Journalismus auf der re:publica – Kritisch und von außen betrachtet [#rp14 #5]

Die re:publica hat sich auch in diesem Jahr an vielen Stellen mit dem Journalismus, bzw. vor allem dessen Zukunft beschäftigt. Wenn man bedenkt, dass die Veranstaltung ursprünglich aus dem Umfeld der Bloggerszene entsprang (um das mal etwas vorsichtig zu formulieren), ist das besonders interessant. Blogger werden hierzulande ja nur selten als Journalisten verstanden. Zudem ist die Akzeptanz des Netzjournalismus durch den klassischen Journalismus, vor allem des Printjournalismus, ja durchaus noch ausbaufähig. Stichwort #Hoodiejournalismus. Das ist natürlich grob verallgemeinernd und sicherlich kein einseitiges Problem, aber das soll hier gar nicht das Thema sein.

Journalismus auf der re:publica
und der kritische Blick
von außen

Wenn die re:publica über Journalismus diskutiert, ist das in vielerlei Hinsicht spannend. Es ist, wie gesagt, keine eigentliche Journalistenkonferenz und so haben viele Teilnehmer – als Konsumenten – zwar tagtäglich mit Journalismus zu tun, betreiben ihn aber eben nicht zwangsläufig auch selber. Dafür bringen sie den kritischen Blick von außen und vielfältige Expertise mit. Und dann ist die re:publica eben eine Zukunftskonferenz. So elitär diese Versammlung auch sein mag, sind ihre Antworten auf Fragen nach der Zukunft eben doch von Bedeutung.

Ich habe in diesem Jahr einige Sessions zu journalistischen Themen besucht oder im Nachgang noch angesehen. Nun bin ich zwar (noch) kein Mitglied dieser erlauchten Zunft, halte aber die Entwicklung des Journalismus für eines der wichtigen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Die politische, kulturelle und gesellschaftliche Relevanz des Journalismus brauche ich nicht extra zu betonen. Als Außenstehender blicke ich also großer Sympathie und einigem Wohlwollen auf dieses Feld. Unter diesen Vorzeichen fasse ich hier also einige der für mich wichtigsten Thesen der diesjährigen re:publica zum Journalismus zusammen.

YouTuber zeigen,
wie weit die Ausrichtung
an der Community
gehen kann

Eine erste Session, die ich sehr spannend fand, drehte sich um das Thema „YouTube and the News“ (Video unten). Ich nutze die Plattform selber zwar intensiv, aber vielleicht auch etwas stiefmütterlich. Unter den knapp 100 Subscriptions in meinem Feed sind etliche Zweitverwertungskanäle beispielsweise von TV-Sendern, aber auch viele generische YouTuber und Vlogger. Deren Inhalte konsumiere ich sehr regelmäßig und auch sehr gerne. Was mir in dieser Session aber tatsächlich erstmals begegnete, war zunächst das Konzept spezieller Nachrichtenkanäle speziell für YouTube, dann aber auch die immense Bedeutung der Community für diese Kanäle. In der Session ging es glücklicherweise weniger um Formate, sondern vielmehr um diese sehr enge Beziehung zwischen Produzent und Konsument. Diese wurde von allen YouTubern auf dem Podium immer wieder als wesentliches Merkmal ihrer Arbeit beschrieben. Und zumindest nach meiner Wahrnehmung übersteigt das in Intensität und vor allem auch Qualität jede vergleichbare Beziehung bspw. von Bloggern zu ihren Lesern. Offensichtlich funktioniert das aber für beide Seiten sehr gut.

Was die Community
nicht will,
passiert auch nicht

Wohl sogar so gut, dass die Konsumenten direkten Einfluss auf die Monetarisierung der Produkte nehmen. Es ging auf dem Podium auch viel um Werbeeinahmen der Filmemacher, welche für viele den größten oder sogar einzigen Anteil der Einnahmen darstellt. Beim Thema Product Placement wurde dann von allen klar gesagt, dass es zwar keine grundsätzliche Ablehnung des Konzepts gäbe, man sich aber immer nur an Wünschen und Ansprüchen der Konsumenten orientieren würde. Kurz gesagt: Was die Community nicht will, passiert auch nicht. Damit hat diese oft sehr große Gruppe einen enormen Einfluss auf beinahe alle Teile der Produktion. Vom Format über die Themen bis hin zur Werbung wird alles so gut es geht an den Wünschen der Konsumenten ausgerichtet. YouTuber mögen es damit einfacher haben, weil sie sehr aktuell und kurzfristig arbeiten können. Zugleich erwarten wohl die wenigsten Konsumenten eine ausgeprägte Kontinuität in Stil und Struktur, wie es beispielsweise bei Tageszeitungen der Fall ist. Dennoch halte ich diesen Ansatz für außerordentlich interessant und beachtenswert.

