Selbstreflexion ist das Stichwort.

tl;dr: Anstatt sich prominente Einzelfälle herauszupicken und stellvertretend abzuurteilen, sollten die Fakultäten lieber einmal darüber diskutieren, welche Standards sie an wissenschaftliche Arbeiten realistisch anlegen können. Denn: Jeder Wissenschaftler hat irgendwann einmal plagiiert.

Nachdem ich in den letzten Wochen reichlich mit Arbeit für die Uni eingedeckt war, musste das Bloggen etwas hinten anstehen. In der Pipeline sammelt sich zwar einiges an, aber das muss da leider auch noch ein, zwei Wochen warten.
Die Tage ist allerdings wieder einmal ein Thema aktuell, zu dem ich gerne etwas loswerden möchte. Aktuell ist es sowohl in der öffentlichen Debatte, als auch für mich ganz persönlich.

Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf hat entschieden, die Dissertationsschrift von Anette Schavan nachträglich für nicht ausreichend zu erkennen. Das ist ihr gutes Recht und meines Erachtens auch nicht unbedingt ein Thema für die große Öffentlichkeit (ich beziehe das nicht auf die besondere Stellung von Frau Schavan, sondern auf den Vorgang an sich).
Ich habe vorhin jedoch einen Beitrag zu diesem Thema gelesen, der nach meinem Dafürhalten ein paar wichtige Fragen artikuliert. Der ehemalige Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Christoph Markschies sagt, dass er die Fehler und Ungenauigkeiten der fraglichen Dissertation, welche er wohl gut kennt, für nicht so dramatisch hält, als dass man dafür den Doktorgrad entziehen müsste.

Ich kenne weder die Dissertation noch die genauen Analysen des Fakultätsrates, aber etwas scheint mir – im Zusammenhang mit erwähntem Interview – hier offensichtlich zu werden: Es geht nicht darum, dass die eigene wissenschaftliche Leistung der Autorin nicht ausreichend wäre, als vielmehr darum, dass sie die wissenschaftliche Leistung anderer nicht ausreichend gewürdigt hat, bzw. deren Verwendung nicht ausreichend kenntlich gemacht hat. Das ist natürlich ein Verstoß gegen die Regeln der wissenschaftlichen Arbeit. Sollte man meinen.
Zur guten wissenschaftlichen Arbeit gehört auch größtmögliche Sorgfalt. Aber selbst bei größtmöglicher Sorgfalt kann einem ein Zitat, bzw. sogar eine wörtliche Übernahme durchrutschen. Sogar mehrfach. Jeder Autor (geistes-) wissenschaftlicher Arbeiten kennt das: Zu gewissen Themen, und seien es nur kurze Abschnitte, ließt man mitunter zig verschiedene Quellen. Am Ende nimmt man vielleicht nur einen kleinen Teil davon tatsächlich in die Arbeit auf und zitiert diese. Den Rest hat man aber eben auch gelesen und irgendwie verinnerlicht. Wem ist es da noch nicht passiert, dass er ganz automatisch den Gedankengang eines anderen Autors übernommen hat, eine Schlussfolgerung nachkonstruiert hat, oder sogar eine markante Formulierung, einen treffenden Satz ganz in seinen Text eingebaut hat, ohne die Quelle weitergehend zu benutzen? Oft merkt man das, manchmal aber eben auch nicht. Natürlich ist das dann ein Plagiat, aber von vorsätzlicher Täuschung kann dabei nicht die Rede sein.
Ich will jetzt keine Diskussion aufmachen, ab welcher Größenordnung nicht mehr von Versehen oder Unachtsamkeit gesprochen werden kann. Mir geht es vielmehr darum, dass das schlicht und ergreifend ein alltäglicher Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit, vor allem in Geistes- und Sozialwissenschaften ist. Ein Autor erbringt niemals nur eigene Leistungen, sondern sichtet die Leistungen anderer und versucht diese sinnvoll zu verknüpfen, um daraus eine (wissenschaftliche) Erkenntnis abzuleiten.

Will ich damit Schavan in Schutz nehmen? Nicht unbedingt. Ich kenne – wie gesagt – weder Dissertation noch Analyse. Aber mir kommt es sehr stark so vor, als ob in diesem wie in anderen Fällen die Fakultäten deutlich eher geneigt sind, die Schrift für ungültig zu erklären, als eine ganz andere Frage zu stellen. Wie Prof. Markschies sagt, die bei Schavan kritisierten Probleme treten mit Sicherheit in hunderten anderen Dissertationen und unzähligen wissenschaftlichen Arbeiten anderer Autoren auch auf. Und ich finde das gar nicht schlimm. Es lässt sich meines Erachtens einfach nicht sinnvoll verhindern.

Ich glaube, dass jeder Wissenschaftler, wenn er ehrlich ist, regelmäßig plagiiert (hat). Und ich glaube nicht, dass in einer nennenswerten Zahl der Fälle eine Täuschungsabsicht im Hintergrund steht.
Meine Meinung: Die Standards, die in diesem Zusammenhang angelegt werden, sind unrealistisch. Eine wissenschaftliche Arbeit wird niemals völlig frei von kritischen Stellen sein. Und als Autor hat man eigentlich kaum eine Chance, solche Stellen im Nachhinein aufzuspüren. Und dann ist es immer auch das subjektive Empfinden des Gutachters, ob er ein Plagiat feststellt, oder nicht.
Es müssten sich eigentlich die Fakultäten selber prüfen, welche Maßstäbe sie anlegen und wie realistisch diese sind. Um mal etwas Kasuistik zu betreiben: Wenn die Dissertation von Schavan tatsächlich aufgrund diskutabler Maßstäbe kassiert worden sein sollte, dann wäre es von der Fakultät wesentlich mutiger gewesen dies nicht zu tun. Man hätte nämlich dann klar sagen können, dass man nicht eine Arbeit kassieren kann, die den faktischen Standards hunderter anderer Arbeiten entspricht.

Ich würde mir wünschen, dass wir nicht eine Debatte über einzelne, prominente Fälle führen, sondern darüber, was die Wissenschaft selber zu diesen etwaigen Problemen beiträgt und wie weit man nicht auch den Aussagen der Autoren vertrauen sollte, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen eben nicht getäuscht haben.

Mir ist das durchaus wichtig, weil ich seit geraumer Zeit bei all meinen wissenschaftlichen Arbeiten ein etwas ungutes Gefühl habe. Ich weiß, dass mir solche Fehler passieren, dass ich plagiiere. Mir ist neulich erst wieder – zum Glück – aufgefallen, dass ich wortwörtlich eine Formulierung aus einem Wikipedia-Artikel in eine Arbeit übernommen hatte, ohne es zu bemerken. Ich hatte den Artikel einige Stunden zuvor neben etlichen anderen Quellen zur Übersicht gelesen. Natürlich habe ich die paar Worte wieder aus der Arbeit entfernt; die Wikipedia ist toll, aber nicht zitierfähig. Aber ich bin mir seither erst recht bewusst, dass ich wohl nach diesen Maßstäben der Wissenschaftlichkeit, die unserer Tage so in der Debatte stehen, schon so einiges angestellt habe. Aber gewiss habe ich nie mit irgendeiner Absicht die Kennzeichnung eines Zitats unterschlagen. Wieso sollte ich mir auch die Arbeit machen, die geistige Leistung eines anderen Autors mitunter sehr zeitintensiv zu durchdringen, nur um mir dann die 30 Sekunden zu sparen, die das Einfügen einer Fußnote in Anspruch nimmt?

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