Ein Prolog

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Der süßlich-penetrante Duft handwarmer alkoholischer Getränke hängt wie ein Fadenvorhang am Eingang zum Großraumwagen. Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr, Regionalexpress nach Köln. Der unangenehme Sinneseindruck ist kein Überbleibsel der vergangenen Nacht sondern stiller Begleiter einer vergnügten Reisegruppe. Eine Hand voll Frauen jenseits der 40 ist unterwegs zum Regionalbahnwochenendausflug. Bei der zweiten Flasche Mumm wird es schon sehr früh am Tag existenziell: „Irgendwas muss da ja noch kommen. Das kann ja nicht alles gewesen sein.“ Die Gruppenreisende spricht nicht über den nächsten Haltepunkt der Bahn, sondern tatsächlich über die „letzten Dinge“. Bei Sekt aus dem Pappbecher.

Ihre Gefährtin scheint den Jenseitsoptimismus nicht teilen zu wollen. „Ach, für wen denn!“ – „Na für mich!“ – Das Gespräch der Gruppe drängt gut hörbar durch den ansonsten stillen Wagen. Die Gläubige entfaltet einen sonderbaren Synkretismus, der unverortbar zwischen rheinischem Katholizismus und buddhistischer Esoterik hängt. Ein Geistwesen sei der Mensch, er habe eine Seele. Und irgendwann warte da im Universum noch eine weiter Sphäre. „Es wäre doch unverschämt, wenn das nicht alles irgendwann irgendwo hin führt“, befindet sie. Die Möglichkeit der Wiedergeburt als Regenwurm will sie allerdings nicht ausschließen.

Das hoffnungsvoll begonnene Sektgespräch der Freundinnen steuert bald wieder auf die diesseitige Banalität der äußeren Umständen zu. Nach wenigen Minuten ist das Ringen um die Transzendenz erschöpft. Der sonntagmorgendliche Existenzialismus weicht der Suche nach Essbarem in den Ausflugsrucksäcken. „Ich hab noch ein Tomätchen!“

Und so geht die Geschichte weiter …

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Wir haben ein Gebot: Nächstenliebe

IMG_5125b (Andere)Dieser Tage macht eine Predigt über Flüchtlinge und deren Gegner die Runde auf Facebook. Der Pfarrer, der sie gehalten hatte, findet darin sehr deutliche Worte für den „braunen Mob“, der immer wieder bedürftigen Menschen in unserem Land sein hässliches Gesicht zeigt. Die Homilie kulminiert in der Bitte an die Feinde der Solidarität mit den Vertriebenen, aus der Kirche auszutreten.

Zugegeben, diesen Kernsatz der Predigt finde ich abwegig. Wir dürfen uns als Kirche niemals wünschen, dass Menschen unserer Gemeinschaft den Rücken kehren. Wir müssen sie anhalten, ihr Leben so zu leben, dass sie es gut in der Communio der Kirche tun können.

Davon aber abgesehen ist mir bei der genaueren Lektüre des Predigttextes aufgefallen, dass der Autor eine sehr spannende Interpretation des alttestamentlichen Lesungstextes anbietet. Die Homilie wurde gehalten am 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B. Der Text der ersten Lesung stammt aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 4, 1-2.6-8). Die entsprechende Stelle aus der Predigt:

In der ersten Lesung wird davon berichtet, wie stolz das Volk Israel auf das Gesetzeswerk war, das Mose auf Gottes Geheiß aufgestellt hatte: „Darin besteht eure Weisheit und Bildung in den Augen der Völker“, hebt Mose hervor, und er fragt: „Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ Mose ist stolz auf ein gelungenes Gesetzeswerk, das ausgewogen ist und gut auf die Herausforderungen der damaligen Zeit antwortet. Ähnlich könnten auch wir Deutsche sagen: Wir sind froh darüber, dass es uns gelungen ist, nach der Katastrophe der Nazizeit wieder einen Rechtsstaat auszubauen, der die Fehler der Vergangenheit durch ein modernes Grundgesetz zu verhindern versucht.

Das ist eine wunderbare Lektüre dieses Textes, wie ich finde. Aufgefallen ist mir diese Interpretation aber aus einem anderen Grund.

Ich saß am vergangenen Samstag in der Vorabendmesse im Kölner Dom und habe dort die Texte der Lesungen, des Psalms und des Evangeliums gehört. Ich war richtiggehend überwältigt, wie genau diese lang zuvor auf die Leseordnung gesetzten Schriftstellen ins Deutschland des Jahres 2015 passen. Denn aus all diesen Texten lese ich die eine, große Frage: Wie halten wir’s mit der Nächstenliebe in Zeiten, in denen Hunderttausende auf unsere Hilfe vertrauen?

