Zeit für Fortschritt [#rp15 #3]

IMG_8031_edited

Ich verbringe relativ viel Zeit in Fernverkehrszügen. Die langen Fahrten nutze ich gerne produktiv, indem ich etwa Texte wie diesen aufschreibe. Diese Zeiten plane ich aber meist nicht ein, sondern nehme sie dankbar an. Dabei sollte ich mir viel bewusster Freiräume für Nichtalltägliches schaffen.

Ich schätze an der re:publica besonders, dass viele Sessions sich vorrangig mit der Metaebene der Themen auseinandersetzen. Die beiden Talks „Schwarmdummheit!“ und „Digitaler Journalismus: Vom Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung“ fand ich in diesem Jahr herausragend. Bei beiden ging es – wenn auch nicht primär – um Effizienz und Innovation.

Den Begriff der Innovation will ich aber durch den der Regeneration ersetzen. In meiner Erfahrung sind die entscheidenden Entwicklungen, ob in der Kirche oder in der Medienwelt, meistens nicht die Neuerfindungen, sondern vielmehr die Wiederentdeckungen und Neuordnungen. Das Vorhandene auseinanderbauen, gründlich untersuchen und dann mit neuem Geist re-generieren. Darum geht es.

Doch das braucht Zeit. Auf unregelmäßige und oft relativ spontane Bahnfahrten kann man sich dabei nicht verlassen, das muss anders gehen. In seinem wunderbar kurzweiligen Vortrag „Schwarmdummheit!“ hat Gunter Dueck eine äußerst aufschlussreiche Berechnung effizienter Arbeitszeiteinteilung präsentiert. Seine Kernaussage: Man sollte nicht mehr als 85 Prozent seiner Arbeitszeit fest verplanen.

Ich versuche, seine Bilder aus Medizin und Politik auf einen anderen Bereich zu übertragen: Die Pfarrei. Vor ein paar Wochen haben wir wissenschaftlich bestätigt bekommen, was vorher schon bekannt war: Die parochiale Seelsorge ist für die Mitarbeiter verdammt anstrengend. Dabei hat die Arbeitsbelastung nur einen geringen Einfluss auf das Wohlbefinden der Seelsorger. Und das trotz teilweise extremer Belastungen – einer von fünf Priestern arbeitet mehr als 65 Stunden pro Woche.

Was unter diesen Umständen aber auf jeden Fall leiden muss, ist die Reflexion und Entwicklung der eigenen Arbeit, also der Seelsorge und daraus folgend der Kirche insgesamt. Wenn etwa der Pfarrer sich jeden Tag nur mit den akut anfallenden Problemen befassen muss, wie soll er dann noch dafür Sorge tragen, alte Konventionen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls neu zu konzeptionieren? Eben indem man wenigstens ein paar Stunden pro Woche nicht zur Disposition stellt.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass institutionalisierte Entwicklungszeit der Kirche wahnsinnig gut täte. Wie oft scheitert der Versuch, etwas „mal anders zu machen“ an mangelnder Zeit und Ressourcen? Was würde in der Pfarrei geschehen, wenn sich das Pastoralteam einen Nachmittag pro Woche frei hält, um sich mit all den Dingen zu befassen, für die sonst keine Zeit bleibt?

IMG_8111_editedDie Veränderung managen

Ein zweiter Talk, den ich in diesem Zusammenhang sehr gewinnbringend fand, hatte eigentlich explizit den Journalismus zum Inhalt. Die Referenten haben dabei Ergebnisse zweiter empirischer Studien präsentiert. „Die zweite Studie ‚Die Zeitungsmacher‘ gibt Auskunft über die Arbeitszufriedenheit, Veränderungsbereitschaft und Innovationsbedarfe von Printjournalisten.“ Das mehrteilige Fazit der Speaker kann aber, so denke ich, auch gut auf andere Bereiche übertragen werden.

