“Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.” #3

Vorab: Der nächste Beitrag der Beitragsreihe zur Ringvorlesung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg weiter.
Zur Verspätung sag ich einfach mal nix. 😉
Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Dominik Burkard:
“Bonus oder Ballast? Der Papst und sein Staat.”
Mittwoch, 21. November 2012

Der altbekannte Satz von der Ecclesia semper reformanda lässt sich auch bei der Beschäftigung mit dem Kirchenstaat sehr gut anbringen. Besonders interessant wird er in diesem Zusammenhang, wenn man hinzufügend das Wort von der reformatio in capite et in membris betrachtet.

Papst Benedikt XVI. hat, als Oberhaupt der Kirche, bei seiner berühmt gewordenen Freiburger Rede (25.09.2011) eine Entweltlichung der Kirche eingefordert. Unabhängig von der tatsächlichen Intention dieser Aufforderung, erwächst aus der Zweischneidigkeit derlei Aufrufe immer ein Problem. Die Frage ist nämlich, inwiefern eine Entweltlichung überhaupt denkbar ist, inwiefern die Weltlichkeiten der Kirche akzidentell oder substanziell für Glaube, Religion und Kirche sind.

1. Kirche im “weltlichen Gewand” – ein grundsätzliches Problem?

Die Unterscheidung zwischen kirchlichem und weltlichem Bereich ist relativ jung. Bis in das 19. Jhdt. hinein gab es nur die überspannende Christianitas, also eine einheitliche Welt, die von den beiden Polen Kirche und Staat ausging. Diese waren zwar formal getrennt, faktisch aber (oft) aufs Engste verwoben. Beispielhaft für diese Kirchen-Staaten sind die früheren deutschen Fürstbistümer zu sehen, innerhalb derer die Bischöfe auch alle weltlichen Aufgaben zu erfüllen hatte. Im Falle der geistlichen Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier waren diese weltlichen Aufgaben auch außerhalb des eigentlichen Machtbereichs von größter Wichtigkeit.

Diese enge Verknüpfung endete im 19. Jhdt. mit der Säkularisation. Während man diese Enteignung und Entmachtung der Kirche damals und bis in die heutige Zeit überwiegend für positiv befunden hatte, sprach die Kirche seit jeher von einem Attentat auf Glaube und Kirche. Diese Ansicht wird in unseren Tagen auch im wissenschaftlichen Bereich wieder vermehrt vertreten, bzw. respektiert.

Den Höhepunkt seiner Ausdehnung erlebte der Kirchenstaat in der Zeit des Renaissance-Papsttums. Dabei müssen die Kirchenfürsten dieser Zeit mit jenen negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden, die für Fürsten der damaligen Zeit prägend sind.

2. Patrimonium Petri – Kirchenstaat – Stato della Città del Vaticano

Bereits im Übergang von Spätantike zum Mittelalter wuchs der Landbesitz der Päpste beträchtlich an. So wurde der Papst vor allem durch Schenkungen weltlicher Fürsten im 6. Jahrhundert zum größten Grundbesitzer Italiens. Dies verschaffte ihm einen solch großen Einfluss, dass er zum eigentlichen Herrscher des weströmischen Reiches avancierte.

Der Name Patrimonium Petri soll dabei zum Ausdruck bringen, dass die Schenkungen und Besitzungen des Papstes eigentlich Petrus, bzw. dessen Bischofsstuhl galten. Schenkungsgeschichten wie die Silvesterlegende, die Konstantische Schenkung oder die Pippinische Schenkung trugen einerseits zu diesem Bild bei, andererseits sollten sie suggerieren, dass die Landerweiterungen des Kirchenstaates kein politischer Akt, sondern eine religiös bedingte Handlung waren. Es ging um eine spirituelle Legitimation des Ausbaus des Kirchenstaates.

