Ein Protestant erklärt den Katholizismus

Vor einigen Wochen hatte ich ein paar Minuten Zeit, die ich kurzfristig zum Stöbern in einer Buchhandlung genutzt habe. Dabei ist mir ein kleines Büchlein in die Hände gefallen, von dem ich zuvor schon einiges gehört hatte. Und bei einem Preis von ca. 6€ hab ich es einfach direkt mal mitgenommen. Es geht um “Warum werden wir nicht katholisch?” von Andreas Theurer.

Mittlerweile habe ich das Buch (oder besser: den Aufsatz) komplett gelesen und will hier ein paar Anmerkungen zu diesen “Denkanstößen eines evangelisch-lutherischen Pfarrers” (so der Untertitel) machen.

Geschrieben für Protestanten

Auf knapp 90 Seiten entwickelt Theurer den Versuch einer Antwort auf die Titelfrage. “Dieses Büchlein wendet sich [dabei] in erster Linie an Protestanten, denen ihr Glaube wertvoll ist und die diesen ihren Glauben bewusst an eine Autorität der Heiligen Schrift binden wollen. Solchen evangelischen Christen will es die Glaubensaussagen der römisch-katholischen Kirche erklären (…).” Schon zu Beginn wird hier also ein reichlich ambitioniertes Programm angestrebt. Natürlich kann der Autor aber hier keine katholische Dogmatik vorlegen, wie man es diesem Anspruch vielleicht entnehmen könnte. Schon gar nicht auf so wenigen Seiten. Außerdem schreibt hier ein (noch) nicht katholischer Christ über den Glauben der katholischen Kirche. Das merkt man der Schrift ebenso an, wie die ursprünglich angepeilte Zielgruppe.
Nichtsdestoweniger ist Theurers Aufsatz auch und gerade für Katholiken eine interessante Lektüre. Immerhin werden auf sehr engem Raum alle wesentlichen Fragen angesprochen, die im ökumenischen Dialog mit Protestanten auftreten (können). Zugleich halte zumindest ich es für sehr interessant, wie katholisches Glaubensverständnis auch von außen positiv rezipiert und dargestellt wird. Dass die pro-katholischen Antworten auf die gestellten Fragen öfter nicht gerade dem Schluss der theologischen Weisheit entsprechen und zwar lehramtstreu, nicht immer aber auch wissenschaftlich-exakt sind, sollte man bei der Lektüre bedenken und beachten.

Gewöhnungsbedürftiger Stil

Die Vorgehensweise des Autors ist durchweg sehr berechenbar. Zumeist wird eine protestantische These über den katholischen Glauben formuliert, um dann von Theurer widerlegt zu werden. Dabei folgt er protestantischen Denk- und Argumentationsmustern. In diesem Sinne taucht die kirchliche Tradition als Begründung für Glaubensinhalte praktisch nicht auf. Theurers Kritik am Protestantismus, sich auf die Bibel als einzige Autorität zu stützen, lässt sich auch an ihm üben. Denn was er (bzw. die Kirche) nicht aus der Bibel ableiten kann, versucht er durch Rückgriffe auf die Kirchenväter (an einer Stelle zitiert er gleich zweieinhalb Seiten von Irenäus) und frühchristliche Gemeindeliteratur zu begründen. Quasi aus Schriften, die zwar nicht zum Neuen Testament gehören, aber immerhin direkt danach entstanden sind.

Anhand zweier Beispiele will ich versuchen, zu verdeutlichen, wieso ich Theurers Ausführungen insgesamt als kritisch zu bewerten einstufe. Es geht dabei jeweils nicht darum, dass er eine nicht der katholischen Lehre entsprechende Überzeugung darstellen würde. Vielmehr finde ich seine gedanklichen Herleitungen fragwürdig.

Zum gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen

Einen wichtigen Teil seiner Betrachtungen nimmt naturgemäß die katholische Kirchen- und Ämterstruktur ein. Diese versucht er vor allem im Vergleich mit dem deutschen Protestantismus zu erklären. In einem Kapitel zur “evangelischen Lehre vom ‘Allgemeinen Priestertum aller Gläubigen’” ergibt sich dabei aber ein Problem. Er geht nämlich davon aus, dass dieses allgemeine Priestertum eine spezifisch protestantische Angelegenheit wäre und aufgrund einer mangelhaften Ableitbarkeit aus der Heiligen Schrift nicht zu rechtfertigen. Natürlich spielt dieses Konzept des Allgemeinen Priestertums im Protestantismus eine sehr herausgehobene Rolle, aber auch der katholische Leser dürfte sich bei einigen Aussagen Theurers zumindest wundern:

