Aus der Zeit gefallen.

tl;dr: Die Gesellschaft ist pluralisiert und individualisiert, also muss sich auch der Medienkonsum individualisieren. Wenn sich die Medienschaffenden gut anstellen, springt sogar was für sie dabei raus.

„Und woher nehmen Sie die Zeit für Ihre ganzen Internetaktivitäten?“ – „Ganz einfach: Ich sehe nicht mehr fern.“ So, oder so ähnlich (den genauen Wortlaut weiß ich beim besten Willen nicht mehr), hat sich im März anlässlich einer Podiumsdiskussion ein Dialog zwischen einem Podiumsdiskutanten und einer Zuhörerin im Publikum zugetragen. Der Diskutant war der geschätzte Herr von Halem. Er hatte zuvor während der Diskussion seinen Medienkonsum dargelegt und dabei erklärt, dass er mittlerweile hauptsächlich digitale Medien nutzt und speziell das Internet als Ort und Quelle für seine Informationsgewinnung und Vernetzung ist. (Wer sich für die Podiumsdiskussion interessiert: Hier entlang.)

Diese Begebenheit ist mir diese Tage über einige Denkumwege mal wieder in den Sinn gekommen. Mir geht es nämlich mittlerweile sehr ähnlich. Ich muss zwar gestehen, dass ich nach Monaten fast kompletter Abstinenz mittlerweile wieder ein Fernsehgerät aufgebaut und angeschlossen habe, aber trotzdem ist die Kiste in der Zwischenzeit (ca. zwei Wochen) noch nicht gelaufen. Ebenfalls habe ich seit nicht allzu langer Zeit auch wieder ein Radio an meiner Hi-Fi-Anlage angeschlossen und ein paar Sender programmiert, aber wirklich oft läuft das auch nicht. Den täglichen Blick in den Lokalteil der Zeitung “gönne” ich mir auch nur noch alle paar Tage; und auch nur, wenn ich wirklich gar nichts besseres zu tun habe.

Kurz: Mein Medienkonsum hat sich in den letzten Monaten sehr stark individualisiert. Ich komme einfach immer schlechter mit Medien zurecht, die mir ein vorgefertigtes Programm bieten, das ich erstens nicht beeinflussen, bzw. selektieren kann, und dem ich zweitens im Zeifelsfall sogar noch den Zeitpunkt meines Konsums anpassen muss.

Das heißt nun nicht, dass ich auf diese Medienangebote verzichte. Im Gegenteil, ich nutze diese sogar recht umfangreich. Ich schaue oft und gerne TV-Angebote in Mediatheken, bzw. als Video-Podcast nach. Ich habe eine ganze Reihe von Radio-Programmen in meinem Podcatcher abonniert. Und ich folge natürlich dauernd Links zu Online-Angeboten von Print-Medien, welche mir so über die verschiedenen Netzwerke in die Timeline gespült werden.

Hätten wir das geklärt. Was hat das mit euch zu tun? Ich glaube, dass dieser Medienkonsum nicht nur der Medienkonsum der Zukunft ist, sondern auch schon heute realisiert werden sollte. Und zwar nicht nur bei den paar Internetleuten, die ihren Kabelanschluss nur noch als Breitbandverbindung nutzen.

Ich merke in meinem engeren Freundeskreis immer wieder, dass mir reichlich Unverständnis entgegen schlägt, wenn ich von meinem Twitter-/Podcast-/Blog-/Younameit-Konsum spreche. Einfach weil diese Leute, die sich natürlich auch alle regelmäßig im Netz tummeln, noch immer fast komplett im klassischen Medienkonsum verhaftet sind. Ich merke das daran, dass ich bei Gesprächen über irgendwelche TV-Sendungen meist nur Bahnhof verstehe.

Ich will diese Form des Medienkonsums nicht ändern, weil ich ihn für irgendwie falsch oder verwerflich halte. Aber ich glaube, dass er schon kurz- bis mittelfristig einige nicht zu unterschätzenden Probleme birgt. Medien wie das Fernsehen oder die klassische Tageszeitung sind Massenmedien auch in dem Sinne, dass sie ein allgemeines Angebot für Alle erstellen. Es gibt aber dieses “Alle” nicht mehr, wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft der gemeinschaftlichen Masse. Für mich jedenfalls wirken solche Massenmedien vor diesem Hintergrund wie aus der Zeit gefallen. Unsere Gesellschaft schickt sich an, junge Menschen immer früher zu Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit zu erziehen (obwohl sie dieses Ideal an zig Ecken selber wieder torpediert, siehe Beispiel Bologna-Reform). Es hat schon fast einen neoaufklärerischen Unterton, wenn immer wieder davon gesprochen wird, dass der Bürger seine eigenen Möglichkeiten erkennen und ausschöpfen soll und sich sowieso nicht mehr auf den Staat verlassen kann.

