Das Recht und die vielen Glieder

Ich hatte im Rahmen meines Fastenbloggens das Thema Kirchenrecht bereits angerissen. Ein Bereich der mich bei der Beschäftigung mit dem Kirchenrecht von Beginn an besonders geprägt hat, ist die Kirchengliedschaft. Nicht Mitgliedschaft. Der Begriff der Mitgliedschaft suggeriert ja eine Zugehörigkeit ähnlich einer Vereinsmitgliedschaft. Das ist bei der Kirche aber gerade nicht der Fall. Wenn man einmal Glied der Kirche geworden ist, bleibt man dies für immer. Daran ändert auch der oft zitierte Kirchenaustritt nichts. Man kann sich das ganz einfach so vorstellen: Wenn ich vor dem deutschen Standesamt meinen Austritt aus der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts erkläre, nimmt der deutsche Staat diese Erklärung entgegen und streicht mich von der Mitgliederliste. Die Kirche besteht aber weltweit, nicht nur in Deutschland. Allein schon aus dieser Perspektive kann ich also gar nicht aus der weltweiten Gemeinschaft der Kirche austreten.

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Vom Ermöglichungsrecht

Ein Thema, das mich seit geraumer Zeit besonders fasziniert, ist das katholische Kirchenrecht. Dabei bereitet mir einerseits das Studium dieses Fachs an sich schon große Freude, fast noch spannender finde ich allerdings die Frage, wie man diesen wichtigen Inhalten unter den Gläubigen zu größerer Bekanntheit verhelfen kann. Wer kirchenrechtlich unbeleckt ist, wird das wohl nicht sofort nachvollziehen können, daher setze ich etwas früher an.

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Die Multiplikatoren von morgen.

Anfang dieser Woche habe ich an der Wissenschaftlichen Fachtagung „Lebendige Kirche in neuen Strukturen. Herausforderungen und Chancen.“ im Schloss Hirschberg (einem Tagungshaus der Diözese Eichstätt) in Beilngries/Altmühltal teilgenommen. Diese Tagung steht in einer Reihe kirchenrechtlicher Fachtagungen, die gemeinsam von den entsprechenden Lehrstühlen, bzw. Seminaren der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und der Julius-Maxmilians-Universität zu Würzburg alle zwei Jahre veranstaltet werden.

Die diesjährige Tagung befasste sich also mit den Strukturen der Kirche. Genauer gesagt ging es dabei um eine Analyse der verschiedenen Strukturprozesse deutscher (und auch teilweise ausländischer) Diözesen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Möglichkeiten das Kirchenrecht bietet, solche Prozesse so durchzuführen, dass hernach auch eine Struktur herauskommt, die tragfähig ist und der Pastoral dient. Daneben wurde noch ein Fokus auf die Verbände, Ordensgemeinschaften und Geistlichen Bewegungen und deren Rolle, bzw. Funktion in dieser Situation gerichtet.

Ich kann hier nun nicht alle zehn Vorträge und Diskussionen wiederholen oder auch nur zusammenfassen. Während der Tagung hatte ich versucht, einige interessante Zitate per Twitter festzuhalten; nachzulesen hier in der Storify-Geschichte.
Stattdessen will ich ein etwas allgemeineres Fazit ziehen.

IMG_20131004_193211Das Kirchenrecht hat mich von Beginn meiner Beschäftigung mit dieser Disziplin an sehr fasziniert. Ich hatte schon immer eine gewisse Affinität zur Rechtswissenschaft; ohne dass es je zum Wunsch nach einem Studium der Rechtswissenschaften gereicht hätte. Mir liegt einfach diese sehr exakte, um genaue Begrifflichkeiten ringende Arbeit an Rechts- und Gesetzestexten. Nicht, dass ich das perfekt beherrschen würde. Ich habe schlicht Freude daran. Unter anderem begeistert es mich immer wieder, wenn man einer zunächst sehr abstrakt wirkenden Rechtsvorschrift genauer auf den Grund geht und plötzlich die enorme praktische Relevanz entdeckt, die teilweise nur wenige Wörter enthalten können.