“Keinesfalls ist dabei [Anm.: 1 Petr 2, 9 f. und Ex 19, 5 f.] jedoch an ein allgemeines Priestertum aller Israeliten im Sinne eines für alle gleichen Amtes zu denken – im Gegenteil! (…) Eine Deutung des Wortes vom königlichen Priestertum im Sinne des lutherischen ‘allgemeinen Priestertum aller Gläubigen’, ist also im Zusammenhang des Alten Testaments völlig unmöglich. (…) [Der 1. Petrusbrief] spricht in Kapitel 5 sogar ausdrücklich von Presbytern (…), die die Herde, die ihnen anbefohlen ist, wie gute Hirten ordentlich weiden sollen (1 Petr 5, 1 – 4). Hirten und Herde – dieses Bild passt m.E. nicht zu einem ‘allgemeinen Priestertum’, bei dem jeder die Vollmacht zur Gemeindeleitung hätte. Der Hirte bekommt vom Besitzer der Schafe das Amt und die Vollmacht, die Tiere zu weiden, also ihnen zu dienen. Keineswegs bestimmt die Herde, wer ihr Hirte sein soll oder ermächtigt ihn dazu.”

Dem kann man so natürlich nicht wirklich widersprechen. Diesen Bibelstellen lässt sich natürlich nicht ohne Weiteres entnehmen, dass alle Menschen Priester wären. Aber das, was Theurer damit zu erklären versucht, stimmt nicht so ganz.
Beginnen wir beim letzten Satz. Die Aussage, dass der Hirte in keiner Weise von seiner Herde legitimiert würde, ist – vor allem beim Blick auf das Frühchristentum, den Theurer ja auch immer wieder tätigt – nicht ganz wahr. Bis in das 5. Jahrhundert galt die Wahl des Bischofs durch die Ortsgemeinde (in Verbindung mit der Weihe) als anerkannte Legitimation des Amtsträgers. Und auch heute findet sich ein Überrest dessen in Regelungen verschiedener Konkordate, die die Wahl des Bischofs durch das Domkapitel vorsehen. Auch der CIC spricht in C.377 §1 ausdrücklich von der rechtmäßigen Wahl eines Bischofs. Freilich ist das keine Wahl im Sinne moderner Demokratie. Aber die Bestimmtheit des Wörtchens “keineswegs” ist hier vielleicht einfach Fehl am Platze.
Insgesamt erschließt sich mir der Sinn seiner Überlegungen zum Allgemeinen Priestertum aber nicht. Immerhin ist es nicht so, dass die katholische Kirche dieses nicht kennen würde. Beispielsweise in Lumen Gentium ist direkt die Rede vom gemeinsamen Priestertum der Gläubigen (LG 10). Es wird zwar in diesem Absatz auch definiert, worin sich gemeinsames Priestertum und Weihepriestertum unterscheiden, aber dass jeder Gläubige selber auch Priester ist, wird hier nicht nur nicht bestritten, sondern sogar manifestiert.

Die Bischöfe und der Papst

Ein weiteres Beispiel für hinterfragbare Aussagen liefern seine Ausführungen zum katholischen Verständnis der apostolischen Sukzession und der Rolle des Papstes und der Bischöfe. In diesem Zusammenhang bedient er sich einer Vorgehensweise – getreu seiner Maxime der Autorität biblischer und frühchristlicher Schriften – die wohl jedem Wissenschaftler die Haare zu Berge stehen lassen.

“Wenn wir einmal annehmen, die altkirchlichen Schriftsteller hätten die Wahrheit geschrieben, und Jesus hätte tatsächlich die Apostel beauftragt, ihr Amt mit einer Segenshandlung an ihre Nachfolger weiterzureichen, vielleicht erscheinen uns dann auch manche Stellen in der Heiligen Schrift in einem ganz neuen Licht? Ich glaube, wir könnten dann einige Bibelstellen finden, die diese Auffassung der Kirchenväter unterstützen!”

Natürlich. Wenn ich vorher schon weiß, was ich irgendwo rauslesen möchte, dann kann ich das da wahrscheinlich auch rauslesen. Nun ja. Seine Intention ist natürlich sehr redlich, aber ich hätte mir gewünscht, dass andere Mittel dazu gefunden hätte. Dazu passt auch, dass er ein paar Seiten weiter im Grunde alle Rechtfertigungsversuche für unnötig erklärt.

