Kirche² – 48 Stunden + X

Die 48 Stunden sind also vorbei. Und was ist passiert? Ehrlich gesagt: Nicht viel.
Nachdem ich bis gestern noch einiges für das Studium erledigen musste, blieb auch meine Reflexion des Kongresses ein wenig auf der Strecke.

Aber ich will das jetzt nachholen. Ich habe aus Hannover tatsächlich viel mitgenommen und daraus auch schon einige Ideen für die Zukunft entwickelt. Der Reihe nach.

Ökumene

Zu Beginn des ersten Plenums hatten die Moderatoren darauf hingewiesen, dass die Kongressteilnehmer jeweils zur Hälfte Katholiken und Nicht-Katholiken waren. Nach diesem Hinweis habe ich tatsächlich keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, dass Kirche² ökumenisch ist. Wenn man sich mit Glauben und Kirche im Kern auseinandersetzt, dann ist Ökumene eben selbstverständlich. Anders ausgedrückt: Wenn wir uns heute Gedanken machen müssen, wie wir den Menschen vermitteln können, dass es richtig und gut ist, ihren Glauben kirchlich zu leben, dann sollten wir nicht immer sofort konfessionell denken. Natürlich, die Konfession gibt bestimmte Rahmenbedingungen vor und die sollten auch unbedingt so bleiben. Aber wenn das nicht automatisch Teil unseres Handelns ist und wir erst darüber nachdenken müssen, ist es wahrscheinlich nicht so wichtig.
Klar ist, dass der Kirche das Wasser bis zum Hals steht. Man kann darüber jammern und traurig sein; oder man sieht es als Chance an, endlich anzufangen zu schwimmen, wie es eingangs des Kongresses jemand sagte (ich weiß leider nicht mehr, wer es war). Und es wäre töricht, wenn wir schon beim Versuch, an der Oberfläche zu bleiben, nicht ökumenisch denken und handeln würden.

Inspiration

Tatsächlich habe ich an sehr vielen Punkten während des Kongresses und den Tagen danach gedacht, dass “man so etwas doch bei uns auch machen könnte”. Inspiration eben. Dabei geht es weniger darum, konkrete Institutionen, Initiativen, Aktionen, o. ä. zu kopieren; copy and paste funktioniert nicht. Es sind eher neue Ideen, Ansätze und Einstellungen, die mich fasziniert haben. Dazu gehört beispielsweise die grundsätzliche Einstellung zur Ökumene.
Außerdem ist mir durch den Kongress noch viel stärker deutlich geworden, dass wir ganz dringend ein (neues) Verständnis von uns als Kirche entwickeln müssen. Kirche kann nur da zukunftsfähig sein, wo sie nicht strukturzentriert verstanden wird. Das geht schon bei solchen – eigentlich einfachen – Aussagen los, wie: Gemeinde ist nicht gleichbedeutend mit Pfarrei.
Fasziniert haben mich in dem Zusammenhang die vielen Beispiele von Menschen und Gemeinden, die ein solches verändertes Verständnis schon ganz selbstverständlich leben. Dass die wenigsten davon römisch-katholisch sind, ist vielleicht nachvollziehbar, aber keineswegs logisch. Lasst uns unsere Gemeinde zur Communio machen!

Glaube

Sr. Judith Moormann hatte am Ende des Kongresses festgestellt, wie schön es war, dass dort so selbstverständlich über den Glauben gesprochen wurde. Das stimmt, das war wirklich wunderbar. Natürlich wurde auch bei Kirche² sehr viel über Strukturen und Formen nachgedacht, aber der Glaube kam keineswegs zu kurz. Nur leider stelle ich das in der alltäglichen Gemeindearbeit fest.

Wir verstehen das kirchliche Leben viel zu sehr als etwas, das wir technisch organisieren müssten. Wir diskutieren minutiös den Helferplan für das nächste Gemeindefest, aber der Vorbereitung des Gottesdienstes schenken wir keine Beachtung. Die Lektoren lassen sich vor der vierteljährlichen Dienstplaneinteilung gerne vom Diakon die Wichtigkeit ihres Dienstes attestieren, aber man tauscht sich nicht darüber aus, wie der Dienst einen bewegt und verändert. Man freut sich prahlerisch über dreistellige Namenslisten in der Jugendarbeit aber sieht großzügig über mangelnde Inhalte hinweg.

Und ich glaube nicht, dass fehlender Wille das Problem wäre. Wir haben uns einfach über lange Zeit angewöhnt, den Glauben ganz sauber von der Struktur, bzw. der Form zu trennen. Der Pfarrgemeinderat kümmert sich um das Pfarrfest, aber der Festgottesdienst ist Aufgabe des Pfarrers. Oder: Der Pfarrgemeinderat kümmert sich um das Pfarrfest, aber der Glaube der Gemeinde bleibt doch irgendwie jedem selbst überlassen.

Kirche² hat deutlich gezeigt, dass das so nicht sein muss. Man kann eine Gemeinde auch sehr gut bauen, wenn man mit dem Glauben anfängt und irgendwann mal ein bisschen Struktur außenrum baut. Natürlich können wir bestehende Gemeinden nicht einfach auf den Kopf stellen und nochmal von vorne anfangen. Aber wir könne versuchen, diesen “unsichtbaren Mittelpunkt” zu artikulieren und so mit Leben zu füllen. Das ist nicht einfach und für viele – mich eingeschlossen – ein eher neues Erlebnis. Dazu braucht es auch Unterstützung von Fachleuten. Aber ich glaube, dass es sich lohnen wird.

