Im Kommunikationszusammenhang des Glaubens.

“Entscheidend ist, dass Menschen über einen Menschen (…), dem sie vertrauen, im Kommunikationszusammenhang des Glaubens und der Kirche bleiben.”

Dieser bemerkenswerte Satz stammt aus einem Artikel des (evangelischen) Pfarrerblatts von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Ralf Peter Reimann und Alexander Ebel mit dem Titel “Jenseits der Parochie”. Der Artikel macht derzeit “die Runde” und wird von vielen sehr positiv rezipiert. Das geht mir nicht anders, ich finde ihn insgesamt sehr gelungen!

Im Artikel wird relativ knapp und klar dargestellt, welche Möglichkeiten die soziale Kommunikation im Netz für die pastorale Arbeit bietet und welche Orte dazu besonders beachtet werden sollten.
An einigen Stellen des Artikels bin ich aber hängen geblieben. Zu eben diesen Stellen habe ich hier mal einige Anmerkungen notiert und hoffe, dass ich damit einen sinnvollen Beitrag zur Debatte leisten kann.

(Nota bene: Man sollte den Artikel zuvor wohl gelesen haben.)

“Bisher versucht Kirche als Institution im Internet zu kommunizieren. (…) Durch die Einstellung der Community mit dem Relaunch im April 2012 ist »evangelisch.de« zwar ein publizistisch unabhängiges protestantisches Portal, aber keine Community-Plattform mehr, auf der sich weitestgehend selbstorganisiert Christinnen und Christen sowie Interessierte treffen und austauschen könnten.”

In diesem ersten Satz relativ am Anfang des Artikels wird meines Erachtens ein Grundstein für folgende Probleme im Artikel gelegt. Wenn kirchliche Kommunikation nämlich nur als institutionelle Kommunikation verstanden wird, berauben wir uns doch selber sehr vieler Möglichkeiten. Natürlich, der Artikel konzentriert sich auf die “1:n-Kommunikation”, das ist klar. Aber es wäre vielleicht herauszustellen, dass diese Art der Kommunikation zwischen einem Vertreter der Institution und dem Rest der Welt – zum Glück – nur ein Teil der kirchlichen Kommunikation ist. Der Verweis auf das gescheiterte Projekt evangelisch.de wirkt auf mich dann ein wenig wie eine Rechtfertigung. Mag aber auch sein, dass ich das falsch verstehe.

“Für Social Media stehen in der Regel (noch) keine Ressourcen zur Verfügung, als Notlösung lässt beispielsweise die EKD ihre Pressemitteilungen auf ihrer Facebook-Seite einlaufen. So wird selbst im Sozialen Netz als Institution kommuniziert.”

Das ist eine Notlösung, die wirklich nur als solche Bezeichnet werden kann. Wer denkt, dass soziale Netzwerke ein Kanal sein könnten, über den man Pressemitteilungen ausspielen kann, hat vieles nicht verstanden. Ich weiß als Würzburger Katholik, wovon ich rede; das Bistum Würzburg macht leider gerade das.
Aber auch über das Thema Ressourcen wird meiner Meinung nach falsch angegangen. Radikal gesagt: Die einzige Ressource, die Kommunikation in sozialen Netzwerken wirklich braucht, ist Empathie. Gelungene Social-Media-Kommunikation ist nicht von technischen Möglichkeiten abhängig, und auch Arbeitszeit sollte in meinen Augen nur eine nachgeordnete Rolle spielen. Wenn man immer zuerst einen Ressourcenplan aufstellt, vertechnisiert man Kommunikation unnötig. Wenn man sich erst einmal damit befasst, wird man selber sehr schnell merken, was geht und was nicht geht.

“Ausgangspunkt aller Social-Media-Aktivitäten ist die kleinste und lokale Einheit. Von hier aus, wo Gemeinde gesammelt und gebaut wird, wachsen Social-Media-Aktivitäten.”

