„Give away predictability and control“

Dieser Tage bin ich auf YouTube über diesen Mitschnitt einer Lesung von Nadia Bolz-Weber gestolpert (wer sich die Zeit nehmen mag, wird sich auf gut hundert Minuten kurzweiliger Unterhaltung freuen dürfen). Bolz-Weber ist lutherische Pastorin einer erfrischend abgedrehten Gemeinde in Denver, CO und hat im letzten Jahr ein autobiographisches Buch veröffentlich, aus dem sie auf dem Video eben liest. Ich bin mit ihr erstmals letztes Jahr im Zusammenhang mit Kirche² in Berührung gekommen und lese, bzw. höre seither immer wieder gerne nach, was sie so zu sagen hat.

An dieser Stelle geht es mir aber nur um einen zweiminütigen Ausschnitt aus diesem Video. Im Anschluss an die Lesung gibt es eine ausgiebige Fragerunde, wobei eine der Fragen sich nach der Strukturierung der Arbeiten und Aufgaben in Bolz-Webers Gemeinde „House for all Sinners and Saints“ richtet. Der Abschnitt beginnt etwa hier bei 1:31:10.

Pastorin Bolz-Weber stellt sofort klar, dass es eine klassische Gremien- bzw. Ratsarbeit in ihrer Gemeinde nicht gibt, auch weil die sehr kreativen Gemeindemitglieder, so wie sie selbst, mit einer solchen Arbeitsweise nicht zu recht kämen. Sie würde niemals Freiwillige für ein Liturgie-Team finden, wenn die sich von vorne herein bereit erklären müssten, ein Jahr lang alle zwei Wochen für eineinhalb Stunden an den Treffen teilzunehmen. Eine Beobachtung, die ich in meiner eigenen Pfarrei ganz genauso mache. Mitte Februar wurden die neuen Pfarrgemeinderäte gewählt und es war, wieder einmal, ein Kampf, ausreichend Kandidaten für diese Wahl zu finden. Die Menschen engagieren sich gerne, aber bitte eben nicht in einem so starren Rahmen und am liebsten ohne allzu weit reichende Verpflichtungen. Die Schwierigkeit liegt darin, den Leuten dennoch eine Möglichkeit zu geben, sich zu engagieren.

Das gelingt vor allem dann, wenn man mit anderen Erwartungen an vieles herangeht. Unsere deutsche Gremienstruktur ist extrem fest und hat sehr klare Vorgaben. Die Satzung für die Pfarrgemeinderäte im Bistum Würzburg schreibt den Ratsmitgliedern beispielsweise einen festen Aufgabenkatalog vor. Das ist weder zielführend, noch zukunftsfähig. Nadia Bolz-Weber hat da einen anderen Ansatz, wobei sie insbesondere ihre eigene Rolle als Pastorin sehr offen interpretiert. Sie sagt: „I’ll (…) help facilitate a process by which people can take ownership over things they are excited about.“ Da geht es um Identifikation mit dem eigenen Werk. Das ist ein so grundsätzlicher Gedanke, dass man eigentlich nicht meinen sollte, diesen überhaupt aussprechen zu müssen. Aber: Recht hat sie!

Spannend ist, wie gesagt, ihre Rolle als Pastorin. Sie steuert und ermöglicht diesen Prozess, wissend, dass sie damit einiges aus der Hand gibt: „What I give away is predictability and control.“ Und da sind wir, meine ich, genau an dem Punkt angelangt, an dem viele, viele Mitarbeiter in unseren hiesigen Gemeinden zurückschrecken werden. Vorhersagbarkeit und Kontrolle sind so etwas wie heilige Kühe, gerade wenn es um ehrenamtliche Mitarbeit in unseren Gemeinden gibt. Unter diesen Vorzeichen kann sich Kreativität unmöglich entfalten.

Die wenigen Menschen, die in diesem Rahmen gerne mitarbeiten, treffen dann weitreichende Entscheidungen für die ganze Gemeinde. Das ist ein Problem, wie auch Bolz-Weber feststellt. „Open up the process“, sagt sie. Nach sechs Jahren im heimischen Pfarrgemeinderat kann ich das nur voll unterstützen. Wir verbauen uns durch die Art und Weise unseres Handelns immense Chancen. Wir lassen unzählige Talente vergraben, weil wir den Inhabern dieser Talente keinen Raum geben, damit zu handeln. Wir wollen Vorhersagbarkeit und Kontrolle um jeden Preis, auch um den Preis der Kreativität.

Ich bin mir nicht sicher, wie weit wir den Prozess in den genannten Rahmenbedingungen für die Arbeit in unseren Pfarreien öffnen können. Wahrscheinlich ist es am Ende immer noch nicht zufriedenstellend. Aber wir sollten es wenigstens versuchen.

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2 Gedanken zu “„Give away predictability and control“

  1. Danke für den Hinweis! Allerdings fehlt mir gerade die Kreativität, das zu Ende zu denken. Vielleicht ist da bei mir auch schlicht zu viel Verlustangst im Spiel…

    1. Die Frage ist doch, ob man immer alles zu Ende denken kann.
      Wenn ich immer alles bis zum Ende durchplane, gibt es keinen Raum für Spontaneität mehr. Da wird dann nichts neues entstehen, eben keine Kreativität herrschen. Ich plädiere dafür, einfach mal mutig Dinge anzugehen und auch das Scheitern nicht von Beginn an auszuschließen.

      Die größte Verlustangst habe ich außerdem, wenn ich daran denke, wie die Kirche in einigen Jahren aussieht, sollten wir nicht bald einiges ändern…

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