Für wen halten mich die Leute?

Nun, dass die Beiträge von kath.net mit einiger Vorsicht zu genießen sind und dass man als Leser immer selbst dafür verantwortlich ist, den tatsächlichen Informationsgehalt aus der Propaganda herauszufiltern, sollte jedem klar sein. Und dass die Kommentare von Roland Noé erst recht nicht zimperlich sind, weiß ich als regelmäßiger Leser natürlich auch. Aber bei der Lektüre seiner neuesten Auslassung wollte ich spontan reagieren, wie es Judith Holofernes einst tat.

Ich kann kaum ausdrücken, mit wie viel Wut im Bauch ich heute den Tag verbracht habe. Im kath.net-Kommentar zu aktuellen Sozialstudien und etlichen Reaktionen darauf tritt eine so unfassbare Ignoranz zutage, wie ich sie selbst dem unreflektiertesten Hardcorekatholiken bisher nur schwer zugetraut hätte.

Erst einmal zu den mehr oder weniger harten Fakten:

Ich sehe mich selber als (empirischer) Sozialwissenschaftler, weshalb ich naturgemäß eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber empirischer Forschung habe. Wer weiß, wie eine Umfragestudie zustande kommt und auch selber schon eine (oder mehrere) Studien begleitet hat, kann viele Angaben und Details gut interpretieren und kontextualisieren. Aber Fachwissen von einer Sache hat auch immer den kleinen Haken, dass man bei “falscher” Kritik an der Sache in einen Verteidigungsmodus verfällt, aus dem man nur selten zufriedenstellend wieder heraus kommt. Mir geht das vor allem immer dann so, wenn über die vermeintlich mangelnde Qualität von politischen Umfragen gespottet wird.
Die heute veröffentlichte neue Sinus-Studie über die Kirche in den sozialen Milieus ist nun keine simple Meinungsumfrage, sondern eine hochkomplexe, qualitative Interviewstudie. Zugegeben, ich hatte lange Zeit große Probleme mit der Sinus-Milieustudie. Das lag, bzw. liegt aber weniger an den Ergebnissen, als vielmehr daran, dass es mir lange schleierhaft war, mit welchen Methoden das Institut seine Milieus konstruiert. Mittlerweile weiß ich da etwas besser bescheid und kann das Ganze nur als äußerst durchdacht und präzise bewerten.

Nun ist das neue Milieuhandbuch zwar veröffentlicht worden, wirklich gelesen werden es aber wohl die wenigsten haben. Vielmehr stützen sich die meisten Meinungen dazu auf einen Beitrag aus der Welt online, in dem die (für den Autor) relevantesten Punkte knapp skizziert werden. Ich kann mich leider auch nur auf den Welt-Artikel stützen, da ich nicht mal eben knapp 100€ für das neue Handbuch habe. Aber ich habe mir erst vor Kurzem das alte Handbuch etwas genauer angesehen und, wie gesagt, schon öfter mit den Sinus-Studien zu tun gehabt. Insofern hielt der Welt-Artikel für mich keinerlei Neuigkeiten oder Überraschungen bereit.

