Wir haben ein Gebot: Nächstenliebe

IMG_5125b (Andere)Dieser Tage macht eine Predigt über Flüchtlinge und deren Gegner die Runde auf Facebook. Der Pfarrer, der sie gehalten hatte, findet darin sehr deutliche Worte für den „braunen Mob“, der immer wieder bedürftigen Menschen in unserem Land sein hässliches Gesicht zeigt. Die Homilie kulminiert in der Bitte an die Feinde der Solidarität mit den Vertriebenen, aus der Kirche auszutreten.

Zugegeben, diesen Kernsatz der Predigt finde ich abwegig. Wir dürfen uns als Kirche niemals wünschen, dass Menschen unserer Gemeinschaft den Rücken kehren. Wir müssen sie anhalten, ihr Leben so zu leben, dass sie es gut in der Communio der Kirche tun können.

Davon aber abgesehen ist mir bei der genaueren Lektüre des Predigttextes aufgefallen, dass der Autor eine sehr spannende Interpretation des alttestamentlichen Lesungstextes anbietet. Die Homilie wurde gehalten am 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B. Der Text der ersten Lesung stammt aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 4, 1-2.6-8). Die entsprechende Stelle aus der Predigt:

In der ersten Lesung wird davon berichtet, wie stolz das Volk Israel auf das Gesetzeswerk war, das Mose auf Gottes Geheiß aufgestellt hatte: „Darin besteht eure Weisheit und Bildung in den Augen der Völker“, hebt Mose hervor, und er fragt: „Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ Mose ist stolz auf ein gelungenes Gesetzeswerk, das ausgewogen ist und gut auf die Herausforderungen der damaligen Zeit antwortet. Ähnlich könnten auch wir Deutsche sagen: Wir sind froh darüber, dass es uns gelungen ist, nach der Katastrophe der Nazizeit wieder einen Rechtsstaat auszubauen, der die Fehler der Vergangenheit durch ein modernes Grundgesetz zu verhindern versucht.

Das ist eine wunderbare Lektüre dieses Textes, wie ich finde. Aufgefallen ist mir diese Interpretation aber aus einem anderen Grund.

Ich saß am vergangenen Samstag in der Vorabendmesse im Kölner Dom und habe dort die Texte der Lesungen, des Psalms und des Evangeliums gehört. Ich war richtiggehend überwältigt, wie genau diese lang zuvor auf die Leseordnung gesetzten Schriftstellen ins Deutschland des Jahres 2015 passen. Denn aus all diesen Texten lese ich die eine, große Frage: Wie halten wir’s mit der Nächstenliebe in Zeiten, in denen Hunderttausende auf unsere Hilfe vertrauen?

Diese Frage muss durchaus mit dem Begriff des Gesetzes in Verbindung gebracht werden. Denn angesichts einer dramatischer werdenden Situation vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Gesetz gefordert oder ein altes geändert wird. Ein Blick in Deuteronomium:

Ihr sollt auf (die Gesetze) achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. (Dtn 4, 6)

Natürlich ist unser Asylrecht nicht gottgegeben und in seiner Relevanz keinesfalls mit dem jüdischen Gesetz zu vergleichen. Aber dem vom Grundgesetz definierten Menschenrecht auf Asyl liegt ganz eindeutig das jüdisch-christliche Ideal der Nächstenliebe zugrunde. Darum geht es hier. Es ist eine Frage der Weisheit, die Caritas hochzuhalten.

Nun ein Blick in die zweite Lesung: Diese stammt aus dem Jakobusbrief (Jak 1, 17-18.21b-22.27). Auch hieraus ein passendes Zitat:

Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten. Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jak 1, 21b-22)

Bedarf es hierzu einer Auslegung? Eigentlich nicht. Allein der letzte Halbsatz ist sehr spannend. Was heißt das, sonst betrügen wir uns selbst? Ja, es ist heuchlerisch, das Doppelgebot der Liebe zu proklamieren, es aber nicht selbst auch umzusetzen. Aber ist es das schon, was uns diese Stelle sagen will? Ich bin mir nicht sicher.