Die Suche
nach den Einnahmequellen

Von den Werbeeinnahmen bei YouTubern direkt weiter zum für viele vielleicht wichtigsten Thema: Die Monetarisierung journalistischer Inhalte im Netz. Nichts scheint der Zunft aktuell so große Probleme zu bereiten, wie die Suche nach einer tragfähigen Einnahmequelle im Netz. Auf dem Podium diskutierten zur Frage „Lohnt sich Onlinejournalismus überhaupt noch?“ unter anderem der von mir hoch geschätzte Sascha Pallenberg (dessen Neuland Podcast unbedingt empfehlenswert ist!) und Richard Gutjahr. Beide sind bekannt dafür, dass sie in Sachen Monetarisierung bereits sehr viel erreicht haben. Auch wenn die Diskussion dann etwas in eine Werbeveranstaltung für Gutjahrs neues Tool LaterPay abdriftete, sei sie uneingeschränkt zur Nachverfolgung empfohlen.

Bezahlen können,
was man bezahlen will

Zwei Punkte sind aus meiner Sicht an der Debatte besonders beachtenswert. Zunächst die von Gutjahr immer wieder vorgetragene Aussage, dass die Leute gerne bereit sind, im Netz für journalistische Inhalte zu zahlen, es ihnen aber entweder zu unkomfortabel gestaltet oder gleich gar nicht möglich gemacht wird. Eine Ansicht, die ich aus eigener Erfahrung teile. Nehmen wir als Beispiel die vielen verschiedenen Bezahlschranken auf den Seiten klassischer Printprodukte. Die sind einerseits nutzerunfreundlich, weil sie jedes für sich ein geschlossenes System bilden und den differenzierten Konsum der Nutzer keine Beachtung schenken. Andererseits machen sie es den Nutzern unmöglich, gezielt Inhalte zu bezahlen, sondern fordern regelmäßig den Kauf eines Abonnements. Gutjahrs Konzept eines plattformunabhängigen Tools, das dem Nutzer den Kauf einzelner Inhalte erlaubt und dabei auf die Lousy-Pennies-Strategie setzt, ist meines Erachtens längst überfällig. Ich war schon länger ein großer Fan der Flattr-Idee und bin es nun auch von LaterPay.

Der zweite Punkt betrifft die zu monetarisierenden Inhalte. Natürlich kann man im Netz theoretisch alles irgendwie verkaufen. Es werden die Leute aber kaum Geld für etwas ausgeben, wenn der Kauf ihnen keinen echten Mehrwert bietet. Somit ist beispielsweise der Versuch, Nachrichten zu verkaufen, von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Bloße Nachrichten, wie man sie von den Mantelseiten der Tageszeitung oder der 20-Uhr-Tagesschau kennt, sind überaus wertvoll, aber so omnipräsent, dass damit schlicht kein Geld zu machen ist. Anders ist dies bei Premiuminhalten. Die exklusive, gut aufbereitete Geschichte ist das Produkt, das im Netz zu verkaufen ist. Das gilt für Blogger genauso wie für überregionale Tageszeitungen. Daher sind die (finanziell) erfolgreichen journalistischen Plattformen im Netz auch solche, die auf Premiumcontent und damit oft auch auf die Nische setzen. Pallenbergs Mobilegeeks sind dafür ein ebenso gutes Beispiel wie der vielversprechende Start der Krautreporter.

Was ist
Premium?

Stellt sich die Frage, wodurch sich solche Premiuminhalte nun auszeichnen. Die Nische (allein) ist es sicher nicht. Unter den 23 Thesen findet sich auch die beachtenswerte Aussage „Vergesst die Nische!“. Das halte ich insofern für richtig, als dass sich der Journalismus, vor allem der Onlinejournalismus keinen Gefallen tut, wenn er sich als Spezialprodukt für eine kleine Gruppe von Spezialisten – oder Nerds – versteht. Premiuminhalte zeichnen sich vielleicht weniger über die Inhalte selbst aus. Es geht gar nicht so sehr darum, was und worüber man schreibt, sondern wie man es tut.

Constantin Seibt befasste sich bei seinem Talk genau mit diesem Thema. Seine Ausgangsposition: Die Leute haben die Gewohnheit des Konsums journalistischer Inhalte – Nachrichten – abgelegt. Er macht das sehr schön am Beispiel des morgendlichen Konsums der Tageszeitung fest, der immer weiter zurückgeht. Dabei teilt er die Beobachtung, welche schon im vorangegangenen Abschnitt angesprochen wurde. Klassische Nachrichten sind nicht mehr zu verkaufen. Und er sagt: Wenn Nachrichten nicht mehr das Produkt des Journalismus sind, dann ist es heute die Haltung.