Das sehe ich nicht ganz so. Natürlich ist Kommunikation in sozialen Netzwerken zunächst einmal persönliche Kommunikation und daher von Personen abhängig. Klar ist auch, dass der Gemeindepfarrer auf Facebook für viele interessanter ist, als der “ferne” Bischof. Aber: Das Netz bietet eben auch die großartige Möglichkeit, solche Entfernungen zu überbrücken. Ich selber kommuniziere beispielsweise in den verschiedenen Netzwerken auch eher mit den Leuten, die ich persönlich nicht so oft sehe, als mit denen, die für mich auch physisch greifbar sind.
Außerdem sollte die Persönlichkeit der Kommunikation in sozialen Netzwerken nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die großen, überlokalen Institutionen sich vernünftig präsentieren müssen.

“Was für Pfarrerinnen und Pfarrer im Besonderen gilt, betrifft natürlich jeden einzelnen Christenmenschen. (…) Jeder und jede einzelne können niederschwellig so Zeugnis von ihrem Glauben geben.”

Womit wir wieder bei der Frage nach der Institutionalisierung der Kommunikation wären. Ich glaube, die Kirche täte gut daran, wenn sie die Laien stärker ermutigen würde, auch kirchlich zu kommunizieren. Und das ist für evangelische Christen vielleicht sogar noch einfacher zu realisieren, als für uns Katholiken.

“Kern einer evangelischen Social-Media-Strategie ist die Ermutigung von Pfarrerinnen und Pfarrern im Gemeindedienst, ein persönliches Profil auf Facebook zu führen.”

Das finde ich sehr gewagt. Ich ermutige noch nicht einmal meine besten Freunde dazu, das zu tun. Dass die Institution(en) sich auf Facebook präsentieren müssen, ist keine Frage. Aber die private Kommunikation von Personen sollte auch ihnen überlassen bleiben. – Was natürlich nicht bedeutet, dass ich mich nicht über mehr geistliches Personal in den Netzwerken freuen würde.

“Da auch die persönlichen Ressourcen begrenzt sind, kann Kommunikation über Facebook nicht einfach hinzukommen, sondern man muss sich fragen, in welchen kommunikativen Kontext welcher Kanal am günstigsten ist, Facebook ist daher eine Erweiterung des Repertoires.”

Siehe oben. Das ist wieder so eine Art Rechnung, die ich fraglich finde. Danach müsste man ja der Facebook-Kommunikation einen anderen Teil des Portfolios opfern. Dass das nicht gemeint sein kann, ist offensichtlich.
Dass Kommunikation immer kontextbezogen ist, ist ebenso klar. Facebook eröffnet aber eben keinen wirklich neuen Kontext, sondern vielmehr einen, dem kirchliche Kommunikation über lange Zeit einfach keine Beachtung geschenkt hat. Insofern sollte es doch gar keine Frage sein, ob man auch in diesem Kontext kommunizieren kann oder möchte.

“Es gibt berechtigte Einwände aus Datenschutzgründen gegen eine Nutzung von Facebook.”

Ja? Welche denn? Das höre ich immer wieder und verstehe es trotzdem nicht.

“(…) an dieser Stelle aber auch der Hinweis, dass sich Facebook-Kommunikation nicht im geschützen Raum vollzieht und aus datenschutzrechtlicher Sicht für Seelsorgekommunikation nicht geeignet ist.”

Das dürften all jene, die Facebook auch für Seelsorgekommunikation nutzen, anders sehen. Natürlich sollte ich Vertraulichkeiten nicht unbedingt im Facebook-Chat besprechen. Da ist aber die Form entscheidender als der Datenschutz.
Wenn ein Seelsorger auf Facebook für seine “Freunde” ansprechbar ist – beispielsweise im Chat – und bekommt eine Anfrage von einer Person, die vielleicht einfach nur ein gutes Gespräch braucht, soll er sie dann abweisen und um einen persönlichen Besuch bitten?
Nein, so kategorisch kann man das bitte nicht sagen. In Einzelfällen ist Facebook sicher nicht der richtige Ort, aber Seelsorge hat doch nicht zwangsläufig mit sensiblen Daten und Informationen zu tun.

