Politische Debatte, you’re doing it right

Jeder sollte über Politik sprechen. Das ist meine Überzeugung als Republikaner, als Demokrat, als Bürger. Ich finde das so wichtig, dass ich schon als Schüler beschlossen hatte, Politik zu studieren. Wer so tickt, merkt aber auch ganz schnell, dass er mit dieser Mentalität oftmals ziemlich alleine da steht.IMG_20130922_111535

Und das hat viel mit der Art zu tun, wie wir in unserer Gesellschaft über Politik sprechen. Und damit meine ich nicht das politisierende Stammtischgespräch, sondern den öffentlichen Diskurs, der in den Medien stattfindet.
Politischer Journalismus ist keine simple Angelegenheit – soll es auch nicht sein. Der Hang vieler Journalisten und sonstiger Akteure des politischen Diskurses, gänzlich auf eine einfache Zugänglichkeit ihrer Kommunikation zu verzichten, ist aber ein Problem. Damit stellen sie nämlich – ob gewollt oder nicht – sicher, dass nur noch diejenigen mitreden, die das nötige Wissen und Handwerkszeug mitbringen. So wird der politische Diskurs zu einer exklusiven Angelegenheit.

Glücklicherweise gibt es immer wieder Menschen, die dieses System durchbrechen. Schon seit längerem hatte ich mir vorgenommen, an dieser Stelle ein besonders gelungenes Beispiel dafür zu loben und Euch herzlichst ans Herz zu legen.

Holger Klein ist für diejenigen, die regelmäßig Podcasts hören, hoffentlich kein Unbekannter. Unter seinen verschiedenen WRINT-Formaten ist viel Unterhaltsames und Lehrreiches. Drei seiner mit Abstand besten Sendungen sind meines Erachtens die Gespräche mit Martin Delius über den Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt (so heißt das Ding, oder?). Delius ist Vorsitzender der Fraktion der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus und sitzt dem Untersuchungssausschuss BER des Hauses vor.

Die drei Gespräche mit ihm gehören in meinen Augen zu den besten Stücke des politischen Journalismus unserer Zeit. Mit folgender Begründung:
Holger Klein macht hier sehr guten politischen Journalismus, weil er kein politischer Journalist ist. Er geht an die Fragen als interessierter Bürger Berlins heran und nicht als Fachjournalist mit umfangreichem Detailwissen. Das hat zur Folge, dass er vor allem viele Wissensfragen stellt. Wenn man einmal darauf achtet: Das passiert in politischen Interviews sonst fast nie. Für Leute, die vielleicht schon tief in der Materie sind und nur wissen wollen, wie sich denn nun der Delius zu bestimmten Fragen positioniert, mag das störend sein. Ich finde das jedoch wahnsinnig wertvoll. Zumal Martin Delius ja auch einer ist, der Fragen wirklich beantworten kann. Als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses kann er auf ein umfangreiches Wissen zurückgreifen, das er in den Gesprächen auch gerne teilt.
Und zugleich muss niemand auf Meinung verzichten. Weder Holger Klein, noch Martin Delius halten in den Gesprächen mit ihren Meinungen hinterm Berg. Aber sie äußern sie auf eine Art, dass sie nicht überlagert und klar erkennbar bleibt. Zumindest für mich, der ich in politischen Fragen mit den beiden wohl nur höchstselten übereinstimme.

Und das funktioniert, weil sich die beiden einfach Zeit nehmen. Ein absolutes Luxusgut, gerade im politischen Diskurs. Welcher Politiker würde sich mindestens sechs Stunden Zeit nehmen (so lange haben Delius und Klein bislang miteinander gesprochen und es wird wohl weitere Folgen geben) um ein Thema zu beackern? Und welches Medium würde seinen Konsumenten zutrauen, dem auch noch so lange zu folgen? Natürlich bin ich mir all der Argumente und Notwendigkeiten bewusst, die das so unwahrscheinlich machen. Aber wenn man sich nach Genuss (!) der BER-Gespräche einmal vor Augen führt, was da alles auf der Strecke bliebe, wenn man das in ein handelsübliches Format kondensieren wollte, muss man sich fragen, ob mehr nicht doch mehr wäre.

Vielleicht könnten sich viele politische Journalisten noch etwas vom Fragensteller Klein abschauen. Und damit meine ich gar nicht, dass der Journalismus einfacher oder oberflächlicher werden soll.

Logo des WRINT-Formats „Politikunterricht“

Holger Klein diskutiert nämlich auch nicht einfach und oberflächlich. Das kann man beispielsweise an einem anderen Format sehen, dem Politikunterricht. Dort lässt er sich von einem bayerischen Sozialkundelehrer Thomas Brandt in mehreren Folgen Grundlagen der Politikwissenschaft und der Soziologie näher bringen. Ebenfalls ein absolut hörenswertes Format! Und das sage ich gewiss nicht nur, weil es mein Fach ist. Mir muss man den Unterschied zwischen polity, policy und politics nicht mehr erklären. Aber wer gewisse Prozesse besser verstehen und zu einem reiferen politischen Urteil kommen will, sollte sich das dann vielleicht einmal anhören. Nur als Beispiel.

Gerade erst haben die beiden auch das Ergebnis der Sächsischen Landtagswahl besprochen. Auch wenn ich inhaltlich oft widersprechen muss, ist das doch eine der besten Wahlanalysen, die mir seit langer Zeit untergekommen ist. Und zwar einfach, weil Brandt erklärt, wie er zu seinen Thesen kommt. Das machen sonst (leider) weder die empirischen Wahlforscher, noch die analysierenden Parteiexperten. Und auch hier gilt wieder, dass sich Klein und Brandt dazu vor allem viel Zeit nehmen.

Ein kurzes Fazit: Ich mag diesen politischen Journalismus, der augenscheinlich gar keiner ist, sehr gerne. Mir gefällt auch der teilweise extrem kritische bis zynische Ansatz – der mich sonst bei anderen WRINT-Formaten oft sehr stört – da er die richtigen Fragen provoziert. Vor allem mag ich aber den Ansatz, sich für komplexe Themen so viel Zeit zu nehmen, wie eben nötig ist, um die Fragen verständlich und nachvollziehbar zu diskutieren. Natürlich ist das auch eine exklusive Debatte – es reden ja schließlich nur zwei Leute miteinander – aber sie tun das auf eine Weise, dass es wirklich jeder begreifen und entsprechend zu einem eigenen Urteil kommen kann.
Würde unsere politische Debatte öfter in dieser Art ablaufen, wäre das ein Gewinn für die Gesellschaft.

Mehr zum Thema Demokratie? Hier lang!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s