Die Redaktionen müssten demnach ein innovationsfreundliches Klima schaffen, etwa indem sie mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung bieten und ein Change Management institutionalisieren. Übertragen auf die Kirche sage ich, dass Gemeinden regeneratives Potenzial gewinnen, wenn die Mitarbeiter – ob hauptamtlich oder unbezahlt – regelmäßig Ideen austauschen und aufnehmen können. Und wenn Veränderungsprozesse dann noch wirklich aktiv gemanagt, nicht nur ertragen werden, ist das ein weiterer, guter Schritt.

In Bezug auf die Branche insgesamt folgerte das Forscherteam, dass es ein neues Rollenselbstverständnis der Journalisten braucht. Es gibt eben nicht mehr nur den klassischen Reporter, der mit Notizblock und Kamera unterwegs ist, sondern eine Vielzahl neuer, mit anderen Aufgaben bedachten Rollen. Dazu zählen im Kontext des sozialen, dialogischen Internets die Rollen des Moderators, des Mediators und des Information Manager. Auch hier sehe ich Parallelen zur Seelsorge.

Übrigens zogen die Referenten auch ein Fazit für die Gesellschaft. Unter den Bedingungen einer neuen, dialogischen Öffentlichkeit, müsste es eine verbesserten Zugang zu Informationen für alle und damit einhergehend auch eine direktere Teilhabe am Diskurs geben. Die Journalisten sähen sich schließlich mit ihrem schwindenden Informationsmonopol einem höheren Legitimationszwang ausgesetzt.

Auch dieser letzte Punkt ist bezogen auf die Kirche sehr spannend. Wenn wir uns als tatsächliche Communio verstehen, dann müssen sich auch alle Glieder dieser Gemeinschaft darin einbringen. Von den bisher Passiven fordert das Engagement, von den bisher Aktiven die freiwillige Aufgabe von tradierten Besitzständen.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Advertisements

„Give away predictability and control“

Dieser Tage bin ich auf YouTube über diesen Mitschnitt einer Lesung von Nadia Bolz-Weber gestolpert (wer sich die Zeit nehmen mag, wird sich auf gut hundert Minuten kurzweiliger Unterhaltung freuen dürfen). Bolz-Weber ist lutherische Pastorin einer erfrischend abgedrehten Gemeinde in Denver, CO und hat im letzten Jahr ein autobiographisches Buch veröffentlich, aus dem sie auf dem Video eben liest. Ich bin mit ihr erstmals letztes Jahr im Zusammenhang mit Kirche² in Berührung gekommen und lese, bzw. höre seither immer wieder gerne nach, was sie so zu sagen hat.

Weiterlesen

Vom Ermöglichungsrecht

Ein Thema, das mich seit geraumer Zeit besonders fasziniert, ist das katholische Kirchenrecht. Dabei bereitet mir einerseits das Studium dieses Fachs an sich schon große Freude, fast noch spannender finde ich allerdings die Frage, wie man diesen wichtigen Inhalten unter den Gläubigen zu größerer Bekanntheit verhelfen kann. Wer kirchenrechtlich unbeleckt ist, wird das wohl nicht sofort nachvollziehen können, daher setze ich etwas früher an.

Weiterlesen

Die Hoffnung der Kopten liegt in Gott

Als wir nach gut eineinhalb Stunden Anreise gegen halb elf die St.-Markus-Kirche betreten, ist der Gottesdienst schon eine Stunde im Gange. Für den Durschnittskatholiken (ich werde im Folgenden etwas genauer von lateinischen Christen sprechen) wäre das undenkbar. Oder eher sinnlos, da eine Messfeier in unseren Breiten ja auch an Sonntagen kaum länger als eine Stunde dauert. Bei den Kopten ist das anders. Da ist jetzt noch nicht einmal der erste Teil der Messe, der Wortgottesdienst, vorbei. Und während man bei lateinischen Katholiken ein solches Zuspätkommen wohl als sehr unhöflich empfinden würde, ist es bei den Orientalen durchaus üblich, wie uns unser Dozent in der vorangegangenen Seminarsitzung erklärt hatte.

Weiterlesen

Die Multiplikatoren von morgen.

