Die Hoffnung der Kopten liegt in Gott

Als wir nach gut eineinhalb Stunden Anreise gegen halb elf die St.-Markus-Kirche betreten, ist der Gottesdienst schon eine Stunde im Gange. Für den Durschnittskatholiken (ich werde im Folgenden etwas genauer von lateinischen Christen sprechen) wäre das undenkbar. Oder eher sinnlos, da eine Messfeier in unseren Breiten ja auch an Sonntagen kaum länger als eine Stunde dauert. Bei den Kopten ist das anders. Da ist jetzt noch nicht einmal der erste Teil der Messe, der Wortgottesdienst, vorbei. Und während man bei lateinischen Katholiken ein solches Zuspätkommen wohl als sehr unhöflich empfinden würde, ist es bei den Orientalen durchaus üblich, wie uns unser Dozent in der vorangegangenen Seminarsitzung erklärt hatte.

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Nach dem Betreten des ehemaligen Bürgerhauses, in dem die koptisch-orthodoxe Gemeinde von Frankfurt ihre Kirche eingerichtet hat, fällt sofort der Weihrauch auf. Er hängt in der Luft. In Form dicker Rauchschwaden, die durch den Eingangsbereich des Gebäudes wabern, vor allem aber durch den intensiven Geruch. Es ist eine andere, ungewohnte Sorte, die hier verbrannt wird, aber es ist eindeutig Weihrauch. Und es sind Massen davon. Später werde ich tiefen Respekt vor den Kindern empfinden, denen dieser intensive Einsatz der Inzens scheinbar nichts anzuhaben scheint. Wie viele Kinder im Grundschulalter habe ich doch in meiner Ministrantenlaufbahn mit weißem Gesicht die Kirche in Richtung Sakristei verlassen sehen. Und das war in einem Raum, der um ein vielfaches größer ist, als dieser hier bei gleichzeitig wesentlich zaghafterem Einsatz des kostbaren Harzes.

Ein Mann, ungefähr im Alter meines Vaters, sieht uns und kommt mit fröhlichem Gesichtsausdruck auf uns zu. Wir erklären ihm kurz, wer wir sind. Er scheint von unserem Besuch nicht völlig überrascht zu sein; offenbar wurden wir in der Gemeinde angekündigt. Man merkt ihm an, dass er sich sichtlich über die Gäste freut. Das freut mich wiederum sehr, hatte ich mich doch im Vorfeld gefragt, ob diese Gemeinde vielleicht aufgrund ihrer latenten Gefährdungssituation Fremden gegenüber eher reserviert sein könnte. Vor drei Jahren noch hatte man das Weihnachtsfest hier immerhin unter Polizeischutz feiern müssen. Die Terrordrohungen kommen auch in Deutschland an. Aber die Gemeinde schottet sich nicht ab, im Gegenteil, sie ist so offen, wie ich es in keiner lateinischen Gemeinde bisher erlebt habe. Es ist eine wunderbare Mischung aus arabischer Gastfreundschaft und gelebter christlicher Nächstenliebe.

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Dann geht es in den Kirchenraum; die Frauen auf die rechte Seite, die Männer nach links. Sofort verflüchtigt sich die zweite Befürchtung: Wir werden dem Gottesdienst nicht völlig orientierungslos beiwohnen müssen, sondern können ihn wirklich mitfeiern. Über der Ikonostase, der Bilderwand, die den Altarraum vom Rest der Kirche trennt, ist eine große Leinwand angebracht, auf der alle Gebetstexte des Gottesdienstes auf Koptisch, Arabisch und Deutsch angezeigt werden. Pfarrer Pigol Bassili trägt gerade das Evangelium auf Koptisch vor, jener uralten ägyptischen Sprache, die noch im Jahr 2014 das alte Ägypten lebendig hält. Im Anschluss trägt ein Diakon das Evangelium auf arabisch vor, der heutigen Landessprache der Kopten. Zu unserem Glück wird das Evangelium schließlich auch in der Landessprache der Frankfurter Kopten vorgetragen; auf Deutsch. Und auch das wäre bei uns Lateinern undenkbar: Der Vortragende ist kein Diakon oder Priester, sondern ein etwa dreizehnjähriger Junge. Kaum hat er seinen Gesang, der eigentlich nur melodisches Sprechen ist, beendet, kommt der nette Herr, der uns vorhin begrüßt hatte, wieder zu uns und bittet uns “zur Übersetzung”.

