“Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.” #4

Vorab: Der nächste Beitrag der Beitragsreihe zur Ringvorlesung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg weiter.

Mit einigen Wochen Abstand, aber immerhin pünktlich vor Weihnachten hier noch der vierte und letzte Teil für 2012. Die Ringvorlesung geht dann erst im nächsten Jahr weiter.

Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Martin Stuflesser:
“Im Spannungsfeld zwischen Kreuz und Krone: Liturgie im öffentlichen Raum.”
Mittwoch, 28. November 2012


1. Einleitung: Zwischen Kreuz und Krone – die Beschreibung eines Spannungsfeldes

Das Spannungsfeld zwischen Kreuz und Krone zeichnet sich begrifflich durch eine Doppeldeutigkeit aus. Dabei geht es um den Begriff des öffentlichen Raumes. Dieser kann einerseits der physische, öffentliche Platz sein, andererseits aber auch der Bereich des öffentlichen Gesprächs, der gesellschaftlichen Debatte.

Man kann diese Doppeldeutigkeit schön am Beispiel der Geschichten von Don Camillo und Peppone veranschaulichen. In diesen Erzählungen kommt es immer wieder vor, dass sich der Dorfpfarrer und der Bürgermeister tatsächlich auf dem Marktplatz in einem Gerangel ergeben. Auf dem tatsächlichen öffentlichen Platz also. Viel wichtiger ist aber ihr Streit im öffentlichen Raum des Ortes, welcher letztlich zum Hauptgesprächsthema wird und das Dorf in zwei Lager teilt. Rein ideell.


2. Zwischen Kreuz und Krone – Ein Versuch der Annäherung an das Thema anhand ausgewählter Beispiele

2.1 Umbruch: Von der Hauskirche zur Basilika – der liturgische Raum

Grundsätzlich kennt das Christentum – im Gegensatz beispielsweise zu den Tempeln anderer Religionen – keine exklusiv heiligen Orte, bzw. bindet seine heiligen Handlungen nicht exklusiv an solche Orte. Bei den heiligen Handlungen des Christentums steht schließlich immer Christus im Mittelpunkt; “Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen” (Mt 18, 20).

Das Fehlen von Tempeln in der christlichen Religion bedeutet, neben weiteren Neuerungen, einen religionsgeschichtlichen Umbruch.

Eine Stelle im ersten Petrusbrief weißt auf dieses veränderte Verständnis vom Gebäude “Kirche” hin:

“Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.” (1 Petr 2, 4-5)

Trotzdem versammelten sich die Gläubigen natürlich in speziell hergerichteten Räumlichkeiten zum Gottesdienst. Und da die Versammlung selber strukturiert war, bspw. durch die verschiedenen Charismen der Gemeindemitglieder, wurden folgerichtig auch die Räume entsprechend strukturiert.

Die später eingeführte Dedicatio von Kirchen brach auch mit diesem Prinzip nur bedingt. Zwar gab es nun Kirchen als festgelegte Orte für gottesdienstliche Handlungen, diese waren aber nach wie vor nicht vergleichbar mit den heiligen Orten anderer Religionen, was sich nicht zuletzt auch in der Bezeichnung “Einweihung” äußerte.


2.2 Wandel: Von der Demonstration römisch-katholischen Selbstbewusstseins zur Kirche des pilgernden Gottesvolkes – Fronleichnam

Kein anderes Fest der Kirche verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen kirchlichem und öffentlichem Raum besser als das Fronleichnamsfest. Schließlich spielt sich ein wesentlicher Teil des Festes, die Prozession, tatsächlich im öffentlichen Raum ab.

Relativ bald nach der Einführung des Festes Fronleichnam fand auch die Prozession große Verbreitung und sorgte für einen Durchbruch des Festes in der gesamten Kirche. Seine Blüte erlebten das Fest und vor allem die Prozessionen im Barock, wo sie mit allem barocken Prunk ausgestaltet wurden.

