Die „Jetzt-Generation“

Verlernen wir geschichtliches Denken? Auf den Punkt gebracht lautet so die Frage, mit der ich nun fast den ganzen Tag gerungen habe. Das könne sich jetzt so anhören, als würde ich mir jeden Morgen eine philosophische Frage mit in den Tag nehmen. Ganz so beflissen bin ich dann doch nicht. Vielmehr geht das auf die – in meinen Ohren – provokante These eines Dozenten zurück, die er eben heute Morgen relativ beiläufig erwähnte.

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19.10.2013, 16:41 Uhr.

Grob gesagt geht es darum, dass sich “meine Generation” zumindest auf dem Weg zu einem Denksystem entwickeln würde (wenn sie es nicht sogar schon rezipiert hat), das so vollständig von der Bedeutung des Jetzt überlagert ist, dass geschichtliche Reflexion nicht mehr stattfindet.
Er machte das an einem etwas banalen Beispiel fest: Im Hörsaal sitzen etliche Personen, die ständig ihr Smartphone aus der Tasche ziehen, oder es sogar gleich ganz in der Hand behalten, um – jetzt – auch ja keine Neuigkeit zu verpassen. Wie gesagt, etwas banal. Aber der Hintergedanke ist mir zumindest klar.

Nachdem ich mich da natürlich ertappt fühle, habe ich mir also dazu Gedanken gemacht. Und so sehr ich generell dazu geneigt bin, “meine Generation” zu verteidigen, fällt mir das in dem Zusammenhang doch etwas schwer. Es ist ja tatsächlich so, dass die These einer Generation ohne geschichtliches Reflexionsvermögen über einige Erklärungskraft für gewisse Phänomene unserer Zeit verfügt.

Ein kurzer Exkurs:
An dieser Stelle ist es sinnvoll, deutlich zwischen “historisch” und “geschichtlich” zu unterscheiden. Ich glaube kaum, dass es – auch in “meiner Generation” – an historischem Wissen und damit einhergehender Reflexion über dieses Wissen mangelt. Geschichtlich zu denken hieße dann aber, dieses historische Wissen im Hinblick auf konkrete Zusammenhänge, also beispielsweise die eigene Person in einer konkreten Lebenssituation zu reflektieren. Oder umgekehrt: Die eigene Person in der konkreten Lebenssituation nicht ungeschichtlich nur im Jetzt zu sehen, sondern sozusagen durch die Brille des historischen Wissens und der eigenen, historischen Erfahrungen zu reflektieren.

Eine starke Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der eigenen Person ist dann gleichermaßen Voraussetzung wie Resultat. Und zwar nicht nur in einem sehr direkten Sinn (“ein guter Schulabschluss schafft gute Zukunftsperspektiven”), sondern vor allem auch in einem weiter gefassten Sinn, gerne auch auf einer Metaebene. Hätte ich ihn verstanden, würde ich an dieser Stelle Heidegger einfließen lassen.

Zurück zum Thema.
Ist es also heute für Menschen “meiner Generation” schwieriger, geschichtlich zu reflektieren, bzw. gibt es Gründe, es einfach nicht zu tun? Man könnte jetzt den Begriff des Hedonismus anführen und die Überlegung beenden, das wäre mir aber doch zu einfach. Darum ging es in der ursprünglichen These auch gar nicht.

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26.10.2013,18:32 Uhr.

Wenn ich, sobald das Display meines Smartphones aufleuchtet, sofort nachsehe, was da gerade angekommen ist, wird man das bestenfalls als Marotte bezeichnen können, schlechtestenfalls als Sucht. Tatsächlich dürfte aber auch die diffuse Angst, eine Nachricht von höchster Wichtigkeit zu verpassen, eine Rolle spielen. Jedenfalls unterbewusst. Und natürlich ist das – rational betrachtet – vollkommener Blödsinn, da ich mich einer solchen Nachricht ja kaum würde entziehen können. Und wer kennt nicht auch das seltsame Gefühl, über mehrere Stunden hinweg mal gar keine Nachricht, welcher Form auch immer, bekommen zu haben?

Dieser Raum zwischen den Nachrichten, die ein immer neues Jetzt erschaffen, wird immer kleiner. Und wahrscheinlich sorgen wir selber dafür, indem wir ständig darauf bedacht sind, auch wirklich im Hier und Jetzt dabei zu sein. Während ich diese Zeilen schreibe, sind TweetDeck, Facebook und zwei Mailaccounts ständig im Hintergrund geöffnet. Und das Smartphone liegt selbstverständlich direkt vor mir.

Gerade gestern habe ich diesen wunderbaren TEDx Talk eines Heiligenkreuzer Zisterziensers gesehen. Der Talk ist eigentlich auch aus ganz anderen Gründen hervorragend, aber hier will ich nur den Gedanken der Stille aufgreifen. Der Mönch sagt, dass wir heute größte Schwierigkeiten mit der Stille haben, da diese zu einer fast schon existenziellen Erfahrung werden kann. Dem kann ich nur zustimmen. Stille – auch im übertragenen Sinn – führt unweigerlich und oft erstaunlich schnell dazu, sich mit sehr intensiven Fragen auseinander zu setzen.

Wie ich schon sagte, neige ich generell dazu, “meine Generation” zu verteidigen. Zumal dann, wenn ihr fehlende geistige Tiefe (o.ä.) vorgeworfen wird. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung zur Stille halte ich die These von der fehlenden geschichtlichen Reflexion allerdings für ziemlich solide. Natürlich nicht im hedonistischen, sondern vielmehr im pragmatischen Sinn. Wie kann ich denn das Heute noch sinnvoll in einen geschichtlichen Kontext bringen, wenn scheinbar alle paar Stunden eine weiter Eilmeldung ein neues Heute konstruiert? Wie kann ich denn überhaupt noch von einem Heute und einem Gestern sprechen, wenn der Tageswechsel sich nicht mehr auf der Uhr, sondern zwischen zwei Facebook-Updates vollzieht?

Zugegeben, das ist etwas spitz formuliert. Aber ich glaube, es lohnt sich, darüber einmal nachzudenken. Und mit Abschluss dieses Posts scheint mir, dass er eigentlich nur ein Vorwort war. Für “meine Generation” bedeutet geschichtliche Reflexion ja vorrangig die Konstruktion einer Vorstellung von der Zukunft. Die eigentliche Frage müsste dann also lauten, wie das funktionieren kann, wenn eigentlich immer Jetzt ist.

Mehr zum Thema Gedankensplitter? Hier lang!

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