Das Produkt
des Journalismus
ist die Haltung

Zugegeben, die rhetorischen Fähigkeiten Seibts und seine gekonnte Wortwahl dürften einiges dazu beigetragen haben, dass ich diesen Talk so stark finde. Aber dieses so schlichte Wort „Haltung“ ist mindestens ebenso beeindruckend. So einfach es klingt, so sperrig ist es auch. Was bedeutet das, Haltung ist das Produkt des Journalismus? Ich denke, man darf die Antwort auf diese Frage nicht zu eng fassen. Da geht es sicherlich darum, um der Sache willen zu schreiben und nicht um der Zahlen oder Vermarktungsfähigkeit willen. Ein Journalist muss kein SEO-Fachmann sein. Und er muss nicht anbiedernd schrieben, weder in Bezug auf das Objekt, noch in Bezug auf die Leserschaft. Dazu gehört eine große Portion Authentizität, aber noch vieles mehr. All das sind Erkenntnisse, die man bei der Beobachtung des Journalismus in der näheren Vergangenheit sicher oft machen konnte. Aber dass ein Talk, wie jener von Constantin Seibt einen noch aufhorchen lassen kann, zeigt doch, dass es offensichtlich immer noch notwendig ist, dies auch zu artikulieren.

Keine Angst
vor der Meinung:
gute Dinge
sind gut

Zuletzt noch ein Gedanke, der darauf aufbaut. Es mag nicht der wichtigste Gedanke dieser Zusammenfassung sein, aber er ist sicher beachtenswert. Lorenz Lorenz-Meyer sprach über den „Journalismus und die guten Dinge“. Seine zwei Kernthesen fasste er selber knapp zusammen: „Solange bei Journalisten die Unabhängigkeit des Urteils gewährleistet ist, spricht nichts gegen klare Werte und Engagement. Und es spricht nichts gegen Allianzen mit Aktivisten!“

Er ging von dem altbekannten Standpunkt aus, dass es zum Ethos des Journalisten gehöre, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten Sache. Wenn man dem Seibts Forderung nach Haltung und dem allgemeinen Wunsch nach meinungsstarkem Journalismus entgegenhält, könnte es durchaus schwierig werden, einen Mittelweg zu finden. Aber den braucht es vielleicht gar nicht. Ich denke eben auch nicht, dass es grundsätzlich ein Problem ist, wenn ein Journalist für eine Sache brennt, eine starke Meinung hat und diese auch nicht verbirgt. Solange, wie Lorenz-Meyer sehr richtig feststellt, er in unabhängiger Abwägung zu dem Ergebnis kommt. Vielleicht sollten wir die Forderung nach Neutralität durch die Forderung nach Transparenz ersetzen. Mir ist eine klare Haltung deutlich lieber als Indifferenz. Aber wenn einer das Zeug hat, meinungsbildend zu wirken, möchte ich doch auch wissen, wie unabhängig er zu seiner Haltung kommt. Das könnte ein fairer Deal zwischen Produzenten und Konsumenten sein: Meinung gegen Transparenz.

Vier Beiträge,
zwei Fragen

Das waren also die meines Erachtens vier wichtigsten Beiträge der re:publica 2014. Gut möglich, dass ich etwas vollkommen übersehen oder falsch verstanden habe. Ich hatte selber noch andere Vorträge herausgesucht, die mir dann aber zu speziell oder zu technisch erschienen. Aber auch aus diesen Beispielen dürften schon zwei zentrale Fragen für den Journalismus herauszulesen sein: Wie kann man Inhalte auch online verkaufen und welche Inhalte kann man überhaupt noch verkaufen?

Ich bin gespannt, was die nächste Zukunft bringt. Interessante Projekte wie LaterPay und die Krautreporter hatte ich angesprochen. Auch spezielle Formate wie beispielsweise auf YouTube dürften noch an Bedeutung gewinnen. Und letztlich müssen vor allem die alten Medien konsequent und mutig an ihrer Umstrukturierung weiterarbeiten. Ob das den Journalismus insgesamt drastisch verändern wird, darf bezweifelt werden. Aber die Tätigkeit der Journalisten wird sich in Zukunft sicher noch grundlegend an andere Gegebenheiten anpassen müssen. Spannende Zeiten!

re:publica 14 - INTO THE WILD

Hier geht’s zu meinen übrigen Beiträgen über die re:publica!

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