Gehen wir (in nicht chronologischer Reihenfolge) weiter zum Psalm. In diesem Fall ist dies der komplette Psalm 15, wobei der erste Vers als Antiphon dient.

Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg? (Ps 15, 1)

Der Tenor ist denkbar einfach: Es geht um die Frage, was einen Menschen würdig – oder unwürdig – macht, ins Heiligtum, also seine unmittelbare Nähe zu treten. Unter den im Psalm aufgeführten Antworten finden sich auch diese:

Der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht; Der sein Versprechen nicht ändert, das er seinem Nächsten geschworen hat. (Ps 15, 3b.4b)

Für mich eine klare Ansage: Wer seine Mit-Menschen missachtet, über sie hinweg sieht, sie vielleicht sogar verachtet, macht sich unwürdig. Aber darüber hinaus ist der zweite Halbvers vielleicht noch viel wichtiger. Wir dürfen nicht hinter das zurückgehen, was wir unseren Mitmenschen einmal versprochen haben. Ein großes Wort für die derzeitige Asyldebatte im Land! Wiedereinführung von Grenzkontrollen, verschärfte Abschieberegeln, Kürzung von Leistungen für Asylsuchende: All das ist brandgefährlich. Es ist nicht nur wahnsinnig einfach, in guten Zeiten Versprechungen zu machen und diese in schweren Zeiten zurück zu nehmen, sondern es ist auch unanständig.

Und so fehlt noch das Evangelium: Es ist eine Anklage des Pharisäertums durch Jesus aus dem Markusevangelium (Mk 7, 1-8.14-15.21-23)

Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. (Mk 7, 6-8)

Es sind drastische Worte, aber so gerechtfertigt. Und das beziehe ich noch nicht einmal auf jene Hetzer, die sich als Retter des christlichen Abendlandes verstehen. Das gilt insbesondere jenen Vertretern von Politik und Gesellschaft, die sich als christliche Menschenfreunde gerieren, aber mit Verweis auf eine kaum zu bewältigende Flüchtlingsschwemme absurdeste Maßnahmen aus der Mottenkiste der europäischen Geschichte hervorkramen. Vieles, was sich in diesem Land christlich, sozial, und demokratisch nennt, ist nichts von alledem.

Wir haben ein Gebot der Nächstenliebe. Dieses sollen wir halten.

Advertisements

Herzenslesung #4.

Während sich gefühlt der Rest der Republik über neuerliche Schneefälle ärgert, sitze ich hier mit einer Tasse Kaffee unter meinem Fenster und genieße die Sonne, die mir aufs Gesicht scheint. Obwohl, genießen ist nur so halb richtig; immerhin kann ich so kaum noch etwas auf meinem Bildschirm erkennen. 😉

Aber wenigstens bin ich jetzt endlich mal wieder in der Stimmung, mir ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um ein paar Zeilen über eine sehr schöne Lesung zu schreiben, die ich neulich in der Kirche gehört habe. Eigentlich hätte ich das schon in der letzten Woche tun sollen, denn es handelt sich dabei um das Evangelium für den dritten Fastensonntag (Lesejahr C). Doch ich hab diese Stelle aus dem Lukasevangelium erst mal ein paar Tage mit mir herum getragen und immer wieder mal darüber nachgedacht, bevor mir so richtig aufgefallen ist, was das für ein großartiger Text ist. Hier erst mal der fragliche Ausschnitt:

Weiterlesen

Herzenslesung #3.

Das heutige Tagesevangelium – zu Allerheiligen – als eine Lieblingslesung zu bezeichnen, ist vielleicht etwas zu einfach. Immerhin handelt es sich dabei um den Anfang der Bergpredigt bei Matthäus.

Als ich aber heute in der Messe saß (oder besser: stand) und das Evangelium hörte, kam mir ein Buch in den Sinn, dass ich zu Hause im Bücherregal stehen habe. Jetzt habe ich das Buch gerade mal zur Hand genommen und ein wenig darin gelesen.

Es handelt sich dabei um den Titel “Die großen Reden der Weltgeschichte” von Martin Kaufhold, welcher im Marix Verlag in der Reihe marixwissen der Frankfurter Rundschau erschienen ist. (Die Investition von fünf Euro bei amazon lohnt sich übrigens allemal!)