Diese Frage muss durchaus mit dem Begriff des Gesetzes in Verbindung gebracht werden. Denn angesichts einer dramatischer werdenden Situation vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Gesetz gefordert oder ein altes geändert wird. Ein Blick in Deuteronomium:

Ihr sollt auf (die Gesetze) achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. (Dtn 4, 6)

Natürlich ist unser Asylrecht nicht gottgegeben und in seiner Relevanz keinesfalls mit dem jüdischen Gesetz zu vergleichen. Aber dem vom Grundgesetz definierten Menschenrecht auf Asyl liegt ganz eindeutig das jüdisch-christliche Ideal der Nächstenliebe zugrunde. Darum geht es hier. Es ist eine Frage der Weisheit, die Caritas hochzuhalten.

Nun ein Blick in die zweite Lesung: Diese stammt aus dem Jakobusbrief (Jak 1, 17-18.21b-22.27). Auch hieraus ein passendes Zitat:

Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten. Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jak 1, 21b-22)

Bedarf es hierzu einer Auslegung? Eigentlich nicht. Allein der letzte Halbsatz ist sehr spannend. Was heißt das, sonst betrügen wir uns selbst? Ja, es ist heuchlerisch, das Doppelgebot der Liebe zu proklamieren, es aber nicht selbst auch umzusetzen. Aber ist es das schon, was uns diese Stelle sagen will? Ich bin mir nicht sicher.

Gehen wir (in nicht chronologischer Reihenfolge) weiter zum Psalm. In diesem Fall ist dies der komplette Psalm 15, wobei der erste Vers als Antiphon dient.

Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg? (Ps 15, 1)

Der Tenor ist denkbar einfach: Es geht um die Frage, was einen Menschen würdig – oder unwürdig – macht, ins Heiligtum, also seine unmittelbare Nähe zu treten. Unter den im Psalm aufgeführten Antworten finden sich auch diese:

Der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht; Der sein Versprechen nicht ändert, das er seinem Nächsten geschworen hat. (Ps 15, 3b.4b)

Für mich eine klare Ansage: Wer seine Mit-Menschen missachtet, über sie hinweg sieht, sie vielleicht sogar verachtet, macht sich unwürdig. Aber darüber hinaus ist der zweite Halbvers vielleicht noch viel wichtiger. Wir dürfen nicht hinter das zurückgehen, was wir unseren Mitmenschen einmal versprochen haben. Ein großes Wort für die derzeitige Asyldebatte im Land! Wiedereinführung von Grenzkontrollen, verschärfte Abschieberegeln, Kürzung von Leistungen für Asylsuchende: All das ist brandgefährlich. Es ist nicht nur wahnsinnig einfach, in guten Zeiten Versprechungen zu machen und diese in schweren Zeiten zurück zu nehmen, sondern es ist auch unanständig.

Und so fehlt noch das Evangelium: Es ist eine Anklage des Pharisäertums durch Jesus aus dem Markusevangelium (Mk 7, 1-8.14-15.21-23)

Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. (Mk 7, 6-8)

Es sind drastische Worte, aber so gerechtfertigt. Und das beziehe ich noch nicht einmal auf jene Hetzer, die sich als Retter des christlichen Abendlandes verstehen. Das gilt insbesondere jenen Vertretern von Politik und Gesellschaft, die sich als christliche Menschenfreunde gerieren, aber mit Verweis auf eine kaum zu bewältigende Flüchtlingsschwemme absurdeste Maßnahmen aus der Mottenkiste der europäischen Geschichte hervorkramen. Vieles, was sich in diesem Land christlich, sozial, und demokratisch nennt, ist nichts von alledem.

Wir haben ein Gebot der Nächstenliebe. Dieses sollen wir halten.

Im Zweifel schützen wir uns selbst

Journalistische Medien, die Textberichterstattung betreiben, binden sich in Deutschland an die Regeln des Pressekodex. Das soll sicher stellen, dass sie ein Mindestmaß an Würde und Fairness in ihrer Arbeit wahren. Aber was nutzt dieser Kodex, wenn das Kontrollgremium, der Presserat, im Zweifel zugunsten der Presse entscheidet?

rekordverdächtigIn Würzburg geschieht gerade Interessantes: Ein Stadtrat fordert die örtliche Sparkasse auf, ihre Werbepartnerschaft mit einem örtlichen “Nachrichten”-Portal zu beenden und damit auf eine weitere finanzielle Unterstützung des Portals zu verzichten. Er wirft den Seitenbetreibern unter anderem vor, “populistische Ressentiments zu schüren”. Eine Einschätzung übrigens, der ich geneigt bin beizupflichten. Das Portal hält dagegen, dass man sowohl die eigenen Beiträge, als auch die zahlreichen Leserkommentare an der hauseigenen “Netiquette” und den Maximen des Pressekodex messen würde. Hier gibt’s den entsprechenden Bericht der Main-Post: Paywall-Link.

