„Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.“ #1

Zur Erklärung: Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Würzburg veranstaltet in diesem Wintersemester eine Ringvorlesung mit dem spannenden Titel “Umbruch – Wandel -Kontinuität (312-2012): Von der Konstantinischen Ära zur Kirche der Gegenwart”.
Natürlich werde ich die Veranstaltungen dieser Reihe auch (möglichst alle) besuchen. Zugegeben, mich interessiert zwar das Thema an sich schon sehr, aber ich kann mir den Besuch der Veranstaltungen auch als Leistung anrechnen lassen. 🙂
Zur Anrechnung muss ich am Ende des Semesters aber natürlich auch etwas Schriftliches abliefern, damit man irgendwie auch nachvollziehen kann, dass ich dabei war. Dazu mache ich mir natürlich einige Notizen, um nicht komplett aus dem Gedächtnis zu schreiben. Und selbstlos wie ich bin, lasse ich gerne die Welt an meinen Notizen teilhaben.
Ich werde das wahrscheinlich nicht für alle Vorlesungen der Reihe schaffen – vor allem nicht in diesem Umfang – will aber auf jeden Fall versuchen, so viele Veranstaltungen wie möglich hier zu skizzieren.

Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Franz Dünzl:
“Der Auftakt einer Epoche: Konstantin und die Folgen”.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Am Anfang steht der Begriff der Epoche und die Frage, wie sich dieser definieren lässt. Es ist ein Begriff aus der historischen Wissenschaft und weniger einer der Theologie.
Die historische Theologie wiederum hat nicht die gleiche Aufgabe wie die Geschichtswissenschaft. Sie soll nicht einfach nur historische Begebenheiten darstellen, sondern sie im Licht des Evangeliums deuten.

Eine Frage zum Begriff der Epoche: “Ist es nicht ein artifizielles Unterfangen, den ununterbrochenen Fluss der Geschichte in Epochen zu unterteilen?”

Beim Betrachten der Schlacht an der Milvischen Brücke hat diese zunächst keine große Bedeutung. Die Auseinandersetzungen von Kaiser Konstantin bspw. mit dem oströmischen Reich bestanden weiterhin; in anderen Teilen des Reiches und vor allem außerhalb des Reiches maß man der Schlacht und ihrem Ausgang zunächst keine, bzw. nur eine geringe Bedeutung zu.

Daraus lässt sich die Frage formulieren: Ist es überhaupt sinnvoll, hier vom Beginn einer Epoche zu sprechen?
Die Frage kann bejaht werden. Das Jahr 312 markiert den Anfang einer neuen Epoche der Religionsgeschichte.

Hätte Konstantin die auf die Schlacht an der Milvischen Brücke folgenden Schlachten verloren, wäre 312 damals wie heute wohl unbedeutsam geblieben. So aber hat der Sieg “Türen aufgestoßen, die im Verlauf der weiteren Geschichte nicht mehr geschlossen wurden.”

In der Anfangszeit bestand das positive Verhältnis von Konstantin zum Christentum vor allem in einer Unterstützung, die finanzieller Natur war. So wurde das Christentum, wie andere Religionen zuvor auch schon, von bestimmten Steuern befreit. Ebenfalls förderte Konstantin die Möglichkeit der Ausübung des christlichen Kultes.

313 beschlossen Konstantin und sein Widersacher Licinius die Mailänder Vereinbarung. Sie installierte in ihrem Einflussbereich allgemeine Religionsfreiheit, was in dieser Zeit vor allem das Christentum betraf.

Zu diesem Zeitpunkt wurde das Christentum aber noch nicht Staatsreligion (erst Ende des 4. Jhdts.).

Schon in der Zeit vor 312 hatte sich das Christentum im Reich gewissermaßen etabliert, war erstarkt. Ein Grund hierfür ist in der starken, belastbaren Ämterstruktur zu suchen. Der flächendeckende Aufbau von hierarchischen Strukturen (Bistümern) schaffte quasi eine Art Staat im Staat. Ebenfalls das Synodenwesen gerade in der jungen Kirche trug viel zu ihrer Stabilität und ihrem stetigen Wachstum bei.
Hinzu kam das Toleranzedikt des Kaisers Galerius von 311. Dies beendete die schwerste Phase der Christenverfolgungen und sicherte den Christen das Recht und die Möglichkeit zur Religionsausübung zu.
Und auch schon Constantius, der Vater von Konstantin, beteiligte sich nicht mehr wirklich an Christenverfolgungen, sondern pflegte eine offensichtlich sehr liberale Haltung.