Mit einer Gruppe von etwa fünfzehn Kindern werden wir in einen Nebenraum gebracht, in dem ein kleiner Konferenztisch aufgebaut ist. Auf dem Tisch steht eine einsame Vase mit rosafarbenen Rosen, an der Stirnseite des Raums eine kleine Kreidetafel. Auf dem Boden liegt ein kleiner Funklautsprecher, aus dem in viel zu hoher Lautstärke die Predigt scheppert, die Pfarrer Bassili gerade im Kirchenraum hält; auf Arabisch. Ein junges Gemeindemitglied, Mitte dreißig, ermahnt die Kinder zur Ruhe und beginnt, die Predigt simultan zu übersetzen. Ich bin beeindruckt von seiner Übersetzungskunst, seiner Fähigkeit, gegen den dröhnenden Lautsprecher anzusprechen und von der Predigt, die er uns da übermittelt. Im Evangelium ging es um die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, eine wichtige Geschichte für die Kopten. “Ich rief meinen Sohn aus Ägypten”, heißt es bei Hosea. Der Prediger erläutert diese Verknüpfung Ägyptens mit der Geschichte Jesu. Und er erklärt, dass wir nicht sein dürfen, wie Herodes, der sich selbst erhöht und alle anderen erniedrigt, bis zum Kindermord in Betlehem, sondern vielmehr wie Johannes der Täufer, der sich selbst klein macht und den erhöht, der nach ihm kommt. Es ist eine schöne Friedensbotschaft.

Nach der Predigt geht es zurück in den Gottesdienstraum, wo die Gemeinde gerade das Glaubensbekenntnis spricht. Ich spreche es mit, leise, auf deutsch. So bekennen wir alle in diesem Raum unseren gemeinsamen Glauben. Und ich entdecke noch viel mehr Gemeinsamkeiten in dieser Liturgie. Der projizierte Text der Gebete hilft mir, die einzelnen Gottesdienstteile zu identifizieren. Ich erkenne das Sanctus, das Sursum corda, das Vaterunser und immer wieder das Kyrie eleison. Und was ich kenne, bete ich leise mit. Die Kopten dagegen sind nie still, in einem orthodoxen Gottesdienst gibt es keine Ruhe. Es ist ein einziges, großes Gebet, immer im Wechsel zwischen Priester und Gemeinde. Und auch die Sprache wechselt zwischen Koptisch, Arabisch und Deutsch hin und her. Die deutschen Worte wollen zu den arabischen Singtönen nicht so recht passen, wodurch die eigentlich gewohnten Texte sehr fremd klingen. Manche Gebetsaufforderungen und Antworten werden von Einzelnen gesungen, wie im lateinischen Gottesdienst auch. Während es bei uns aber der Diakon ist, der neben dem Priester am Altar steht, sind es hier Jugendliche. Ausschließlich Jungs. Sie tragen schöne Alben und haben jeweils eine rote Stola um den Oberkörper gelegt. Hinterher erfahre ich: Diese Jungen sind keine einfachen Ministranten, sondern haben schon eine Weihe empfangen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der lateinischen Kirche die sogenannten niederen Weihen abgeschafft, hier werden sie noch gespendet. So gibt es Akolythen und Lektoren im Kindesalter, Subdiakone, Diakone und Archidiakone müssen älter sein.