An dieser Aussage zum Pressekodex bin ich hängen geblieben. So honorig es ist, sich einem Kodex zu unterwerfen, so wertlos scheint mir der deutsche Pressekodex zu sein. Zugegeben, ich bin durch einige Erfahrungen im Zusammenhang mit meinem Volontariat in dieser Frage in gewisser Weise ein gebranntes Kind. Aber erst kürzlich wurde ich in meiner Auffassung wieder bestätigt, dass der Presserat, der Wächter des Kodex, nicht nur ein zahnloser Tiger ist, sondern – das unterstelle ich ihm – eher die Presse schützt als jene, denen die Presse potenziell schadet.

Als im März 2015 in den französischen Alpen der Germanwings-Flug 4U9525 abstürzte, war dies der Startschuss für einen Großteil der deutschen (und internationalen) Medien, sich gegenseitig an Niveau und Würde zu unterbieten. Folgerichtig verzeichnete der Presserat einen Beschwerderekord.

Auch ich hatte mich damals beim Presserat über eine Titelseite der BLD-Zeitung mit entsprechender Online-Berichterstattung beschwert (welche das war, lässt sich dem unten stehenden Beschluss des Presserats entnehmen). Meine Beschwerde hatte ich – zugegeben, mit einigen unsauberen Formulierungen – so begründet:

Die genannte Titelseite der BILD-Zeitung stellt ethische Verstöße mindestens gegen die Präambel, sowie die Ziffern 1, 8.1, 8.4, 8.7, 9, 11.3 und 13.1 des Pressekodex. Die Bild-Zeitung beschädigt damit erheblich das in der Präambel genannte Ansehen der Presse und greift in erheblicher Weise in Privat- und Intimsphäre eines Verstorbenen ein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kann zudem nicht davon ausgegangen werden, dass ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit die Schutzbedürftigkeit des Toten übersteigt, wie es in Ziffer 8.1 genannt ist. Durch die Veröffentlichung von Namen und Bild des Toten wird das Leben seiner Familienangehörigen in erheblicher Weise beeinträchtigt, was einen Verstoß nach Ziffer 8.4 darstellt. Zudem ist von einem Akt von Selbsttötung auszugehen, was nach Ziffer 8.7 eine derart prominente Berichterstattung unzulässig macht. Es ist davon auszugehen, dass die Titelseite der Bild-Zeitung und die – von der Redaktion beabsichtigte – Reaktion auf die Veröffentlichung das Leid der Hinterbliebenen nennenswert verschlimmert, was nach Ziffer 11.3 ein Vergehen gegen die ethischen Grundsätze der Presse darstellt. Die Bezeichnung des Toten als „Amok-Pilot“ und „Massenmörder“ ist eine unzulässige Vorverurteilung nach Ziffer 13.1. Dieser Verstoß wird auch nicht geheilt durch etwaige gleichlautende Vorverurteilungen seitens der Ermittlungsbehörden. Zudem verletzt es den Toten in seiner Ehre, was einen Verstoß gegen Ziffer 9 des Kodex darstellt. Die Bezeichnungen sind zudem geeignet, den Toten in seiner Menschenwürde zu verletzen, was gegen Ziffer 1 des Pressekodex und die Grundsätze des deutschen Rechtsstaats verstößt.

So weit, so unspektakulär. Ich hatte mich maßlos über die Berichterstattung geärgert und mir so ein wenig Luft verschafft.

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Die Entscheidung des Presserats. Per Klick aufs Bild geht’s zum pdf.

Vor wenigen Wochen kam dann die Antwort des Presserats. Die von mir mit angeführte Beschwerde wurde als unbegründet abgelehnt. Die Urteilsbegründung kann sich jeder selbst durchlesen (Klick aufs Bild). Zwei Punkte darin finde ich besonders beachtenswert: Die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien und das vorgeschobene Argument des öffentlichen Interesses.