Zu beachten ist in diesem zeitlichen Zusammenhang auch ein Trend der Zeit, der Henotheismus. Hierbei handelt es sich nicht um den Glauben an einen einzigen Gott, sondern an eine höchste Gottheit, einen summus Deus. Dieser war für die Römer der Sol invictus.

Entscheidend für den Beginn der Epoche waren jedoch vor allem eine Reihe von Weichenstellungen in der Zeit Konstantins.

Eine wesentliche Verbesserung für das christliche Leben war die Möglichkeit, nun auch in das Beamtentum und das Militär einzutreten. Diese wurde möglich, da sie vom heidnischen Kult befreit wurden, der für diese Berufsgruppen eigentlich verpflichtend war. Ihnen wurde lediglich abverlangt, nach der Idee des Henotheismus zu ihrem summus Deus zu beten.
Vor allem durch den Eintritt in den Militärdienst konnte der alte Vorwurf der staatsfeindlichkeit entkräftet werden. Die Christen lehnten den Staat nicht nur nicht ab, sie unterstützten ihn sogar aktiv.
Ab diesem Punkt waren Christen im Staatsapparat angekommen, ihre Anwesenheit in verschiedensten Bereichen wurde zur Selbstverständlichkeit.

Diese Assimilierung der Christen an die römische Kultur erlebte im 4. Jahrhundert generell einen großen Schub, was mit einer Art “Verweltlichung” des Glaubens bezeichnet werden kann.
Etwa 100 Jahre nach der Öffnung des Staatsapparats für die Christen war dieser selbst komplett in christlicher Hand, als im Gegenzug das Heidentum im Staatsdienst verboten wurde.

Diese Öffnung des Staates für die Christen legt den Grundstein für die Entwicklung der christlichen Heere in Europa. Fortan finden sich in allen Phasen der Geschichte kriegerische Auseinandersetzungen zwischen christlichen Armeen und andersgläubigen Gegnern, die im Namen des Christentums von christlicher Seite begonnen oder zumindest forciert wurden.
Man könnte daher Aufklärung und Säkularisierung als notwendige, sogar gottgewollte Reaktionen auf diese absurde, eigentlich unchristliche Art der Machtpolitik verstehen.

Ein entscheidender Schritt der Einbindung der Christen in das öffentliche Leben im römischen Reich ereignet sich 325, als Konstantin als heidnischer Kaiser das Konzil von Nicäa einberuft und leitet. Die Christen dulden diese Leitungsfunktion nicht nur, sie begrüßen sie in gewisser Weise sogar. Eusebius von Caesarea nennt Konstantin einen koinos episkopos, einen allgemeinen Bischof.

Konstantins Hauptinteresse auf dem Konzil und auch in der Folgezeit sind Einheit und Einigkeit des Christentums. So geht er entschieden gegen den Donatismus und den Arianismus vor. Den Arianismus kann er im Rahmen des Konzils erfolgreich zurück drängen, die Donatisten können sich jedoch noch längere Zeit halten.

Schon früh orientiert sich das römische Papsttum am römischen Kaisertum, was aus der Dominanz des römischen Kaisers über die Kirche folgt, welche sich im 4. Jahrhundert rasch entwickelt.
Für diese Dominanz, bzw. deren Akzeptanz gibt es verschiedene Gründe. In der Antike herrschte die Ansicht vor, dass allein die Religion das Wohlergehen des Staates verbürge. Daher hatte der Kaiser die Religion, bzw. den Kult zu schützen. Die Gewährleistung des ordentlichen Gotteskultes lag aber auch im Interesse des Kaisers, da dieser sich dadurch ein gutes Gelingen seiner Regentschaft und die Gunst des Volkes erhoffte.
Dies änderte sich durch den Übergang zum Christentum nicht. Gleichwohl wurde der heidnische Kult von Konstantin weiterhin unterstützt.

Mit dem Bau von Kirchen durch den Kaiser in der architektonischen Form der Basilika, wie bspw. im Lateran, begann im Christentum eine architektonische Monumentalisierung. Gleichzeitig vollzog sich eine Sakralisierung der Gebäude; zuvor wurden Gottesdienste in dafür hergerichteten, eigentlichen Wohnhäusern gefeiert.
Dies und die Einführung des Sonntagsgesetzes 312 brachte liturgische Veränderungen für die Christen mit sich. Sie mussten nun nicht mehr frühmorgens oder nachts im Verborgenen ihre Feiern abhalten, sondern konnten dies am Tag und in der Öffentlichkeit tun.
So wurden die Feiern prunkvoll ausgestaltet. Elemente dieser antiken Gestalt der gottesdienstlichen Feiern, welche sich an Gebräuche des heidnischen Kaisertums anlehnte, sind noch heute im Pontifikalamt erhalten (bspw. der Bischofsthron).

Unter diesem Einfluss der römischen Kultur trat nun auch in der christlichen Liturgie der Kultcharakter in den Vordergrund. Der korrekt vollzogene Ritus wurde nun zum Prüfstein für die Güte der Liturgie. Dies bedeutete auch die beginnende Normierung des Ritus, welche bis heute anhält.

Mit dem Streben Konstantins nach religiöser Uniformität begann Mitte des 4. Jahrhunderts auch die Schmähung des Heidentums durch das Christentum. Die erst wenige Jahrzehnte zuvor eingeführte Religionsfreiheit wurde schließlich zugunsten des Christentums wieder eingeschränkt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil erklärte erneut die Anerkennung der allgemeinen Religionsfreiheit.

Die Bilanz der Konstantinischen Wende und ihrer Folgen fällt letztlich gemischt aus. Einerseits eröffneten sich nach 312 neue Entfaltungsmöglichkeiten für das Christentum, was letztlich auch zur Möglichkeit der Etablierung als Volkskirche führte. Andererseits bedeutete diese neue Massenbewegung auch, dass das ursprüngliche Niveau der Identifikation der Christen mit ihrem Glauben und ihrer Bestimmtheit im Glauben nicht gehalten werden konnte, dass eine Einebnung stattfinden musste.
Allerdings darf dieser Wandel nicht einseitig als Verlustgeschichte betrachtet werden. Das Christentum war und ist schließlich immer gezwungen, historischen Ballast abzuwerfen.

My 2 cents: Die historische Aufarbeitung der Konstantinischen Wende war sehr informativ. Besonders interessant waren dabei die, oftmals nicht oder unzureichend beleuchteten, Umstände der Zuwendung Konstantins zum Christentum.
Konstantin war im Jahr 312 kein Christ, gleichzeitig war sein Gegner an der Milvischen Brücke Maxentius kein erbitterter Verfolger der Christen. Somit ist es wesentlich zu kurz gegriffen, dieses Ereignis als alleinigen Wendepunkt der Geschichte zu betrachten. Vielmehr müssen die familiären Hintergründe Konstantins, sowie seine politischen Interessen Berücksichtigung finden. Beide Faktoren fußen schließlich im allgemeinen Klima ihrer Zeit.
Das Christentum war am Beginn des 4. Jahrhunderts keine kleine Sekte mehr, sondern wurde von einer nicht unbedeutenden Anzahl von Reichsbürgern unterstützt. Zwangsläufig ließ sich daraus auch ein gewisser Einfluss ableiten. Dieser Manifestierte sich beispielsweise in der Person des Apologeten Laktanz, der von Konstantin berufen wurde, seinen Sohn Crispus zu unterrichten.
Es ging Konstantin auch nicht in erster Linie um eine exklusive Unterstützung des Christentums, sondern wohl tatsächlich um Religionsfreiheit. Als Pontifex Maximus stellte er sich ab einem gewissen Punkt auch nicht mehr auf eine bestimmte Seite, sondern versuchte verschiedene Bedürfnisse zu befriedigen. Das Christentum war für ihn dabei vielleicht nur eine politische Partei, die er geschickt zu nutzen wusste.
Dies war jedoch nicht zum Nachteil des Christentums. Im Gegenteil, Konstantins Verhalten sorgte in relativ kurzer Zeit für ein erhebliches Erstarken der Bewegung und eine Manifestation im öffentlichen Leben.
Besonders beachtlich ist auch der große Einfluss der römischen Kultur auf das Christentum, vor allem auf Liturgie und Strukturen, der sich wohl in dieser relativ kurzen Zeitspanne im 4. Jahrhundert ausgewirkt hat.

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