Und so ist das eben auch im Kirchenrecht. Wenn man sich beispielsweise die grundlegende Norm zur Pfarrei im geltenden Gesetzbuch der Kirche ansieht (ich lasse hier Fachvokabular bewusst aus), kann man das recht gut nachvollziehen:

„Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Hirtensorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut ist.“ (c. 515 §1 CIC/1983)

In diesem einen Satz stecken eine ganze Reihe von Aussagen, die wiederum weitere Aussagen nach sich ziehen. Man betrachte beispielsweise nur einmal die Konstruktion „bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen“. Darin steckt unter anderem die Aussage, dass eine Pfarrei nicht an ein bestimmtes Gebiet wie einen Stadtteil gebunden sein muss. Gleichwohl muss klar sein, wer alles zu dieser Pfarrei gehört. Auch die Verwendung des Begriffs der „Gemeinschaft“ hat etwas zu bedeuten, wie man sich denken kann.

Und in diesem Stil kann man nicht nur diesen Paragraphen, sondern letztlich das gesamte Pfarreienrecht lesen (und natürlich auch den Rest des Kirchenrechts). Manche Punkte bieten mehr Spielraum für Interpretationen, andere sind ziemlich eindeutig. Jedenfalls ist eines klar: Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, wie sich die Kirche in einer Diözese strukturieren kann. Und gerade sind die meisten deutschen Bistümer kräftig dabei, diese Möglichkeiten auszutesten. Dabei sind manche erfolgreicher als andere, manche halten sich treuer an den Gesetzesbuchstaben als andere und vor allem sind manche mutiger als andere. Weiterlesen

„Lebendige Kirche in neuen Strukturen“

Unter diesem Thema steht eine wissenschaftliche Fachtagung der Institute für Kirchenrecht der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und der Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg. Im Veranstaltungsprogramm heißt es:

Pfarreien werden zusammengelegt, vertraute Strukturen der Seelsorge werden aufgegeben, Gemeindezentren, Kindergärten und Kirchen werden geschlossen. Neue, größere Strukturen der Seelsorge entstehen. Aber die neuen Strukturen alleine machen die Kirche nicht lebendig. So ist beispielsweise zu fragen: Welche Chancen bestehen für Vielfalt und Kooperation? Wie können die Gläubigen ihr eigenes Apostolat verwirklichen? Wie können Orden in der Kirche von heute und morgen präsent sein? Wie kann die Sendung der Geistlichen Bewegungen beschrieben werden? Welche pastoralen Lernfelder müssen bearbeitet werden? Sind die neuen Strukturen als Abbruch oder als Neukonzeption zu verstehen und was tut sich diesbezüglich in anderen Ländern? Wie kann die Kirche in den neuen Strukturen lebendig sein?

Im Veranstaltungsprogramm (Link zum pdf) sind einige bekannte Namen zu entdecken. Es wird also sicherlich eine sehr spannende und interessante Veranstaltung werden.
Ich nehme an der Tagung im Rahmen eines Seminars teil und habe dann bestimmt auch etwas auf diesem Kanal zu berichten!

Mehr zum Thema Kirche²? Hier lang!

„Umbruch – Wandel – Kontinuität. 312 – 2012.“ #7

Vorab: Der nächste Beitrag der Beitragsreihe zur Ringvorlesung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg.

Nota bene: Bis auf den Schlussabsatz mit meinem persönlichen Fazit folgen alle Aussagen dem Vortrag des Referenten. Es gilt also natürlich das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Heribert Hallermann:
“Entweltlichung – Ein Programm für die Kirche der Zukunft?”
Mittwoch, 23. Januar 2013

Zum Eingang des Vortrages zitiert Prof. Dr. Hallermann aus dem Kirchenlied “Mir nach, spricht Christus, unser Held” (GL 616): “‘Mir nach’, spricht Christus, unser Held, ‘mir nach, ihr Christen, alle! Verleugnet euch, verlasst die Welt, folgt meinem Ruf und Schalle; nehmt euer Kreuz und Ungemach auf euch, folgt meinem Wandel nach.’”

In diesem Lied aus dem 17. Jahrhundert wird scheinbar bereits eine Entweltlichung besungen, wie sie spätestens seit der sogenannten Freiburger Rede von Benedikt pp. XVI. wieder auf der Tagesordnung der Kirche steht. Im Gegensatz zur Freiburger Rede wird im Gotteslob diese vermeintliche Weltflucht aber durch eine Anmerkung erläutert und in einen Kontext gestellt: “‘Welt’ wird vom Dichter hier als Inbegriff des Gottwidrigen verstanden. Fern davon, Weltflucht zu predigen, ruft sein Lied gerade zur Bewährung der Nachfolge Jesu in der Welt auf.”

Eben diesen erläuternden Kontext lässt die Freiburger Rede vermissen. Die fehlende Vermittlung zwischen dem überzeitlichen Topos und einer konkret historischen Umsetzung führt zu einer problematischen Missverständlichkeit.

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