“Durch Angabe der Berufsbezeichnung oder des Arbeitgebers Kirche oder durch ein entsprechendes Signal im Profilbild (z.B. Talar, Kollar oder Kirche im Hintergrund) (…)”

Siehe dazu auch den entsprechenden Kommentar in den Pastorenstückchen. 😉

“Andererseits sollten allzu private Fotos nicht für alle öffentlich sichtbar sein, denn man lädt ja auch keine Unbekannten direkt ins eigene Schlafzimmer ein.”

Und wieder das Thema Datenschutz: Freunde, wenn ihr Facebook datenschutzrechtlich für bedenklich haltet, wieso ladet ihr dann “allzu private Fotos” dort hoch? Lasst das doch einfach bleiben! Dann habt ihr weder ein Problem mit dem Datenschutz, noch mit der Sichtbarkeit.

“In den meisten Fällen wird es angemessen sein, Kontakte erst nach der Konfirmation zu bestätigen und auch dann mit der Privatsphäre von Minderjährigen besonders sorgsam umzugehen. Jeder Anschein möglichen Missbrauchs ist zu vermeiden.”

Wenn ich mich in die Situation eines Jugendlichen versetze, der seinem Pfarrer im Facebook eine Freundschaftsanfrage sendet und darauf die Antwort bekommt “Sorry, erst ab 16”, würde ich mir schon arg dämlich vorkommen.
Für einen Pfarrer kann es auch Teil der Sorge um die Privatsphäre der Jugendlichen sein, zu beobachten, was sie dort treiben. Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen. Ich bin im Facebook teilweise mit recht jungen Vertretern aus der Pfarrjugend meiner Gemeinde “befreundet” und hab schon das ein oder andere Mal sanft darauf hingewiesen, dass man doch vielleicht etwas genauer darauf achten sollte, was man da so tut und postet. Wäre ich nicht mit ihnen befreundet, hätte ich diese Möglichkeit nicht gehabt.
Zu dem Missbrauch-Satz will ich nichts sagen. Den finde ich – mit Verlaub – traurig.

“Das Risiko besteht vor allem darin, dass Pfarrer und Pfarrerinnen die Gemeinde und/oder Aufgabe wechseln, die Kontakte aber an ihnen und nicht der (nicht personalen) Ortsgemeinde hängen.”

Das sehe ich nicht als Risiko. Ich halte das eher für Realität. Ich bin über die Sozialen Netzwerke mit einer ganzen Reihe von Geistlichen verbunden – katholische wie evangelische – von denen keiner mein Gemeindepfarrer ist. Mein Kontakt ist also von vorneherein unabhängig von der räumlichen Situation. Die Frage ist also nicht, wie man mit solchen Veränderungen umgeht, sondern wie man gegebenenfalls zwischen Offline- und Online-Kontakten unterscheiden kann oder sollte. Kommuniziert ein Pfarrer im Facebook mit denjenigen anders, zu denen er auch offline potenziell Kontakt hat?

“Während die »Pflichtkanäle« eines oder einer Leitenden Geistlichen durchaus gemeinsam mit einem Team der Öffentlichkeitsarbeit geführt werden können, kann er oder sie Twitter allerdings nur selbst und selbstständig führen.”

Wieso ist das datenschutzrechtlich problematische Facebook eher ein Pflichtkanals als Twitter? Klar, ich erreiche per Twitter deutlich weniger Menschen. Aber es ist auch deutlich weniger zeitaufwändig (natürlich abhängig von den Nutzungsgewohnheiten).
Ich sehe es übrigens gerade umgekehrt: Twitter kann auch von einem Team mitbetreut werden, ein Facebook-Profil muss dagegen privat sein. Und die meisten Twitter-Nutzer haben kein Problem mit Accounts, die nur teilweise privat gepflegt werden.

So, das waren jetzt einige Anmerkungen zu einem bemerkenswerten Artikel. Ich würde mich freuen, eure Meinungen zu meinem Debattenbeitrag zu hören!

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