In den letzten 40 Jahren erlebte das Fest jedoch einen regelrechten Zusammenbruch. War früher die Fronleichnamsprozession noch ein geachteter Teil des Stadtbildes, wird sie heute von vielen Menschen als religiöse Demonstration im negativen Sinne empfunden.

Einen Tiefpunkt dieser Problematik des Niedergangs erlebte die Kirche von Würzburg 1969, als ausgerechnet junge Katholiken am Rande der Prozessionsstrecke gegen das Fronleichnamsfest protestierten. Die Aktion ging mit einer Anklageschrift der damaligen Seminaristen einher, welche den Teilnehmern der Prozession, bzw. der Kirche insgesamt ein Festhalten an ständischen Strukturen und eine Blindheit für die Probleme der Welt vorwarfen.


2.3 Kontinuität: Von der bleibenden Spannung zwischen gottesdienstlichem und ethischem Handeln: Der Kommunionempfang als öffentliches Statement

Ein aktuelles Beispiel für eine öffentlich-politische Interpretation des Kommunionempfangs kann sich im Zusammenhang mit den zurückliegenden Präsidentschaftswahlen in den USA finden lassen. Der Vizepräsident der USA, Joe Bide, ist gleichermaßen bekennender Katholik und bekennender “Pro-Choice”-Aktivist. Als er im Wahlkampf demonstrativ bei Messen mit entsprechender Öffentlichkeit die Kommunion empfing, sorgte diese in katholischen Kreisen für große Kritik. Schließlich ist er, so die US-Amerikanische Bischofkonferenz, als Abtreibungsbefürworter vom Kommunionempfang ausgeschlossen.

Besondere Brisanz erfährt dieses Thema durch Umfrageergebnisse, wonach ein erheblicher Teil der katholischen Bevölkerung der USA dennoch hinter Biden standen und somit ihren Bischöfen widersprachen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist sicherlich die Rückbesinnung auf das Zweite Vatikanische Konzil, das klar sagt, dass alle Liturgie der Kirche immer öffentliches Handeln ist.

Eine gewisse Kontinuität lässt sich der Angelegenheit um Joe Biden jedoch auch erkennen. Bereits in frühchristlicher Zeit tat sich in der Gemeinde von Korinth ein Widerspruch zwischen der öffentlichen Gemeinde und der Gemeinde des Gottesdienstes auf. Wenn beispielsweise durch die Rede von den Charismen der Gemeindemitglieder und der daraus erwachsenden invividuellen Teilnahme am Gottesdienst eine gewisse Gleichheit eingeführt wird, gilt das natürlich noch lange nicht für die öffentlich-politische Gemeinde.


3 Vertiefung: Im Spannungsfeld von Kreuz und Krone – Systematisierung und der Versuch einer theologischen Kriteriologie

3.1 Im negativen Spannungsfeld von Kreuz und Krone – die Gefahr der Instrumentalisierung der Liturgie für politische Zwecke

Es lassen sich in der Geschichte der Kirche verschiedene Beispiele für politisch missbrauchte Formen der Liturgie und des Gebets finden. Ein solches ist die Waffensegnung, oder Benedictio Armorum. Wurde diese Ritualhandlung oftmals als Weihe von Kriegswaffen missverstanden, hatte sie ursprünglich einen anderen Sinn: Bei der Promotion eines Ritters (bspw.) wurde diesem ein Schwert überreicht, welches symbolisch für das Lehen stand, das dem Ritter gegeben wurde. Die Benediktion dieses Schwertes sollte dem Ritter oder Lehensempfänger den göttlichen Beistand bei der Verteidigung des Lehens, der Kirche und der Armen und Christgläubigen des Gebiets erbitten. Es war also von kirchlicher Seite nie die Weihe einer Kriegswaffe, die für Angriffszwecke eingesetzt werden sollte.

Ein weiteres Beispiel war die Große Fürbitte am Karfreitag für den römischen Kaiser, welche, obgleich längst bedeutungslos geworden, noch bis 1955 in den Messbüchern stand und auch gebetet wurde. Nach dem Ende des römischen Reiches wurde diese Fürbitte umgedeutet auf den jeweiligen Fürsten, bzw. Herrscher der Zeit, ungeachtet von der historischen Bedeutung eines Gebets für den römischen Kaiser.