Zum ersten Punkt folgendes Zitat aus der Presserat-Entscheidung:

“Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses konnte aber mit der Bekanntgabe der ersten Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.03.2015 die Presse davon ausgehen, dass der Co-Pilot den Absturz des Flugzeugs und damit auch den Tod von 149 weiteren Menschen absichtlich herbeigeführt hat.”

Man muss kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert haben, um zu wissen, dass dies eine hanebüchene Aussage ist. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Rechtsstaaten und Unrechtsstaaten liegt genau in diesem Punkt: Ermittlungsergebnisse von Strafverfolgungsbehörden sind keine Urteile! Wer behauptet, die Presse müsse von der objektiven Richtigkeit der Aussagen von Ermittlungsbehörden ausgehen, lügt oder hat keine Ahnung vom Rechtsstaat.

Der zweite Punkt ist doch noch viel gravierender. Alle weiteren Beschwerden über die Verletzung verschiedener Persönlichkeitsrechte des Piloten lehnte der Presserat nämlich letztlich mit dem überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit ab. Ich halte das für eine Mär. Es geht doch überhaupt nicht um das “Interesse der Öffentlichkeit”.

Wenn wir, die Medienproduzenten, ehrlich sind – und wenn auch der Presserat ehrlich ist – ging es in all diesen Fragen lediglich um die Interessen der Presse. Das spektakulärste Bild, der erste O-Ton der Ex-Freundin, die geschüttelte Witwe: Sie alle garantieren Klicks und Auflage. Wenn der Presserat in diesem Fall vom überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit spricht, dann ist das ein vorgeschobenes Argument. Mit dieser Entscheidung schützt die Presse sich selbst und nicht die hehren Prinzipien des gesellschaftlichen Diskurses.

Zwei Herzen und ein Widerspruch

Wenn das ZdK eine Erklärung abgibt, fühle ich mich dadurch gemeinhin nicht vertreten. So auch kürzlich, als der Laienrat eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gefordert hat. Manchmal äußert das Gremium aber auch Dinge, denen ich bedenkenlos zustimmen kann. Und dann wird es widersprüchlich.

Kurzer Rückblick: Bei der Vollversammlung im Mai hat das Zentralkommitte der deutschen Katholiken eine Erklärung verabschiedet, die sich mit “Familie und Kirche in der Welt von heute” befasst. Das Papier ist in weiten Teilen nicht sonderlich spannend. Darin findet sich aber auch die äußerst bemerkenswerte Forderung nach einer “Weiterentwicklung von liturgischen Formen, insbesondere Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften (und) neuer Partnerschaften Geschiedener”. Der Text wurde einstimmig angenommen.

Das war der typische Fall einer ZdK-Äußerung, über die ich mich gerade als Laie sehr ärgern muss. Denn schließlich fühle ich mich von diesem Beschluss nicht vertreten, während der Rat als Vertreter der katholischen Laien auftritt. Da war ich dankbar für den entschiedenen Widerspruch, der aus den Reihen des Episkopats zu hören war.

Aber es geht auch anders. Nachdem in der vergangenen Woche die Iren per Volksentscheid eine Liberalisierung des Eherechts beschlossen hatten, gibt es auch hierzulande wieder eine aufgeregte Debatte über die “Homo-Ehe”. In dieser Situation hat sich nun am Dienstag ZdK-Präsident Alois Glück zu Wort gemeldet und erklärt, dass er “in der gegenwärtigen Regelung in Deutschland keine Diskriminierung der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften sehe”. Das sind Zeilen von Herrn Glück, die ich als katholischer Laie sofort unterschreiben würde.

Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits eine Liberalisierung der Ehetheologie und der Liturgie fordern, andererseits aber gegen gesetzliche Änderungen eintreten?

Das passt zweifelsohne nicht zusammen. Doch auch das kann ich nachvollziehen, denn in meiner Brust schlagen in gewisser Weise auch zwei Herzen. Nur würde ich die beiden Fragen im Zweifel genau anders herum beantworten, als es das ZdK getan hat.

Als Katholik stehe ich klar auf dem Standpunkt der Bischöfe und sage, dass die Ehetheologie nicht zur Disposition steht. Die entsprechende ZdK-Forderung kann so nicht erfüllt werden und ist insofern auch ungehörig, da sie in erster Linie destruktiv auf die Debatte wirkt.

Als Staatsbürger hingegen habe ich eine politische Überzeugung, die nicht primär dem Schutz meiner Glaubensüberzeugung dient. Im Sinne des kategorischen Imperativs halte ich es für möglich, dass die Maxime der Vorzugsbehandlung der Ehe von Mann und Frau ein allgemeines Gesetz sein kann. Da stimme ich Herrn Glück zu. Aber im gleichen Sinne ist es eben auch möglich, dass die Maxime einer Gleichbehandlung aller Partnerschaften allgemeines Gesetz sein kann.

