Ein Prolog

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Der süßlich-penetrante Duft handwarmer alkoholischer Getränke hängt wie ein Fadenvorhang am Eingang zum Großraumwagen. Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr, Regionalexpress nach Köln. Der unangenehme Sinneseindruck ist kein Überbleibsel der vergangenen Nacht sondern stiller Begleiter einer vergnügten Reisegruppe. Eine Hand voll Frauen jenseits der 40 ist unterwegs zum Regionalbahnwochenendausflug. Bei der zweiten Flasche Mumm wird es schon sehr früh am Tag existenziell: „Irgendwas muss da ja noch kommen. Das kann ja nicht alles gewesen sein.“ Die Gruppenreisende spricht nicht über den nächsten Haltepunkt der Bahn, sondern tatsächlich über die „letzten Dinge“. Bei Sekt aus dem Pappbecher.

Ihre Gefährtin scheint den Jenseitsoptimismus nicht teilen zu wollen. „Ach, für wen denn!“ – „Na für mich!“ – Das Gespräch der Gruppe drängt gut hörbar durch den ansonsten stillen Wagen. Die Gläubige entfaltet einen sonderbaren Synkretismus, der unverortbar zwischen rheinischem Katholizismus und buddhistischer Esoterik hängt. Ein Geistwesen sei der Mensch, er habe eine Seele. Und irgendwann warte da im Universum noch eine weiter Sphäre. „Es wäre doch unverschämt, wenn das nicht alles irgendwann irgendwo hin führt“, befindet sie. Die Möglichkeit der Wiedergeburt als Regenwurm will sie allerdings nicht ausschließen.

Das hoffnungsvoll begonnene Sektgespräch der Freundinnen steuert bald wieder auf die diesseitige Banalität der äußeren Umständen zu. Nach wenigen Minuten ist das Ringen um die Transzendenz erschöpft. Der sonntagmorgendliche Existenzialismus weicht der Suche nach Essbarem in den Ausflugsrucksäcken. „Ich hab noch ein Tomätchen!“

Und so geht die Geschichte weiter …

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