Wandel

Wandel ist nicht neu. Und dass wir als Kirche insgesamt ziemlich unfähig erscheinen, auf Wandel zu reagieren und selber einen Wandel zu vollführen, ist erst recht nicht neu. In dem Zusammenhang ist es wichtig, sich einerseits mit gelungenen Beispielen für Wandel in der Kirche zu beschäftigen, andererseits aber auch die Herausforderungen klarer zu definieren.

Der Kongress bot eine Fülle an Beispielen von gelungenem Wandel. Da waren die vielen Berichte über die Fresh Expressions in England, da war der Bericht aus Poitiers, da waren die wunderbaren Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber, da war die gekonnte Erläuterung der gesellschaftlichen Milieus von Prof. Hempelmann, da war die ermahnende Rede von Prof. Sellmann, und, und, und…
Da wurde klar, was alles möglich ist, wenn man aufhört “eigentlich” zu sagen. Das ist alles ganz wunderbar und es lässt einen fast staunend zurück. Aber im Wandel muss man der Beständigkeit auch ihren Platz einräumen. Und dazu kam eine der für mich wichtigsten Aussagen des ganzen Kongresses von Nadia Bolz-Weber. Wandel, so sagt sie, kann nur funktionieren, wenn man in der eigenen Tradition verwurzelt ist. Und sie selber hat auch nur deshalb die Chance bekommen, das zu tun was sie tut, weil andere Menschen ihr vertraut haben. Dieses Vertrauen wiederum war nicht aus der Luft gegriffen, sondern darin begründet – und das liegt ihr sehr am Herzen – dass sie ausgebildete Theologin ist und eben weiß, was sie tut und wovon sie spricht.
Das halte ich auch für sehr wichtig. Wir können mit sehr viel Herz und Elan Veränderungen erwirken wollen, aber der Verstand muss auch seine Rolle spielen dürfen.

Die Kirche muss sich wandeln, weil die Gesellschaft sich wandelt. Wir sind hier nicht Vorreiter einer Entwicklung (auch wenn wir das wieder sein könnten), sondern müssen zunächst einmal zusehen, dass wir nicht von der Realität abgehängt werden. Das ist möglich. Dazu müssen wir aber zunächst einmal lernen, die Realität anzunehmen. Oft gelingt uns das schon, beispielsweise wenn es darum geht, leere Kirchenbänke zur Kenntnis zu nehmen. Aber wenn es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der sozialen Differenzierung geht, verschließt sich die Kirche noch immer noch häufig, wie zuletzt die Reaktionen auf die neue Sinusstudie zeigten. Aber selbst wenn wir, wie beim Beispiel der leeren Kirchen, die Realität wahrnehmen, tun wir das viel zu oft mit dem falschen Blickwinkel. Wenn wir als Kirche 70, 80, 90 Prozent der Menschen nicht mehr erreichen, dann ist das vielleicht in erster Linie unser Versagen, und nicht die Schuld der Menschen.

Mut gemacht hat mir auf dem Kongress der Bericht über den Dialogprozess aus dem Bistum Essen. Es geht weniger um den Prozess, zu dem ich aus verschiedenen Gründen ein distanziertes Verhältnis habe. Aber die Einstellung dort stimmt. Nachdem die Referenten bei ihrem Vortrag recht eindringlich die Dramatik der Lage beschrieben hatten, stellte ich die Frage, ob sie denn diese Situation auch als Chance für ein Art Neubeginn sehen würden. Die Antwort: Ja, ganz klar!
Das ist für mich als Würzburger und Mitglied einer Gemeinde, die wirtschaftlich, personell und auch ansonsten eigentlich gut da steht, eine sehr wichtige Aussage. Wir wissen, dass wir hier noch unter einer Käseglocke leben und was auf uns zukommen wird. Unsere größte Chance ist, dass wir uns auf die Entwicklungen, die auf uns zukommen, einstellen können. Nur müssen wir das eben auch tun.
Wertvolle Ideen dazu habe ich aus einem Bericht aus dem Eichsfeld mitgenommen, auf den ich hier auch schon hingewiesen hatte (die Slides zum Vortrag sind mittlerweile auch hochgeladen). Obwohl dort die Abbrüche noch weit weg zu sein scheinen, wagt man schon Aufbrüche.

Wir

Die wohl wichtigste Erfahrung des Kongresses war das Zusammentreffen mit den Menschen. Das waren zunächst viele wertvolle Gespräche mit den Leuten, die ich schon einige Zeit lang in meiner Timeline kennen lernen durfte. Aber auch über diese begrenzte Gruppe hinaus war spürbar, dass all diese Menschen im Kern das gleiche Ziel verfolgen: Die Relevanz der Kirche zu bewahren. Das ist gut zu wissen. Und es ist auch wichtig, darauf zu vertrauen, dass die Menschen, die sich engagieren, das aus eben diesem Interesse heraus tun.
Wo Menschen am Werk sind, werden immer Fehler passieren. Das ist so. Failure is always an option. Aber ohne dieses Risiko wird es keine Entwicklung geben.

Und für diese Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen und Risiken einzugehen, will ich in Zukunft werben. Es ist nicht so, dass ich selber der große Reformer bin und voller Ideen stecken würde, die all unsere Probleme lösen könnten. Aber ich habe – auch in Hannover – gemerkt, dass wir hier viel zu viel ungenutztes Potenzial haben. Wir sollen unsere Talente nicht vergraben, sondern damit handeln. Dazu braucht es den Willen und den Mut, Kirche neu zu denken, das Potenzial der Kirche neu zu denken; eben Kirche² zu denken.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s