Im Endeffekt halte ich es dann mit einem anderen großen Preußen, dem Alten Fritz: Mögen doch alle nach ihrer Facon selig werden. Der Staat hat die Aufgabe, festzulegen, welche Formen der Seligkeit für die Gesellschaft in toto tolerabel sind.

Damit möchte ich nicht einer sofortigen Öffnung der Zivilehe für alles und jeden das Wort reden. Aber es ist eben nicht Aufgabe des Staates, das christliche Glaubensgut zu schützen. Vielmehr wünsche ich mir eine Gesellschaft, die von einer starken, ihrer eigenen Lehre gewissen Kirche geprägt wird. Dazu muss nicht das staatliche Recht bewahrt werden, sondern Glaube und Tradition der Kirche. Das ZdK scheint es genau anders herum anzugehen.

Wie werde ich zum Störsender? [#rp15 #2]

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Es ist so verdammt anstrengend, dieses Offline-Internetz. Aber auch so schön. Dreieinhalb Tage re:publica, fünf Tage Berlin spürt man vor allem im Kopf. Denn der ist voll von Eindrücken, Ideen, Freude und anderen Dingen, die man lieber nicht für sich behält. Daher schreibe ich auf, was ich für konservierenswert halte. Den Anfang machen einige Gedanken zu netzinkompatiblen Printprodukten und fremden Timelines.

Die Seite 3 findet im Netz nicht statt, sagte Brigitte Zypries bei einem ansonsten nicht allzu spannenden Panel. Auf dem Podium “Die Vermessung der Medienwelt” ging es um eine ganze Reihe von Themen, von denen mir am Ende aber nur dieser eine Satz hängen geblieben ist. Oder vielmehr, ein kurzer Tweetwechsel, der mir den Satz in einen relevanten Zusammenhang gerückt hat.

Was hat es mit der Seite 3 auf sich? Im klassischen Beispiel der Süddeutschen ist diese Seite der Ort für die großen Reportagen, die investigativen Recherchen, die preisverdächtigen Großformate. Die “Seite 3” ist das Schmuckstück der Zeitung nicht nur wegen ihrer handwerklichen Qualität, sondern weil sie die Möglichkeit bietet, Themen zu setzen. Dort wird die exklusive Story mit der aufwändigen Recherche platziert.

Dass das im Netz so nicht funktioniert, dürfte Frau Zypries tatsächlich richtig beobachtet haben. Allein schon aufgrund der technischen Bedingungen des Mediums. Es gibt nicht mehr die eine, sich allen gleich darstellende Donnerstagsausgabe von sz.de. Die Seite 3 lebt in hohem Maße von Linearität.

Das Verhalten als unmündige Empfänger haben wir im Netz – glücklicherweise! – abgelegt. Wir nehmen nicht mehr ungefragt die Informationen an, die man uns gibt, sondern organisieren unser eigenes Quellenportfolio und verteilen die Informationen nach einer höchstpersönlichen Filterung weiter.

Die Frage, die Zypries aufgeworfen hat, lautet also: Wie kommt neuer Input in dieses System und wie können wir als Sender die wegfallende Seite 3 kompensieren?

Eine Timeline, die sich allein aus gefälligen Wiederholungen der eigenen Position zusammensetzt, bietet keinerlei Mehrwert. Und auch wenig Unterhaltung. Darum bauen wir in unsere Sendernetzwerke gezielt und behutsam Störsender ein, die uns wahlweise überraschen oder anstoßen. Beides sorgt für Bewegung im System – und frischen Input.

Das klingt simpel, stellt aber für die Senderseite eine echte Herausforderung dar. Was wir früher auf der Seite 3 platziert haben müssen wir heute diesen Störsendern anvertrauen, in der Hoffnung, dass es in möglichst vielen Timelines für Überraschung sorgt. Oder besser noch: Wir müssen selber versuchen, als Sender auch immer mal wieder wie ein Störsender zu funktionieren. Wie macht man das?

Zugegeben, ich habe keine Antwort auf diese Frage und wirklich bahnbrechend neu ist die ganze Überlegung sowieso nicht. Dass ich an dem Zitat und dem Tweetwechsel aber dennoch einige Tage hängen geblieben bin, zeigt mir, dass der Gedanke wohl noch nicht zu Ende gedacht wurde. Jedenfalls nicht von mir.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE