„Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.“ #5

Vorab: Der nächste Beitrag der Beitragsreihe zur Ringvorlesung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg weiter.
Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Wolfgang Weiß:
“Petrus oder Konstantin? Aspekte eines abendländischen Langzeitkonflikts.”
Mittwoch, 09. Januar 2013

1. Erschließung der Fragestellung

Die plakative Fragestellung des Titels unterstellt zwar, dass eigentlich keine weitere Einleitung in den Vortrag notwendig wäre, am Beginn der Auseinandersetzung mit dem genannten Langzeitkonflikt steht dennoch eine Einführung in das Thema.

Petrus und Konstantin stehen pars pro toto für den Papst und den Kaiser, welche wiederum für die Frage nach einer sinnvollen Zuordnung von geistlicher und weltlicher Macht stehen. Diese Frage steht spätestens seit der konstantinischen Wende auf der Tagesordnung der christlichen Selbstfindung. Der angesprochene Langzeitkonflikt besteht demnach in der Suche nach einem adäquaten System für die westliche Kirche.

Ein besonderer Fokus soll darüber hinaus auf den Mikrokosmos der Würzburger Kirche gelegt werden.

2. Die Säkularisation (1802/1803) und die Erfahrungen mit dem Staatskirchentum

Im Jahr 1807 brach ein Konflikt zwischen dem Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach (er durfte den Titel Fürstbischof als persönlichen Ehrentitel behalten) und dem neuen Landesherrn Großherzog Ferdinand von Toskana auf.

Anlässlich eines Pontifikalamtes forderte der Habsburger die Aufstellung seines Herzogsthrones auf der Evangelienseite des Domes, was vom Bischof kategorisch abgelehnt wurde, da diese Seite ihm vorbehalten war. Nach einem Schlichtungsversuch durch Weihbischof Gregor von Zirkel sollte der Fürstenthron in der Mitte aufgestellt werden, was von Seiten des Bischofs ebenfalls abgelehnt wurde. Infolge dessen lehnte der Bischof die persönliche Zelebration des Amtes ganz ab, der Weihbischof übernahm die Zelebration in unterwürfiger Manier gegenüber Ferdinand.

Insgesamt werden an diesem Beispiel Merkmale eines mittelalterlichen Verständnisses des weltlichen Herrschers deutlich. Der Habsburger Ferdinand war (noch immer) von staatskirchlichen Überzeugungen durchdrungen, welche in der Bistumsleitung kategorisch abgelehnt wurden. Vielmehr offenbarte sich im Würzburger Bistum eine große Wachsamkeit gegenüber staatskirchlichen Ambitionen und für die Unabhängigkeit des Bistums von einer weltlichen Macht.

3. Konzeptionelle Neuorientierung des Würzburger Weihbischofs Gregor Zirkel im Rückgriff auf die Kirchlichen Ursprünge

Gregor von Zirkel, von 1802 bis 1817 Weihbischof in Würzburg, war der wichtigste Vertreter einer Erneuerungsbewegung des Bistums Würzburg, welche sich in apologetischer Weise vor einer staatlichen Abhängigkeit schützen wollte. In diesem Zusammenhang verfasste er einige wichtige Schriften.

1803 erschien seine “Skizze des Entwurfs über das Verhältnis von Kirche und Staat”.

In seiner “Geschichte des Patronatsrechts in der Kirche” von 1806 legte er die Zeit der frühen Kirche normativ aus. Beispielsweise stellte er heraus, dass die Bestellung geistlicher allein Sache der Kirche und nicht einer weltlichen Macht sei. Die Bildung einer kirchlichen Verfassungsgruppe stellte er insgesamt naturrechtlich heraus. Das Werk plädierte somit für eine weitgehende Unabhängigkeit der Kirche vom Staat.