Während der Zeit des Exils der Päpste in Avignon geriet der Kirchenstaat in die Gefahr des Auseinanderfallens. Tatsächlich konnten aber nach der Rückkehr der Päpste auch bald wieder alle Gebiete sicher eingegliedert werden. Eine weitere Gefahr kam direkt aus dem Kirchenstaat selber: Alexander VI. versuchte während seines Pontifikats, den Kirchenstaat zu einer Erbfolgemonarchie umzubauen. Aus dem Hause Borgia stammend, versorgte er zahlreiche Verwandte mit wichtigen Positionen in den Königreichen Italiens, mit dem Ziel, das Land zu einen und unter die Herrschaft der Familie zu stellen. Letztlich konnten er und seine Familie sich jedoch nicht durchsetzen.

Das vorläufige Ende des Kirchenstaates zeichnete sich 1798 ab, als in Folge der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons in Rom die Römische Republik ausgerufen wurde. 1808 nahmen Napoleons Truppen schließlich Rom ein, nachdem der Papst zwar bereits etlichen Ausgleichen zugestimmt hatte und nicht gegen die Kaiserkrönung Napoleons eingeschritten war, aber sich politisch nicht gänzlich dem Willen Napoleons beugen wollte. Erst nach der Verbannung Napoleons konnte der Papst 1814 nach Rom zurückkehren, auf dem Wiener Kongress erfolgte 1815 die Restitution des Kirchenstaates. Dabei ist einerseits zu beachten, dass der Kirchenstaat in den Grenzen von 1797 wiederhergestellt wurde, also bereits nach den ersten Landverlusten, andererseits geschah dies vor allem auch auf Drängen der nicht-katholischen Staaten wie etwa Preußens und des Britischen Königreichs.

In der Folge der Napoleonischen Ära offenbarte sich der Kirchenstaat dennoch als relativ fragiles Gebilde. Hinzu kam, dass er vor allem in weltlichen Dingen hinter den Entwicklungen des 19. Jhdts. in Europa zurück blieb.

Im einsetzenden Risorgimento tauchte nunmehr die Frage auf, ob und wie der Kirchenstaat in einem geeinten Italien eingegliedert werden konnte. Einen Vorschlag auf vollständige Eingliederung des Kirchenstaates in ein italienisches Königreich inklusive der Übertragung der gesamten Herrschaftsgewalt auf den Papst lehnte Pius IX. ab. In der Folge entwickelte sich im italienischen Adel, bzw. der Oberschicht ein ausgeprägter Antiklerikalismus, welcher teilweise bis heute anhält.

In der Folge der Revolutionen von 1848 kam es auch im Kirchenstaat zu gewalttätigen Aufständen, was schließlich auch Papst Pius IX. veranlasste, sich nach Neapel in Sicherheit zu bringen. Diese Erfahrung ließ ihn zu einem erbitterten Gegner der italienischen Einigung werden.

Hinzu kam, dass Viktor Emanuel II., der spätere König von Italien, Rom als die Hauptstadt des zukünftigen Königreiches beanspruchte. Nach der Einnahme Roms durch die Truppen des Savoyer-Königs zog sich Pius somit in den Vatikan zurück, wo er sich quasi im Gefängnis betrachtete.

Das 1871 im italienischen Königreich erlassene Garantiegesetz, welches dem Papstes gewisse, deutlich eingeschränkte Souveränitätsrechte zusichern sollte, wurde von Pius abgelehnt. Somit blieb die Römische Frage weiterhin ungeklärt. Mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg 1915 offenbarte sich schließlich die angebliche Souveränität des Papstes als eine Scheinsouveränität.

In der Folge wurde teilweise sogar eine Verlegung des Kirchenstaates (bspw. nach Liechtenstein) ernsthaft diskutiert. Ziel der Überlegungen war ein neu zu schaffender, echter Herrschaftsbereich für den Papst.

Erst mit den Lateranverträgen von 1929 wurde die Römische Frage abschließend geklärt. Die Verträge gliedern sich dabei in drei Teile: (1) Ein Staatsvertrag, der den Staat der Vatikanstadt anerkennt, (2) ein Konkordat zwischen Apostolischem Stuhl und italienischem Staat und (3) ein Finanzabkommen über Reparationen der Enteignungen von 1870.

