Die kirchliche Einheitssuppe

Lasst uns bitte mehr über die Ästhetik der Kirche sprechen! Nicht bloß über Schönheit und Schauderhaftigkeit unterschiedlicher liturgischer Ansätze. Oder über die Frage, ob die Priester nun in Soutane oder doch in Zivil auf die Straße gehen sollten. Nein, über die Ästhetik der gesamten kirchlichen Kommunikation. Weil ja alles, was von mir äußerlich wahrnehmbar ist, Teil meiner Kommunikation ist.

Den Antrieb für diesen Text verdanke ich Erik Flügge; dem ich auch den Titel des Postings aus dem Mund genommen habe. Flügge ist – kurz gesagt – einer, der sich mit dem Thema auskennt. Mein Kollege Felix Neumann hat Flügge beim Katholikentag in Leipzig zu seinem neuen Buch interviewt.

Ein Einwurf zur Ironie dieser Aussage: Auf dem Katholikentag über kirchliche Ästhetik sprechen. Flügge kritisiert unter anderem hässliche Pullover und sinnentleerte Aussagen. Davon gebe es nirgends so viel, wie im Kirchenvolk, das in den 1970er Jahren sozialisiert wurde. Doch genau deren NGL-Seidentuch-Ästhetik prägt die Katholikentage bis heute; auch wenn etwa das Corporate Design des 2016er Katholikentags das nicht unbedingt vermuten lässt.

Gekonnt abpastoralisiert

Zur Einheitssuppe: Flügge wundert sich, dass es so viele Theologen gibt, die alle das Gleiche im gleichen Duktus von sich geben würden. Ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich nicht ganz unschuldig bin. Wir bekommen bei katholisch.de häufig Anfragen von Menschen, die irgendeinen Punkt des Glaubens oder der Kirche erklärt haben möchten. Wir versuchen, die Fragen so gut es geht selbst zu beantworten, um die Leute nicht endlos weiterreichen zu müssen. Und wenn dann einer, wie kürzlich geschehen, fragt, warum es denn das Fegefeuer gäbe, wo Christus doch alle Schuld von uns genommen habe, bekommt er von mir eine wohlklingende Antwort. Ich habe den Mann auf zwanzig Zeilen im kirchlichen Einheitssprech abpastoralisiert. Keine Ahnung, ob es ihm geholfen hat und ob er es überhaupt verstanden hat. Aber es war einfach und er hat sich bedankt.

So agieren wir in der Kirche viel zu oft. Wir machen uns viel zu wenig Gedanken darüber, ob das, was wir tun, überhaupt hilfreich ist. Wir wenden das, was wir gelernt haben, gnadenlos an, ohne Rücksicht auf Verluste. Und diese Wortwahl ist durchaus richtig: Wenn ich von einem Politiker auf eine Frage nur Floskeln zu Antwort bekomme, ärgere ich mich, beim zweiten Mal rege ich mich auf und beim dritten Mal frage ich schon gar nicht mehr. Warum sollte das in der Kirche anders sein? Ich bin überzeugt: Wir verlieren Menschen durch die Ästhetik unserer Kommunikation.

Einfach mal sagen, was Sache ist

Die Inhalte sind nämlich nicht das Problem; sieht auch Flügge so. Unsere Botschaft ist immerhin die beste der Welt. Was wir zu sagen haben, ist in jeder Situation wichtig und hilfreich. Aber wir verstecken das sehr gekonnt. Flügge führt das Beispiel eines Wort-zum-Sonntag-Sprechers an, der über Krieg und Frieden sprach. Der rief dann auf, für den Frieden zu beten und alle müssten doch jetzt mal Schritte zur Versöhnung gehen. Aber er habe sich nicht getraut, einfach mal zu sagen: Krieg ist scheiße und unsere Gebete werden das Abschlachten von Menschen nicht beenden, helfen aber trotzdem.

Wir haben es in der Kirche perfektioniert, unsere Anliegen hinter Belanglosigkeit zu verstecken. (Disclaimer: Natürlich nicht immer und überall, aber doch viel zu oft.) An diesem Punkt erinnere ich mich an den Talk von Gunter Dueck auf der diesjährigen re:publica. Wer ihn nicht gehört hat, sollte das tun. Zur These nur so viel: Niedrige Selbstwirksamkeitserwartung gepaart mit mangelndem Innovationswillen führt zu Bullshit. Und dieser wird dann als Ergebnis glorifiziert.

Das lässt sich in der kirchlichen Ästhetik überall finden. Flügge nennt das Beispiel „Neues Geistliches Lied“, kurz NGL: Irgendwann einmal, als meine Eltern noch jung waren, hatte das möglicherweise eine Zielgruppe. Aber biblische vier Jahrzehnte später ist es schlichtweg eine Zumutung. Dass wir es immer noch ertragen müssen, erkläre ich mir so: Wir glauben in der Kirche gar nicht daran, dass wir der modernen Musik etwas beizusteuern haben und zugleich halten wir sowieso lieber am Altbekannten fest. Und so wird der Stuhlkreis-Klampfen-Gottesdienst zum hippen Event erklärt.

