„Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.“ #2

Vorab: Hier war es in letzter Zeit sehr still. Ich hatte fast zwei Wochen lang Handwerker im Haus, da kommt man nicht so sehr zum bloggen. Aber jetzt geht’s zumindest mal mit der Beitragsreihe zur Ringvorlesung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg weiter.

Der Vortrag fand zwar schon letzte Woche statt, aber ich bin erst heute dazu gekommen, alles fertig zu tippen. Dafür gibt’s aber auch morgen den Beitrag zur heutigen Vorlesung. Die eigentliche zweite Vorlesung hatte ich nicht besucht, daher gibt’s dazu auch nichts zu lesen.

Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Otmar Meuffels:
“Theologie und Wort Gottes im Horizont des gegenwärtigen Pluralismus.”
Mittwoch, 14. November 2012

1. Bekenntnis und Aufgabe

Aus seinem Bekenntnis erwächst für den Christen eine wesentliche Aufgabe: Im Pluralismus der Meinungen und Ideen muss er seinen Glauben nicht nur bekennen, sondern auch wirklich kennen. Bekenntnis besteht demnach aus zwei Komponenten: Wissen und Lebenszeugnis. Wenn wir aktuell von einem religiösen Analphabetismus ausgehen müssen, dann bedeutet das, dass unsere Aufgabe ein gesamtgesellschaftliches Alphabetisierungsprogramm ist.

Zu diesem Zweck ist Gottes Wort als Dialog zu verstehen. Dieser Dialog hat den Aufbau einer gerechten Gesellschaft zum Ziel, geschieht unter dem Wahrheitsanspruch des Glaubens und setzt sich mit den Menschen von heute auseinander.

2. Was wir über Bekenntnisse wissen sollten

Bei der Betrachtung des vorösterlichen Jesus fallen zwei Aspekte seines Daseins besonders auf: (1) Er wirkt vor allem durch Vergebung und Heilung (2) und sucht immer wieder den Kontakt zu den Ausgestoßenen der Gesellschaft. Dies offenbart die Pro-Existenz Jesu. Er existiert und wirkt für Gott und für den Menschen gleichermaßen. Das ist das Programm des Doppelgebots der Liebe.

“Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst deinen Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesenbeiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.” (Mt 22, 36-39 EÜ)

Beim christlichen Bekenntnis geht es im Kern um die Weitergabe eines neuen, qualifizierten Lebens. Jesu Hingabe am Gründonnerstag ist dabei die Tradition der Lebensübergabe.

“Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.” (1 Kor 15, 3-5 EÜ)

Wenn die Lebensübergabe Jesu die Tradition des Bekenntnisses ist, dann wird in der Erweckung von den Toten seine Pro-Existenz verdeutlicht, und zwar für immer. Unter dem Zeichen des Doppelgebots der Liebe können wir diese Existenz neu und ewig anerkennen.

Unsere Tradition darf demnach nicht nur in ihrem Kern, dem Herrenmahl, bestehen, sondern muss sich unbedingt auch in einer Anerkennungsethik äußern.

Hieraus allerdings erwächst eine problematische Differenz zwischen dem Lebenszeugnis des Glaubens und seiner formalisierten Bekenntnisart, welche meist nicht so recht zusammen gehen wollen.

3. Alte und neue Brüche der Tradition

Mit der Konstantinischen Wende wurde aus der ursprünglich schwachen, weil verfolgten Tradition des Christentums eine starke Tradition. Damit ging allerdings ein neues Problem einher, das der Siegergeschichte. Denn durch die Entwicklung des Christentums zur Staatsreligion wurde das Nebenher der Religion aus der heidnischen Zeit aufgehoben.

Im 13. Jhdt. brachte Thomas von Aquin durch seine Theologie neue Impulse in das Christentum ein. Es kam die Frage auf, ob es sich dabei um eine Aktualisierung oder eine Hellenisierung der Theologie handelte, da sich Thomas auch stark an Aristoteles orientierte.

In der Folge stellte Wilhelm von Ockham mit dem Nominalismus eine dem thomasischen Ansatz entgegen gesetzte Idee auf. Mit seiner Konzentration auf Zeichensysteme und das Hervorheben des Konkreten, kann man hier vom Beginn der frühen Naturwissenschaften sprechen. Durch subjektive Analyse und Interpretation könne der Mensch tatsächlich nur das erkennen und verstehen, was er mit seinem eigenen Geist wahrnehmen kann.

Francesco Petrarca brachte in die Theologie die Hermeneutik ein, indem er profane und geistliche Texte exegetisch miteinander verband. So verknüpfte er beispielsweise Werke des Thomas von Aquin mit der Dichtkunst Vergils.

Die Aufklärung hielt spätestens mit Guillaume Raynal auch Einzug in die Theologie. Mit seinem Satz “die Dogmen sollen untersucht werden, um sicherzustellen, dass sie nicht gegen den gesunden Verstand verstoßen” forderte er eine Theologie der aufgeklärten Vernunft ein.

In der aktuellen Zeit, in der das Christentum eben nicht mehr der alles überspannende Rahmen ist (vgl. “The Sacred Canopy” von Peter L. Berger, 1967), muss sich die Debatte mit der Gesellschaft und über den Glauben schließlich eine neue Autorität verschaffen. Die grundlegende Autorität für diese Debatte kann dabei auch nichts anderes sein, als die grundlegende Autorität des Christentums selbst: Die Heilige Schrift als dessen Gründungsakte. Im konkreten Rahmen der kirchlichen Debatte tritt immer auch die Tradition hinzu.

4. Was heißt “christliche Tradition”?

Walter S.R.E. Card. Kasper sagt dazu: “[Tradition ist] in einem Symbolsystem gespeicherte Erfahrung früherer Generationen.” Und “die Selbstüberlieferung Gottes durch Jesus Christus im Heiligen Geist zu beständiger Gegenwart in der Kirche. Tradition ist im Heiligen Geist geschehende memoria Jesu Christi; sie ist das lebendige Wort Gottes.”

Der Traditions-Text-Strom in der Kirche ist dabei einerseits die aktuelle pneumatische Übergabe und Quelle der Hingabe des Lebens in Christus, andererseits aber auch ein unmittelbarer Dialog sowohl zwischen Gott und Mensch, wie auch von Mensch zu Mensch.

Der zeitgenössische Theologe Gregor Maria Hoff sieht in unserer Zeit einen Pluralismus von christlicher und bürgerlicher Tradition, die sich durch das Auseinandergehen nach dem Abbruch des christlichen Horizontes parallel entwickelt haben. Die Kirche stellt in diesem Zusammenhang eine Verbindungsfunktion zwischen Welt und Gott dar.

5. Bürgerliche, säkulare Tradition

Der Habermas-Schüler und Hegelianer Axel Honneth, ein wichtiger Vertreter der Frankfurter Schule, hat eine Theorie der Anerkennung entwickelt. Er spricht in der aktuellen Gesellschaft von einer Identität der wechselseitigen Anerkennung.

Damit folgt er einer Idee Hegels: Es besteht eine Notwendigkeit, den Anderen in sich selbst zu erkennen, um überhaupt sich selbst und den Anderen erkennen zu können. Das Eine ist gleich dem Anderen und umgekehrt.

Daraus lässt sich eine Hingabe gegenüber dem Anderen herleiten. Diese wiederum ist die erfahrbare Pro-Existenz durch konkrete Solidarität.

My 2 cents: Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Vortrag war vielleicht zugleich auch die am wenigsten spektakuläre. Dennoch gilt es sich immer wieder der Pro-Existenz Christi und damit auch unserer Pro-Existenz bewusst zu werden. Das Doppelgebot der Liebe gilt im heutigen Pluralismus vielleicht mehr denn je. Schließlich war es noch vor einigen Jahrzehnten so, dass der Gottes-Dienst der Kirche zugleich auch als Dienst am Menschen verstanden wurde. Ob er das tatsächlich war, bleibt dahin gestellt. Jedenfalls haben wir heute ein wesentlich differenzierteres Aufgabenprofil der Kirche und damit aller Gläubigen. Wenn wir unserem Auftrag, zu allen Menschen zu gehen und ihnen die Frohbotschaft zu verkünden (vgl. Mt 28, 19) in unserer Zeit gerecht werden wollen, dann kann dies nicht am Doppelgebot vorbei geschehen. Und es kann auch nicht ohne Kirche gehen, die die Mittlerin zwischen dieser Welt und dem Reich Gottes ist.

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