Herzenslesung #4.

Während sich gefühlt der Rest der Republik über neuerliche Schneefälle ärgert, sitze ich hier mit einer Tasse Kaffee unter meinem Fenster und genieße die Sonne, die mir aufs Gesicht scheint. Obwohl, genießen ist nur so halb richtig; immerhin kann ich so kaum noch etwas auf meinem Bildschirm erkennen. 😉

Aber wenigstens bin ich jetzt endlich mal wieder in der Stimmung, mir ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um ein paar Zeilen über eine sehr schöne Lesung zu schreiben, die ich neulich in der Kirche gehört habe. Eigentlich hätte ich das schon in der letzten Woche tun sollen, denn es handelt sich dabei um das Evangelium für den dritten Fastensonntag (Lesejahr C). Doch ich hab diese Stelle aus dem Lukasevangelium erst mal ein paar Tage mit mir herum getragen und immer wieder mal darüber nachgedacht, bevor mir so richtig aufgefallen ist, was das für ein großartiger Text ist. Hier erst mal der fragliche Ausschnitt:

Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.
(Lk 13, 6-9)

Wie gesagt, es handelt sich nur um einen Ausschnitt; der eigentliche Evangeliumstext ist etwas länger. Aber gerade dieses kurze, unaufdringliche Gleichnis hat mich doch sehr zum nachdenken gebracht.

Und wie man dieser Predigt der wunderbaren Nadia Bolz-Weber entnehmen kann, war ich nicht der einzige, den diese paar Zeilen auf Trab gehalten haben.

Was mir zunächst aufgefallen war: Ich war beim Hören der Lesung tatsächlich vom abrupten Ende überrascht. Man ist es eben nicht gewohnt, ein Gleichnis zu hören, an dessen Ende keine Auflösung steht.

Gleichzeitig ist das Setup der Geschichte so simpel, dass man sie sich nicht nur ohne Probleme merken kann, sondern dass vor allem auch als hervorragendes Narrativ taugt. Wo in biblischen und kirchlichen Texten die Sprache oft eine sehr wichtige Rolle spielt und die genaue Wortwahl entscheidend ist (man denke an den Johannes-Prolog), ist sie hier quasi vollkommen nebensächlich. Es geht um die Story von zwei Menschen und einem Baum, dessen eigentlicher Zweck es ist, Früchte zu produzieren. Da geht es nicht um Eventualitäten, um Befindlichkeiten, noch nicht einmal um Liebe geht es. Harte, einfach nachvollziehbare Fakten sind es, die dieser Geschichte ihren Rahmen geben.

Überhaupt denke ich seit einiger Zeit sehr darüber nach, wie wir als Kirche es schaffen können, diesen reichen Schatz an Narrativen, den die Bibel und andere Schriften uns bieten, gewinnbringend zu heben. Und ein Gleichnis wie das vom Feigenbaum, das überhaupt keine großartigen Prämissen aufstellt und durch seine Einfachheit besticht, kann da sicherlich ein sehr guter Anfang sein. 

Es zeichnet sich gegenüber anderen Gleichnissen auch dadurch aus, dass dem Menschen viel abverlangt, ohne ihm zu viel zuzumuten. Was meine ich damit: Andere Geschichten, wie beispielsweise die vom verlorenen Sohn, werden zwar sehr oft bemüht, haben aber auch dadurch vielleicht nicht mehr die große Anziehungskraft. Außerdem steht dort meist die barmherzige Liebe im Mittelpunkt und nicht der eigene Beitrag des Menschen für seine Erlösung.

Das Gleichnis vom Feigenbaum ist großartig, weil es uns ganz klar sagt: Ein Jahr noch, dann musst du dich geändert haben! Es sagt eben nicht: Tu was du willst; so lange du irgendwann reuig zurückkehrst, wird das schon passen. Nein, wir müssen hier und jetzt anfangen, uns zu ändern. Und zwar nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Tag aufs Neue. Denn Gott sieht jeden Tag, ob wir schon Früchte tragen.

Nur: Wir werden uns nicht von heute auf morgen ändern können, so viel ist klar. Aber trotzdem dürfen wir uns darauf verlassen, dass sich unser Gärtner trotzdem weiter um uns kümmert und uns alle Möglichkeiten bietet, um zu gedeihen und zu wachsen und Früchte zu tragen.

Man könnte über diese paar Zeilen so viel sagen, so viel schreiben. In diesem so simplen Gleichnis steckt so viel, was uns in unserem Leben helfen und weiter bringen kann. Ich habe hier jedenfalls in den letzten Tagen eine meiner Lieblingsstellen der Bibel für mich entdeckt.

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