Gleichzeitig, und darüber lohnt es wirklich einmal nachzudenken, lassen wir uns immer noch die Verantwortung für unseren Medienkonsum von Medien abnehmen, die sich in dieser strukturellen Funktion seit Jahrzehnten nicht wesentlich verändert haben. Natürlich darf man das diesen Medien nicht pauschal zum Vorwurf machen, das ist hier auch nicht meine Intention. Aber es ist doch bemerkenswert: Man kann nicht mehr von unserer Gesellschaft sprechen, ohne von Pluralität und Individualität zu sprechen, die (zeitweilige) Ausdifferenzierung des Parteiensystems wird als Erfolg der Demokratie gepriesen (um ein Beispiel zu nennen) aber trotzdem bezieht diese plurale Schar von Individuen ihre Informationen immer noch zum großen Teil aus der gleichen Quelle, im gleichen Format, mit den gleichen, unterschwelligen Intentionen des Übermittlers. (Um die Situation mal etwas überspitzt darzustellen…)

Klar hat das auch Vorteile, bzw. hätte es auch Nachteile, wenn wir wirklich radikal zu einem individualisierten Medienkonsum übergehen würden. Beispielsweise kann man natürlich viel besser debattieren, wenn die Teilnehmer der Debatte auch sicher alle Beiträge kennen und sich nicht einfach ihre Informationen aus unzähligen, unbekannten Quellen zusammensuchen. Eine öffentliche Diskussion über ein brisantes Interview muss schon auch möglich sein. Und, wie schon gesagt, können diese klassischen Distributoren von Medieninhalten auch nicht so problemlos ein Angebot machen, das sich vollumfänglich für den individualisierten Konsum eignet. Ein TV-Sender muss halt 24 Stunden am Tag mit Programm füllen und kann nicht kurzerhand eine Umfrage machen, was die Leute denn jetzt mal so sehen wollen.

Andererseits hätte ein stärker individualisierter Medienkonsum auch erhebliche Vorteile. So würde meines Erachtens der gesellschaftliche Informationsgrad steigen. Ich meine damit, dass Menschen über verschiedene Themen besser informiert wären, als sie es jetzt sind. Der einzige Unterschied: Sie wären spezialisierter informiert. Wenn ich mich nicht einfach auf meine Tageszeitung als alleinigen Informationslieferanten verlasse, suche ich mir meine Informationen gezielt aus verschiedenen Quellen. Dazu spezialisiere ich mich, weil ich mich nicht für alles gleich stark interessiere. Über diese Themen weiß ich aber dann effektiv besser bescheid. Und das kann auch gesamtgesellschaftlich nur nützlich sein.

Und abschließend bin ich davon überzeugt, dass dadurch die Wertschätzung von Medienerzeugnissen spürbar steigen würde. Das tägliche Fernsehprogramm nehmen wir genauso wie die tägliche Tageszeitung als gegeben hin. Wir zahlen monatlich einen gewissen Betrag und haben damit unsere gefühlte Schuldigkeit gegenüber diesem Medium getan. Eine hervorragende Dokumentation im Fernse
hen fällt uns dann genauso wenig auf, wie ein treffender Kommentar in der Zeitung. Einfach, weil wir für unser Geld so etwas ab und an auch erwarten. Wenn ich aber viel stärker selektiv konsumiere, werde ich vielleicht auch öfter wirklich gute Beiträge konsumieren und das dann auch bemerken. Zumindest geht es mir so. Mir fallen dabei auch weniger die guten Beiträge auf, als viel mehr die schlechten, die mir eben auch manchmal noch unterkommen. Aber auch dadurch schätze ich gute, individuelle Angebote viel höher ein. Wenn ich beispielsweise am Abend einen Podcast höre, anstatt den TV einzuschalten, kann ich mich sehr darüber freuen, wenn private Amateure in ihrer Freizeit ein wirklich gutes, unterhaltsames und/oder informatives Angebot auf die Beine gestellt haben. Und, genau wie bei einem guten Blogartikel, habe ich dann auch überhaupt kein Problem damit, beim Podcaster auch mal den flattr-Button zu drücken, um damit meine Wertschätzung für dieses Produkt zum Ausdruck zu bringen. Dazu muss er aber eben erst einmal etwas geleistet haben, was ich auch gut finde.

Ich glaube also, dass ein stärker individualisierter Medienkonsum in erster Linie dem Konsumenten nutzt und dadurch die Produzenten zunächst vielleicht vor gewisse Probleme stellt, letztlich aber auch zu deren Nutzen sein kann und sein wird, wenn sie sich darauf einlassen. Wichtig ist nur, dass wir auch anfangen, den Leuten diese neuen Möglichkeiten des Medienkonsums auch beibringen.

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