Die Cappa Sancti Martini, der Mantel des Heiligen Martin von Tours, war im Mittelalter Teil des Reichsschatzes der römischen Kaiser. Sie sollte in der dauernden Begleitung des Kaisers die Verbundenheit des Reiches zu seinem Reichsheiligen Martin zum Ausdruck bringen. Tatsächlich wurde sie aber nicht nur als Reliquie verehrt, sondern auch in Schlachten als glückbringendes Banner vorweg getragen.

Ein letztes Beispiel: Das Te Deum. Nachdem es in Folge der französischen Revolution – zeitweise – von der Marseillaise abgelöst wurde, bekam diese auch den Beinamen “Te Deum der Republik”. Umgekehrt kann man das Te Deum auch als “Marseillaise der Kirche” bezeichnen, da es in der Geschichte immer wieder in einem sehr politischen, kämpferischen Kontext gesungen wurde. So veranlasste beispielsweise Napoleon, dass am Ende einer jeden Messe für ihn ein Te Deum zu singen sei. Und ausgerechnet auf dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal wurde in großen Lettern der Satz “Gott mit uns” angebracht.


3.2 Im positiven Spannungsfeld zwischen Kreuz und Krone

3.2.1 Von der Waffensegnung zum Friedensgebet

In der Tradition der Kirche und ihrer Liturgie und des Gebets gibt es jedoch auch aussagekräftige Beispiele für einen Streben nach Frieden. So dichtete Martin Luther beispielsweise nicht nur das Lied “Ein feste Burg ist unser Gott”, in dem ein streitender, kämpfender Gott besungen wird, sondern auch die Antiphon “Verleih uns Frieden gnädiglich”.

In diesem Zusammenhang ist auch der Embolismus des Vaterunser zu nennen, welcher dezidiert um die Befreiung vom Bösen und den Frieden betet.

Allerdings lässt sich in der Geschichte auch feststellen, dass das Friedensgebet oft erst dann laut wird, wenn die Waffen schon gesprochen haben.


3.2.2 Von außenstehenden stummen Zuschauern zur tätigen Teilnahme der Getauften

Im Artikel 48 der Konstitution Sacrosanctum Concilium über die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: “So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, dass die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewusst, fromm und tätig mitfeiern (…)”. Diese Aussage der Konstitution (verabschiedet Ende 1963) darf auch so verstanden werden, dass die Gläubigen zur tätigen Mithilfe am Dienst der Kirche aufgefordert werden.

Dieser Gedanke wiederum kann auf die zeitgeschichtlichen Umstände zurückgeführt werden. Knapp drei Jahre zuvor sprach der – katholische – US-Amerikanische Präsident John F. Kennedy bei seiner Inauguralrede die folgenden berühmten Worte: “Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.” Diese Worte, die sicherlich auch einen Zeitgeist spiegelten, fanden unbestreitbar auch Einzug in die Dokumente des Konzils.

Auch der Konzilstheologe Josef Ratzinger stellte fest, dass ein Konzil nichts hervorbringt, das zuvor gänzlich unbekannt wäre. Vielmehr sind die Ergebnisse eines Konzils auch immer Ausfluss ihrer Zeit.


3.3 Schrift und Tradition als letztlich normierende Faktoren

Die Kirche wird sich sicherlich immer an den Entwicklungen der Zeit reiben und dadurch verändern, so wie sie sich auch unter dem Einfluss von Menschen verändert. Sie kann und muss aber immer auf die Schriften und die Traditionen als Maßstab zurückgreifen, nur was durch die Normen von Schrift und Tradition erklärbar ist, wird letztlich auch zu einer positiven Entwicklung der Kirche beitragen.


4 Ausblick: Die transformierende Kraft der Liturgie

4.1 Umbruch – Wandel – Kontinuität unter dem Anspruch von Schrift und Tradition

Es gilt nun, verschiedene Entwicklungen, die sich im beschriebenen Spannungsfeld von Kreuz und Krone eingestellt haben, vor dem Hintergrund der Normen der Kirche – Schrift und Tradition – auf ihre Qualität zu prüfen.

