Der Zeremonienmeister des Papstes.

Solchen Besuch hat man auch nicht alle Tage. Gestern Abend (04.12.) kam der Kurienerzbischof und ehemalige päpstliche Zeremoniar Piero Marini nach Würzburg. Nach einem Pontifikalamt im Hohen Dom hielt er im benachbarten Museum am Dom einen Vortrag über die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Papstliturgien unter Johannes Paul pp. II.

Erzbischof Piero Marini ist zweifelsohne eine Kapazität auf dem Gebiet der Liturgie. Er war nicht nur Mitarbeiter im Sekretariat für das Consilium für die Durchführung der Liturgiereform, sondern wurde 1987 auch vom Heiligen Vater zu dessen Zeremonienmeister ernannt. Bis 2007 gestaltete er alle liturgischen Feiern des Bischofs von Rom.

Um 17:30 Uhr feierte Erzbischof Marini mit einer (absehbar) überschaubaren Gemeinde ein Pontifikalamt im Kiliansdom. Tatsächlich wurde für die Messe und den anschließenden Vortrag wohl nicht gerade übermäßig viel Werbung gemacht, was ich auch in anschließenden Gesprächen bestätigt bekam.
Trotzdem war der Dom immer noch ordentlich gefüllt und eine Messe hängt ja nun nicht gerade von der Menge der Besucher ab; auch dann nicht, wenn der Mann zelebriert, der über Jahrzehnte hinweg Gottesdienste für Hunderttausende organisiert hat.

Aber, so wertvoll eine jede Messe auch ist, die meisten Leute dürften doch sehr gespannt auf den anschließenden Vortrag gewartet haben. Dieser fand auf Einladung von Prof. Dr. Martin Stuflesser statt, der damit das Projekt über Liturgiereformen um eine hochkarätige Veranstaltung erweiterte. Das Projekt wie auch der Vortrag werden getragen von der Societas Liturgica, welche im nächsten Jahr in Würzburg einen Kongress zum Thema Liturgiereformen abhalten wird.

Während sich dem Dom vielleicht etwas voller gewünscht hätte, war die Räumlichkeit für den anschließenden Vortrag, sagen wir, “interessant” gewählt. Anstatt nämlich Räume der Universität oder eines der kirchlichen Häuser in der Stadt in Anspruch zu nehmen, hatte man im Museum am Dom einen Raum bestuhlt. Dieser war nur leider viel zu klein gewählt, weshalb ca. 20 Leute dem Vortrag im Stehen und teilweise ohne Sicht auf den Referenten lauschen mussten. Einige sind ob der angespannten Raumverhältnisse auch schon vor Beginn des Vortrags wieder gegangen.

Erzbischof Marini im Kiliansdom
Erzbischof Marini im Kiliansdom

Ein großes Lob darf Prof. Stuflesser und seinen nicht näher genannten Helfern gemacht werden, die den Vortrag von Erzbischof Marini kurzfristig aus dem Italienischen übersetzt und als Broschüre an die Zuhörer verteilt hatten. Erzbischof Marini spricht zwar recht gut Deutsch und konnte die Messe auch problemlos auf Deutsch zelebrieren, für einen kompletten Vortrag hätte ihm aber wohl vor allem auch die Vorbereitungszeit gefehlt. So hielt er seinen Vortrag auf Italienisch, während die Zuhörer im Text mitlesen konnten. (So lange er sich an das Manuskript hielt, war das auch kein größeres Problem. Ich bin allerdings froh, dass ich durch meine Französischkenntnisse und ein Latinum den freien Passagen wenigstens halbwegs folgen konnte.)

Erzbischof Marini beim Vortrag
Erzbischof Marini beim Vortrag

Der Vortrag trug den Titel “Die Konstitution über die Liturgie Sacrosanctum Concilium und die päpstlichen Liturgien von Papst Johannes Paul II.”.
Entsprechend diesem Titel war der Vortrag auch gegliedert. In den ersten beiden Abschnitten ging Marini näher auf die Liturgiereform an sich und ihre Ziele ein. Hierbei stellte er vor allem den Willen des Konzils heraus, das allgemeine Priestertum der Getauften und deren tätige Teilnahme an der Liturgie der Kirche zu stärken. Überhaupt merkte man Marini sehr an, dass diese beiden Aspekte auch für ihn als Liturgen die zentralen Elemente seines Wirkens waren und sind.

