Reformstau auflösen jetzt!

Ich muss mich gerade mal wieder über „meinen Chef“ ärgern. Der Chef ist der Vorsitzende des Würzburger Diözesanrats und da ich sowohl Mitglied meines Pfarrgemeinderates, als auch des Dekanatsrates bin – in welchem besagter Diözesanratsvorsitzender ebenfalls Mitglied ist – kann ich ihn wohl indirekt als meinen Chef bezeichnen.

In einem Interview mit der Radioredaktion des Bistums Würzburg wurde er gefragt, was er denn machen würde, wenn er Papst wäre. Ein kleines, harmloses Gedankenspiel; eigentlich. Hier das Interview zum nachhören:

Ich habe dazu gerade bei Facebook einen Kommentar abgegeben, den ich hier mal einfüge:

Bei allem gebotenen Respekt:

Ich kann den Vorsitzenden des Diözesanrats – der auch mein Kollege im Dekanatsrat Würzburg-Stadt ist – nicht ernst nehmen, wenn beim Gedankenspiel „Was würde ich machen, wenn ich Papst wäre“ angibt, dass er ein Konzil einberufen wolle um „den Reformstau aufzulösen“.

Lieber Kollege. 
Wir, die gewählten Vertreter unserer Gemeinden, machen in den Räten seit Ewigkeiten nichts anderes, als verknöcherte Strukturen zu verwalten und in selbstgefälligen Stellungnahmen den Zustand der Kirche zu beweinen. Dabei hat man das Gefühl, dass auf jede neue „Schreckensmeldung“ direkt eine neue Forderung folgt.

Ich mache mal ein Angebot: Wir hören einfach auf damit, uns ständig darüber zu ärgern, dass die Kirche immer noch nicht so ist, wie wir (und damit ich eigentlich Sie) sie uns vor vierzig Jahren gewünscht haben. Wir hören einfach auf, immer weiter in die falsche Richtung zu fahren und dabei lautstark zu jammern, dass der Abgrund immer näher kommt. Wir hören einfach auf, andauernd neue Forderungen nach den großen, weltkirchlichen Umbrüchen aufzustellen, wenn wir es noch nicht einmal in unseren Gemeinden schaffen, die Kirche neu zu leben!

Wir brauchen kein neues Konzil. Aber vielleicht wäre es ein vernünftiger Anfang, wenn wir uns die Texte des letzten Konzils einfach mal zur Hand nehmen würden, anstatt dauernd nur zu jammern, dass das ja alles wieder abgeschafft wurde und die ach so „konservativen Kräfte“ eigentlich sogar hinter das Konzil zurückwollen.

Wieso mich das Ganze so ärgert? Ich bin – eigentlich – gerne Mitglied in den besagten Räten. Weil man dort – eigentlich – die Möglichkeit hat, die Kirche zu gestalten. Und zwar so zu gestalten, wie es den Menschen taugt. Tatsächlich geschieht das aber nicht.

Dass in den Pfarrgemeinderäten mit Vorliebe über die Bratwurstpreise auf dem Pfarrfest diskutiert wird, ist die eine Sache. Dass aber sogar im Dekanatsrat nichts wirklich Substanzielles besprochen wird, ist wirklich ärgerlich. Ich bin mir sicher, dass die Dekanate – zumal im Fall des Stadtdekanats, dem ich angehöre – für die Zukunft der kirchlichen Arbeit eine sehr wichtige Rolle spielen. Wir beklagen lange und gerne, dass die klassische Pfarrei ein Auslaufmodell ist. Das ist tragisch, aber es ist wohl wirklich so. Da wäre es doch nur natürlich, wenn man zunächst einmal versuchen würde, auf der übergeordneten Ebene nach neuen Wegen zu suchen. Wahrscheinlich sind eher kleinere Gemeindeformen ein Modell für die Zukunft, aber wieso nicht erst einmal die Strukturen nutzen, die eh schon da sind.

Aber was passiert auf dieser übergeordneten Ebene? Nichts. Ein Beispiel: In einigen Tagen tritt mein Dekanatsrat zu seiner Frühjahrsvollversammlung zusammen. Auf der Tagesordnung stehen exakt zwei Punkte, die keine regelmäßigen Punkte sind. Darin geht es einerseits um das neue Gotteslob und andererseits um einen neuen Flyer für das Dekanat.

Leute, wenn wir uns in den Räten noch mit solchen Dingen beschäftigen können, dann finde ich nicht, dass es Zeit für ein neues Konzil ist…

Wenn wir uns aber eigentlich nicht mit solchen Dingen beschäftigen können, und das ist wahrscheinlich der Fall, dann sollten wir es auch nicht tun!

Wir stehen vor einem Berg von Herausforderungen für die Kirche in unserer Zeit. Und eine ganze Reihe davon sind Probleme, die nach der Meinung nicht weniger Menschen in der obersten Leitungsebene der Kirche entstanden sind, oder zumindest dort nicht gelöst werden. Aber anstatt dann zu überlegen, was wir auf den unteren Ebenen, also dort, wo die Kirche wirklich beim Menschen ist, tun können, wird denjenigen die Problemlösungskompetenz übertragen, denen man die Probleme überhaupt erst anlastet. Da bekomm‘ ich Kopfschmerzen…

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich unterstelle sowohl dem Diözesanratsvorsitzenden, als auch allen übrigen Mitarbeitern in diesen Gremien, dass sie ihren Einsatz aus Liebe zur Kirche leisten. Das ist oft auch tatsächlich spürbar. Aber trotzdem treten wir seit gefühlten Ewigkeiten auf der gleichen Stelle. Und das liegt nicht an konservativen Bischöfen und Päpsten, sondern allein an uns, die wir weder genug Mut noch Kreativität an den Tag legen, einfach mal neue Wege zu gehen.

Wieso überlassen wir die Gestaltung eines Flyers für das Dekanat nicht einfach ein paar Fachleuten – unter knapp 70.000 Katholiken in der Stadt wird sich doch jemand finden lassen – und befassen uns mit der eigentlichen Frage: Wie können wir uns als Kirche in Würzburg auf die Anforderungen der Zeit einstellen?

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