Jetzt habe ich das Buch gerade mal zur Hand genommen und ein wenig darin gelesen.

Es handelt sich dabei um den Titel “Die großen Reden der Weltgeschichte” von Martin Kaufhold, welcher im Marix Verlag in der Reihe marixwissen der Frankfurter Rundschau erschienen ist. (Die Investition von fünf Euro bei amazon lohnt sich übrigens allemal!)

In diesem Band sind gut 20 historisch bedeutsame Reden aus allen Epochen zusammengefasst und jeweils auf ein paar Seiten erläutert. Darunter finden sich einige Meisterwerke der Rhetorik, an die wohl auch die meisten Leute direkt denken, wenn sie von “großen Reden der Weltgeschichte” hören: Die “Gettysburg Address” von Abraham Lincoln, “This was their finest hour” (“Ihre beste Stunde”) von Sir Winston Churchill, “Schaut auf diese Stadt” von Ernst Reuter, “I have a dream” von Martin Luther King Jr.

Ich habe hier bewusst nur relativ neue und sehr politische Reden ausgewählt. Wer würde nämlich auf die Idee kommen, die Bergpredigt in diese Reihe zu stellen?

Nun, sie steht auch in diesem Buch (neben anderen religiösen Reden). Und sie steht dort zu Recht, denn die Bergpredigt ist nicht nur einfach ein Ausschnitt aus der Bibel. An kaum einer anderen Stelle in der Bibel und in sonst einer Schrift wird auf so wenig Raum, in so unkomplizierter Weise zusammengefasst, wie das Zusammenleben der Menschen funktionieren, ja, wie es nur funktionieren kann.

Ich möchte einige Auszüge aus der Einleitung von Martin Kaufhold bringen, die verdeutlichen, wieso sich Jesu Bergpredigt ohne Weiteres in eine Reihe mit Lincoln, Churchill & Co. stellen lassen kann und wieso wir die Bibel vielleicht manchmal nicht nur im Licht des Glaubens, sondern ihrer welthistorischen Bedeutung angemessen lesen sollten:

“Die Bergpredigt gehört zu den bekanntesten Texten unserer Kultur, gleichzeitig ist er einer der umstrittendsten [sic!]. Obwohl der ganze Text eine radikale Aufforderung zur Versöhnung ist, hat er immer wieder erbitterten Streit darüber ausgelöst, wie wörtlich er zu nehmen sei. Denn seine Radikalität und seine vermeintliche Klarheit erweisen sich in der normalen Komplexität des Alltags mitunter als schwierig. (…) (Jesus formuliert) mit der Bergpredigt den Kern seiner Lehre. (…) Die Bergpredigt ist ein aktueller Text, aber sie ist zunächst ein Text in der großen jüdischen Gesetzestradition, auf die sie sich ausdrücklich bezieht. (…) Eine besondere Stellung kommt den Worten Jesu über seine Stellung zum Gesetz zu. Er war ein Jude und lehrte in den Synagogen. Das Gesetz des Moses war streng und enthielt zahlreiche Vorschriften. (…) Aber jedes Gesetzeswerk, das so viele Vorschriften enthält, verleitet einen Teil seiner Experten dazu, den Formalitäten eine besondere Bedeutung zu verleihen. (…) Und Jesus war ja auch gekommen, um die Spezialisten der jüdischen Traditionen von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen. (…) Jesus beginnt mit einem klaren Bekenntnis zur jüdischen Tradition, aber in dem Moment, in dem er seinen Zuhörern seine Lehre an Beispielen verdeutlicht, wird klar, dass es um mehr geht, als um die Einhaltung der traditionellen Vorschriften. (…) Die Maßstäbe, die Jesus formuliert, sind sehr anspruchsvoll, und es ist nicht verwunderlich, dass es ein sehr breites Spektrum von Meinungen dazu gibt, wie verbindlich seine Worte sind. (…) Mit solchen Fragen der praktischen Umsetzung befasste sich Jesus in der Bergpredigt freilich nicht. Er formuliert an dieser Stelle ein neues Gesetz. (…) Die neue Ethik, die er verkündet, geht über die alten Regeln hinweg. Das bedeutet, dass Gott sein Gesetz, das er den Israeliten zur Zeit Mose gegeben hat, erneuert. Es ist ein neuer Bund für eine neue Zeit. (…) Der Fortgang der Evangelien zeigt, dass auch seine unmittelbaren Gefährten sich mit der Botschaft schwertaten, aber der Text hat eine gewaltige Wirkung entfaltet. Er hat das Zusammenleben der Menschen nicht grundlegend verändert. Dazu ist kein Text in der Lage. Aber er bedeutet in seiner Radikalität eine ständige Herausforderung. Das Vaterunser, das Jesus den Menschen bei dieser Gelegenheit als die richtige Form des Gebetes vorstellt, ist durch die lange Tradition des Christentums ein zentraler Gebetstext geblieben: ein knapper Text von eindringlicher Würde. Er ist frei von schwärmerischen Eifer und er hat auch deshalb durch alle Wechsel der Geschichte seinen zentralen Platz behalten. Die Bergpredigt bringt höchste göttliche Ansprüche an den Einzelnen mit der bewährten Ethik einer langen Tradition zusammen (…) und lässt auf diese Weise erkennen, dass die Botschaft Jesu sich nicht in einem freundlichen Miteinander erschöpft, dass sie aber den Menschen soweit zugewandt ist, dass sie sie bisweilen fordert, aber nicht überfordert. Gerade weil diese Predigt so grundsätzlich ist, sprechen ihre Worte moderne Zuhörer noch immer an. Es hilft, mit den Bedingungen vertraut zu sein, in denen sie vorgetragen wurde. Aber auch ohne diese Kenntnis vermögen diese Worte sogar zweitausend Jahre später noch immer ganz unterschiedliche Menschen unmittelbar anzusprechen. Es gibt nur sehr wenige Predigttexte, von denen man vergleichbares sagen kann. 
(Martin Kaufhold: “Die großen Reden der Weltgeschichte”. Marix Verlag. Wiesbaden, 2007. S. 51-55)

Kaufhold ist kein Theologe, er ist Historiker und Germanist. Und trotzdem beschreibt er die Bergpredigt und ihre Wirkung meines Erachtens sehr treffend. Vielleicht auch weil er eben kein Theologe ist. Die Bergpredigt ist in ihrer Sprache direkt und verständlich, jeder Mensch versteht, was Jesus uns sagt. Diese Rede ist kein Text, der von Theologen im Licht des Glaubens aufgeschlüsselt werden muss. Er dringt direkt in unser Leben ein, in unser Zusammenleben. Deshalb ist es auch eine politische Rede. Und zu recht eine der großen Reden der Weltgeschichte.

Zum Abschluss noch der eigentliche Text des heutigen Evangeliums:

“Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.”
(Mt 5, 1-12 EÜ)

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