Ich bin mir nicht sicher, wie wir das Ruder herum reißen können oder wann das geschehen wird. Klar ist nur, dass es passieren muss. Und ich bin am Ende doch frohen Mutes: Weil es Leute wie Flügge gibt und weil es vor allem sehr, sehr viele gibt, die ihm Beifall spenden. Weil er ihnen aus der Seele spricht. Und überhaupt: Es ist ja nicht alles schlecht. Nicht mal auf dem Katholikentag. Siehe Erik Flügge.

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Zeit für Fortschritt [#rp15 #3]

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Ich verbringe relativ viel Zeit in Fernverkehrszügen. Die langen Fahrten nutze ich gerne produktiv, indem ich etwa Texte wie diesen aufschreibe. Diese Zeiten plane ich aber meist nicht ein, sondern nehme sie dankbar an. Dabei sollte ich mir viel bewusster Freiräume für Nichtalltägliches schaffen.

Ich schätze an der re:publica besonders, dass viele Sessions sich vorrangig mit der Metaebene der Themen auseinandersetzen. Die beiden Talks „Schwarmdummheit!“ und „Digitaler Journalismus: Vom Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung“ fand ich in diesem Jahr herausragend. Bei beiden ging es – wenn auch nicht primär – um Effizienz und Innovation.

Den Begriff der Innovation will ich aber durch den der Regeneration ersetzen. In meiner Erfahrung sind die entscheidenden Entwicklungen, ob in der Kirche oder in der Medienwelt, meistens nicht die Neuerfindungen, sondern vielmehr die Wiederentdeckungen und Neuordnungen. Das Vorhandene auseinanderbauen, gründlich untersuchen und dann mit neuem Geist re-generieren. Darum geht es.

Doch das braucht Zeit. Auf unregelmäßige und oft relativ spontane Bahnfahrten kann man sich dabei nicht verlassen, das muss anders gehen. In seinem wunderbar kurzweiligen Vortrag „Schwarmdummheit!“ hat Gunter Dueck eine äußerst aufschlussreiche Berechnung effizienter Arbeitszeiteinteilung präsentiert. Seine Kernaussage: Man sollte nicht mehr als 85 Prozent seiner Arbeitszeit fest verplanen.

Ich versuche, seine Bilder aus Medizin und Politik auf einen anderen Bereich zu übertragen: Die Pfarrei. Vor ein paar Wochen haben wir wissenschaftlich bestätigt bekommen, was vorher schon bekannt war: Die parochiale Seelsorge ist für die Mitarbeiter verdammt anstrengend. Dabei hat die Arbeitsbelastung nur einen geringen Einfluss auf das Wohlbefinden der Seelsorger. Und das trotz teilweise extremer Belastungen – einer von fünf Priestern arbeitet mehr als 65 Stunden pro Woche.

Was unter diesen Umständen aber auf jeden Fall leiden muss, ist die Reflexion und Entwicklung der eigenen Arbeit, also der Seelsorge und daraus folgend der Kirche insgesamt. Wenn etwa der Pfarrer sich jeden Tag nur mit den akut anfallenden Problemen befassen muss, wie soll er dann noch dafür Sorge tragen, alte Konventionen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls neu zu konzeptionieren? Eben indem man wenigstens ein paar Stunden pro Woche nicht zur Disposition stellt.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass institutionalisierte Entwicklungszeit der Kirche wahnsinnig gut täte. Wie oft scheitert der Versuch, etwas „mal anders zu machen“ an mangelnder Zeit und Ressourcen? Was würde in der Pfarrei geschehen, wenn sich das Pastoralteam einen Nachmittag pro Woche frei hält, um sich mit all den Dingen zu befassen, für die sonst keine Zeit bleibt?

IMG_8111_editedDie Veränderung managen

Ein zweiter Talk, den ich in diesem Zusammenhang sehr gewinnbringend fand, hatte eigentlich explizit den Journalismus zum Inhalt. Die Referenten haben dabei Ergebnisse zweiter empirischer Studien präsentiert. „Die zweite Studie ‚Die Zeitungsmacher‘ gibt Auskunft über die Arbeitszufriedenheit, Veränderungsbereitschaft und Innovationsbedarfe von Printjournalisten.“ Das mehrteilige Fazit der Speaker kann aber, so denke ich, auch gut auf andere Bereiche übertragen werden.

Die Redaktionen müssten demnach ein innovationsfreundliches Klima schaffen, etwa indem sie mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung bieten und ein Change Management institutionalisieren. Übertragen auf die Kirche sage ich, dass Gemeinden regeneratives Potenzial gewinnen, wenn die Mitarbeiter – ob hauptamtlich oder unbezahlt – regelmäßig Ideen austauschen und aufnehmen können. Und wenn Veränderungsprozesse dann noch wirklich aktiv gemanagt, nicht nur ertragen werden, ist das ein weiterer, guter Schritt.

