Zeit für Fortschritt [#rp15 #3]

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Ich verbringe relativ viel Zeit in Fernverkehrszügen. Die langen Fahrten nutze ich gerne produktiv, indem ich etwa Texte wie diesen aufschreibe. Diese Zeiten plane ich aber meist nicht ein, sondern nehme sie dankbar an. Dabei sollte ich mir viel bewusster Freiräume für Nichtalltägliches schaffen.

Ich schätze an der re:publica besonders, dass viele Sessions sich vorrangig mit der Metaebene der Themen auseinandersetzen. Die beiden Talks „Schwarmdummheit!“ und „Digitaler Journalismus: Vom Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung“ fand ich in diesem Jahr herausragend. Bei beiden ging es – wenn auch nicht primär – um Effizienz und Innovation.

Den Begriff der Innovation will ich aber durch den der Regeneration ersetzen. In meiner Erfahrung sind die entscheidenden Entwicklungen, ob in der Kirche oder in der Medienwelt, meistens nicht die Neuerfindungen, sondern vielmehr die Wiederentdeckungen und Neuordnungen. Das Vorhandene auseinanderbauen, gründlich untersuchen und dann mit neuem Geist re-generieren. Darum geht es.

Doch das braucht Zeit. Auf unregelmäßige und oft relativ spontane Bahnfahrten kann man sich dabei nicht verlassen, das muss anders gehen. In seinem wunderbar kurzweiligen Vortrag „Schwarmdummheit!“ hat Gunter Dueck eine äußerst aufschlussreiche Berechnung effizienter Arbeitszeiteinteilung präsentiert. Seine Kernaussage: Man sollte nicht mehr als 85 Prozent seiner Arbeitszeit fest verplanen.

Ich versuche, seine Bilder aus Medizin und Politik auf einen anderen Bereich zu übertragen: Die Pfarrei. Vor ein paar Wochen haben wir wissenschaftlich bestätigt bekommen, was vorher schon bekannt war: Die parochiale Seelsorge ist für die Mitarbeiter verdammt anstrengend. Dabei hat die Arbeitsbelastung nur einen geringen Einfluss auf das Wohlbefinden der Seelsorger. Und das trotz teilweise extremer Belastungen – einer von fünf Priestern arbeitet mehr als 65 Stunden pro Woche.

Was unter diesen Umständen aber auf jeden Fall leiden muss, ist die Reflexion und Entwicklung der eigenen Arbeit, also der Seelsorge und daraus folgend der Kirche insgesamt. Wenn etwa der Pfarrer sich jeden Tag nur mit den akut anfallenden Problemen befassen muss, wie soll er dann noch dafür Sorge tragen, alte Konventionen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls neu zu konzeptionieren? Eben indem man wenigstens ein paar Stunden pro Woche nicht zur Disposition stellt.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass institutionalisierte Entwicklungszeit der Kirche wahnsinnig gut täte. Wie oft scheitert der Versuch, etwas „mal anders zu machen“ an mangelnder Zeit und Ressourcen? Was würde in der Pfarrei geschehen, wenn sich das Pastoralteam einen Nachmittag pro Woche frei hält, um sich mit all den Dingen zu befassen, für die sonst keine Zeit bleibt?

IMG_8111_editedDie Veränderung managen

Ein zweiter Talk, den ich in diesem Zusammenhang sehr gewinnbringend fand, hatte eigentlich explizit den Journalismus zum Inhalt. Die Referenten haben dabei Ergebnisse zweiter empirischer Studien präsentiert. „Die zweite Studie ‚Die Zeitungsmacher‘ gibt Auskunft über die Arbeitszufriedenheit, Veränderungsbereitschaft und Innovationsbedarfe von Printjournalisten.“ Das mehrteilige Fazit der Speaker kann aber, so denke ich, auch gut auf andere Bereiche übertragen werden.

Die Redaktionen müssten demnach ein innovationsfreundliches Klima schaffen, etwa indem sie mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung bieten und ein Change Management institutionalisieren. Übertragen auf die Kirche sage ich, dass Gemeinden regeneratives Potenzial gewinnen, wenn die Mitarbeiter – ob hauptamtlich oder unbezahlt – regelmäßig Ideen austauschen und aufnehmen können. Und wenn Veränderungsprozesse dann noch wirklich aktiv gemanagt, nicht nur ertragen werden, ist das ein weiterer, guter Schritt.

In Bezug auf die Branche insgesamt folgerte das Forscherteam, dass es ein neues Rollenselbstverständnis der Journalisten braucht. Es gibt eben nicht mehr nur den klassischen Reporter, der mit Notizblock und Kamera unterwegs ist, sondern eine Vielzahl neuer, mit anderen Aufgaben bedachten Rollen. Dazu zählen im Kontext des sozialen, dialogischen Internets die Rollen des Moderators, des Mediators und des Information Manager. Auch hier sehe ich Parallelen zur Seelsorge.

Übrigens zogen die Referenten auch ein Fazit für die Gesellschaft. Unter den Bedingungen einer neuen, dialogischen Öffentlichkeit, müsste es eine verbesserten Zugang zu Informationen für alle und damit einhergehend auch eine direktere Teilhabe am Diskurs geben. Die Journalisten sähen sich schließlich mit ihrem schwindenden Informationsmonopol einem höheren Legitimationszwang ausgesetzt.

Auch dieser letzte Punkt ist bezogen auf die Kirche sehr spannend. Wenn wir uns als tatsächliche Communio verstehen, dann müssen sich auch alle Glieder dieser Gemeinschaft darin einbringen. Von den bisher Passiven fordert das Engagement, von den bisher Aktiven die freiwillige Aufgabe von tradierten Besitzständen.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE

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