3. Notwendigkeit eines Kirchenstaates?

Schon während der Zeit Napoleons und Pius IX. wurde intensiv über das Existenzrecht des Kirchenstaates gestritten. Zwei wesentliche Vorwürfe an den Kirchenstaat standen dabei im Vordergrund: (1) Der Kirchenstaat sei nicht reformfähig (genug) um den Notwendigkeiten des 19. Jhdts. mit all seinen politischen Entwicklungen gerecht zu werden. (2) Eine italienische Nation würde sich nur dann wirklich konstituieren können, wenn der Kirchenstaat beendet würde.

Dem gegenüber stand eine Spiritualisierung des Kirchenstaatsgedankens, etwa in der Form, dass der größte Souverän tatsächlich auch den kleinsten Staat bräuchte, dass die moralische Kraft größer würde, indem die physische Kraft abnähme.

Schon im Syllabus Errorum von 1864 ging Pius IX. auch auf die Angriffe gegen das Existenzrecht des Kirchenstaates ein. So zum Beispiel unter den Nummern 19, 27, 34 und 76.

Schließlich wurden auch verschiedene Gründe für den Erhalt des Kirchenstaates angeführt, welche sich grob in die vier Gruppen der (1) historischen, (2) juristischen, (3) prinzipiellen und (4) pragmatischen Gründe einsortieren lassen.

4. Entweltlichung angezeigt?

Zunächst ist festzustellen, dass Kirche und Papsttum zu allen Zeiten mit dem Weltlichen verknüpft waren. Zugleich war der Kirchenstaat historisch sowohl materiell, als auch politisch notwendig. Erst seit dem 18. Jhdt. hat sich eine Entwicklung eingestellt, die den Staat zum Ballast für die Kirche werden ließ.

Vor diesem Hintergrund muss die Frage gestellt werden, inwiefern Spiritualisierung dem als tragfähiges Gegenkonzept entgegen gesetzt werden kann. Letztlich geht ja die Dichotomie Verweltlichung vs. Spiritualisierung nicht aufgeht, da die Weltlichkeit immer und unbedingt auch zur Kirche gehört. In diesem Zusammenhang ist auf eine Stelle im Römerbrief zu verweisen:

“(Ich) freue mich über euch und wünsche nur, dass ihr verständig bleibt, offen für das Gute, unzugänglich für das Böse”.

Die Kirche muss die Weltlichkeit also nicht scheuen, sondern in rechter Weise zu gebrauchen lernen. Die Kirche kann sich schlichtweg nicht gänzlich entweltlichen, wenn sie Sauerteig der Gesellschaft bleiben will.

My 2 cents: Nach einer relativ umfassenden Einführung in die Geschichte des Kirchenstaates stand in diesem Vortrag die große Frage, welche auch schon Eingangs angedeutet wurde, ob und unter welchen Umständen eine Entweltlichung der Kirche sinnvoll denkbar ist und was das mit dem Kirchenstaat zu tun hat.

Wenn man sich mit dem Kirchenstaat in seiner neuzeitlichen Entwicklung beschäftigt, wird recht schnell deutlich, dass gegen alle negativen Aspekte auch immer schlagkräftige Argumente pro Kirchenstaat stehen. Vielleicht das wichtigste: Die Eigenschaft als Oberhaupt eines Souveränen Staates macht letztlich auch den Papst souverän und handlungsfähig. Es geht hier um Unabhängigkeit.

Diese Unabhängigkeit wird allerdings nur durch eine anderweitige Abhängigkeit ermöglicht, nämlich die von allzu Weltlichem. Insofern stimmt es natürlich, dass Kirche als Sauerteig sich niemals aus der Welt entfernen darf, gleichzeitig muss sie sich aber von der Welt auch unabhängig machen können. In meinen Augen ist dies nach wie vor der Schlüssel zum Verständnis der Entweltlichung.

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