In Bezug auf die Branche insgesamt folgerte das Forscherteam, dass es ein neues Rollenselbstverständnis der Journalisten braucht. Es gibt eben nicht mehr nur den klassischen Reporter, der mit Notizblock und Kamera unterwegs ist, sondern eine Vielzahl neuer, mit anderen Aufgaben bedachten Rollen. Dazu zählen im Kontext des sozialen, dialogischen Internets die Rollen des Moderators, des Mediators und des Information Manager. Auch hier sehe ich Parallelen zur Seelsorge.

Übrigens zogen die Referenten auch ein Fazit für die Gesellschaft. Unter den Bedingungen einer neuen, dialogischen Öffentlichkeit, müsste es eine verbesserten Zugang zu Informationen für alle und damit einhergehend auch eine direktere Teilhabe am Diskurs geben. Die Journalisten sähen sich schließlich mit ihrem schwindenden Informationsmonopol einem höheren Legitimationszwang ausgesetzt.

Auch dieser letzte Punkt ist bezogen auf die Kirche sehr spannend. Wenn wir uns als tatsächliche Communio verstehen, dann müssen sich auch alle Glieder dieser Gemeinschaft darin einbringen. Von den bisher Passiven fordert das Engagement, von den bisher Aktiven die freiwillige Aufgabe von tradierten Besitzständen.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Nicht meckern. Besser machen. – Part II: Bring the wild into the church! [#rp14 #4]

Mit ein paar Tagen Abstand zur re:publica jetzt also – endlich – einige Gedanken zum Thema des Titels, der Gegenbewegung zum letzten Post: Das Wilde in die Kirche tragen.

Über die Ansatzpunkte und Verknüpfungen zwischen Themen der re:publica und Themen der Kirche hatte ich bereits geschrieben. Dass das keine einseitige Geschichte ist, sollte ja klar sein. Aber über das mit dem Meckern und besser machen und vor allem das Wilde habe ich noch nicht wirklich geschrieben. Das ist aber mindestens genauso wichtig.

IMAG0996_1Meckern hat in der Kirche Tradition. Was nicht grundsätzlich schlecht ist. Gerade die großen Debatten, die vor dem Hintergrund gewisser Unzufriedenheiten geführt wurden, haben die Kirche in der Vergangenheit verändert und dadurch weiter entwickelt. Das ging aber nur, weil es auch immer wieder Menschen gab, die aus ihrer Unzufriedenheit eine Tugend und sich selbst an die Arbeit gemacht haben. Das gilt für die großen, weltkirchlichen Themen genauso, wie für die kleinen Ecken und Kanten in der Ortskirche oder sogar der Pfarrei.

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Nicht meckern. Besser machen. – Part I: Bring the church into the wild! [#rp14 #3]

Es folgt ein etwas längerer Beitrag in zwei (oder mehr) Teilen am Ende der re:publica 2014. Es wird vermutlich nicht der letzte Beitrag sein, der auf die #rp14 referenziert.

Ich hatte gestern hier schon geschrieben, dass mir auf der re:publica zu wenig Christentum und Kirche stattfindet. Das fällt einem vor allem dann auf, wenn man ständig irgendwelchen Kirchenmenschen über den Weg läuft, aber auf dem Sessionplan eigentlich so gar nichts finden kann, das nach Weihrauch riecht.
Und das sehe bestimmt nicht nur ich so. Ich denke, da werden mir besagte kirchenaffine Teilnehmer zustimmen. Für Leute, die die re:publica nicht kennen – wie eng auch immer man das definieren mag – könnte sich da die Frage stellen, wieso die Kirche ausgerechnet bei diesem Happening der Netzelite Präsenz zeigen sollte.
Eine Teilantwort auf diese Frage hatte ich gestern schon gegeben. Wenn es um Zukunft geht, sollte die Kirche sich immer dafür interessieren. Aber darüber hinaus gibt es, zumindest in meiner Wahrnehmung, eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten. Beispielsweise wenn es um Menschenrechte geht.

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Die Kirche und die Kristallisationspunkte [#rp14 #2]

Einige random thoughts am Ende des Zweiten Tages der #rp14:

7761 Nutzer haben am ersten Tag der re:publica 32742 Tweets über die Veranstaltung geschrieben. Diese Nachrichten haben insgesamt potenziell 76806637 (!) Nutzer erreicht. Das ist viel; in Anbetracht der besprochenen Themen.

Die re:publica ist, trotz der beeindruckenden Zahlen, keine Mainstream-Veranstaltung. Was ich zumindest nicht schlimm finde. Eine Nische ist sie aber auch nicht. Avantgarde ist ein großes Wort, das wenige gerne bemühen. Vor allem auch, weil es sehr elitär klingt. Es soll trotzdem schon einmal gefallen sein.

Maria hat die re:publica heute eine Zukunftskonferenz genannt. Ich finde das sehr passend, da ich die Veranstaltung schon seit dem ersten Kontakt so wahrgenommen hatte. Ich bin beileibe kein Urgestein, hatte vielleicht 2011 erstmals etwas von der re:publica mitbekommen. Spätestens bei meiner ersten Teilnahme im Jahr darauf hat mich aber fasziniert, wie viele Themen hier zur Sprache kommen, die in absehbar naher Zukunft im Mainstream wieder auftauchen.

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