Offensichtlich ging es den meisten anderen Lesern da aber ganz anders. Die fast durchweg negativen Reaktionen auf die Meldung gipfeln im unsäglichen Noé-Kommentar, der derartige Studien am besten gleich komplett verbieten wollte.
Und dies untermauert er in selten so grotesker Weise erlebten Bibelvergleichen. Ganz abgesehen davon, dass wohl allein Roland Noé versteht, was er beispielsweise mit dem Bezug auf das Buch Exodus eigentlich ausdrücken will, könnte diesen Absatz jeder halbwegs Vernunftbegabte im Handumdrehen in seine Einzelteile zerlegen. Ich will stattdessen nur zwei Aspekte beleuchten, die mir besonders negativ aufgefallen sind:
Zunächst legt Noé hier eine Meinung von Umfrageforschung an den Tag, die nichts, aber auch wirklich nichts mit dem wissenschaftlichen Anspruch empirischer Forschung zu tun hat. Vielmehr verpackt er eine offenkundige Abneigung gegenüber einer demokratischen Partizipation (in der Kirche) im selbst geschneiderten Gewande der Umfrageforschung, die man ja wiederum bedenkenlos kritisieren kann. Das Schema: Wir brauchen keine Umfragen weil Jesus seine Jünger auch nicht nach ihrer Meinung gefragt hat. Logisch.
Und dass er dies dann noch mit der Bibel zu begründen versucht, setzt dem Ganzen die Krone auf. Fast will man ihm beim Lesen noch vor dem Abgrund warnen, auf den er gerade zu rast. Aber da ist er schon dabei, uns zu erklären, wo wir in der Bibel die Antwort auf die Frage nach empirischer Sozialforschung finden. Nirgends! Es gab weder zu Zeiten des Exodus, noch zu Zeiten Jesu Umfrageforschung. Ergo brauchen wir die heute auch nicht! So einfach kann’s manchmal sein.

Ich geh dann mal meinen Computer ausschalten und noch ‘ne Runde fernsehen.

Ach nein, halt. Ich wollte ja noch etwas loswerden. Die Kritik an dem Kommentar ist nämlich die eine Sache, die leichtere. Die Hintergründe zu erforschen, die zu solchen Aussagen führen, ist die andere, schwierigere.

Ist es legitim, die Kirche dafür zu kritisieren, dass sie mutmaßlich sehr teure Studien durchführen lässt? Selbstverständlich. Ist es legitim, Studien in ihrem Deutungsgehalt und in ihrer Relevanz für die Kirche zu kritisieren? Selbstverständlich. Ist es legitim, die Kirche dafür zu kritisieren, dass sie versucht herauszufinden, wie ihre Mitglieder zu ihr stehen und welche Fragen sie bewegen? Selbstverständlich nicht!

Wenn uns die aktuelle Situation der Kirche eines lehrt, dann doch, dass wir offensichtlich zu sehr, sehr vielen Menschen den Bezug verloren haben. Anders formuliert: Sehr, sehr viele Menschen erkennen den Lebensbezug der Kirche nicht mehr. Es kann daher für die Kirche kein Weg daran vorbei führen, die Gründe und Zusammenhänge für diese Einstellungen zu untersuchen, um daraus Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Empirische Forschung ist dazu eines der probatesten Mittel. Und das sage ich nicht nur, weil mir die Empirie am Herzen liegt. Man kann das auch rein praktisch erklären: Wenn wir, wie es her Noé so eindringlich fordert, uns den Auftrag Christi wirklich zu eigen machen würden und zu allen Menschen gehen würden, um ihnen das Evangelium zu verkünden, wären wir ganz schön lange unterwegs, wüssten dann aber vielleicht wenigstens, wie die Leute so ticken.

Wäre es aber nicht viel einfacher, erst einmal herauszufinden, wie die Leute ticken und warum, um danach mit einer speziell für sie abgestimmten Botschaft zu kommen? Wäre es nicht zielführender, den Menschen Antworten auf ihre konkreten Fragen zu geben, anstatt die Antworten vorzugeben und sie ihre Fragen selber anpassen zu lassen?
Natürlich wäre es das. Aber das passt nicht in das Bild von kath.net, das den katholischen Glauben als eine große, komplexe Wahrheit verstehen und bewahren will. Aber der Glaube ist keine große, singuläre Wahrheit. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zum Glauben und für jeden Menschen bildet der Glaube eine eigene, echte Wahrheit.

Wenn uns Studien dabei helfen können, diese Wahrheiten zu verstehen, zu kontextualisieren und sinnvoll zu strukturieren, dann sind sie nicht nur gut für unsere Sendung, dann sind sie sogar notwendig für unsere Sendung.

Und für alle, die unbedingt einen biblischen Beleg brauchen:

“Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute? Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Eilja; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?” (Lk 9, 18-20a)

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