Anfang dieser Woche habe ich an der Wissenschaftlichen Fachtagung „Lebendige Kirche in neuen Strukturen. Herausforderungen und Chancen.“ im Schloss Hirschberg (einem Tagungshaus der Diözese Eichstätt) in Beilngries/Altmühltal teilgenommen. Diese Tagung steht in einer Reihe kirchenrechtlicher Fachtagungen, die gemeinsam von den entsprechenden Lehrstühlen, bzw. Seminaren der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und der Julius-Maxmilians-Universität zu Würzburg alle zwei Jahre veranstaltet werden.

Die diesjährige Tagung befasste sich also mit den Strukturen der Kirche. Genauer gesagt ging es dabei um eine Analyse der verschiedenen Strukturprozesse deutscher (und auch teilweise ausländischer) Diözesen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Möglichkeiten das Kirchenrecht bietet, solche Prozesse so durchzuführen, dass hernach auch eine Struktur herauskommt, die tragfähig ist und der Pastoral dient. Daneben wurde noch ein Fokus auf die Verbände, Ordensgemeinschaften und Geistlichen Bewegungen und deren Rolle, bzw. Funktion in dieser Situation gerichtet.

Ich kann hier nun nicht alle zehn Vorträge und Diskussionen wiederholen oder auch nur zusammenfassen. Während der Tagung hatte ich versucht, einige interessante Zitate per Twitter festzuhalten; nachzulesen hier in der Storify-Geschichte.
Stattdessen will ich ein etwas allgemeineres Fazit ziehen.

IMG_20131004_193211Das Kirchenrecht hat mich von Beginn meiner Beschäftigung mit dieser Disziplin an sehr fasziniert. Ich hatte schon immer eine gewisse Affinität zur Rechtswissenschaft; ohne dass es je zum Wunsch nach einem Studium der Rechtswissenschaften gereicht hätte. Mir liegt einfach diese sehr exakte, um genaue Begrifflichkeiten ringende Arbeit an Rechts- und Gesetzestexten. Nicht, dass ich das perfekt beherrschen würde. Ich habe schlicht Freude daran. Unter anderem begeistert es mich immer wieder, wenn man einer zunächst sehr abstrakt wirkenden Rechtsvorschrift genauer auf den Grund geht und plötzlich die enorme praktische Relevanz entdeckt, die teilweise nur wenige Wörter enthalten können.

Und so ist das eben auch im Kirchenrecht. Wenn man sich beispielsweise die grundlegende Norm zur Pfarrei im geltenden Gesetzbuch der Kirche ansieht (ich lasse hier Fachvokabular bewusst aus), kann man das recht gut nachvollziehen:

„Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Hirtensorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut ist.“ (c. 515 §1 CIC/1983)

In diesem einen Satz stecken eine ganze Reihe von Aussagen, die wiederum weitere Aussagen nach sich ziehen. Man betrachte beispielsweise nur einmal die Konstruktion „bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen“. Darin steckt unter anderem die Aussage, dass eine Pfarrei nicht an ein bestimmtes Gebiet wie einen Stadtteil gebunden sein muss. Gleichwohl muss klar sein, wer alles zu dieser Pfarrei gehört. Auch die Verwendung des Begriffs der „Gemeinschaft“ hat etwas zu bedeuten, wie man sich denken kann.

Und in diesem Stil kann man nicht nur diesen Paragraphen, sondern letztlich das gesamte Pfarreienrecht lesen (und natürlich auch den Rest des Kirchenrechts). Manche Punkte bieten mehr Spielraum für Interpretationen, andere sind ziemlich eindeutig. Jedenfalls ist eines klar: Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, wie sich die Kirche in einer Diözese strukturieren kann. Und gerade sind die meisten deutschen Bistümer kräftig dabei, diese Möglichkeiten auszutesten. Dabei sind manche erfolgreicher als andere, manche halten sich treuer an den Gesetzesbuchstaben als andere und vor allem sind manche mutiger als andere. Weiterlesen