Der Priester wünscht der Gemeinde den Frieden, ganz wie im gewohnten lateinischen Ritus. Und auch hier wird der Friedensgruß ausgetauscht. Ich drehe mich zu meinem Nachbarn um, der mir beide Hände entgegen streckt. Es dauert einen Moment, bis ich merke, dass er blind ist. Ich greife seine Hände und wir wünschen uns den Frieden; er auf Arabisch, ich auf Deutsch, wir beide ganz katholisch.

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Die Eucharistiefeier dauert zwei Stunden, in denen die Gemeinde dauernd steht. Während ich mich in einer lateinischen Messe längst hätte setzen wollen, macht es mir hier überhaupt nichts aus. Vielleicht bin ich aber auch zu sehr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke aufzunehmen und den Gebeten zu folgen.

Dann werden Leib und Blut an die Gläubigen ausgeteilt. Der Leib Christi wird hinter der Ikonostase vom Priester gereicht, das Blut Christi im Kirchenraum vom Diakon, der es den Gläubigen mit einem kleinen Löffel in den Mund gibt. Zuerst sind die Männer auf der linken Seite an der Reihe, dann auf der rechten Seite die Frauen, die sich zum Kommunionempfang Kopftücher angelegt haben. Wie in allen orthodoxen Kirchen empfangen auch die Kinder schon die Eucharistie. Wir römischen Katholiken bleiben an unseren Plätzen stehen, beobachtend und betend.

Kaum sind die Gläubigen wieder an ihren Plätzen, werden wir wieder hinaus geführt. Der Gottesdienst ist jetzt vorbei. Es geht in den Keller des Gebäudes, wo das Agape-Mahl, das Mittagessen wartet. “Stellt Euch gleich an, bevor die Menschenmassen kommen” bekommen wir augenzwinkernd geraten. Im Ambiente einer in die Jahre gekommenen Jugendherberge ist ein kleines Buffet aufgebaut. Dort gibt es Käse- und Wurstaufschnitt, Kartoffelsalat und Würstchen; sehr deutsch. Auf den Tischen stehen Brotkörbe schon bereit, die Pappbecher für den Schwarztee werden noch herumgereicht. Als wir sitzen kommen auch die letzten der über einhundert Gemeindemitglieder, die heute anwesend sind, noch in die Speiseräume. Wir bekommen erklärt, dass jede Woche eine andere Familie für das Essen zuständig sei. Was für ein schönes Zeichen der Gemeinschaft, denke ich, was für eine Arbeit, sage ich. Und heute soll es noch vergleichsweise ruhig zugehen, da sich etlich nach dem Weihnachtsfest, das die Kopten vom 6. auf den 7. Januar gefeiert haben, einen Sonntag Auszeit erlauben.

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Nach der kurzen Mittagspause geht es wieder in den kleinen Raum, in dem wir vorhin die Predigt verfolgt hatten. Eines der Gemeindemitglieder hat eine Präsentation über die koptische Kirche und die Frankfurter Gemeinde für uns vorbereitet. Wir hatten uns in unserem Seminar über die orientalischen Kirchen natürlich schon mit den Kopten beschäftigt und sind somit nicht ganz unvorbereitet. Was man aus den Büchern aber natürlich nicht erfährt, ist die Art, wie hier Gemeinschaft gelebt wird. Die Jugend steht dabei ganz klar im Mittelpunkt. Über 160 Kinder gehören zu dieser Gemeinde, was ich sehr beachtlich finde. Gleichzeitig frage ich mich, wie viele Kinder wohl zu meiner Heimatpfarrei zu rechnen sind; da würde niemand auf die Idee kommen, diese Zahl zu erheben. Und um die Kinder dreht sich auch ein großer Teil des koptischen Gemeindelebens: Es gibt Jugendfreizeiten und Fußballturniere, aber auch Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Diese schulische Hilfe kann man gut anbieten, da es sowieso eine umfangreiche Sonntagsschule gibt. Dort lernen die in Deutschland geborenen Kinder nicht nur die koptische Sprache und somit die Gebete der Liturgie, sondern auch ihren Glauben und die Geschichte ihres Volkes kennen. Wir erfahren, dass das vor allem vom letzten koptischen Papst, Seiner Heiligkeit Schenuda III., sehr gefördert wurde.