In “Die deutsche katholische Kirche” von 1817 entwickelte sich ein umfassendes Bild seiner Geisteshaltung. Eine ultramontane Orientierung trat deutlich zutage, das Papsttum wurde dabei auch in seiner Schutzfunktion gegenüber dem Staat gesehen. Ein weiterer Anker der Kirche seien “gesunde und glaubenstreue Kräfte im Volk”. Im Gegensatz zu den Fürsten, die von der Welt und für die Welt regierten, habe die Kirche auch eine unsichtbare und überirdische Dimension. Insgesamt trat in der Schrift ein Bild von der Kirche als übergeschichtliche und überzeitliche Institution zutage.

Generell war der Wille zur Unabhängigkeit im Bistum Würzburg besonders aufgrund der langen hochstiftlichen Zeit besonders ausgeprägt. Nach Jahrhunderten der Unabhängigkeit war man nach der Säkularisation gleich in doppelter Weise abhängig geworden: Vom weltlichen Herrscher und von kirchlichen Institutionen, die noch über dem ehemals unabhängigen Hochstift standen.

4. Ein Rückblick auf die kirchlichen Anfänge im Würzburger Raum

Die Säkularisation von 1802/1803 kann als Bruch einer kontinuierlichen Entwicklung seit der Christianisierung gesehen werden.

Schon in der Geschichte Burkards, des ersten Bischofs von Würzburg, lässt sich das Konzept der Zwei-Schwerter-Theorie ablesen. Neben seiner Teilnahme am Concilium Germanicum ist vor allem bemerkenswert, dass Burkard als Gesandter des Pippin bei Papst Zacharias war, um von diesem die Königswürde für den Hausmeier zu erbitten. Die Tatsache, dass erst die Zustimmung des Papstes den Dynastiewechsel ermöglichte, verdeutlicht eine umgekehrte Abhängigkeit von Staat und Kirche: Die Macht des weltlichen Schwertes erhielt der fränkische König somit kraft apostolischer Weisung.

In besonderer Weise ist in diesem Zusammenhang auch die Passio Kiliani zu erwähnen. Diese Geschichte, welche vor allem im Würzburger Raum hohe Strahlkraft entwickelte, eröffnet in drei großen Facetten weitere geistliche und politische Horizonte:

(1) Im Würzburger Raum wurde in Folge der Mission durch Kilian das Christentum in gentiler Form übernommen. Dieses gentile Religionsverständnis begründete eine Entwicklung nationaler und terretorialer Kirchentümer. Diese stehen somit faktisch schon vor einer analogen staatlichen Entwicklung.

(2) Schon mit Kilian verbindet sich eine kirchliche Tradition einer universalen und überstaatlichen Glaubenseinheit. Kilian wendet sich in bestimmten Fragen an den “apostolischen Stuhl” in Rom – so wörtlich in der Passio –  was deutlich macht, dass es sich beim Bistum Würzburg schon damals ausdrücklich um eine eng mit Rom verbundene angelsächsische Landeskirche handelte.

(3) Das asketische, bzw. apostolische Ideal der frühen Zeit der Christianisierung bot darüber hinaus ein kritisches Potenzial. Der Bischof Kilian sah sich als monastischer Asket in der peregrinatio per Christi. Sein Leben und das aller asketischen Missionsmönche orientierte sich am Schriftwort “Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach” (Lk 9, 23). Dieses monastische Streben nach Entweltlichtung, nach Loslösung von der Welt, führte allerdings auch zu einer nicht zu unterschätzenden Weltkritik. Idealisiert wurde ein besonderes Bild von der Liberalitas Ecclesiae. Andererseits sind auch kirchliche Herrschaftsstrukturen und Institutionen zwangsläufig immer auch auf die Welt zurückgeworfen.

5. Skizze der weiteren Entwicklung – Das Bistum Würzburg in der Reichskirche

Schon früh hatten die Würzburger Bischöfe ein enge Bindung an die Oberschicht und vor allem die fränkischen Könige und Kaiser, was bspw. auch die Geschichte Kilians belegt. Als Mitglieder der capella regis hatten sie überdies auch politische und militärische Aufgaben inne.