Im dritten bis fünften Abschnitt ging es dann um die (päpstliche) Liturgie unter Johannes Paul pp. II., dessen Rezeption und Umsetzung der Liturgiereform und die Besonderheiten der päpstlichen Feiern vor allem im Hinblick auf die Universalität der Kirche. Besonders interessant war in diesem Themenkomplex, dass mit Marini ein Theologe, der direkt an der Umsetzung der Liturgiereform beteiligt war, über einen anderen Theologen sprach, der direkt am ursprünglichen Beschluss der Reform beteiligt war. Wie Erzbischof Marini anhand von Zitaten betonte, war der Selige Johannes Paul nicht nur umfangreich am Vaticanum beteiligt, sondern betrachtete das Konzil auch als wesentliche Quelle seines eigenen Glaubens.

Dies wurde beispielsweise in einer Anekdote aus dem Jahr 1973 ersichtlich. Marini besuchte damals die Erzdiözese Krakau und den Kardinal Wojtyla. Als überaus begeisternd hatte er dessen Art empfunden, den Gläubigen das Evangelium zu predigen und in ihnen die Glaubenskraft zu stärken. Egal, ob unter freiem Himmel oder in der noch unfertigen Kirche von Nowa Huta, der spätere Papst verstand und präsentierte sich immer als Hirte inmitten seiner Herde.

Vor dem Fazit folgte ein längerer, sehr interessanter Abschnitt (“V. Die Liturgie als Moment der Gemeinschaft in der universellen Kirche”) zur Einbeziehung lokal-kultureller und ökumenischer Ausdrucksformen in die Liturgie unter Johannes Paul pp. II. Erzbischof Marini leitete diesen Teil ein, indem er das grundsätzliche Denken des Seligen Papstes darlegte. Danach stand für ihn immer die tätige Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie, und zwar zu jedem Zeitpunkt, im Mittelpunkt des Interesses. Dies war entsprechend auch seine Vorgabe an die Spezialisten, welche letztlich mit der tatsächlichen Ausgestaltung betraut waren. Von dieser Maxime der tätigen Teilnahme leitete sich schließlich die Inkulturation der päpstlichen Liturgie in die jeweiligen örtlichen Umstände ab. Dies betraf nicht nur Sprache und beispielsweise musikalische Ausdrucksformen, sondern im Speziellen auch, für uns sehr ungewohnte Riten innerhalb der Liturgie. Während in den Ortskirchen (während der zahlreichen Auslandsreisen des Papstes) solcherlei Anpassungen großzügig Einzug in die Gottesdienste fanden, galt es in Rom wiederum einen Weg zu finden, die allgemeingültige römische Liturgie eben so zu erweitern, dass möglichst alle Kulturkreise einen geeigneten Zugang finden konnten.

In seinem Fazit drückte Erzbischof Marini vor allem seine Dankbarkeit für die Leistungen Johannes Pauls pp. II. in Bezug auf das Aggiornamento der Liturgie aus. Besonders bemerkenswert aber war sein Schlusssatz, den ich hier aus dem Manuskript zitieren will:

“Fünfzig Jahre nach Beginn des II. Vatikanischen Konzils ist es mehr denn je nötig, dass die Kirche vom Bewahren zur Mission übergeht, von der Interpretation zur Umsetzung des Konzils.”

Und mein Fazit? Ich freue mich zunächst einmal, die Gelegenheit gehabt zu haben, diesen interessanten Menschen aus der Nähe zu erleben. Wer mit dem Seligen Papst Johannes Paul aufgewachsen ist, ist auch mit den großartigen Gottesdiensten aufgewachsen, die er an allen Enden der Welt gefeiert hat. Und daran, dass diese Liturgien so vielen Millionen Menschen unvergesslich in Erinnerung bleiben werden, hat Erzbischof Marini einen entscheidenden Anteil. Außerdem finde ich es immer wieder sehr spannend, Einblicke hinter die Kulissen solcher komplexen Apparate zu bekommen. Zugegeben, der Vortrag war etwas wissenschaftlich-theologischer als ich erwartet hätte, aber insgesamt war es ein toller Abend!

P.S.: Sollte ich demnächst sehen, dass das Redemanuskript auch online verfügbar wird, werde ich selbstverständlich noch darauf hinweisen.

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