In diesem Band sind gut 20 historisch bedeutsame Reden aus allen Epochen zusammengefasst und jeweils auf ein paar Seiten erläutert. Darunter finden sich einige Meisterwerke der Rhetorik, an die wohl auch die meisten Leute direkt denken, wenn sie von “großen Reden der Weltgeschichte” hören: Die “Gettysburg Address” von Abraham Lincoln, “This was their finest hour” (“Ihre beste Stunde”) von Sir Winston Churchill, “Schaut auf diese Stadt” von Ernst Reuter, “I have a dream” von Martin Luther King Jr.

Ich habe hier bewusst nur relativ neue und sehr politische Reden ausgewählt. Wer würde nämlich auf die Idee kommen, die Bergpredigt in diese Reihe zu stellen?

Weiterlesen

Herzenslesung #2.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal eine Lesung hier gepostet, die mir spontan besonders gut gefiel. Man kann ja nun leider nicht mit allen Lesungen immer gleich viel Anfangen. Manche Texte erschließen sich dem Zuhörer nur schlecht, andere trägt man dafür eine ganze Zeit mit sich herum. Und da das eine sehr subjektive Sache ist, will ich in Zukunft öfter mal einen Lesungstext oder eine Stelle aus dem Evangelium hier festhalten. Eben solche, die mir persönlich besonders gut gefallen haben.

Letzte Woche war ich – eher zufällig – am Montag in einer Werktagsmesse und habe – ebenso zufällig – die Lesung zum Gedenktag der Heiligen Rupert und Vergil gehört (hier kann man ein bisschen zu ihrer Vita nachlesen). Die Lesung stammt aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes (Verse 7 bis 10 und 14 bis 17):

Brüder! Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach! Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehren irreführen; denn es ist gut, das Herz durch Gnade zu stärken und nicht dadurch, dass man nach Speisevorschriften lebt, die noch keinem genützt haben. Wir haben einen Altar, von dem die nicht essen dürfen, die dem Zelt dienen. Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige. Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen. Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen. Gehorcht euren Vorstehern, und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun können, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu eurem Schaden.

Vielleicht kein großes Wunder, dass ich mich für diesen Aufruf zum Gehorsam gegenüber „den Vorstehern“ erwärmen kann. 😉 Aber der Text enthält ja nicht nur diesen Aufruf zur Unterordnung, sondern auch zur Standhaftigkeit im Glauben. Besonders betont werden die guten Taten, die Caritas, die so viel wichtiger ist als das blinde Befolgen von nutzlosen Vorschriften. Und auch der geforderte Gehorsam ist keine Einbahnstraße. Denn die „Vorsteher“ haben eine verantwortungsvolle Aufgabe, die sie nur dann zum Vorteil aller erfüllen können, wenn sie dabei unterstützt werden.

Eine tolle Lesung mit vielen wichtigen Impulsen!

Herzenslesung #1.

Ihr kennt das doch bestimmt: Man sitzt in der Messe und völlig unverhofft (weil man sich ja vorher nicht schlau gemacht hat) wird eine wunderbare Lesung/ein wunderbares Evangelium vorgetragen. Heute war das so. Ich war wieder Mal bei den Reuerern in der Messe und da wurde diese großartige Stelle aus dem Römerbrief gelesen (ist heute gar nicht dran, oder?):

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.
Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
(Röm 8, 35 – 39)

Einfach nur gut. Und irgendwie kam mir direkt nach der Lesung ein Lied aus dem Gotteslob in den Sinn, das ich jetzt wohl noch den ganzen Tag als Ohrwurm mit mir rumtragen darf (gnarf….):

Zu dir, o Gott, erheben wir die Seele voll Vertrauen. Dein Volk erfreuet sich in dir, wollst gnädig niederschauen. Laß leuchten, Herr, dein Angesicht, erfüll uns mit der Gnade Licht und schenk uns dein Erbarmen. (GL 462)

Hat auf den ersten Blick beides nicht soo viel miteinander zu tun. Aber doch, eigentlich schon. Beide Texte sind so wunderbar einfach, sofort und für jeden verständlich, dass man sie doch einfach mögen muss. 🙂