Und für alle der aufgeführten Beispiele, wie die Veränderungen des liturgischen Raumes und die Entwicklung des Fronleichnamsfestes, lässt sich festhalten, dass die besagte Spannung für eine positive Entwicklung gesorgt hat; man kann ein positives Fazit ziehen.


4.2 Die Komplexität der dargestellten Transformationsprozesse

Ein beinahe paradoxes Element, das viele dieser Transformationsprozesse verbindet, ist die Tatsache, dass sie oftmals nur das Ergebnis der eigenen Aussendung der Kirche sind und waren.

Wenn also beispielsweise 1969 Menschen entlang der Wegstrecke der Fronleichnamsprozession standen, um gegen diese Prozession zu demonstrieren, die in ihren Augen dem christliche Glauben nicht gerecht wurde, dann taten sie das mit folgendem Bibelzitat auf ihren Schildern: “Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden” (Mt 6, 5).

An dieser Stelle wird offensichtlich, dass alles das, was von Seiten der Kirche ausgesandt wird, auch wieder zurückkommen kann. Diese Erkenntnis ist gerade für die Außenkommunikation der Kirche von fundamentaler Bedeutung.


4.3 Die transformierende Kraft der Liturgie – der Primat des Handelns Gottes

In jeder Liturgie, vor allem in der Messe, dem “Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt” (SC 10), handeln nicht die Menschen in erster Linie, sondern es ist Handeln Gottes an den Menschen. Im Heiligen Messopfer wiederholt sich jedes Mal wieder die Selbsthingabe Jesu Christi; in diesem Mysterium der Heiligen Messe schenkt sich Gott den Menschen selber hin.

Hieraus lässt sich die eine, grundlegende Frage formulieren, die in sich jene enorme Transformationskraft birgt, welche die herausgehobene Stellung der Liturgie für die Kirche begründet: Trauen wir Menschen Gott dieses unglaubliche Geschenk noch zu?

My 2 cents: Im Vortrag von Prof. Dr. Stuflesser ging es um ein Thema, welchem ich bisher nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt hatte. Natürlich ist klar, dass sich die Liturgie – wie die ganze Kirche – über die Jahrhunderte durch zeitgeschichtliche Einflüsse immer weiter entwickelt hat. Und natürlich ist auch klar, dass zwischen der Kirche und der Weltlichkeit immer eine Spannung besteht, vielleicht sogar bestehen muss.

Interessant ist aber der Gedanke, die Liturgie in diesem Zusammenhang in den Fokus zu rücken. Im Grunde ist sie ja das verbindende Element dieser beiden Sphären. In der Liturgie eröffnet sich der Glauben der Kirche für die Welt, da ja die Liturgie immer auch öffentliches Handeln der Kirche ist. Insofern ist dieses Handeln der Kirche die Schlüsselstelle, wenn es um die Frage der Lösung von Spannungen, bzw. deren Beibehaltung geht.

Als wichtigste Erkenntnis des Vortrages möchte ich jedoch die Beobachtung bezeichnen, wonach alle Aussendungen der Kirche auch wieder auf sie zurück geworfen werden können. Bei jeder Kommunikation ist klar, dass man immer auch die Perspektive des Gegenübers einnehmen muss, um die Wirkung der eigenen Aussage kritisch zu prüfen (vgl. auch die Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick). In diesem speziellen Fall der Kommunikation der Kirche spielt aber noch eine viel größere, bedeutendere Frage eine Rolle. Denn die Kirche muss sich immer am Maßstab der Schrift und dem Willen Gottes messen lassen. Dabei besteht die Komplikation darin, dass sie zwar die Deutungshoheit und damit die Wahrheit beanspruchen kann, niemals aber verhindern kann, dass von der kirchlichen Deutung abweichende Interpretationen auch geglaubt und vertreten werden können. Vielleicht ist dies das entscheidende Spannungsfeld unserer Zeit.

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