Vom Ermöglichungsrecht

Ein Thema, das mich seit geraumer Zeit besonders fasziniert, ist das katholische Kirchenrecht. Dabei bereitet mir einerseits das Studium dieses Fachs an sich schon große Freude, fast noch spannender finde ich allerdings die Frage, wie man diesen wichtigen Inhalten unter den Gläubigen zu größerer Bekanntheit verhelfen kann. Wer kirchenrechtlich unbeleckt ist, wird das wohl nicht sofort nachvollziehen können, daher setze ich etwas früher an.

Für die meisten Menschen ist das Kirchenrecht eine abstrakte, unbekannte Größe. Wenn „in der Öffentlichkeit“ davon die Rede ist, dann zumeist in Fällen, in denen es um (Straf-) Prozesse oder damit verwandte Themen geht. Im weltlichen Recht sieht es kaum anders aus; der Gerichtsreporter der Tageszeitung wird eher selten im Verwaltungsgericht sitzen, dafür umso öfter im Amtsgericht.

Das ist aber, wie ich finde, durchaus sehr schade, da einige Grundinformationen über das Kirchenrecht vielen Menschen mit Sicherheit zu einem anderen und vielleicht sogar besseren Verständnis der Kirche verhelfen könnten. Das geltende Kirchenrecht der katholischen Kirche, der Codex Iuris Canonici, ist seit 1983 in Kraft, hat also erst im vergangenen Jahr seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert. Es bildet einen Meilenstein in jener Reform der Kirche, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen wurde – wobei man den Grundsatz „ecclesia semper reformanda“ natürlich nicht vergessen darf. Gleichwohl habe ich oft das Gefühl, dass ein guter Teil dieser Reform bisher noch aussteht.

Ein kurzes Beispiel zu einem aktuellen Themenbereich: In den deutschen Diözesen laufen aktuell mehr oder weniger große Strukturprozesse. Das hat einerseits mit der geringer werdenden Zahl an Priestern zu tun, andererseits auch mit der geringer werdenden Zahl an (kirchlich) Gläubigen. Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Vielzahl weiterer Gründe, die für solche Umstrukturierungsmaßnahmen sprechen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Frage, wie die Seelsorge auf pfarrlicher Ebene neu, oder besser gesagt, sinnvoller organisiert werden kann. Wenn man dazu einen kurzen Blick in das Kirchenrecht wirft, kann man im Canon 515 („Canon“ ist die Bezeichnung für einen Artikel des Kirchenrechts) lesen: „Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Hirtensorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut wird.“ An anderer Stelle (Canon 518) heißt es außerdem: „Die Pfarrei hat in aller Regel territorial abgegrenzt zu sein (…).“ Wenn man vor diesem Hintergrund nun einmal die genannten Strukturprozesse auch nur grob anschaut, wird man feststellen, dass diese sich eigentlich immer nur um die Territorial-Pfarrei drehen, obwohl doch das Kirchenrecht diese nur als Regelfall, nicht als einzig mögliche Form vorsieht. Vielmehr sagt der Codex ganz klar, dass die Seelsorge so organisiert werden soll, wie es sinnvoll ist und vor allem den Menschen dient.

Mit diesem kleinen Beispiel versuche ich zu zeigen, dass es ganz viele Ecken an diesem Kirchenrecht gibt, die einem auch als Nichtfachmann zu einem anderen Blickwinkel auf verschiedene Fragen und Probleme verhelfen könnten. Mein Dozent in der Kanonistik (das ist der Fachbegriff für die kirchliche Rechtswissenschaft) nennt das Kirchenrecht auch oft „Ermöglichungsrecht“, weil eine gute Kenntnis und eine vernünftige Auslegung des Rechts ganz viele Räume eröffnen, eben viel ermöglichen können.

Nach meiner Überzeugung sollte es daher (vor allem) den Fachleuten sehr am Herzen liegen, den Menschen das Kirchenrecht als Ermöglichungsrecht vorzustellen. Das ist gewiss nicht immer einfach und Viele werden den Sinn nicht direkt verstehen, ich bin aber davon überzeugt, dass es uns, gerade im Hinblick auf dringende Reformen (des Denkens), nur helfen kann. Ich werde auf dieses Thema hier in den nächsten Tagen sicher noch einmal zurückkommen.

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