Und eine dieser Sonntagsschulgruppen – in Frankfurt gibt es ganze acht davon – soll eigentlich jetzt in diesen Raum. Aber wir müssen noch über die Situation der Kopten in ihrer Heimat sprechen. Unser Betreuer will nicht wehklagen oder Mitleid erwecken, mancher Satz mag einem dennoch fast das Herz zerreißen. “Sie werden in diesem Haus niemanden finden, der nicht mindestens ein Familienmitglied hat, das auf der Flucht ist”, sagt er uns. Und: “Kopten sind zunächst Ägypter und dann erst Kopten. Wenn ein Kopte seine Heimat verlässt, hat das schon eine gewisse Bedeutung.” Wir erfahren viel über Repressalien und Terror, zerstörte Kirchen und Waisenhäuser und über das Gefühl, vom eigenen Nachbarn als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. Wir stellen interessiert Fragen nach Hoffnungen und Revolutionen, können aber dennoch nur an der Oberfläche kratzen. Ohne danach gefragt zu haben, wird uns die Frage beantwortet, die sicherlich vielen von uns auf der Zunge liegt: Was können wir tun, um zu helfen? Die ägyptischen Verwandten sagen, dass Geldspenden freilich helfen würden, viel wichtiger sei aber das Gebet. Die Hoffnung der Kopten liegt in Gott. Dieses Volk wurde seit 2000 Jahren fast durchgängig unterdrückt, gegängelt und verfolgt. Freilich würde man da manchmal wütend und es braucht auch viel Beherrschung, aber als Christen sagen sie: “Reißt unsere Kirche nur ein. Dann versuchen wir eben, sie wieder aufzubauen!”

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Wir verlassen den Raum und gehen noch einmal in den Gottesdienstraum, der zu Gemeindehauszeiten einmal eine kleine Turnhalle war, um diesen in Ruhe zu betrachten. Im Eck sitzt eine weitere Sonntagsschulgruppe, die wir natürlich nicht stören wollen. Wir lassen uns noch einiges über die Ikonen und den liturgischen Aufbau des Gottesdienstraumes erzählen. Ein Blick hinter die Ikonostase auf den Altar ist natürlich auch ok. Dann begrüßt uns Pfarrer Bassili noch persönlich und beantwortet einige Fragen. In der Heimat war er zuletzt vor zwei Jahren. Natürlich sei die Lage dort dramatisch, aber die all die Fundamentalisten, Islamisten und Terroristen seien doch gar nicht so wichtig. Er war einst Pfarrer in der größten Gemeinde Kairos. Wichtig ist, dass es dieser und den anderen Pfarreien gut geht, dass sie lebendig sind. Dann verabschiedet er sich, Schokolade für die Kinder holen.

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Und auch wir verabschieden uns von einer gastfreundlichen, fröhlichen Gemeinde. Ich habe angefangen, Einblicke in eine andere Kultur zu gewinnen, habe erste Schritte in einer anderen Welt gemacht. Aber es ist nichts fremd daran.

“Wie funktioniert bei Ihnen die Ökumene”, hatte ich zuletzt gefragt. “Sehr gut! Wir haben alle das gleiche Glaubensbekenntnis und darum geht es doch.”

P.S.: Aus Rücksicht auf die Gemeindemitglieder und zu ihrem Schutz verzichte ich darauf, einige Bilder zu veröffentlichen, die ich in der St.-Markus-Kirche aufgenommen habe. Ich kann aber jedem empfehlen, selber einmal einen koptischen Gottesdienst zu besuchen und sich ein eigenes Bild zu machen.

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