Unter Pippin wurde den Bischöfen Immunität verliehen, was sie zwar einerseits aus dem Einflussbereich regionaler Herrscher herauslöste, andererseits aber enger an das Reich band.

Schon die Karolinger, noch stärker die Ottonen, übten auf dieser Grundlage einen starken Einfluss auf Kirche und Bischöfe aus. So lag beispielsweise über lange Zeit das faktische Recht der Bischofswahl und Einsetzung beim König, was wiederum im Investiturstreit mündete.

Die Ereignisse rund um diese Auseinandersetzung stehen am Anfang einer Rationalisierung der Welt. Während die Geistlichkeit die Herrschaft über die sakrale Welt beansprucht, versucht sie gleichzeitig die weltliche Macht aus dieser sakralen Welt hinaus zu drängen. Die Dialektik dieser historischen Vorgänge führt schließlich zu einer Emanzipation der weltlichen Gewalt von der geistlichen, bzw. umgekehrt.

Allerdings darf der Investiturstreit nicht als echter Bruch in der Geschichte verstanden werden, sondern muss vielmehr als ein erster Schritt der Aufhebung von Abhängigkeitsverhältnissen gesehen werden.

Beispielsweise in Würzburg hielt sich eine Ablehnung des Papalismus noch bis zum Ende der Reichskirche.

Anhaltende Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser schwächten letztlich jedoch beide Seiten. Dieses Streben nach Unabhängigkeit führte letzten Endes zu neuen Abhängigkeiten. So konnte sich das Papsttum über lange Zeit nicht vom französischen Thron lösen, was innerkirchlich schwere und langanhaltende Krisen auslöste.

In der Folge der Reformation spitzte sich der innerkirchliche Wille zur Unabhängigkeit vom Papsttum in paradoxer Weise so zu, dass die protestantischen Landeskirchen sich zwar vom römischen Papst lösten, aber im Gegenzug in eine so starke Abhängigkeit vom weltlichen Landesherrn gerieten, dass daraus ein landesherrlicher Summepiskopat entstand.

Somit blieb die Trennung von Staat und Kirche immer ein fragiles Konstrukt, welches immer wieder in beide Richtungen negativ ausschlug. Auch der Würzburger Weihbischof Zirkel trat zwar für eine Unabhängigkeit der Kirche vom Staat ein, eine echte und vollkommene Trennung beider Systeme war aber gewiss nicht seine Intention. Somit dauerte es bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, bis die Kirche von sich aus den Schritt in die vollständige Unabhängigkeit von staatlichen Gewalten ging.

My 2 cents: Dass eine neue Definition des Verhältnisses von Kirche und Staat, bzw. Zivilgesellschaft eine der großen Herausforderungen für die Kirche unserer Zeit ist, ist keine neue Erkenntnis. Die Frage nach einer Entweltlichung bewegt sich im Wesentlichen entlang dieser Trennlinie.

Wichtig ist dabei aber tatsächlich auch immer ein Blick in die Vergangenheit. Besonders beachtenswert sind in meine Augen vor allem zwei Epochen. Während wir die Veränderungen im Selbstverständnis der Kirche durch das Zweite Vatikanum heute mehr oder weniger gut im Blick haben, vergessen wir vielleicht die Vorgeschichte des Konzils, die hauptsächlich das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts umfasst. Zumeist wird die Konfrontation von Staat und Kirche im 19.Jahrhundert (Ultramontanismus, Kulturkampf) relativ eigenständig und zusammenhangslos dargestellt. Die Säkularisation als bedeutender Einflussfaktor fällt nur allzu leicht unter den Tisch. Wenn man aber bedenkt, dass ein Bogen vom beginnenden 19. Jahrhundert bis in das beginnende 21. Jahrhundert gespannt werden kann, kann man zugleich auch Parallelen in verschiedenen Entwicklungen entdecken, welche wiederum vielfach bei der Lösung aktueller Probleme hilfreich sein könnten und sollten.

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