“Aber vielleicht sollte man noch grundsätzlicher fragen: bei wem liegt eigentlich die Beweislast? Warum müssen Katholiken und Orthodoxe beweisen, dass es das in apostolischer Sukzession weitergegebene Amt schon immer gab? Immerhin ist – wie ich oben gezeigt habe – historisch gesehen die Behauptung einer solchen Amtstradition älter als deren Bestreitung. (…) Dazu reicht es allerdings nicht aus, dass von apostolischer Sukzession nicht in der Bibel steht.”

So kann man das natürlich auch angehen. Aber ist das wirklich das Programm der Theologie? Und wie sinnvoll ist es eigentlich, ein Buch zu schreiben, mit dem Programm, die Richtigkeit des katholischen Glaubens zu erklären, wenn man dann erst einmal einen Beweis für die Unrichtigkeit fordert.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich halte die apostolische Sukzession für eines der wirklich zentralen, identitätsstiftenden Elemente unseres Glaubens und grundsätzlich auch für richtig. Aber diese Tradition ist doch nicht deswegen richtig, weil wir sagen, dass sie richtig ist. Oder verstehe ich da etwas falsch?

Dieses etwas simple Bild des Bischofsamtes spitzt sich in einer bewundernswert romtreuen Sicht auf den Heiligen Vater zu. In einem Abschnitt zur Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit scheibt Theurer folgendes:

“Mit der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes verfolgt die katholische Kirche nun gewiss nicht das Ziel, einen Menschen zum Tyrannen über die Gewissen der Gläubigen zu machen. Das Gegenteil ist der Fall: der Papst hütet den Schatz der Kirche gegenüber der Beliebigkeit des Zeitgeistes. (…) Das Ziel ist auch, den theologisch ungebildeten Kirchenmitgliedern die definitive Unterscheidung zu ermöglichen zwischen wahren und falschen Glaubensinhalten und damit der weitverbreiteten Verunsicherung in Glaubensfragen, sowie der Zersplitterung der Kirche in vielen Sekten und Sondergemeinschaften entgegenzusteuern.”

Er hat recht. Der Papst ist natürlich kein Kirchentyrann, und dass er den Schutz des Glaubens vor dem Relativismus unserer Zeit als eine seiner Hauptaufgaben sieht, kann man regelmäßig aus seinem Munde hören. Aber ob man die Vermittlung des wahren Glaubens an theologisch ungebildete Kirchenmitglieder wirklich in dieser Wortwahl als Sinn der Unfehlbarkeitslehre darstellen sollte, lasse ich mal dahin gestellt. Es klingt für mich irgendwie sehr nach 19. Jahrhundert. So sehr ich dem Autor in seinem Ziel auch zustimmen mag, diese sehr naive Begründung mag mir nicht so recht gefallen.

Fazit

Zu welchem Urteil komme ich also nun?
Ich halte “Warum werden wir nicht katholisch?” jedenfalls für lesenswert. Dieses Büchlein stellt keine allzu großen Anforderungen an den Leser und ist wirklich geeignet, um es an einem Nachmittag zu lesen. Allerdings habe ich auch Probleme beschrieben, aufgrund derer ich es in dieser Form höchstens als Diskussionsgrundlage betrachten will, nicht als wirkliche “Glaubenslehre”. Theurer schreibt zwar in erster Linie für Protestanten, ich würde aber sagen, dass es für Katholiken mindestens genauso interessant ist. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass der Aufsatz mit einigen Änderungen und Ergänzungen gut als eine Arte kleiner Einstiegsdogmatik für Laien geeignet wäre. Natürlich ist es wünschenswert, dass sich jeder katholische Laie einmal den KKK zur Hand nimmt und darin liest. Es wäre bestimmt auch nicht verkehrt, wenn Jugendliche den Youcat wirklich auch in größerer Zahl entdecken würden. Aber wir wissen alle, dass das nicht passiert. Insofern ist ein kleines Sachbuch, das Glaubensfragen nicht in katechetischer Form, sondern durch populärwissenschaftliche Herleitungen erklärt, vielleicht ein probates Mittel, um gerade auch Laien ein verstärktes Verständnis des Glaubens mitzuteilen.
Ich empfehle jedenfalls, das Buch selbst einmal zur Hand zu nehmen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

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