Das Recht und die vielen Glieder

Ich hatte im Rahmen meines Fastenbloggens das Thema Kirchenrecht bereits angerissen. Ein Bereich der mich bei der Beschäftigung mit dem Kirchenrecht von Beginn an besonders geprägt hat, ist die Kirchengliedschaft. Nicht Mitgliedschaft. Der Begriff der Mitgliedschaft suggeriert ja eine Zugehörigkeit ähnlich einer Vereinsmitgliedschaft. Das ist bei der Kirche aber gerade nicht der Fall. Wenn man einmal Glied der Kirche geworden ist, bleibt man dies für immer. Daran ändert auch der oft zitierte Kirchenaustritt nichts. Man kann sich das ganz einfach so vorstellen: Wenn ich vor dem deutschen Standesamt meinen Austritt aus der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts erkläre, nimmt der deutsche Staat diese Erklärung entgegen und streicht mich von der Mitgliederliste. Die Kirche besteht aber weltweit, nicht nur in Deutschland. Allein schon aus dieser Perspektive kann ich also gar nicht aus der weltweiten Gemeinschaft der Kirche austreten.

Wichtiger ist natürlich die theologische Begründung, die ich an dieser Stelle ausgehend von einem Zitat aus dem 1. Korintherbrief darlegen will. Dort heißt es: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen (…)“ (1 Kor 12, 13). Diese Leib-Christi-Metaphorik ist die Grundlage der Rede von der Kirchengliedschaft: Man ist Glied der Kirche wie man Glied am Leib Christi ist. Darin steckt auch schon der Gedanke der Unauflöslichkeit dieser Beziehung. Und auch die Taufe als Grund der Gliedschaft wird benannt.

Diese Taufe, der wir oftmals sehr wenig Beachtung schenken, ist die unabdingbare Grundlage des ganzen Lebens in und mit der Kirche. Das Sakrament der Taufe drückt dem Menschen, wie es im Canon 849 heißt, ein untilgbares Prägemal ein (gleiches gilt für die Sakramente der Firmung und der Weihe). Durch die Taufe wird der Mensch also sozusagen markiert, er gehört nun dauerhaft zur Herde Christi.

Die Kirchengliedschaft geht aber auch mit Rechten und vor allem Pflichten einher. An dieser Stelle zitiere ich den Canon 204 §1:

„Gläubige sind jene, die durch die Taufe Christus eingegliedert, zum Volke Gottes gemacht und dadurch auf ihre Weise des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi teilhaft geworden sind, sie sind gemäß ihrer je eigenen Stellung zur Ausübung der Sendung berufen, die Gott der Kirche zur Erfüllung in der Welt anvertraut hat.“

Wieder findet sich die Ein-Gliederung in den Leib Christi. Besonders hervorgehoben wird aber die Sendung jedes Getauften: Er ist Priester, Prophet und König und soll diese Ämter ausüben, um die Botschaft von Jesus Christus in der Welt zu verkünden – und zwar so, wie es seinen Möglichkeiten entspricht, wie er es für machbar hält und auch wo er es für richtig hält.

Vielleicht ist es aufgefallen, dass ich bisher nie von der römisch-katholischen Kirche gesprochen habe. Durch die Taufe wird man zwar auch in die entsprechende Konfessionskirche – also bspw. römisch-katholische Kirche, evangelische Landeskirche, orthodoxes Patriarchat, etc. – aufgenommen, grundsätzlich geht es hier aber immer nur um die Gliedschaft in der einen Kirche Jesu Christi. Wenn das katholische Kirchenrecht von Getauften spricht, meint es immer alle Christen, also auch jene, die nicht zur römisch-katholischen Kirche gehören. Wir Katholiken glauben zwar, dass die eine Kirche Christi in der katholischen Kirche voll verwirklicht ist, dass diese beiden aber gerade nicht identisch sind. Vereinfacht gesagt: Die Kirche Christi geht über die katholische Kirche hinaus. Daher haben alle Christen in der katholischen Kirche gewisse Rechte und Pflichten, nämlich all jene, die dem Menschen allein aufgrund seiner Taufe zukommen.

Das ist in ökumenischer Perspektive sicher sehr bedeutsam. Gleichzeitig stellt es die römisch-katholische Kirche aber auch vor einige spannende Herausforderungen. Schließlich kann man sich nicht einfach nur um seine Mitglieder kümmern, die laut Standesamt auf der Liste stehen, sondern muss immer alle Gläubigen im Blick haben. Und das schließt auch jene ein, die irgendwann „aus der Kirche ausgetreten“ sind. Auch sie sind Glieder der Kirche.

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