Wie auch wir

Mit der eigenen Schuld umzugehen ist nicht leicht, aber fast noch schwerer scheint mir dieser Tage der Umgang mit fremder Schuld. Ich bin ein Anhänger des FC Bayern München und allein schon aufgrund meines Lebensalters werde ich diesen Club immer mit Uli Hoeneß verbinden. Dieser steht nun vor Gericht, weil er, gelinde gesagt, einen riesigen Bock geschossen hat. Das anzuerkennen, fällt mir nicht schwer. Es ist keine große Herausforderungen, auch ein relativ abstraktes Steuervergehen als Ungerechtigkeit gegenüber der Gesellschaft und damit als Schuld zu erkennen.

Wesentlich schwerer fällt es mir aber, mich dazu zu positionieren. Ich schaffe es nicht, eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage zu finden, welche Strafe ich für richtig halten würde. Glücklicherweise haben wir eine hervorragende Justiz, die es sich gewiss nicht leicht machen wird, auf Grundlage unserer Gesetze ein entsprechendes Urteil zu fällen. Aber von einem Richterspruch kann ich mir meine persönlich Einstellung nicht abnehmen lassen.

Im Vaterunser beten Christen: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Dieses „wir“ ist nun eine echte Herausforderung. Denn wie kann ich einem vergeben, der sich nicht nur an mir, sondern an der ganzen Gesellschaft schuldig gemacht hat? Natürlich kann ich sagen: „Ja, Herr Hoeneß, Sie haben einen großen Fehler begangen. Aber ich sehe Ihre Reue und Ihre Bereitschaft zur Offenheit, daher vergebe ich Ihnen.“ Viele werden das aber nicht so sagen. Ich verstehe, dass ich als Fan seines Lebenswerks, das der FC Bayern München ist, eine Sicht auf diesen Menschen habe, die viele, viele Mitmenschen nicht teilen.

Einem zu vergeben, der sich nur an mir schuldig gemacht hat, ist leicht. Hoeneß hat sich aber an allen schuldig gemacht. Und dann ist da ja noch die Frage, was das überhaupt bedeutet, jemandem zu verzeihen. Heißt das in diesem Fall, ihn mit einer Geldstrafe zu belegen und auf seine ehrliche Reue zu vertrauen? Oder heißt das, das höchste denkbare Strafmaß auszuschöpfen, weil das die Art der gesellschaftlichen Schuldregulierung ist?

Nein, „wir“ können ihm nicht verzeihen. Wir können nur eine Konsensentscheidung darüber treffen, welche Strafe zur Tilgung seiner Schuld angemessen ist. Wir tun das über Gesetze und Justiz. Und da haben Empathie und Sympathie keinen Platz; vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, da wird entschieden ohne Ansehen der Person. Das ist es wohl, was wir meinen, wenn wir sagen: „Wie auch wir“. Ich hatte darüber, um ehrlich zu sein, bisher nie großartig nachgedacht. Für mich war es immer ein Vergeben im Singular. Und nun merke ich, dass die Vergebung im Plural erst zur richtigen Herausforderung wird.

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